trafo verlag 2007, [= Frankfurter Kulturwissenschaftliche Beiträge, Bd. 2], 288 S., zahlr., teils farb. Abb., ISBN (10) 3-89626-628-4, ISBN (13) 978-3-89626-628-6, 27,80 EUR
Rezension von Christof
Dipper: in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 7/8 [15.07.2008], URL:
http://www.sehepunkte.de/2008/07/13838.htmll
Resumee "Der Sammelband liefert namentlich dem des Italienischen nicht
kundigen Leser eine vorzügliche, auf neuestem Stand befindliche Übersicht
über das im Untertitel verheißene Thema."
Rezension von Michael Berger in: Zs. Der
Schild, Ausgabe 2/2008:
Zur Geschichte der Juden im modernen Italien gibt es in deutscher
Sprache nur wenig Veröffentlichungen. Der vorliegende Sammelband gibt einen
Gesamtüberblick über Judentum und Antisemitismus in dieser Zeit und füllt
somit erstmals die vorhandene Lücke. Die Worte Primo Levis, dass sich in
Italien die Dinge anders abgespielt hätten, wird in den Beiträgen sowohl
bestätigt als auch in Frage gestellt. Neuere Untersuchungen zeichnen ein
wesentlich differenziertes Bild über die Zeit der Entrechtung, Verfolgung
und Deportation, die in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre einsetzte. Mehr
als 7.000 von insgesamt 47.000 italienischen Juden wurden - auch mit Hilfe
italienischer Institutionen – deportiert; zwar nahm die Solidarität der
italienischen Bevölkerung mit ihren jüdischen Mitbürgern nach dem Sturz
Mussolinis im Jahre 1943 deutlich zu, sie war jedoch - im Gegensatz zu
Deutschland – bereits seit Beginn der antijüdischen Maßnahmen vorhanden. Ein
weiterer Aspekt ist die mangelnde Bereitschaft von Gesellschaft und
staatlichen Institutionen im Nachkriegsitalien, den jüdischen Überlebenden
durch Restitution ihres Besitzes und andere Akte der Wiedergutmachung eine
Reintegration in die Gesellschaft zu erleichtern.
Dennoch, zu keinem Zeitpunkt war die Situation in Italien mit dem
systematisch geplanten und bis zur letzten Minute durchgeführten Völkermord
an den europäischen Juden durch die Nazis zu vergleichen.
Erstaunlich ist auch, mit welcher Begeisterung sich andere Rezensenten auf
die angebliche Entlarvung der Mär vom judenfreundlichen Italien stürzen und
die Verfolgung der Juden in Italien mit dem fabrikmäßigen Massenmord in
Nazideutschland gleichsetzen. Hier wurde die Absicht der Autoren, einer
Verharmlosung der judenfeindlichen und rassistischen Verfolgungen im
italienischen Faschismus entgegenzutreten und ein differenzierteres Bild von
den Ereignissen zu zeichnen, völlig missverstanden. Deutlich betont
Dietfried Krause-Vilmar in seinem Grußwort: „Vergleiche bedeuten jedoch
nicht Gleichsetzung“.
Der Sammelband ermöglicht dem Leser einen Einblick in die seit den 1990er
Jahren einsetzende neue Betrachtungsweise der Geschichte des Antisemitismus
in Italien und des Verhältnisses des italienischen Faschismus zu den Juden
im eigenen Lande. Detailliert wird die Geschichte der Juden in Italien bis
in die Zeit des Faschismus dargestellt. Besonders eindrücklich schildert
Tullia Catalan in ihrem Beitrag „Juden und Judentum in Italien von 1848 bis
1918“ die Integration der italienischen Juden in die Mehrheitsgesellschaft
im 19. Jahrhundert und den „Bruch durch die faschistische Rassengesetzgebung
im Jahre 1938“. Die Beiträge von Fabio Levi und Sara Berger befassen sich
mit den antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen ab 1938 und der systematischen
Judenverfolgung und Auslieferung an die Deutschen in der Republik von Salò
ab September 1943. Der letzte Abschnitt des Bandes thematisiert die Zeit
nach dem Zweiten Weltkrieg, die Situation der jüdischen Heimkehrer, den
Umgang der Nachkriegsgesellschaft und der akademischen Geschichtsschreibung
mit der Zeit von Faschismus und Judenverfolgung und die gegenwärtigen Formen
von Antisemitismus in Italien und Europa.
Der Sammelband „Judentum und Antisemitismus im modernen Italien“ leistet
einen neuen und wichtigen Beitrag zur Geschichte der italienischen Juden,
insbesondere zur Geschichte der Shoa in Italien und könnte Ausgangspunkt für
weitere historische Forschung zu diesem Thema werden.
