Ina Grünjes
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Hochschulschriften, Band 12], tarfo verlag 2006,
295 S., ISBN (10)
3-89626-598-9, ISBN (13) 978-3-89626-598-2, 27,80 EUR
REZENSIONEN
- Rezensiert von Daniel Menning, Universität Trier, für
HSozKult, Nov. 2007, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-140
"Thomas Edward Lawrence (1888-1935), durch die Verfilmung von 1962 den
meisten besser bekannt als „Lawrence von Arabien“, war eine schillernde
Gestalt. Geschichtsstudent und Archäologe vor dem Ersten Weltkrieg,
gelangte er durch Filmvorträge, die seine Rolle im Arabischen Aufstand
1916-1918 glorifizierten, zu Ruhm. Nach Tätigkeiten bei den
Friedensverhandlungen 1918/19 und im britischen Kolonialministerium trat er
1922 nach einem Namenswechsel als einfacher Soldat in die Royal Air Force
ein und starb 1935 kurz nach seiner Entlassung an den Folgen eines
Motorradunfalls. Mit all den Widersprüchlichkeiten der Biographie T. E.
Lawrence’ einerseits, der langen Tradition biographischer Studien zu ihm
andererseits, verspricht die hier vorliegende Dissertation in der
Untersuchung der Konstruktion seiner Person in Biographien ein
hervorragendes Subjekt gefunden zu haben.
Dem Untertitel folgend definiert Grünjes als Hauptziel: Es sollen „die
Ursprünge der Darstellungen untersucht [werden], in denen Lawrence’ Leben
immer wieder mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wird.“ (S. 12)
Selbstaussagen und Aussagen der Biographien sollen dazu miteinander
konfrontiert werden und anhand der vier Themenbereiche Illegitimität der
Geburt, Mittelalterinteresse, Kreuzfahrerkonstruktion und Eintritt in die
Royal Air Force die Konstruktion Lawrence’ in den Biographien untersucht
werden. Gleichzeitig sollen Wandel und Persistenz der Darstellungsformen in
den Blick genommen werden. Dabei wurden für die Untersuchung zwecks
Eingrenzung des Materials nur Biographien aus dem angloamerikanischen Raum
ausgewertet (S. 12).
Der Untersuchungsteil der Arbeit gliedert sich im Anschluss an die Themen in
vier Kapitel. Im ersten Kapitel wird die illegitime Geburt untersucht. Neben
der Frage, ab wann T. E. Lawrence wusste, dass seine Eltern nicht
verheiratet waren, werden seine eigenen Aussagen dazu und die von Bekannten
vorgestellt. Dabei wird gezeigt, dass er selber offensichtlich kein Problem
mit seiner Illegitimität hatte. Dennoch wurde das Thema in Biographien seit
1955 immer wieder als Schlüssel zum Verständnis seiner Person
herangezogen, da das Wissen um die Illegitimität eine negative Auswirkung
auf seine Psyche gehabt haben soll. Als Ergebnis, so Grünjes, habe Lawrence
zwar ein negatives Selbstbild besessen, die Illegitimität müsse hierfür
aber nicht verantwortlich gewesen sein. Die Theorien der Biographen hierzu
basierten daher nicht auf Fakten, sondern eigenen „Wertvorstellungen“
(S. 73). Aus den negativen Folgen der Illegitimität auf die Psyche
schlossen im Weiteren zahlreiche Biographien, dass sich Lawrence in
mittelalterliche Lebensphantasien geflüchtet habe. Sie begründen dies vor
allem mit der Auswahl der Lektüre des jungen Lawrence. Das zweite Kapitel
kann hierzu feststellen, dass Lawrence’ Interessen an der Literatur
keineswegs allein dem Mittelalter galten, und die inhaltlichen Füllungen
des Begriffs Mittelalter „mehr über die Sichtweise der Autorinnen und
Autoren [...] verraten, als dass sie tatsächlich etwas über diese Themen
oder Lawrence aussagen.“ (S. 124) Eine vermeintliche Flucht in
mittelalterliche Lebensphantasien habe somit nicht stattgefunden.
