trafo verlag 2006, 289 S., zahlr. Abb. und Dok., ISBN 3-89626-545-8, 24,80 EUR
Besprechung in: Schaumburg-Lippische Landeszeitung,
Ausgabe v. 9.12.2006,
http://www.dewezet.de/Landes-Zeitung/Lokales/i433192.html
"Ernst
Torgler - "Für die Bückeburger Amtsgeschäfte überqualifiziert"
Prominenter Ex-Kommunist lebte und
arbeitete einige Jahre in Bückeburg
Bückeburg (rc). Sein Name hat durch den
Reichstagsbrand und die anschließende Selbstbezichtigung, den Brand gelegt
zu haben, traurige Berühmtheit erlangt: Ernst Torgler. Der Vorsitzende der
KDP-Reichstagsfraktion begab sich damit in die Hand der Hitler-Regierung,
wurde im anschließenden Prozess freigesprochen, kam in Schutzhaft, lebte
unter einem Pseudonym weiter, bekam eine Anstellung in Goebbels
Propagandaministerium und arbeitete später in der Tschechoslowakei und
Polen. Natürlich hatte ihn die KPD bereits 1933 aus der Partei
ausgeschlossen.
Nur den allerwenigsten Bückeburgern ist
bekannt, dass ein Mann mit dieser Vergangenheit seine Spuren in der
beschaulichen ehemaligen Residenzstadt hinterlassen hat. Denn kurz vor
Kriegsende war im Februar 1945 die Haupttreuhandstelle Ost von Berlin auf
das Bückeburger Schloss verlegt worden. Und damit kam auch Torgler nach Bückeburg
- und blieb über das Kriegsende hinaus bis zum 31. Dezember 1948 in Bückeburg,
wo er für die Stadtverwaltung arbeitete.
Das Leben Torglers samt der Bückeburger Episode wird in einem neu
erschienenen Buch mit dem Titel "Ernst Torgler - Ein Leben im Schatten
des Reichstagsbrandes" beleuchtet, erschienen im Berliner
"Trafo"-Verlag. Die beiden Autoren Norbert Podewin und Lutz Heuer
gehen - natürlich - ausführlich den Geschehnissen rund um den
Reichstagsbrand nach, die sie als Protest gegen die Unterstellung der
"kommunistischen Brandstiftung" bezeichnen.
Zehn Seiten widmen sie aber auch dem Leben Torglers in Bückeburg, der von
hier aus um die Wiederaufnahme in die KPD kämpfte und unter anderem mehrere
Briefe an die damalige KP-Führung um Wilhelm Pieck schrieb, der später
Staatspräsident der DDR werden sollte.
Torglers Versuche, auch unter Einschaltung Bückeburger und hannoverscher
Genossen, blieben erfolglos. "Das ZK sieht keinen Grund, diese zurückzunehmen",
lautete die einzige Antwort. Schließlich wurde Torgler SPD-Mitglied.
In Bückeburg arbeitete Torgler, "eine prominente Novität im ländlichen
Bückeburg", in der Stadtverwaltung und war für die Rückführung von
Evakuierten, für Zuzugsgenehmigungen und dann als Leiter der Markenrücklaufstelle
in leitenden Positionen verantwortlich. Was ihn nicht hinderte, auch
Vorsitzender des Betriebsrates der Stadtverwaltung zu werden. "Für die
Bückeburger Amtsgeschäfte überqualifiziert", lautete später eine
Beurteilung in einem Arbeitszeugnis, das ihm der damalige Stadtdirektor
ausstellte, als er zum 1. Januar 1949 nach Hannover wechselte, wo er 1963
starb.
Denn zwischenzeitlich war durch Anschuldigungen, erhoben in einem
Zeitungsartikel, den Bückeburgern bekannt geworden, mit welchem prominenten
Zeitgenossen sie es hier zu tun hatten. Torgler "bot der Öffentlichkeit
das zwiespältige Bild eines von der Führung verdammten Ex-Kommunisten mit
tragischer persönlicher Aura". Weitere Erwähnungen, etwa im
Zusammenhang mit den Nürnberger Prozessen, wo sein Name ebenfalls
auftauchte, hoben "ihn noch weiter ab von der seit Generationen
weitgehend unveränderten Hierarchie der behäbigen Stadtidylle". Die
erhobenen Vorwürfe konnte Torgler zwar gegenüber der Stadtverwaltung ausräumen.