Rezension von Klaus
Voigt in: Zs. Zimbaldone, Nr. 45, Frühjahr 2008, S. 164-169:
Das (nach einer weitgehenden Unterbrechung von fast einem Jahrhundert) seit
etwa fünfzehn Jahren in der deutschen Forschung wiedererwachte Interesse an
der Geschichte und Kultur der italienischen Juden ist umso bemerkenswerter,
als es sich erstmals überwiegend auf die neuere und neueste Zeit richtet.
Die beiden großen, jeweils zweibändigen Darstellungen von Abraham Berliner
und von Hermann Vogelstein und Paul Rieger, fast zeitgleich 1893 und 1895/96
erschienen, zur Geschichte der Juden Roms beziehen zwar die «Gegenwart» ein,
indem sie bis zur Auflösung des römischen Ghettos nach der Vollendung der
Einigung Italiens und zur Begrenzung der politischen Gewalt des
Kirchenstaats auf den Vatikan reichen, ihr Schwerpunkt liegt jedoch auf den
Geschehnissen und Abläufen von der Antike bis zur napoleonischen Zeit. Bis
zum vollständigen Verstummen der Forschung während des Nationalsozialismus
fällt lediglich das 1927 nur in einer deutschen Ausgabe veröffentlichte,
heute so gut wie vergessene Buch Roma israelitica von Ermanno
(Hermann) Loevinson auf, einem Historiker aus Berlin, der nach 1908 am
Staatsarchiv in Parma tätig war und später in Rom lebte. Im hohen Alter von
achtzig Jahren wurde er dort im Anschluß an die verheerende Razzia vom 16.
Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert, wo er den Tod erlitt. Roma
israelitka ist eine aus der persönlichen Anschauung gewonnene,
kenntnisreiche Beschreibung der jüdischen Sehenswürdigkeiten Roms und gilt
als der erste Stadtführer seiner Art.
Das wiedererwachte Interesse hat sich bisher vor allem in fünf Kolloquien
und drei aus ihnen hervorgegangenen Publikationen niedergeschlagen: Deutsche Besatzungspolitik und Judenverfolgung in Italien (Berlin,
Stiftung Topographie des Terrors, Oktober 1993); Integrazione e identitá.
L'esperienza ebraica in Germania e Italia dall'Illuminismo al fascismo
(Rom, Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck-Institut in
London, November 1993; die Beiträge sind von Mario Toscano in einem Band mit
dem Titel des Kolloquiums veröffentlicht worden); Judentum und Moderne in
Frankreich und Italien (Münster, Westfälische Wilhelms-Universität, Juni
1996; die Beiträge unter dem Titel des Kolloquiums befinden sich in einem
von Christoph Miething herausgegebenen Band); Aspekte jüdischer
Geschichte in Italien (Frankfurt, Fritz Bauer-Institut, Februar 2005);
sowie Jews in Italy from Antiquity to Present Days: Between Ghetto and
Integration (München, Ludwig-Maximilians-Universität, Juni 2005).
Im folgenden sollen die Beiträge zu dem Frankfurter Kolloqium besprochen
werden, die in dem vor kurzem erschienenen, von Gudrun Jäger und Liana
Novelli-Glaab unter einem veränderten Titel herausgegebenen Band
zusammengefasst und sämtlich auf Deutsch zugänglich sind.
Im Gegensatz zu dem römischen Kolloquium und dem Band von Mario Toscano, der
nur in italienischer Sprache vorliegt, ist keine möglichst umfassende
Gegenüberstellung, kein Vergleich zwischen Italien und Deutschland
beabsichtigt, wenn auch verschiedentlich Vergleiche angestellt und der Leser
auf Grund der bei ihm vorausgesetzten Kenntnis der deutschen Verhältnisse
dazu angeregt wird. Dies gilt in besonderem Maß für den Beitrag von
Francesca Fabbri am Anfang des im Wesentlichen chronologisch angeordneten
Buches. Er ist der einzige, der über den zeitlichen Rahmen des Gesamtbandes
hinausführt, und behandelt die judenfeindliche Ikonographie in Italien im
Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Die Verfasserin legt dar, dass in den
judenfeindlichen Darstellungen in Italien besonders drastische Motive
fehlen, wie sie aus anderen europäischen Ländern bekannt sind, und wertet
dies als ein Zeichen für eine vergleichbar weniger feindselige Einstellung
der christlichen Bevölkerung.
