[= Edition Hedwig Dohm, Bd. 1], Roman, hrsg. von Nikola Müller & Isabel Rohner, trafo verlag 2006, 305 S., ISBN (10) 3-89626-560-1, ISBN (13) 978-3-89626-560-9, 24,80 EUR
Rezension
von Wibke
Gerking für: LesArt, Heft 1/2007, S. 44f.:
"Starke Stimme aus der Zukunft.
Zur Edition einer Gesamtausgabe der
Werke von Hedwig Dohm
Ich bin des Glaubens, daß zukünftige
Gesellschatten auf unsere Sitten wie auf die von Urvölkem blicken werden;
ich bin des Glaubens, da die eigentliche Geschichte der Menschheit erst
dann beginnt, wenn der letzte Sklave befreit ist, wenn das Privilegium der Männer
auf Bildung und Erwerb abgeschafft, wenn die Frauen aufhören, eine
unterworfene Menschenklasse zu sein - die
Fesseln der einen binden alle -, dann erst beginnt die freie Entwicklung
der ganzen Menschheit jene Entwicklung, deren Ziel der Mensch ist - ein
Ebenbild Gottes.
Hedwig Dohm
Hedwig
Dohm lebte in der Zukunft. Sie glaubte an die Veränderbarkeit der Menschen,
des Denkens, der Gesellschaft, und deshalb auch daran, daß eines Tages alle
Frauen frei und gleichberechtigt sein würden, Sie war eine der ersten, die
das glaubten. Und die erste in Deutschland, die dafür schrieb und
polemisierte, und das, noch bevor es die erste organisierte Frauenbewegung
gab, die radikal genug war, das Stimmrecht, gleiche Berufs- und
Bildungschancen und Berufstätigkeit für alle Frauen zu fordern, ob Mütter
oder nicht. Eine einsame Denk- und Emanzipationsleistung, zudem das von
einer Frau mit mangelhafter Schulbildung. Durch ihre Ehe mit dem
Journalisten Ernst Dohm kam sie mit literarischen Kreisen in Berührung
und verfaßte mit über 40 Jahren die erste feministische Schrift. Sie hatte
zum Glück noch ein langes Leben vor sich: Erst 1919, mit fast 90 Jahren,
starb sie in Berlin, nach rund 50 Jahren literarischer und journalistischer
Tätigkeit.
Vermutlich hätte Hedwig Dohm sich die Haare gerauft, wenn sie geahnt hätte,
daß sich einige ihrer Polemiken zur Frauenfrage selbst heute, 90, 100 oder
110 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung, noch so erschütternd
aktuell lesen könnten. Tauschte man ein paar Namen und Zitate aus, so wären
die Schriften jederzeit wieder gegen die
Auswürfe neuerer Zeit von Eva Herman bis Bischof Mixa einsetzbar. Die Namen
ändern sich, die Argumente bleiben dieselben. Was nicht gerade für den
Entwicklungsstand unserer Gesellschaft oder für Hedwig Dohms unerschütterlichen
Glauben an die Zukunft spricht, aber doch dafür, ihre Schriften wieder zu
lesen. Sie ist es wert. Sie erhellt und bezaubert mit ihrer leuchtend
klaren, kalkuliert einfachen Sprache. Und sie läßt einen Tränen lachen über
ihre mal leichtfüßige, mal bissige Ironie (und vielleicht auch weinen -
wenn sie mal wieder allzu genau trifft).
Daß man Hedwig Dohm wieder direkt begegnen kann und nicht nur in
irgendwelchen Fußnoten, ist ein Verdienst des Trafo-Verlags und zweier
engagierter Wissenschaftlerinnen und Hedwig-Dohm-Forscherinnen, der
Historikerin Nikola Müller und der Germanistin Isabel Rohner. 2006, in dem
Jahr, in dem Hedwig Dohm 175 Jahre alt geworden wäre, erschienen die beiden
ersten von geplanten 14 Bänden einer Gesamtausgabe von Hedwig Dohms Werken,
der Edition Hedwig Dohm. In einem kleinen Haus: Die Großen verlegen
offenbar lieber stapelweise Biographien über Schwestern, Mütter, Ehefrauen
und Geliebte berühmter Männer, als sich um Frauen zu kümmern, die es
selbst zu eiwas gebracht haben. Sogar Wie Schwiegermutter eines berühmten
Mannes wurde bereits mit einer eigenen Biographie bedacht: Hedwig Pringsheim
nämlich, deren [Tochter Katia mit Thomas Mann verheiratet war.
