Autobiographischer Roman, [= Autobiographien, Bd. 26], trafo verlag 2007, 199 S., zahlr. Fotos, ISBN (13) 978-3-89626-676-7, 14,80 EUR
REZENSIONEN
Besprechung in der Wetterauer Zeitung von Juni 2007
"Eine Szene wie aus einem Film: Eine fast weißhaarige Frau sitzt
im Gras in der Nähe des Waldes bei Lich, genießt das Zirpen der Grillen
und den Gesang der Vögel. Auf ihrer Schulter sitzt ein Rabe, der jetzt
davonflattert, um schon bald zurückzukehren. Er wird Friederike Johns
niemals davonfliegen. Seit er ihr als Jungvogel aus seinem Nest vor die
Füße gefallen war, hat sie ihn gepflegt. Niemals mehr ist »Bubi« der
56-Jährigen von der Seite gewichen. Und auch jetzt hockt er auf ihrer
Schulter, während Friederike wie in einem Tagebuch niederschreibt, was sie
seit ihrer Kindheit erlebt hat. Und das ist in der Tat filmreif.
Kein Regisseur hat sich bisher der wahren Geschichte angenommen, die die
frühere Krankenschwester, die in Langsdorf aufgewachsen ist, schildert.
Aber der kleine, 1991 in Berlin gegründete Trafo-Verlag hat nicht - wie
zwei andere Verlage zuvor - das Manuskript abgelehnt. Dr. Wolfgang Weist,
der Trafo leitet, erkannte sofort: Die Erlebnisse, die die Verfasserin an
der Schreibmaschine zunächst allein verarbeitet hat, sind Grundlage für
ein Buch, das Leser aufwühlt. Darüber sprach der Verleger mit dem
Schriftsteller Günther Preuße, der die Geschichte als Co-Autor zu Papier
brachte. 1000 Exemplare betrug die erste Auflage des Buches »Die
Negerhur«, die so gut wie vergriffen ist. Der Verlag muss nachdrucken.
Der Erfolg der Autobiografie liegt darin, dass viele Menschen eigenes
Erleben im Buch wiedererkennen. Die Stimmung auf dem Land in den fünfziger
bis achtziger Jahren wird lebendig: Kleinstadtidylle, Ausflüge als Kind in
der warmen Jahreszeit mit Freunden oder Geschwistern und Hund Flocki durch
Wiesen, Feld und Wald, die Erntezeit, der kleine Krämerladen an der Ecke,
das Lies'che - eine alte Frau, die Außenseiterin im Dorf war, aber ihre
Aufgabe in der Gemeinschaft hatte, beispielsweise das Beheizen des
Bullerofens im Schulraum neben der Kirche. Auch wenn die meisten in ihrem
Heimatdorf gut zu ihr waren: Die Autorin verhehlt nicht, dass sich hinter
der »Gemütlichkeit« auf den Dörfern dunkle Seiten verbergen. So manch
scheinbare Familienharmonie wird durch Alkoholprobleme zerstört. Bereits
mit 15 Jahren bekam Friederike ihr erstes Kind: die Tochter Judith; noch als
Hochschwangere hat sie in der Landwirtschaft hart gearbeitet.
Überhaupt ist es mit der »Idylle« im Leben von Friederike Johns nach
einigen Anfangskapiteln bald vorbei. Aus einer kurzen Freundschaft mit dem
in Deutschland stationierten US-Soldaten Bob, der bald auf Nimmerwiedersehen
in die USA entschwindet, entsteht ihr Sohn Anthony. Ein farbiges Kind auf
einem mittelhessischen Dorf in den siebziger Jahren, dazu noch unehelich! Da
musste sich die junge Frau so manchen billigen Spott anhören. Von daher
rührt auch der Titel des Buches »Die Negerhur«.
Die Autorin möchte die authentischen Personen, über die sie schreibt,
anonym halten und hat deshalb für die Orte und Menschen - auch für sich -
in Absprache mit Co-Autor Günther Preuße Pseudonyme gewählt. Dass es sich
bei dem Dorf ihrer Kindheit um Langsdorf handelt, findet man schnell heraus.