Die Beiträge von Aram Mattioli zur Lage der Juden in dem von Papst Leo XII.
wiedererrichteten römischen Ghetto und von Tullia Catalan zur Geschichte der
italienischen Juden im allgemeinen von der Revolution von 1848 bis zum Ende
des 1. Weltkriegs bieten jeweils eine nützliche, zum Teil auf eigenen
Forschungen beruhende Übersicht.
Ulrich Wyrwa reflektiert über den Antisemitismus in der Gesellschaft des
Liberalen Italiens und bestätigt die weitgehend anerkannte Aussage, dass er
im Ganzen nur schwach ausgebildet war. Er verwirft alle hierfür vorhandenen
Erklärungsmuster mit der einzigen Ausnahme, dass die katholische Kirche, in
der traditionelle Feindbilder wach geblieben und verbreitet waren, kaum
Einfluss auf die politische Kultur des Landes ausgeübt hat.
Anna Rossi-Doria zeigt in ihrer Erörterung der Argumentationsstränge
hauptsächlich italienischer wissenschaftlicher Abhandlungen im ausgehenden
19. Jahrhundert zur rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung von Frauen
und Juden Gemeinsamkeiten wie Gegensätze auf. Den Frauen wurde nur eine
kollektive Identität zugebilligt, während ihre individuelle Gleichheit
geleugnet wurde. Bei den Juden verhielt es sich in Anknüpfung an die
Emanzipationsbestrebungen der Französischen Revolution und die in Italien
eingetretene rechtliche Gleichstellung umgekehrt. Die Anerkennung der
kollektiven Identität blieb ihnen versagt, oder diese war ausschließlich mit
negativen Vorurteilen besetzt. Liana Novelli-Glaab greift im Anschluss an
eine knappe Beschreibung der gesellschaftlichen Stellung der jüdischen
Frauen um 1900 vier Biographien von Jüdinnen auf, die zu den intellektuellen
Eliten zählten und von unterschiedlichen familiären Voraussetzungen aus
politisch, publizistisch und literarisch tätig waren: Anna Kulischoff als
Sozialistin und Lebensgefährtin Filippo Turatis, Paola Lombroso als sozial
engagierte Pädagogin und Frauenrechtlerin, ihre Schwester Gina Lombroso als
skeptische Gegnerin feministisch-emanzipatorischer Strömungen und Marghen-ta
Sarfatti als Vertraute und später Geliebte Mussolinis, die ihm auf dem Weg
vom Sozialismus zum Faschismus folgte.
Der Teil des Buches zu den Juden im italienischen Faschismus setzt mit dem
Beitrag von Michele Sarfatti ein, dein Verfasser der grundlegenden
Darstellung zur Geschichte der italienischen Juden im entsprechenden
Zeitraum, die vor kurzem ins Englische, bisher aber noch nicht ins Deutsche
übersetzt worden ist. Sarfatti geht dem in Deutschland bisher wenig
bekannten Phänomen nach, dass es unter den italienischen Juden viele
überzeugte, in die Faschistische Partei eingeschriebene Anhänger Mussolinis
gab, die jedoch in der Mehrzahl der Jüdischen Gemeinden und im jüdischen
Zentralverband, der Unione delle Comunitá Israelitiche Italiane, nicht die
Oberhand gewinnen konnten. Ihre gesteigerten Treuebekenntnisse hielten das
Regime nicht von der Wende zur antisemitischen Politik ab. Fabio Levi fuhrt
zur Verfolgung der Juden in Italien nach 1938 aus, dass die Rassengesetze
und die anschließenden Verordnungen von der staatlichen Bürokratie nicht
etwa halbherzig und widersprüchlich umgesetzt wurden, wie häufig zu lesen
ist, sondern zäh, unnachsichtig und effizient. Die Überschrift eines
Abschnitts: «Italien wie Dänemark?» deutet an, dass Levi der verbreiteten
Ansicht entgegentritt, die Italiener hätten sich vom Beginn der Verfolgung
an mit den Juden solidarisch gezeigt. Das vorherrschende Merkmal war
vielmehr Gleichgültigkeit, zum Teil aus Unwissenheit. Eine Wende zu größerer
Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und Solidarität vollzog sich erst unter der
deutschen Besetzung nach dem 8. September 1943. Sara Berger zeichnet in
ihrem Beitrag — es ist ihre erste Veröffentlichung überhaupt — die einzelnen
Phasen der Judenverfolgung und der Kollaboration unter der deutschen
Besatzungsherrschaft und der Republik von Salò nach. Sie betont mit
Nachdruck, dass ausschlaggebend für die Verhaftungen und Deportationen die
deutschen Behörden waren, denen die italienischen anfangs sporadisch und
spätestens ab Februar 1944 systematisch zuarbeiteten.
