hrsg. von Monika Melchert, [= Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt, Bd. 4], trafo verlag 2004, 267 S., Abb., ISBN 3-89626-432-X, 29,80 EUR
Rezensionen
17.12.04 in junge Welt, Rezension von Cristina
Fischer
Überschrift. Unfreiwillige
Emanzipation
Die Schriftstellerin und Publizistin Cläre Jung (1892–1981) mußte erst
verlassen werden, um ihren eigenen Weg zu gehen. Eine Wiederentdeckung der vergessenen Autorin im trafo-Verlag.
Nicht jede Frau, die gegen ihr Elternhaus rebellierte und mit den Männern
um die Häuser zog, als das noch unschicklich
war, entledigte sich damit zugleich der Abhängigkeit von
patriarchalischen Strukturen oder von einem privaten
Lieblingstyrannen.
Cläre Jung war schon vor dem ersten Weltkrieg, damals unter
ihrem Mädchennamen Cläre Otto, in der Berliner »Tat«-Gruppe
um Erich Mühsam und in dem Kreis um die von Franz Pfemfert
herausgegebene Zeitschrift »Aktion« in Erscheinung getreten.
Durch ihren ersten Mann, Richard Oehring, lernte sie
marxistische Schriften kennen und radikalisierte sich, »zum
Kampf gegen diese Gesellschaft entschlossen«.
Von ihren Freunden wurde sie als Prototyp der »Kameradin«
verehrt – und, wie es heute scheint, vereinnahmt. Damals
lernte sie den anarchistischen Schriftsteller Franz Jung
(1888–1963) kennen, und »er wurde ihr Schicksal«, wie es die
Autorin Elfriede Brüning in ihrem Buch über »vergessene
Frauen« formulierte. Cläre, die sich doch das Ideal des »neuen
Menschen« zu eigen gemacht hatte, wurde zur
aufopferungsvollen Sekretärin des egomanischen und
hyperaktiven Hasardeurs: »Eigenes? Ab und zu ein Gedicht, nicht
mehr.«
»Sie hat, wie alle schöpferischen Frauen, vor dem ewigen Dilemma
gestanden, sich entscheiden zu müssen: für die Liebe zum Mann, das
harmonische Miteinander, oder für den Erfolg
im Beruf«, meint Elfriede Brüning.
Zum Glück hatte Franz Jung 1930 von
seiner Angetrauten die Nase voll und verließ sie ohne ein Wort des
Abschieds, um mit einer anderen zusammenzuleben.
Nun war Cläre dazu gezwungen, sich von ihm
zu emanzipieren, und das gelang ihr gar nicht schlecht. Sie
schrieb u. a. den – bis heute unveröffentlichten – Familienroman
»Baumann Erben« und sie führte einen »Feuilleton-Dienst«, mit dem sie
ihren Lebensunterhalt verdiente. Die
Zeit des Faschismus überstand sie am Rande der
Illegalität. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie Mitarbeiterin am
Berliner Rundfunk in der sowjetischen Besatzungszone. Sie
blieb in der DDR, ohne viel Aufhebens von sich zu machen,
während Franz Jung immer noch großspurig, aber ohne klares
Ziel durch die Welt vagabundierte. Sie hing bis zu ihrem
Lebensende an ihm, baute ein Franz-Jung-Archiv auf und setzte sich für
Neuauflagen seiner Werke ein. Selbst ihre Erinnerungen »Paradiesvögel«,
1987 postum im Nautilus-Verlag
erschienen, sind eigentlich eine Hommage an ihn.
Auch wenn Fritz Mierau sie als das »wahrscheinlich einzige Buch seiner Art«
lobte, in dem »das Leben einer Berliner Revolutionärin
in den ersten 50 Jahren unseres Jahrhunderts«
dargestellt werde.
Mehr über Cläre Jung ist in einem Band zu erfahren, den
Monika Melchert für den trafo Verlag zusammengestellt hat.
Dort sind neben einer biographische Skizze u. a. die Erzählung
»Stanislaw Tscherwinsky« (1922) und der Roman »Aus der
Tiefe rufe ich« (1946) zu finden.