Pikanterweise, Freunde und Kenner der Mannschen Familiensage wissen es, war
Hedwig Pringsheim aber zuerst und eigentlich die Tochter einer berühmten
Mutter, nämlich eben der Hedwig Dohm, um die es hier geht: die bis heute
lutende und ihrerzeit auch berühmte
Frauenrechtlerin und Pazifistin, Feuilletonistin und Romanautorin, eine
Frau, die ihrer Tochter in ihrem öffentlichen Wirken und an Berühmtheit
haushoch überlegen war.
Das hielt die Fachwelt allerdings nicht von der völlig abwegigen Meinung
ab, die angepaßte, brave Großbürgersfrau, Gelegenheitsfeuilleton istin
und Saloniere Hedwig Pringsheim sei die eigentlich kreative der beiden
Frauen gewesen. Gerne wurde geätzt, Hedwig Dohm habe in ihrem Roman »Sibilla
Dalmar« schlicht die Briefe ihrer Tochter zu einem Roman zusammengestellt -
und das, obwohl der Briefwechsel verschollen ist.
Nun liegt »Sibilla Dalmar« auf dem Tisch und spricht für sich selbst. Müßig
darauf hinzuweisen, daß der Roman mit dem Leben von Hedwig Pringsheim
genauso viel zu tun hat wie etwa Thomas Manns »Buddenbrooks« mit dessen
Familiengeschichte. Die Inspiration ist ohne Zweifel zum Teil aus dem realen
Leben geschöpft Doch formale Anlage, philosophische Ausdeutung und
sprachliche Gestaltung, kurz: alles, was die Kunst ausmacht, das liegt beim
Autor oder der Autorin, mag er Mann oder sie Dohm heißen.
Und vor allem Hedwig Dohms Sprache böte Stoff für Doktorarbeiten. Sie ist
von einer Direktheit, wie man sie sonst fast nur aus der angelsächsischen
Literatur kennt, gleichzeitig voll eleganter Ironie, gewürzt mit einer
Unzahl kleiner Brüche, die immer wieder aufmerken lassen und dem Fluß
ihrer Sprache etwas fesselnd Quecksilbriges und Doppelbödiges verleihen.
Das einzige, was man Dohms »Sibilla« und ihrem belletristischen Werk
punktuell vorwerfen könnte, ist das, was die Zeitgenossen wohl mit dem
Vorwurf »pädagogisch« meinten. Ab und zu scheint ihr Anliegen, die
Gleichberechtigung von Mann und Frau, deutlicher durch, als der reinen Kunst
guttut Damit ist Dohm allerdings in bester Gesellschaft. Um mit Virginia
Woolf zu sprechen, ist es nicht möglich, frei zu schreiben, wenn man nicht
frei ist. In diesem Sinne schrieb sie etwa über Charlotte Bronte Sätze,
die ähnlich auch auf Hedwig Dohm und mehr oder weniger deutlich auf jede
schreibende Frau zumindest der Vorkriegszeit zutreffen: »Aber wenn man sie
liest und auf diesen Riß, diese Empörung darin acht gibt, dann erkennt
man, daß es ihr nie gelingen
wird, ihr Genie heil und ganz zum Ausdruck
zu bringen. (...) Sie schreibt im Zorn, wo sie gelassen schreiben sollte;
Sie schreibt verrückt, wenn sie besonnen schreiben sollte; Sie schreibt von
sich selbst, wenn sie über ihre Charaktere schreiben sollte. Denn sie führt
einen Krieg gegen ihr Schicksal.« (in: »A Room of One's Own«). Hedwig
Dohm führte sicher keinen Krieg mehr gegen ihr eigenes Schicksal. Das hatte
sie längst in die Hand genommen. Doch sie führte einen Krieg gegen die
Vorurteile in ihrer Gesellschaft. Es wäre ein Wunder, wenn man das nicht ab
und zu in ihren Büchern bemerkte.