"Zurück blieb jedoch ganz offenbar eine Trübungdes Arbeitsklimas, die
sich in den engen Grenzen der kleinen Stadt auch auf die Familie auswirkte,
die von vielen bislang ahnungslosen Einwohnern nun mit entfachter Neugier
beobachtet wurde". Beginn einer persönlichen Krise, die im Wegzug
Torglers endete."
Rezension von Gerd Bedszent in: Junge Welt vom 22.05.06,
S. 15 (Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/05-22/062.php)
"Im Mahlwerk. Norbert Podewin und Lutz Heuer haben eine Biographie Ernst Torglers geschrieben
Seit den 60er Jahren dauert der Streit an, ob es sich bei der Brandstiftung im Deutschen Reichstag am 27. Februar 1933 um das Werk eines Einzeltäters oder um eine Provokation der Nazis gehandelt hat. Norbert Podewin und Lutz Heuer veröffentlichten kürzlich eine Biographie Ernst Torglers, eines der Angeklagten im Reichstagsbrandprozeß, von 1929 bis 1933 Vorsitzender der KPD-Fraktion im Deutschen Reichstag. Das Buch dokumentiert die Sicht eines Betroffenen auf die damaligen Ereignisse und liefert Hinweise auf die tatsächlichen Täter. In erster Linie ist es aber die Schilderung der Tragödie eines Mannes, der unvermittelt in das Mahlwerk der Geschichte geschleudert und zerrieben wurde.
Torgler war Jahrgang 1893, lernte Verkäufer, arbeitete im sozialistischen Jugendverband, dann in der SPD, wurde während des Krieges zum Militär geholt, trat zur USPD über, wirkte 1918 in den Arbeiter- und Soldatenräten und wurde 1920 KPD-Mitglied. Sein Lebenslauf entsprach dem zahlreicher deutscher Sozialdemokraten, die – geschockt von dem Grauen des Weltkrieges und enttäuscht von der eigenen Partei – damals zu Kommunisten wurden.
Parteisoldat
Für die KPD arbeitete Torgler ehrenamtlich als Bildungsobmann und als Stadtrat in Berlin-Lichtenberg. Während der Richtungskämpfe, die Anfang der 20er Jahre die Führungsspitze der KPD zerrissen, tat er als getreuer Parteisoldat seine Pflicht, unabhängig davon, ob gerade die »Linken« oder die »Versöhnler« das Zentralkomitee dominierten. Als Nachrücker für einen verstorbenen Genossen erhielt er 1925 sein Reichstagsmandat. Für seine Tätigkeit als Abgeordneter kamen ihm die Erfahrungen in der Kommunalpolitik zugute, so daß er seine Partei in zahlreichen parlamentarischen Ausschüssen vertreten konnte. Als 1928 der damalige Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion infolge eines internen Machtkampfes abgelöst wurde, ersetzte man ihn durch Torgler, der keinerlei Parteifunktionen ausgeübt und sich an den Fraktionskämpfen nicht beteiligt hatte.
Es ist offenbar Torglers langjährigem Wirken im parlamentarischen System geschuldet, daß ihm 1933 ein gravierender Fehler unterlief: Er unterschätzte die Aggressivität und Brutalität der Nazis, glaubte, diese würden noch über längere Zeit eine demokratische Fassade aufrecht erhalten. Als der Reichstag brannte und führende Kommunisten der Brandstiftung bezichtigt wurden, stellte sich Torgler freiwillig der Polizei, um die Anschuldigungen öffentlich zurückzuweisen. Dies Ansinnen erwies sich als naiv – er wurde sofort verhaftet und erhielt keine Möglichkeiten, sich vor der Presse zu äußern. Als der Prozeß begann, war der größte Teil der deutschen Medien bereits gleichgeschaltet.