Der letzte Teil des Buches umfasst vier Beiträge, die vom Ende des 2.
Weltkriegs bis zur Gegenwart reichen. Guri Schwarz befasst sich mit der
Reintegration der Juden in die italienische Gesellschaft in den Jahren nach
der faschistischen Herrschaft. Sein Fazit lautet, dass die Reintegration,
vor allem im Hinblick auf den Wiedereintritt in das Berufsleben und die
Rückerstattung konfiszierten Eigentums, nicht ohne Widerstände erfolgt ist:
«Die der Menschenjagd Entronnenen wurden keineswegs mit offenen Armen
empfangen, sondern skeptisch beäugt und unduldsam behandelt». Dazu trug bei,
dass es lange Zeit an einer kritischen Auseinandersetzung mit der Verfolgung
und der Shoah gefehlt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen Gudrun Jägers zu
fünf frühen autobiographischen Schriften von Jüdinnen, die in Auschwitz oder
in einem Versteck in Italien überlebt haben, steht das Buch von Liana Millu
Il fumo di Birkenau. Es fand in der Erstausgabe von 1947 kaum
Beachtung und wurde, noch später als Primo Levis im selben Jahr erschienene
Erzählung Se questo é un uonio, überhaupt erst in den neunziger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts weithin bekannt. Jäger fuhrt die späte
Rezeption zum Teil auf die anfängliche Dominanz der Erinnerungen von
Partisanen und aktiven Widerstandskämpfern zurück. Zugleich verweist sie auf
die unübliche, literarischen Mustern entlehnte Form der Darstellung. Das
Buch ist in sechs in sich geschlossene Kurzgeschichten gegliedert und
unterscheidet sich von einem Erinnerungsbericht, indem es auch Fiktives in
sich aufnimmt.
Alberto Cavaglion, ein scharfsinniger Essayist, der mit provokanten Thesen
oft Anstoß zu fruchtbringenden Diskussionen gegeben hat, setzt sich kritisch
mit Tendenzen in der jüngsten italienischen Geschichtsschreibung zu Juden
und Faschismus auseinander. Er betont, wie auch andere, die tiefe
Verstrickung der Juden in den Faschismus, wendet sich aber, ohne im
einzelnen Namen zu nennen, gegen schematische Einseitigkeiten und
Vereinfachtingen, die zum Teil als Reaktion auf gutgläubige und
verharmlosende Interpretationen Renzo De Felices zu verstehen sind. Dabei
kommt ihm ein Wort Manzonis in den Sinn, dem er bis heute Gültigkeit
beimisst und dem, wie er meint, auch Primo Levi zugestimmt hätte. Manzoni
sprach mit dem Blick auf seine italienischen Zeitgenossen von einem «Knäuel
aus Mitleid, Toleranz und Zynismus››. Bei der Entwirrung dieses Knäuels
müsse ein ausgewogener Mittelweg gefunden werden. Damit zeichnet sich eine
andere Position ab als die von Levi. Schließlich stellt Juliane Wetzel die
Entwicklung des Antisemitismus in Italien im europäischen Kontext anhand von
Presseanalysen und Umfrageergebnissen dar. Danach besteht in Italien
durchaus ein, wenn auch überwiegend nur latenter Antisemitismus, von dem
sich heute nicht mehr sagen lässt, dass er schwächer ausgebildet ist als in
den meisten europäischen Ländern. Öffentlich tritt er vor allem in
Verlautbarungen und Publikationen der extremen Linken und der extremen
Rechten in Erscheinung. Bei der ersteren nimmt die Kritik an Israel Züge
eines Feindbilds an, wenn etwa das Vorgehen des israelischen Militärs in den
Palästinensergebieten als Holocaust bezeichnet wird. Die extreme Rechte
knüpft hauptsächlich an Stereotype der Mussolini-Ära an. Unter ihrem
Einfluss stehen die Hooligans in den Stadien, deren Schlachtrufe, mit denen
sie der gegnerischen Mannschaft in Anspielung auf die Juden die Vernichtung
wünschen, eine gefährliche Faszination durch das nationalsozialistische
Vorbild zu erkennen geben.