»Sibilla
Dalmar« ist bereits der zweite Band der Edition Hedwig Dohm. Ebenso
anregend und lesenswert wie dieser Roman ist der erste »Hedwig Dohm -
Ausgewählte Texte«, eine Auswahl von Novellen, Mini-Dramen und
Zeitungsartikeln. Einiges davon wirkt bis heute provokant. Da ist etwa die Nüchternheit,
mit der Dohm die Verherrlichung der Mutterrolle lächerlich macht. »Daß
die Mütter die geborenen und notwendigen Erzieherinnen ihrer Kinder sind,
gehört zu den Erlogenheiten, die überall
Kurs haben, und die man als Trumpf gegen die moderne Frauenbewegung
ausspielt«, schreibt sie eiwa in »Eine Anregung zur Erziehungsfrage« -
wie sich die Zeiten doch nicht ändern! - und weiter, mit schöner Ironie:
»Ein flüchtiges Hineinblicken in das positive Leben genügt, um zu erkennen,
daß im Großen und Ganzen idie Mütter die schiechtesten Erzieherinnen
ihrer Kinder sind. Man [ frage nur die eine Mutter, was sie von der
Erziehung der anderen hält, und man wird die härtesten und schroffsten
Urteile hören. Ja glaubt man denn, daß auch die vielen, vielen Frauen, die
als Nichtmütter kaum den bescheidensten Ansprüchen an Moral und Klugheit
genügen, als Mütter sich in Tugendspiegel und geistige Potenzen verwandeln?«
Brillante Polemik, gepaart mit Mutterwitz, egal, ob es um Kritik an
Nietzsche geht oder das unschöne Schicksal alter Frauen. Dohm legt den
Finger in die Wunde, mal mit Wib und Scharfsinn, mal mit scheinbarer Naivität,
mal mit höhnischem Gelächter.
Von äußerstem Interesse ist übrigens auch Dohms Blick auf ihre berühmten
schreibenden Zeitgenossinnen wie Helene
Lange, Ellen Key, Lou Andreas Salome. Gerade in den 80er Jahren wurden sie
von vielen allzu unkritisch als Vorreiterinnen der Frauenbewegung
verstanden, nur weil sie überhaupt schrieben. Hedwig Dohms nüchterne
Kritik, belegt durch prägnante, selbstentlarvende Zitate, dürfte so manche
lieb gewordene Ikone entzaubern. Egal, ob man Hedwig Dohm aus
feministischem, aus historischem, aus sprachlichem oder journalistischen
Interesse liest: Die Lektüre bereichert und erfrischt.
Hedwig Dohm hat sich einen festen Platz in der deutschen Geschichte und
Literatur erschrieben. Es häufen sich die Anzeichen, daß das auch wieder
wahrgenommen wird. In ihrer Heimatstadt Berlin wird jetzt erstmals eine Straße
nach ihr benannt. Außerdem hat der Journalistinnenbund ihre Grabstätte
auf dem Matthäi-Friedhof gekauft und will dort eine Gedenkstätte
einrichten. Man darf hoffen, daß die Edition Hedwig Dohm dazu beitragen
wird, daß diese große deutsche Autorin endlich so gewürdigt wird, wie sie
es verdiente.
Besprechung von Von Rolf Löchel für literaturkritik.de (März
2007):
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10616&ausgabe=200704
"Zwischen Morgengrauen und Tag.
Die Feministin Hedwig Dohm erzählt in ihrem Roman "Sibilla Dalmar" vom Leben eines Übergangsgeschöpfes.
"Über die Jahrhunderte hinweg und bis in die jüngere Vergangenheit hinein zählte es zu den beliebtesten männlichen Abwehrstrategien weiblicher Autorschaft, die Werke von Schriftstellerinnen autobiografisch zu lesen und ihnen somit implizit - wie natürlich oft genug auch explizit - jede Fähigkeit zur künstlerischen Gestaltung abzusprechen. Denn das eigene Leben aufzuschreiben, dazu gehört ja wohl nicht viel; im Grunde reicht schon die in der Grundschule erlernte Fähigkeit, Buchstaben einigermaßen sinnvoll aneinanderzureihen, so der insinuierte Kurzschluss.
