Sackgassen", hrsg. von Monika Melchert, mit einem Nachwort von Regula Wyss, [= Spurensuche. Vergessene Schriftstellerinnen wiederentdeckt, Bd. 5], trafo verlag 2005, 310 S., Abb., ISBN (10) 3-89626-498-2, ISBN (13) 978-3-89626-498-5, 24,80 EUR
Besprechung von Klaus Bellin in: Neues Deutschland,
12.7.2005.
Wiederentdeckt: Thea Sternheims Roman 'Sackgassen'. Der dritte
Anlauf
Das Buch, ihr einziger Roman, brauchte Jahrzehnte, bis es fertig war. Am
Ende griff ihr Gottfried Benn, der Freund, mit energischem Zuspruch unter
die Arme. Er verhalf ihr auch zu einem Verlag. »Sackgassen« erschien im
Juli 1952 bei Limes in Wiesbaden. In Westberlin gab's etwas später eine
glänzend besuchte Buchpremiere, auf der der Theaterkritiker Friedrich Luft
eine Begrüßungsrede hielt, aber die galt weniger ihr, der aus Paris
herbeigeeilten Thea Sternheim, sondern ihrem einstigen Mann Carl, dem
Dramatiker mit den großen Erfolgen und wüsten Theaterskandalen. Ihrem
Roman hat die Veranstaltung denn auch wenig gebracht. Selbst die rühmenden
Aufsätze von Friedrich Sieburg und Benn (der von einem bedeutenden,
lebendigen, spannenden Buch sprach) zahlten sich nicht aus. Im Frühjahr
1953 waren lediglich 240 Exemplare verkauft. Gute zehn Jahre danach, als
Peter Härtling an seiner Serie »Vergessene Bücher« schrieb und den
»kalkulierten Rausch dieser Prosa« pries, wussten von Thea Sternheim und
ihrem Roman nur noch wenige. 1975, vier Jahre nach ihrem Tod, fasste sich
der Limes-Verlag ein Herz und riskierte eine Nachauflage. Aber auch diesmal
ließ sich »Sackgassen« nicht durchsetzen.
Jetzt, noch einmal drei Jahrzehnte später, der dritte Anlauf, diesmal in
der Reihe »Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt«, die Monika
Melchert im Berliner trafo-Verlag herausgibt. Nach Ilse Langner, Susanne
Kerckhoff und Cläre M. Jung nun Thea Sternheim, die Frau mit dem berühmten
Namen, Muse Carl Sternheims, bewunderte Freundin namhafter Schriftsteller
und Künstler, Verfasserin einer Novelle mit dem Titel »Anna«, von der man
anfangs glaubte, er, der Mann, habe sie geschrieben, denn er hatte sie 1912
unter seinem Namen in einem Erzählungsband veröffentlicht. Die Geschichte
handelte von einem Waisenmädchen, das mitten in einer irrlichternden
Gesellschaft lebt, in einer Welt großer, greller Gefühle und splitternder
Sicherheit. Diese Anna, die nur wenig kaschierte, dass sie Erfahrungen ihrer
Schöpferin transportierte, ging Thea Sternheim nicht mehr aus dem Kopf, und
sie begann schließlich ein neues Leben in den »Sackgassen«, wo sie nun
behütete Tochter eines Studienrats ist, groß geworden in einem Milieu, das
hinter blendender bürgerlicher Fassade seine Lügen, Halbheiten und
Verirrungen kaum verbergen kann. Eines Tages kehrt sie diesen Verhältnissen
den Rücken, überlässt sich bedingungslos ihren Gefühlen, stürzt sich,
Lehrerin inzwischen, in die Arme einer Schülerin, die Affäre wird ruchbar
und treibt das Mädchen in den Selbstmord. Danach heiratet Anna einen
Antiquar, wird Mutter einer Tochter, verliert den Mann an eine andere und
erhält ihn wieder zurück. Ein Psychiater taucht auf, aber der ist in dem
Gefühlschaos so verloren wie die anderen auch. Niemand weiß, wo ein Weg
ins Helle ist. Überall nur Irrwege und kein Lichtblick. Überall
Sackgassen.
Damals, als Peter Härtung an den Roman erinnerte, fragte er sich, warum ihn
dieses Buch so erregt hat. Die Welt, die es kritisch beleuchtet, liegt unter
den Trümmern zweier Weltkriege begraben, die Hysterien und
Entschiedenheiten der Figuren gehören einem anderen Zeitalter an. Und
dennoch: Die Pathologie der Jahrhundertwende, die fiebrige, zerstörerische
Maßlosigkeit jener Zeit ist hier so hitzig wie sensibel eingefangen. Thea
Sternheim, im Nachwort der Schweizer Literaturwissenschaftlerin Regula Wyss
ausführlich vorgestellt, gibt sich als starke, eindrucksvolle Erzählerin
zu erkennen, und wer sie inzwischen aus den fünf großartigen
Tagebuchbänden kennt, die Thomas Ehrsam und Regula Wyss 2002 bei Wallstein
edierten, wird ohnehin längst wissen, dass sie im dunklen Winkel der
Literaturgeschichte nichts zu suchen hat. Schön, dass ihr Roman wieder zu
haben ist.