Peter Oehme
Fünf Jahrzehnte Forschung und Lehre in der
Pharmakologie.
Erlebtes und Gelebtes in der Wissenschaft
[= Autobiographien, Bd. 25], trafo verlag 2006, 230 S., ISBN (10) 3-89626-582-2, ISBN
(13) 978-3-89626-582-1, 24,80 EUR
Rezensionen
- Rezension von Helmut Coper, in: Arzneimittel-Forschung
2007; 57(2), S. 130f.
"Prof. Oehme hat bis zur Vereinigung der DDR mit der
Bundesrepublik ausschließlich im Osten gelebt und gearbeitet. Das Buch ist
daher die seltene Beschreibung eines Wissenschaftlers, der weder zu dem
Kreis der Täter noch der Opfer des Regimes gehörte. Auf S. 52 bekennt er
jedoch ganz offen: „Allerdings erkannte ich, daß ich mein Vorgehen
zukünftig besser den gegebenen Bedingungen anpassen mußte". Aus
seinen Schilderungen geht auch klar hervor, daß er zu den Privilegierten
des Systems zählte, dem verschiedene Leitungsfunktionen übertragen worden
sind, der, wenn auch ohne Ehefrau, in westliche Länder reisen und dort
über seine wissenschaftlichen Arbeiten berichten konnte. Er hielt diese
Kontakte über die ganze Zeit aufrecht und schloß mit einigen Kollegen, die
auf ähnlichem Gebiet wie er forschten, bleibende Freundschaft.
2. Mehrere Kapitel sind seinem Hauptforschungsgebiet, der Wirkung
verschiedener Peptide, insbesondere der Substanz P gewidmet. Prof. Oehme
zeichnet die Anfänge dieses 1931 von v. Euler aus Rinderhypothalamus
gewonnenen Peptids nach, zitiert die Arbeiten von Ersparmer und Lembeck
über einige seiner Wirkungen und berichtet ausführlich über seine
Untersuchungen zur Substanz P, die er als Antistressfaktor charakterisierte.
Zu seinem Erstaunen und seiner Freude wird er zu einem Vortrag auf das
Nobel-Symposium von Stockholm eingeladen. Der Vortrag wurde offenbar mit
großem Interesse aufgenommen. Daraufhin wird die Forschung auf diesem
Gebiet noch stärker intensiviert, die einzelnen Wirkqualitäten analysiert
und beschrieben, Struktur-Wirkungs-Beziehungen untersucht etc. Eine Fülle
von Publikationen, die er mit seinen Mitarbeitern veröffentlicht, führt zu
zahlreichen Einladungen zu Vorträgen in Japan, den USA, England etc.
Seit er als junger Mann die Bücher „Die Gifte der Weltgeschichte"
(1920) und „Phantastika" (1924) von Louis Lewin gelesen hatte,
beschäftigt Prof. Oehme die Sucht. Immer wieder kommt er auf das Thema
zurück und hält inzwischen nicht unbegründet die Substanz P als wichtiges
Verbindungsglied in dem Konzept Streß, Adaptation und Sucht.
3. Natürlich gab es auch in der DDR für einen Wissenschaftler ärgerliche
Verlagerungen von Instituten, administrative Eingriffe, Probleme der
Unterfinanzierung wissenschaftlicher Projekte etc., die zwar andere
Ausdrucksformen und Folgerungen hatten als in der Bundesrepublik, deren
Beschreibung aber vielen in „westlichen" Hochschulen und
wissenschaftlichen Einrichtungen Tätigen nicht völlig fremd sind.
Auch die Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschung, Entwicklung von
Arzneimitteln, ihre klinische Prüfung und industrielle Produktion hatte
zwar in der DDR eine etwas andere Form und war staatlich mehr oder weniger
verordnet, doch entsprechende Ideen wurden auch in den westlichen
Industrieländern immer wieder diskutiert, wenn auch ohne staatliche
Einflußnahme.
So beschränkt sich das Buch von Prof. Oehme nicht nur auf sein Leben in
Forschung und Lehre, sondern hat darüber hinaus erheblichen allgemeinen
Informationswert. Für das Gebiet, das er übersieht, ist er ein echter
Zeitzeuge, der „Erlebtes und Gelebtes in der Wissenschaft" auch gut
darstellen kann."