In den 70er- und frühen 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts versuchten Autorinnen der zweiten Frauenbewegung wie etwa Inga Buhmann ("Ich habe mir eine Geschichte geschrieben"), Svende Merian ("Der Tod eines Märchenprinzen") und wohl auch Karin Struck ("Klassenliebe") das Verdikt positiv zu wenden, indem sie dezidiert subjektiv und - wie sie zumindest meinten und anstrebten - ganz ohne künstlerische Gestaltung ihr (Er-)Leben im Patriarchat, in der Klassengesellschaft und in der männlich dominierten Student(inn)enrevolte aufschrieben. Denn dies, so ihr inzwischen längst als naiv erkannter Glaube, verbürge Authentizität. Andere - etwa Verena Stefan mit ihrem Bestseller "Häutungen" - schrieben zwar ebenfalls autobiografisch, versuchten jedoch zugleich eine nicht-sexistische, nicht-patriarchal geprägte Sprache zu entwickeln. Während heute wohl niemand mehr um einer vermeintlichen Authentizität Willen dezidiert 'unkünstlerisch' schreibt, lebt das Ringen um eine neue, nicht-patriarchale Sprache nicht nur in der feministischen Linguistik, sondern auch in literarischen Texten noch immer fort, prominent vertreten etwa durch die Werke von Marlene Streeruwitz.
So wie etliche der Romane der Zweiten Frauenbewegung verstanden werden wollten und von feministischen Aktivistinnen und den damals noch raren Literaturwissenschaftlerinnen auch gelesen wurden, nämlich biografisch-authentisch, wurden auch die wiederentdeckten literarischen Erzeugnisse der Ersten Frauenbewegung interpretiert, namentlich diejenigen von Hedwig Dohm, der je nach Standpunkt als ebenso scharfsinnig wie -züngig geschätzten oder gefürchteten Polemikerin, die zugleich eine von - fast - allen Seiten unterschätzte Literatin war und dies bis heute geblieben ist. Denn gerade für die Rezeption ihrer Werke zeitigt die biografische Lesart fatale Folgen. Dies nicht nur, weil die Protagonistinnen der beiden Romane "Schicksale einer Seele" und "Sibilla Dalmar" durchaus keine rolemodels für kämpferische Feministinnen der Zweiten Frauenbewegung abgeben konnten, da sie nicht einmal für die Zeit, in der sie geschaffen wurden, als solche gedacht waren, sondern von Dohm als 'realistische' Darstellungen begabter Frauen konzipiert wurden, die von den patriarchalischen Verhältnissen zerrieben werden und darin Gabriele Reuters literarischer Tochter "[a]us guter Familie" verwandt sind. Doch wurde Dohms 1896 publizierter Roman "Sibilla Dalmar" bereits unmittelbar nach Erscheinen von Münchens grande monde und dem Publikum insgesamt als biografischer Schlüsselroman über Dohms Tochter Hedwig Dohm-Pringsheim gelesen.
Wie Nikola Müller und Isabel Rohner monieren, besteht die Problematik einer solch (auto-)biografischen Lesart darin, "dass gerade die künstlerischen, gestalterischen Qualitäten des Textes nicht ins Blickfeld geraten, ja förmlich über-lesen werden". Dabei handele es sich bei dem Roman um "ein vielschichtiges Werk mit einem dichten intertextuellen und intermedialen Netz [...] mit einem für die Romankonzeption zentralen Wechselspiel zwischen Inhalt, Form und Stil". Das ist - trotz der einen oder anderen stilistischen und ästhetischen Schwäche des Romans - sicher nicht übertrieben. Eine solche Schwäche zeigt etwa eine Passage, in der Dohm die Ich-Erzählerin erst an einem verarmten Kind vorbeigehen, dann aber umkehren und ihm ein Goldstück in die Hand drücken lässt. "Es entfiel dem halbgeöffneten Händchen und rollte mir nach mit einem so dumpfen eigentümlichen Klang." Dieses gelungene Bild wird im nächsten Satz durch seine Explikation entwertet: "Nein, diese Form der Wohltätigkeit ist gewiss nicht die richtige."
Müller und Rohner ist es zu danken, dass man sich von den literarischen Qualitäten des Romans (dem mittleren der drei Generationen umfassenden Trilogie "Werde, die du bist") wieder leicht selbst überzeugen kann, ohne sich zuvor in abgelegenen Bibliotheken auf die Suche nach den wenigen überlieferten Exemplaren begebenen zu müssen. Denn soeben ist "Sibilla Dalmar" als erster Band der von den beiden Germanistinnen herausgegebenen Werkausgabe Hedwig Dohms erschienen. Unlängst erst hatten sich die beiden Germanistinnen durch die Herausgabe eines Bandes mit "Ausgewählten Texten" von Hedwig Dohm für die editorische Großaufgabe empfohlen (siehe literaturkritik.de 9/2006). Die damals geweckten Erwartungen werden durch den vorliegenden Band nicht enttäuscht. Neben dem Text des Romans, einer Vorbemerkung und einer Einleitung enthält er zwei Selbstanzeigen Hedwig Dohms zur Erstausgabe "Sibilla Dalmars" sowie sechs zeitgenössische Rezensionen, darunter eine aus der Feder der Feministin Helene Stöcker.
