Anna Mudry:

Brooklyn • Berlin. Eine Geschichte vom Warten

Roman, 200 S., ISBN (10) 3-89626-484-2, ISBN (13) 978-3-89626-484-2, 12,80 EUR

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Rezension von Ursula Reinhold, 28. Januar 2005


Der Trafo Verlag hat seit einigen Jahren eine beachtliche Reihe von zeitgenössischen Autobiographien vor allem Ostdeutscher publiziert und damit eine wichtige Quelle für Nachgeborene geschaffen, die sich ein Bild vom Leben in der DDR machen wollen. Dabei haben solche Darstellungen den Vorzug, authentisch vom Leben im untergegangenen zweiten deutschen Staat zu zeugen. Die Lebensrückblicke sind so unterschiedlich wie die Autoren, die sie geschrieben haben, sie reichen von Berichten über politische und berufliche Werdegänge bis zu literarischen Verarbeitungsformen von Lebenserfahrung.
Mit Anna Mudrys Buch liegt vor uns der Versuch einer literarischen Verarbeitung. Das überrascht nicht, denn die Autorin ist seit Jahrzehnten als literarische Übersetzerin und Autorin von Büchern und Hörspielen bekannt. Sie nennt ihr Buch eine Geschichte vom Warten und rekonstruiert die Gründe, die dazu führten, daß ihrer Protagonistin Lydia, die frühe Begegnung mit einem amerikanischen Kommunisten, einem „Reisenden in Sachen Revolution", der seiner orthodox jüdischen Familie entlaufen war, zu einem unverlierbaren Ereignis werden lassen, das sie lebenslang bindet und nach dem Fall der Mauer erneut beschäftigt. Trotz dieser Wartesituation konstatiert die Protagonistin als Lebensfazit: „Es war keine verlorene Zeit". Die Situation der andauernden Erwartung darauf, daß das Entscheidende geschieht, meint mehr als die konkrete Situation des Wartens auf den verschollenen Liebhaber. Sie steht als Zeichen für die Erwartung einer neuen Gesellschaft, deren Ankunft sich jedoch mehr und mehr als eine Schimäre erweist. In Momentaufnahmen entsteht ein allmählicher Ernüchterungsprozeß angesichts der Versprechen eines Gesellschaftsentwurfs, der sich als human und sozialistisch verstand, aber nicht einlöste, was er versprach. Gegenüber dieser vom Ende her konstatierten Desillusionierung steht die Absicht, sich mit der Suche nach den Wurzeln eigenen Herkommens und eigener Erfahrung auch dem Gewicht eigenen Lebens zu vergewissern.
Die Autorin setzt die erzählte Lebensgeschichte mosaikartig aus vielen Erinnerungs- und Erfahrungspartikeln zusammen, die assoziativ verknüpft sind, sie entstammen unterschiedlichen Zeiten, erzählen von vielen Städten und Menschen. In der Lebensgeschichte von Lydia kommen generationsspezifische Erfahrungsmuster zur Geltung. So erhält das Flüchtlingskind einer alleinstehenden Mutter als Arbeiterkind Zugang zu Abitur und Studium und findet so eine soziale und menschliche Perspektive für sich in der DDR. Die Autorin zeichnet ihre Erfahrungen von Grenzgängen im Berlin der 50 er Jahre nach, läßt ihre Lydia den Bau der Mauer und das Leben mit ihr erleben, aber auch die Begegnung mit verfolgten Menschen aus lateinamerikanischen und anderen Ländern, bei denen die studierende Romanistin Sprache lernt und an revolutionären Erfahrungen partizipiert. Auch eröffnen sich daraus Möglichkeiten italienischer Eheanbahnung, wofür sie das eigene Leben aber nicht eintauschen will. Spät erst fragt Lydia nach dem Vater, einem Volksdeutschen aus Polen, sie begibt sich auf die Reise, um nach seinen und den Spuren ihrer kindlichen Erfahrungswelt zu suchen. Sie nimmt den Leser mit in die Orte ihrer kindlichen Welt, fährt nach Warschau und stary most, einer kleinen Stadt in Galizien, wo nicht nur Erinnerungsfragmente an die eigene Kindheit aufsteigen, sondern auch Zeugnisse der einstmals dort lebenden jüdischen Nachbarn anzutreffen sind, die spärlich genug sind. Nur noch Ahnungen und blasse Erinnerungen an mögliche Verhaltensweisen der zu den Volksdeutschen gehörenden Eltern scheinen auf. Hier stößt sie erneut auf einen Zusammenhang zum Familienschicksal ihres amerikanischen Freundes, dessen Angehörige, während der Kriegsjahre ihren deutschen Verfolgern nur mit Mühe entkommen konnten.

 

Rezension von Christa Stecher von Oktober 2009

" Der Titel "Broklyn.Berlin. Eine Geschichte vom Warten" ist eigentlich irreführend.Dieser "Romanze" mit offenem Ausgang zwischen einer jungen Ostberlinerin und einem Amerikaner jüdischer Hekunft , den es im Verlauf seiner Weltverbesserungs-Trips in die DDR vor dem Mauerbau verschlägt, hätte besser der Titel " Geschichte eines sculdigen Kindes " zu  Gesicht  gestanden. Aber schien im Zusammenhang mit einer schillernden jüdischen Biografie die Erwähnung von Schuldgefühlen in dieser unvollendeten Liebesgeschichte nicht zeitgemäß genug, dazunehmend viele doch den Schlussstrich unter Schuldgefühle ziehen wollen? Eigentlich kann man heute der Autorin eine gwisse Courage  zum Alleingang zubilligen, wenn sie gut 60 Jahre nach Beginn der Deportationen der Juden in die Vernichtungslager Wurzeln von Mitschuld freizulegen sucht, die in eine eigentlich nicht schuldfähige Kindheit zurückreichen.Aufschlussreich für Leser, die die Vergngenheitsaufarbeitung in der DDR vor allem vom "verordneten Antifaschismus" geprägt sehen,mag sein, dass der christlich erzogene Roman-Heldin Lydia  die tiefen seelischen Erschütterungen nicht aufgedrängt werden, sondern Ergebnis hrer Spurensuche und unerbittlicher Selbstbefragungen sind.An einem Ort ihrer Kindheit entreisst Lydia schliesslich ihrem gedächtnis  die Umrisse eeines als "Jud" verspotteten namenlosen Jungen, der eines Tages mit anderen Ghettobewohnern aus der kleinen Stadt an der Weichsel ohne eine Spur zu hinterlassn verschwunden war.Lydias anscheinend sinnlose lange Warten bekommt aus dem "bitteren Brunnen des Herzens" im Nichtvergessen und Nichtvergessenwollen einen Sinn.Der lange Atem eines Romans fehlt "Brooklyn. Berlin. Eine Geschichte vom Warten". Aber in den novellistisch verdichteten Kapiteln nehmen vor Kulissen des 20. Jahrhunderts in den Strudel der Geschehnisse hineingerissene "namenlose" menschen, Täter, opfer, Mitläufer, in ihrer Alltäglichekeit und auch in der "Banalität des Bösen" einprägsame Gestalt an.