Die Stilisierung Lawrence’ als Kreuzfahrer wird im dritten Kapitel
untersucht. Dabei stellt sich heraus, dass ein ursprünglich sehr
differenzierter Vergleich zwischen seiner Rolle im Arabischen Aufstand und
den mittelalterlichen Kreuzzügen, die er in seiner universitären
Abschlussarbeit untersucht hatte, sich im Laufe der Zeit abschliff, bis
Lawrence schließlich als Kreuzfahrer an sich dargestellt werden konnte.
Freilich hat auch dies wieder wenig mit der Realität zu tun, wie Grünjes
zeigt. Lawrence sah sich selber weder als Kreuzfahrer noch als dessen
neuzeitliches Pendant. Ähnliches lässt sich im vierten Kapitel verfolgen,
in dem Lawrence’ Eintritt als einfacher Soldat in die Royal Air Force
betrachtet wird. Dieser ist in den Biographien immer wieder mit dem Eintritt
ins Kloster, der für einen mittelalterlichen Ritter nach seiner Rückkehr
vom Kreuzzug nicht unüblich war, gleichgesetzt worden. Auch hier kann Grünjes
zeigen, wie ein ursprünglich differenzierter Vergleich Lawrence’, der nur
einige strukturelle Ähnlichkeiten des Kloster- und Kasernenlebens
umschloss, sich verselbstständigte. Als Ergebnis ihrer Untersuchung kann
zusammengefasst werden: Die Biographen „scheiterten ... am äußerst
komplexen Charakter Lawrence’“ (S. 267) und haben es nicht vermocht,
dessen Beschäftigung mit dem Mittelalter richtig zu deuten.
Drei Kritikpunkte sind anzumerken: Erstens klärt die Biographie zwar, wie
die biographischen Konstrukte entstanden. Die viel interessantere Frage
aber, warum diese entstanden, bleibt ungeklärt. Grünjes beklagt zwar
immer wieder, „wie unkritisch mit dem Quellenmaterial seitens der
Biographen umgegangen wurde“ (S. 216, auch 135, 138), fragt aber nie
danach, warum dies geschah. Dies verdeutlicht die mangelnde Einbettung der
Biographieentstehungen in den historischen Kontext, der zumeist nur als
nicht näher ausgeführter „Zeitgeist“ (S. 193) oder in Form von
„romantischen Klischees des Publikums“ (S. 264), die bedient wurden,
auftaucht. Es ist jedoch erst dieser Hintergrund der verschiedenen
Biographien T.E. Lawrence’, der den Umgang mit dem Quellenmaterial verständlich
macht und den wirklichen Erkenntnisgewinn versprochen hätte. Zweitens ist
die Literaturgrundlage zu bemängeln. So wird die Literatur zur Theorie der
Biographie insgesamt kaum und die aktuelle gar nicht wahrgenommen. Auch
Werke zur englischen Gesellschaftsgeschichte sind Mangelware. Gerade die
Einbindung aktueller Literatur hätte aber wichtige Fragehorizonte und Erklärungsmöglichkeiten
aufzeigen können. Drittens sind die zahlreichen Monita Grünjes’ an den
Biographien zwar zu Recht angebracht, aber auch sie verheddert sich zuweilen
in der Quellenlage. So mangelt es vielfach an der Unterscheidung zwischen
Aussagen, die Lawrence während des Geschehens tätigte, und Stellungnahmen,
die er dazu Jahre später niederschrieb. Dass er aber um die Schaffung eines
Bildes seiner Person auch selbst bemüht war, kann man daran erkennen, dass
er Gespräche mit seinen Biographen führte und deren Manuskripte teilweise
vor der Veröffentlichung, wenn auch nicht immer mit Erfolg, korrigierte.
Dass vieles in den Biographien zu T. E. Lawrences seit den 1920er-Jahren
nicht mit der „Realität“ bzw. seinen Selbstaussagen übereinstimmt, hat
Ina Grünjes gezeigt. Sie klärt, „wie“ die Konstruktionen der
bisherigen Biographien entstanden, aber nicht „warum“. Am Ende bleibt
das Gefühl einer Biographie ex negativo. Nach dem Lesen weiß man besser,
was Lawrence nicht war. Weniger klar aber wird, was er nun tatsächlich war,
oder warum die Biographen ihn so konstruierten, wie sie es taten."