Mehr noch als durch die biografischen Lesarten wird dem über weite Strecken als Briefroman verfassten Werk seit einigen Jahrzehnten durch eine kaum anders denn als infam zu nennende Unterstellung jeglicher künstlerische Wert abgesprochen. Peter de Mendelssohn setzte sie 1975 in die Welt. In seiner Thomas-Mann-Biografie "Der Zauberer" behauptet er, Hedwig Dohm - eine, wie der Herr befindet, "im Grunde sehr naive Frau" - habe die "langen und detaillierten Berichte", die sie von ihre Tochter aus München zugesandt bekommen habe, "sorgfältig" aufbewahrt und "alles, was darin über die Münchner Gesellschaft stand, beinahe Wort für Wort in ihre[n] Roman" übernommen, dessen "Hauptfigur" eben "ihre eigene Tochter" sei. Noch im Jahre 2005 plapperten Inge und Walter Jens dieses vernichtende Urteil in pejorativer Diktion nach: Dohm habe "die töchterlichen Episteln ohne große Retuschen" abgeschrieben. Merkwürdig nur, dass weder Mendelssohn noch das Ehepaar Jens die Korrespondenz zwischen Hedwig Dohm und ihrer Tochter je eingesehen haben können. Denn von der ist, wie die Herausgeberinnen des vorliegenden Buches bemerken, "bislang kein einziger Brief" entdeckt worden. Was aber bleibt, klagen Müller und Rohner, ist die Unterstellung, Dohm sei "eine schlechte Schriftstellerin und des Plagiats an ihrer Tochter schuldig". Ein "Trugschluss, der an Rufmord grenzt", wie die Herausgeberinnen fast allzu zurückhaltend formulieren.
Doch genug der Kritiker- und Biografenschelte. Kommen wir zur Handlung des Romans, auf die hier allerdings nur einige Schlaglichter geworfen werden sollen. In den frühen Jahren der 1867 geborenen Protagonistin geht deren Mutter ganz in der Sorge um Wohl und Wehe Sibillas auf. Später wird sie die Vertraute ihrer Tochter, die ihr in Briefen all ihre Sorgen, Hoffnungen und Nöte schreibt. Sibillas Vater, ein Bohemien und Bruder Leichtfuß, spielt hingegen im Leben der Titelheldin und somit auch im Roman kaum eine Rolle. Man darf vermuten, dass er und somit auch sein Verhältnis zu seiner Tochter sich auch dann nicht wesentlich geändert hätten, wenn er nicht so früh verstorben wäre.
Als heranwachsende junge Frau blickt Sibilla mit Verachtung und Gleichgültigkeit auf ihre Alters- und Geschlechtsgenossinnen herab, denen sie sich nicht ganz zu Unrecht überlegen fühlt, was sich in gelegentlichen boshaften Bemerkungen etwa über "eine Straßenschönheit, richtiger eine Über-die-Straße-Schönheit" niederschlägt. Dass diese "ganz kindlich naiv" geblieben ist, lastet Sibilla ihr allerdings nicht an, denn auf "[b]rachliegende[n] Felder[n]" gedeiht nun einmal nur "Unkraut", und "[ü]ber den Höhen mit ihren Sternen ist für Frauen die Lokalsperre verhängt", wie Sibilla sehr wohl weiß und auch selber erfahren muss.