Der Leser erfährt in dem Band viel Wissenswertes über die Juden in Italien,
das in Deutschland im Allgemeinen noch nicht bekannt war. Die dreizehn
Beiträge, davon acht von zum Teil namhaften italienischen Autoren, decken
den Zeitraum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ab, wobei
Uber-sichtsdarstellungen mit der Behandlung spezieller Themen Hand in Hand
gehen. Kritisch anzumerken wäre etwa, dass die Abbildung auf dem Buchdeckel,
die ein nach der Einführung der Rassengesetze mit der Aufschrift «Chiuso per
sempre. Ncgozio ebreo» beschmiertes Schaufenster zeigt, wofür es nur wenige
Beispiele gibt, die Assoziation mit dem Boykott von April 1933 und der
«Reichskristallnacht» weckt und dadurch den falschen Eindruck suggeriert,
als hätte es in Italien einen verbreiteten, dem nationalsozialistischen
Deutschland vergleichbaren starken Antisemitismus gegeben. Der Band bietet
ferner einen Einblick in die lebhafte Forschungsdiskussion in Italien,
hinter der die deutsche, trotz des wiedererwachten Interesses, erheblich
zurücksteht. Auch in diesem Sinn kann der Band als Anregung dienen.
Rezension von Viktoria Pollmann in: Tribüne. Zeitschrift
zum Verständnis des Judentums, 46. Jg., Heft 184, 4. Quartal 2007, S. 189:
Untersuchungen über den neuzeitlichen Antisemitismus in Italien in
deutscher Sprache gibt es kaum. Insofern füllt der vorliegende Sammelband
eine Lücke. Die Mehrzahl der Beiträge ist daher auch - übrigens
hervorragend - aus dem Italicnischen übersetzt. Historische Phänomene der
Neuzeit-hier der italienische Faschismus - sind nur verständlich, wenn man
die wichtigsten Aspekte ihrer Vorgeschichte kennt. So ist die Hälfte der
Beiträge der Situation der italienischen Juden vor 1918 gewidmet. Es wird
gezeigt, dass der Antiklerikalismus der liberalen Bewegung den AntiJudaismus
der katholischen Kirche konterkarieren konnte. So fand die institutionelle
Kirche kein Echo auf ihren traditionellen, seit 1848 besonders durch den
Vatikan immer radikaler geäußerten Antijudaismus. Es fehlte das
konservative Milieu, das zusammen mit der Kirche einen unverzichtbaren
Nährboden für den Antisemitismus der Neuzeit bot. Dennoch war auch der
italienische Faschismus bereits vor 1938 und schon gar nicht während des
Krieges bis 1945 so harmlos, wie er bis heute oft eingeschätzt wird. Daran
ändert auch die Tatsache nichts, dass sich in den 1920er Jahren viele mit
der nationalen Einigung Italiens eng verbundene jüdische Italiener der
faschistischen Bewegung angeschlossen hatten. Die Beiträge für die Zeit
bis 1945 und danach korrigieren das Bild des italienischen Faschismus und
den Mythos des »bravo Italiano«. Die Darstellung der Politik Mussolinis
gegenüber den Juden durch seinen Biografen Renzo de Feiice ist apologetisch
und unhaltbar. Die Auffassung, Mussolini habe seine antijüdische
Gesetzgebung 1938 ohne echte Überzeugung und ohne gravierende Folgen für
die italienischen Juden getan, lässt sich ebenfalls, wie Fabio Levi zeigt,
nicht aufrechterhalten. Im Falle der italienischen Geschichtsschreibung
liege eine deutliche Unterschätzung des Faschismus und seiner unheilvollen
Auswirkungen vor, die nahe an eine Selbstentschuldung heranreiche. Auch die
italienischen Juden wurden in den 1930er Jahren stigmatisiert, jeglicher
Erwerbsmöglichkeiten sowie ihres Besitzes beraubt, bei zumal anfänglich
weitgehender Indifferenz der nichtjüdischen italienischen Umwelt. Von den
47.000 italienischen Juden wurden -mit tatkräftiger Hilfe italienischer
Institutionen auf Grund italienischer Gesetze und unter Einbeziehung
italienischer Carabinic-ri - mehr als 7.000 deportiert, immerhin 17 Prozent
der in Italien lebenden Juden. Dies änderte sich erst relativ kurz vor
Kriegsende, als der endgültige Fall des Faschismus schon absehbar war. Nach
Mussolinis Sturz 1943 nahm die Solidarität der Italiener gegenüber ihren
jüdischen Mitbürgern stark zu, ohne allerdings, wie Guri Schwarz in seinem
Beitrag über die Nachkriegssituation der Juden in Italien zeigt, sich nach
dem Faschismus in realer Hilfe für die Überlebenden oder Aufarbeitung der
Geschehnisse auszudrücken. Im Gegenteil, die Restitution des Besitzes, die
Wiedererlangung verlorener Posten und der Neuanfang des Lebens erwiesen sich
für die italienischen Juden nach 1945 als ebenso schwierig und für die
Betroffenen demütigend wie in Deutschland.