Torgler muß nach seiner Inhaftierung begriffen haben, daß es für ihn ums nackte Überleben ging. Da es damals bereits nicht mehr möglich war, einen linken oder demokratischen Juristen als Verteidiger zu bekommen, akzeptierte er einen bekennenden Nazi als Anwalt, Alfons Sack. Dieser handelte seinem Mandanten gegenüber zwar korrekt, untersetzte seine Verteidigungsreden aber durch antikommunistische Ausfälle.
Georgi Dimitroff erklärte in seiner Schlußrede zum Prozeß: »...lieber würde ich mich vom Reichsgericht unschuldig zum Tode verurteilen lassen, als eine solche Verteidigung, wie sie z. B. Herr Dr. Sack für Torgler führte, zu erreichen ...« Da Torgler eine illegal eingeschmuggelte Nachricht ignorierte, in der Wilhelm Pieck ihn aufforderte, sofort Sack das Mandat zu entziehen und sich Dimitroffs Verteidigung anzuschließen, erfolgte in der Brüsseler Parteikonferenz von 1935 sein Ausschluß aus der KPD.
Viel später begründete Torgler in einem Brief an Wilhelm Pieck sein damaliges Verhalten. Die Angeklagten befanden sich in unterschiedlichen Positionen: Dimitroff hatte ein eindeutiges Alibi für die Tatzeit, so daß sogar der Staatsanwalt auf Freispruch plädieren mußte. Daher habe Dimitroff seine Verteidigung politisch-propagandistisch betreiben können. Er – Torgler – war jedoch nachweislich noch kurz vor dem Brand im Reichstagsgebäude. Und mehrere – offenbar gekaufte – Personen wollten ihn wenige Tage zuvor zusammen mit dem mutmaßlichen Brandstifter van der Lubbe gesehen haben. Um dem Todesurteil zu entgehen, mußte er sich auf die juristischen Ebene konzentrieren – was der Nazianwalt Sack für ihn auch tat. Die Zeugen wurden als unglaubwürdig entlarvt und ein Freispruch aus Mangel an Beweisen erreicht.
Nazi-Verwicklung
Torgler blieb bis 1935 weiter in Haft, stand auch danach noch unter Bewachung. Er gab sich unpolitisch. Eine Zusammenarbeit Torglers mit den Nazis verneinen die Autoren.
Allerdings war es im Dritten Reich kaum möglich, sich nicht auf irgendeine Weise in das Regime zu verstricken. Torglers Sohn war 1933 als 15jähriger ins Ausland entkommen. 1937 in Moskau verhaftet und in ein fernöstliches Straflager verbracht, wurde er 1939 an Hitler ausgeliefert. 1943 starb Kurt Torgler als Soldat der faschistischen Armeen im Osten.
Nach einer Gegenüberstellung mit seinem Sohn hatte Torgler auf Verlangen der Nazi-Auslandspropaganda Textentwürfe zugearbeitet – die meisten wurden jedoch nie verwendet. Schwerer wiegt die spätere Tätigkeit als Grundstücksrevisor. Faktisch hat Torgler an der »Arisierung« jüdischer Vermögenswerte mitgewirkt. Sein Kontaktmann aus dem Propagandaministerium übrigens – Eberhard Taubert – machte in der Bundesrepublik weiter Karriere und erhielt 1972 aus den Händen des späteren Kanzlers Helmut Kohl das Große Bundesverdienstkreuz.
Ernst Torgler erlebte das Kriegsende im Westen. Er engagierte sich kommunalpolitisch und versuchte, wieder in die KPD aufgenommen zu werden. Vergeblich – sein diesbezüglicher Brief an Wilhelm Pieck wurde nie beantwortet. Daraufhin trat Torgler der SPD bei und arbeitete bis zu seinem Tod im Jahre 1963 als Gewerkschaftssekretär. Allerdings meinten Freunde von ihm noch nach vielen Jahren, daß er »von seinen kommunistischen Anschauungen« nie ganz loskam.
Norbert Podewin und Lutz Heuer haben für ihre Biographie umfänglich recherchiert, um die Person Ernst Torgler aus »dem Schatten des Reichstagsbrandes« hervortreten zu lassen. Auch die zahlreichen Dokumente im Anhang machen das Buch zu einer Fundgrube – nicht nur für Historiker.