Rezension von Sonja Hilzinger in: Virginia Frauenbuchkritik, Frühling
2005, Nr. 37, S. 8:
"Als 1987 in Hamburg die Lebenserinnerungen Cläre Jungs (1892–1981)
unter dem Titel »Paradiesvögel« erschienen, bemerkte Helga Karrenbrock in
ihrem Nachwort, dass die Person Cläre Jung in diesen ihren Erinnerungen
nicht wirklich greifbar wird: »Sie schreibt um ihr Leben, aber das ist
nicht allein ihres. Es ist vor allem das Franz Jungs, und dann das ihres
>Clans<. Sie ist überall dabeigewesen, vom Aktionsball über die
Internationale Arbeiterhilfe bis zur >Stimme des Kulturbundes< hat
vieles ermöglicht, manches initiiert – aber sie selbst hat es scheinbar
nicht gegeben.«
Diese Charakteristik trifft auch zu auf die Prosa Cläre Jungs, die eigenes
Erleben in kaum fiktionalisierter Form gestaltet, ohne ausdrückliches
Bekenntnis zum Autobiografischen: so die 1932 entstandene Erzählung
»Stanislaw Tscherwinsky«, die in der jungen Sowjetunion des Jahres 1922
angesiedelt ist, und die 1946 bei Aufbau erstmals erschienene Roman-Chronik
»Aus der Tiefe rufe ich«. Cläre Jungs Selbstverständnis ist das einer
Zeitzeugin, die berichtet, dokumentiert, was sie sieht und erfährt – und
als Zeitzeugin, als Zeitgenossin ist sie anwesend in ihren Geschichten. Als
junge Frau aus einer gutbürgerlichen Berliner Kaufmannsfamilie erlebt Klara
Marie Otto aus nächster Nähe den expressionistischen Aufbruch im Umkreis
der »Aktion«. Ihre Freunde ziehen als Freiwillige in den Krieg,
desertieren oder fallen. Ihre ersten Texte – Gedichte und Kurzprosa, in
Zeitschriften veröffentlicht – sind dem Expressionismus verpflichtet. Mit
Franz Jung, dem linksradikalen Aktivisten und Schriftsteller, lebt und
arbeitet die Dreißigjährige zwei Jahre lang in der Sowjetunion. Ihr
Engagement in der Internationalen Arbeiterhilfe richtet sie auf den Aufbau
von Kinderheimen, in denen durch Krieg und Revolution entwurzelte und
verwaiste Kinder ein neues Zuhause bekommen sollen. Mit einem Abstand von
zehn Jahren gibt sie in ihrer Erzählung »Stanislaw Tscherwinsky« ein
ausschnitthaftes Bild jener Zeit. Der Fokus der Erzählung liegt auf den
ungeheuren Anstrengungen und Schwierigkeiten der Aufbauarbeit inmitten
chaotischer Verhältnisse, die diese an Herkunft und Charakter völlig
verschiedenen Menschen auf sich nehmen wie eine Mission. Mit wenigen Worten
wird eine Figur umrissen, auktoriale und Figurenperspektive wechseln
unvermittelt, szenische Passagen, Landschaftsbeschreibungen und sachliche
Erläuterungen folgen aufeinander, anschaulich und konkret. In diesem
Alltag, der von Arbeit und Ruhelosigkeit bestimmt ist, ist kein Platz für
Helden. Ausnahmslos alle Figuren sind Spannungen ausgesetzt, die ihre
Kräfte aufs Äußerste fordern. Die junge Genossin Vera Koschewnikowa ist
die einzige politisch aktive Frau unter den männlichen Revolutionären.
Sie, Mutter eines kleinen Sohnes, ist zuständig für den Aufbau von
Kinderheimen für die Waisen. Das politische Prinzip, das in dieser
Erzählung unspektakulär zur Anschauung kommt, ist Solidarität, und das
trifft genauso – wenn auch unter völlig anderen historischen Umständen
– auf den Roman »Aus der Tiefe rufe ich« zu: Im Berlin der Jahre
1938 bis 1943 verschärft sich die Situation für die jüdischen Menschen
zunehmend. Für ihr Überleben sind sie auf die Hilfe von Nachbarn, Freunden
oder Unbekannten angewiesen. Im Zentrum steht die Hilfsaktion Bettinas für
die Schwestern Jacobsohn, ehemalige Schulkameradinnen, denen sie die Flucht
aus Deutschland ermöglicht. Ebenso wie die Erzählung aus dem Russland der
frühen Zwanziger Jahre geht auch diese Chronik auf eigenes Erleben Cläre
Jungs zurück. In ihren Lebenserinnerungen betont sie den Charakter dieses
Textes als Beschreibung von Tatsachen. Beeindruckend ist hier die nüchterne
Genauigkeit, indem, einer Dokumentation gleich, einzelne Schicksale, wie sie
zufällig in das Lebensumfeld der Autorin gerieten, zugleich in ihrer
individuellen und ihrer exemplarischen Präsenz dargestellt sind."