Denn auch der jungen Frau aus der besseren Familie bleibt jede Möglichkeit zu einer sinnvollen und erfüllenden Tätigkeit verschlossen. Und daran, dass es ihr gestattet werden könnte, irgendwann einmal ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, ist gar nicht zu denken. Allerdings bringt sie auch nicht die Energie auf, wirklich darum zu ringen. "Um gegen den Strom zu schwimmen, muss man stark sein, Muskeln von Stahl haben. Und die meinen? - Zwirnsfäden sind's." So ergibt sie sich ohne lange zu zögern in eine Ehe mit einem Mann, den sie zwar nicht liebt, der jedoch ihren Lebensunterhalt sichern wird. "Vom Schuljungen bis hinauf zum greisen Philosophen, weiß doch jeder, dass die Ehe unser Beruf ist [...]. Da nahm ich - um meinen Beruf zu erfüllen -, was sich mir bot." Das Paar, das nie wirklich eines werden wird, geht nach München, wo es sich in den Kreisen der Salons und der Boheme bewegt. Während ihr Mann zahllose Affären hat, entwickelt Sibilla eine Zuneigung zu einem jungen Sozialisten. Zuletzt zielt ihr ganzes Streben darauf ein Kind zu bekommen, ein Mädchen. Zu ihrer Enttäuschung gebiert sie jedoch einen Sohn. Bald darauf stirbt sie an Kindbettfieber.
In die Handlung verwoben sind unzählige Bonmots, Aphorismen und (Selbst-)Reflexionen der Protagonistin. Etwa über den Einfluss von Vererbung und Erziehung auf die Entwicklung eines Menschen, über die Ehe oder über Feminismus und Antifeminismus, wobei Sibilla auch schon mal ein antifeministisches Klischee entschlüpft. Tatsächlich aber gelten ihre Sympathien der am fernen Horizont sich abzeichnenden "Frauenfreiheit". Ihre Sympathien wohlgemerkt, nicht aber ihre Hoffnungen. Dafür verschwimmt besagter Horizont ihr in allzu weiter Ferne, während in der Erzählgegenwart "[a]ller weiblichen Kreatur" noch "von früh an die Flügel gestutzt" werden. Vermutlich sind diese Ferne und die Hoffnungslosigkeit zwei der Gründe dafür, dass Sibilla sich "nicht einmal so recht lebhaft für die Frauenfrage interessieren" kann. Hinzu kommt, dass neun von zehn Menschen "die unglaublichsten Niaiserien" über das Frauenrecht daher sagen. "Und widerlegst du sie mit schlagenden Gründen, so sagen sie noch einmal und noch hundertmal genau dasselbe und immer dasselbe, jahrein, jahraus, bis es einen davor ekelt."
So fühlt sich Sibilla als kraft- und hoffnungsloses "Übergangsgeschöpf" in einer "Übergangsepoche" verloren. "Ach ja, wir armen, um ein paar Jahrzehnte zu früh geborenen Mädchen" seufzt sie. "Hineingeboren zwischen Morgengrauen und Tag. Ich bin doch schuldlos daran, dass ich zwischen zwei Kulturen geklemmt bin, dass ich nicht rückwärts kann zu den spinnenden, strickenden Hausfrauen, nicht vorwärts zu den freien Geschlechtern, die nach mir kommen werden." Wohl nicht zuletzt aus dieser resignativen Haltung heraus wird Sibilla immer wieder von geradezu daseins- und weltverneinenden Anwandlungen geplagt. "Was soll man auch denken! Das ewige Wieso, Warum, Wozu und ähnliche Menschen- und Geisterrätsel sind so abgedroschen. Und was man auch denken mag, es wird ja doch widerrufen, wie die Vererbung, das Tuberkilin, der Sündenfall, die Arche Noah usw. Und die neueste Idee, der neueste Glaube wird doch auch über Nacht alt." Und überhaupt: "In fünfzig Jahren sind wir alle tot", wie ihr ständiges Credo lautet. "Also: Menschen fort! Bücher fort! Alles fort! Nur meine Chaiselongue nicht, die brauche ich zum Nichttun wie das liebe Brot." Doch auch das vermeintlich süße "Nichttun" gibt Sibilla schnell auf. "Was? Idealisch, nirwanahaft das Nichttun? Aber gar nicht, gar nicht, au contraire: erschaffenwollend, zeugenwollend ist's."
Sollten die LeserInnen sich einmal zum "Nichttun" aufgelegt fühlen, mögen sie es sich gerne auf ihrer Chaiselongue bequem machen, sich in die Sofaecke kuscheln, im Bett ausstrecken oder - wenn die Jahreszeit es wieder zulassen wird - ins grüne Gras legen, ganz nach Belieben. Keinesfalls aber sollten sie vergessen, hierbei stets ein Buch zur Hand zu halten. Einer der Bände Hedwig Dohms wäre nicht schlecht, am besten vielleicht gerade "Sibilla Dalmar".