Rezension von Marianne Brentzel für Querelles-Net,
November 2007,
http://www.querelles-net.de/2007-23/text23brentzel_jaeger_nolvelli-glaab.shtml
"Italiens Geschichte der Judenverfolgung – neu geschrieben
War auch Italien ein Land des Antisemitismus und der Judenverfolgung?
Der in der Forschung liebgewordene Unterschied zwischen den beiden
faschistischen Systemen im Europa des 20. Jahrhunderts wird in der
vorliegenden Aufsatzsammlung mit präzisen Forschungsergebnissen
hinweggefegt. Es geht den Autor/-innen nicht um Gleichsetzung von
Nationalsozialismus und Faschismus. Doch das von Renzo De Felice entworfene,
verharmlosende Bild eines den Juden freundlich und solidarisch gesonnenen
Volkes und einer lax agierenden Bürokratie ist bei näherer Prüfung
unhaltbar geworden. Die Forscher/-innen haben dabei nicht nur die Jahre der
Judengesetzgebung in Italien ab 1938 im Blick, sondern gehen den Befunden
vom Mittelalter mit der unseligen Tradition des katholischen Antijudaismus
bis in das heutige Italien nach, verfeinern ihr Urteil insbesondere mit
Blick auf die Lage der Jüdinnen und stellen einige bedeutende Repräsentantinnen
sowie die weibliche Erfahrungsliteratur aus den Lagern vor.
Von der antijüdischen Tradition …
Francesca Fabbri unternimmt in ihrem Beitrag die Aufgabe, die Kunst
des Mittelalters und der Neuzeit auf antisemitische Spuren hin zu
durchleuchten. Zwar bestätigt sie den Befund, dass sich in Italien, im
Vergleich zu den judenfeindlichen Ikonographien im übrigen Europa, eine
weniger starke Neigung zu karikaturhaften Darstellungen der Juden
feststellen lässt, doch gibt es auch diese, insbesondere wenn es um die
bildliche Darstellung des infamsten Vorwurf gegen Juden geht: den Ritualmord
an christlichen Kindern. Eine kunsthistorische Untersuchung der
italienischen Malerei unter dem Aspekt des Antisemitismus steht noch aus.
Fabbri hat mit dem Aufsatz einen Anfang gewagt. Ähnliches leistet Anna
Rossi-Doria, die den besonderen Status von Juden und Frauen am Ende des 19.
Jahrhunderts untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass Frauen und Juden in
der westlichen Kultur in einer langen gemeinsamen Tradition der Ausgrenzung
unterschiedlicher Art stehen und über Jahrhunderte als Fremde im eigenen
Haus behandelt wurden. Verlangte man von den Juden die völlige Absorption
der jüdischen Eigenart, um Bürger gleichen Rechts zu werden, so sollte den
Frauen der Status von Individuen und folglich auch von Staatsbürgerinnen
verweigert werden, "weil sie ausschließlich Gattungswesen […] sind
und sein müssen" (S. 57). Als im 19. Jahrhundert die gesetzlichen
Regeln der Gleichberechtigung Fuß fassten, wurde gleichzeitig die
aggressive Diskriminierung schärfer. Der "Andere" wird als
bedrohlich dargestellt, "nicht, weil er es wirklich wäre, sondern weil
er potenziell zu einem Gleichen werden könnte" (S.60). So wird ein
gegensätzlicher Anspruch deutlich, der die Juden dazu verpflichten will,
mit ihrer traditionellen Eigenart zu brechen, während die Frauen im
Gegensatz dazu "auf ihre spezifisch weibliche Tradition festgelegt
bleiben sollten" (S. 62).
Liana Novelli-Glaab veranschaulicht in ihrem Aufsatz diese gesellschaftliche
Anforderung am Beispiel von bedeutenden Jüdinnen wie Anna Kuliscioff, den
Schwestern Lombroso und Margherita Sarfatti. Neben der traditionell
besonderen Rolle der Frau im Judentum gab es eine spezifisch italienische,
da die jüdischen Frauen in Familie und Beruf großes Ansehen genossen,
meist hoch gebildet waren und auch als Erzieherinnen christlicher Töchter
wirkten. 1861, zur Zeit der italienischen Einigung, waren die Mehrheit der Männer
und über 80 Prozent der Frauen Italiens Analphabeten, während nur knapp
sechs Prozent der Juden und Jüdinnen nicht alphabetisiert waren. Im
Risorgimento (der Einigungsbewegung) hatten die Juden tatkräftig zur
Befreiung des Landes beigetragen und waren nun bestrebt, am politischen,
gesellschaftlichen und kulturellen Leben gleichberechtigt teilzunehmen. 1899
wurde die laizistische Unione Femminile Nazionale mit dem Ziel gegründet,
Frauen kulturell zu fördern und zu einer selbständigen Existenz zu befähigen.
Hier wirkte auch Anna Kuliscioff, 1854 als Tochter eines jüdischen
Kaufmanns geboren. Sie musste Russland verlassen, ging nach Italien,
studierte Medizin, bekam ein (nicht eheliches) Kind, tat sich mit Filipo
Turati in Mailand zusammen und gab mit ihm die Critica sociale
heraus, eine Ideenwerkstatt der sozialistischen Bewegung. Novelli-Glaab
zeigt am Beispiel Kuliscioffs, dass selbst sie in der Frage des
Frauenwahlrechts Turati nicht überzeugen konnte und dieser trotz der überlegenen
Stärke seiner Partnerin die Ansicht vertrat, die Frauen besäßen zur
Stimmabgabe nicht die entsprechende politische Reife. Gespeist wurden diese
Ansichten von dem jüdischen Rechtsmediziner Cesare Lambroso, der die
biologische Unterlegenheit der Frau postulierte, was ihn aber nicht
hinderte, seine beiden hochbegabten Töchter, Gina und Paola, umfassend
auszubilden. Ganz anders lebte Margherita Sarfatti, die auch im Salon der
Anna Kuliscioff in Mailand anzutreffen war. Sie hatte sich schon früh den
Sozialisten angeschlossen, wirkte als Kunstkritikerin und Journalistin, u.
a. beim Avanti, wo sie deren aufrührerischen Chefredakteur Mussolini
kennen lernte. Die beiden verliebten sich und wurden später, als sich beide
unter dem Eindruck des Weltkriegs vom Sozialismus abwandten, ein glamouröses
Paar, ohne je ihre Ehen in Frage zu stellen. Margherita Sarfatti unterstützte
Mussolini maßgeblich bei der Ausarbeitung eines faschistischen Programms.
Trotzdem musste sie als Jüdin 1938 das Land verlassen. Novelli-Glaab macht
klar, dass die von ihr genannten Jüdinnen voll in die italienische
Gesellschaft integriert waren und das Judentum keine Rolle in ihrer
Lebensplanung spielte, bis sie durch die judenfeindlichen Gesetze 1938
brutal zu einer anderen Sicht gezwungen wurden.
… zur aktiven Verfolgung der Juden in Italien
Insbesondere mit der italienischen Besonderheit der faschistischen
Juden befasst sich Michele Sarfatti. Er stellt dar, dass die Partito
Nazionale Fascista (PNF) die einzige faschistische Partei war, bei der es
eine nennenswerte Anzahl von Juden gab. Dies war nicht nur der Tatsache
geschuldet, dass der Parteiausweis als "Brotkarte" galt, sondern
war Ausdruck von politischer Überzeugung. Nachdem Italien antisemitisch
geworden war, gaben einige faschistische Juden ihr Judentum auf, die
Mehrheit zog sich enttäuscht zurück. Über die Vorgehensweise gegenüber
den italienischen Juden nach 1938 berichtet Fabio Levi. Sehr bald, so betont
er, zeigten die im Herbst 1938 verabschiedeten Gesetze Breitenwirkung,
"weil sie auf einmal alle Maßnahmen beinhalteten, die anderweitig und
selbst in Deutschland graduell und in einem größeren Zeitrahmen eingeführt
wurden" (S. 161). Auf dieser Basis war es den Deutschen dann 1943 ein
Leichtes, die Deportationen zu organisieren. Dass Papst Pius XII. seine
Stimme nicht zur Verteidigung der Juden erhob, ist bekannt.
Wie sehr aber in der faschistischen Republik von Saló die italienischen
Milizionäre den Deutschen in die Hände arbeiteten, zeigt der Aufsatz von
Sara Berger. Sie schildert eindrücklich die für Juden verheerende
Zusammenarbeit in ihren unterschiedlichen Phasen und bilanziert: "Das
faschistische Regime hatte sich bis zum September 1943 in seiner Haltung
gegenüber den Juden den Wünschen des Achsenpartners Deutschland
widersetzt. […] Die neu eingesetzte republikanisch-faschistische
Regierung, die durch die deutsche Besatzung Norditaliens einen Teil ihrer
Selbständigkeit eingebüßt hatte, versagte der jüdischen Bevölkerung
diesen Schutz nicht nur, sondern stellte sich in Kollaboration mit dem
Nationalsozialismus gegen sie." (S. 197)
… bis zur Rolle der Juden im Nachkriegsitalien
Anknüpfend an diese negative Erfahrung zeigt Guri Schwarz auf, wie
schwer es für die Zurückkehrenden und wieder gleichberechtigten Juden im
Nachkriegsitalien war, Fuß zu fassen und erneut eine bürgerliche Existenz
aufzubauen. Der Verzicht auf die Aufarbeitung der eigenen, italienischen
Beteiligung an den Verbrechen des Holocaust führte zu einer ignoranten
Haltung gegenüber den zurückkehrenden Juden. "Man stellte sich den
Fragen vor allem unter dem Aspekt der möglichst hohen
Selbstentschuldung." (S. 217) Hier knüpft der Aufsatz von Gudrun Jäger
über "Frühe Holocaustzeugnisse italienischer Jüdinnen" an. Jäger
zeigt, wie wenig Interesse an den ersten Zeugnissen der Überlebenden
vorhanden war, wie selbst der bedeutende Text Primo Levis Se questo è un
oumo? (dt. Ist das ein Mensch?) 1947 ohne nennenswerte Resonanz
blieb und erst in den frühen sechziger Jahren seinen auch internationalen
Siegeszug antrat. Am Beispiel von Il fumo di Birkenau (dt. Der
Rauch über Birkenau) von Liana Millu macht Gudrun Jäger eindrücklich
klar, dass in der italienischen Öffentlichkeit eine deportierte Frau und
mehr noch eine Widerstandskämpferin ein geringes Ansehen besaß und es
knapp 50 Jahre brauchte, um auch das Buch von Millu angemessen zu würdigen.
Die Aufsatzsammlung
Judentum und Antisemitismus im modernen Italien
leistet einen wichtigen Beitrag zur Holocaust- und Emanzipationsgeschichte
der Juden Italiens, insbesondere ihres weiblichen Teils, und bedeutet für
die weitere historische Forschung eine hervorragende Anregung."
Rezension von CHRISTIANE LIERMANN in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung v. 01.10.2007, Nr. 228, S. 11
"Faschismus und Antisemitismus
Anfang Oktober 1922 schrieb die "Jüdische Rundschau":
"Obwohl nicht Teil des faschistischen Programms, sind antisemitische
Tendenzen in faschistischen Kreisen stark verbreitet." Diese Formel -
ausgesprochen am Vorabend des "Marsches auf Rom" - bringt
hellsichtig ein Problem auf den Punkt, das in der internationalen
Geschichtswissenschaft Konjunktur hat: die Frage nach der Beziehung von
italienischem Faschismus und Antisemitismus. Weitgehend unisono verwirft die
Forschung heute die apologetische Position, nach der das faschistische
Regime die Diskriminierung und Verfolgung der Juden eigentlich gar nicht
wirklich wollte, sondern nur unter deutschem Druck
lustlos kollaborierte. Es ist das Verdienst des vorliegenden Bandes, dass er
nach Tradition und Kontinuität antisemitischer Diffamierung, Ausgrenzung
und Verfolgung in Italien fragt, ohne
Deterministen das Wort zu reden. Die Beiträge schlagen zwar einen großen
Bogen von den antijüdischen Kampagnen des Spätmittelalters bis zu den
Israel-kritischen Klischees der italienischen Gegenwartsgesellschaft mit
ihrer antisemitisch-rechtsextremen Fußballszene, aber sie konstruieren mit
Bedacht aus dem zeitlichen Nacheinander keine Kausalkette.
So wenig mit historischer Notwendigkeit auf Phasen religiös motivierter
Verfolgung Phasen der gelungenen Integration folgen, wie zum Beispiel im
jungen italienischen Nationalstaat, so wenig führt der Weg vom christlichen
Antijudaismus zur antisemitischen Politik des späten Faschismus. Und doch
hat der eine dem anderen in die Hände gespielt und hat noch die
vorbehaltlose Rehabilitierung der Opfer und die selbstkritische
Auseinandersetzung mit den rassistischen Untaten des Faschismus nach dem
Krieg erschwert. Umso eindrucksvoller sind die unbequemen Zeugnisse derer,
die sich in der Nachkriegszeit gegen Vergessen und Beschweigen stemmten -
wie die jüdischen Frauen, an die der Band erinnert. Einige fanden den Mut,
ihr Leid und ihre Erniedrigung minutiös aufzuschreiben. Sie widersetzten
sich damit einer von männlichen Erzählern dominierten Erinnerungsphalanx,
die sich allzu rasch in einem heroischen Resistenza-Selbstbild einrichtete
und im Zuge des politischen Neubeginns in Italien wenig Interesse an
Opfergeschichten aufbrachte."