[= Hochschulschriften, Bd. 2], trafo verlag 2003, 360 S., zahlr. Abb., ISBN 3-89626-306-4, 29,80 EUR
Rezension von Werner Abel, Chemnitz, für
"Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung", 2004
"Im Jahre 1947 sah sich der Oberst a. D. und vormalige
Abteilungschef der Infanterieabteilung im Oberkommando des Heeres Wolfgang Müller
gezwungen, mit einer in zwei Auflagen erschienen Broschüre vor dem
Entstehen einer neuen „Dolchstoßlüge“ zu warnen. Müller, der den Männern
des 20. Juli nahe stand und deshalb selbst Verfolgungen ausgesetzt war,
musste feststellen, dass restaurative Kräfte selbst den bescheidenen
deutschen Widerstand als hinterlistigen Angriff auf die heldenhaft kämpfenden
deutschen Truppen interpretierten. Die Sorgen Müllers sollten wenige Jahre
später einen durchaus realen Hintergrund bekommen: In der Begründung des
Verbots der neonazistischen „Sozialistischen Reichspartei“ vom 23. 10.
1952 machte das Bundesverfassungsgericht unter anderem darauf aufmerksam,
dass die „Dolchstoß“-Legende zum propagandistischen Kernbestand dieser
Partei gehörte und dass damit alle diejenigen, die sich gegen Hitler
gewandt hatten, als Erfüllungsgehilfen antideutscher ausländischer
Interessen denunziert wurden. Die Stigmatisierung des Widerstands als Verrat
zeigte über Jahre hinweg seine Wirkung und es war nicht ohne Probleme möglich,
dass sich die Bundesrepublik nach und nach offiziell zur Tradition des
Widerstands bekannte. Allerdings konnte der Vorwurf, der „Dolchstoß der
Heimat“ hätte das im Felde unbesiegbare Heer dem Feinde ausgeliefert,
nicht jene Dimension annehmen, die Rainer Sammet in seiner Dissertation
eindrucksvoll und detailliert beschreibt und die Lars-Broder Keil und Sven
Felix Kellerhoff in ihrem Buch „Deutsche Legenden. Vom Dolchstoß und
anderen Mythen der Geschichte“ als die wohl wirkungsmächtigste
Geschichtslegende des 20. Jahrhunderts charakterisieren. Der Unterschied
zwischen den beiden Kriegsenden 1918 und 1945 war auch zu groß, als dass
die alte Legende weiterexistieren oder wieder aufleben konnte. Der 2.
Weltkrieg endete auf deutschem Boden, nachdem buchstäblich bis zum letzten
Tag gekämpft wurde. Es kam zu keiner Neuauflage des Versailler Vertrages,
im Gegenteil, die westlichen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition zeigten
sich bald an einem prosperierenden Westdeutschland interessiert. Die rasche
Einbeziehung der Bundesrepublik in die Wirtschafts- und Verteidigungsbündnisse
der westlichen Demokratien verhinderten, dass verschwörungstheoretische Ansätze,
die in gewissen Milieus immer wieder entstanden, an Breitenwirkung in der Öffentlichkeit
und Einfluss auf die deutsche Politik gewannen. Ganz anders also nach dem I.
Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Sammet zeichnet nach, dass die
Vorstellung, die Heimat sei der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen,
schon in der Wahrnehmung und Darstellung der sich abzeichnenden drohenden
Niederlage Deutschlands im letzten Kriegsjahr ihre Wurzeln hatte und die
historische Forschung hat bestätigt, dass der viel beschworene „Geist von
1914“ nicht nur einer Kriegsmüdigkeit gewichen, sondern das auch der
„Siegfrieden“ Deutschlands durch eklatante Fehler der Obersten
Heeresleitung nicht mehr zu erreichen war. Aber nationalistische
Borniertheit und der Zwang, von dem eigenen Versagen abzulenken, zwang zur
Suche nach den Sündenböcken. Es war aber nicht wie in dem in Deutschland
zum Heldenmythos hoch stilisierten Nibelungenlied ein Hagen, der den
deutschen Siegfried (man beachte die Analogie zum Wort „Siegfrieden“)
ermordete, sondern es waren viele. Das Spektrum des Vorwurfs erfasste alles,
was potentiell in den Verdacht kommen konnte, nicht genügend die deutschen
Interessen zu vertreten: Die politische Linke ohnehin, Republikaner, Juden
und Katholiken. Es ist heute, vor allem für den Nichthistoriker, vielleicht
nicht mehr nachvollziehbar, wie aufgeregt und immer wieder aufgeheizt die
Debatte über die deutsche Niederlage in der Öffentlichkeit verlief.
Deshalb ist es einer der unbestreitbaren Vorteile des Buches, die
wichtigsten Aussagen dazu, die wichtigsten Stimmen zusammengetragen und
diese nach den jeweiligen politischen Milieus differenziert aufzuführen.
Dabei fällt auf, dass die Anzahl derer, die diese Niederlage mit einem
„Dolchstoß“ in Verbindung bringen, weit größer ist als die
derjenigen, die jede Art von Verschwörungstheorien ablehnen. Was bleibt
aber ist, dass die junge Republik sofort in die Defensive gehen musste, weil
ihr der Vorwurf gemacht wurde, im Grunde das Produkt einer antideutschen
Verschwörung zu sein. Dass der republikanische Gedanke überdies als
Importartikel und damit dem deutschen Wesen fremd angesehen wurde, verschärfte
die Situation und führte unter anderem dazu, dass führende Repräsentanten
des neuen deutschen Staates vor Gericht gegen die Verleumdungen und Vorwürfe
auftreten mussten. Die „Dolchstoß“-Legende wurde aber von rechten,
nationalistischen und konservativen Kräften nicht nur zur Delegitimierung
der Weimarer Republik benutzt, sie diente auch den Nationalsozialisten zur
Legitimierung ihres terroristischen Systems. Hitler hatte von Anfang
eindeutig darauf orientiert, radikal und rigide alle potentiellen Gegner
auszuschalten, damit sich die Situation von 1918 nicht wiederholen würde.
Das ging so weit, dass ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht
gestellt wurden und Hannah Arendt weist darauf hin, dass die
Nationalsozialisten mit dem „objektiven Gegner“, also dem, der subjektiv
nichts gegen das Regime unternehmen will, aber objektiv auf Grund seiner
Rasse, Religion oder Weltanschauung als gefährlich angesehen wird, eine
neue Rechtsfigur geschaffen hatten: Der Jurist Theodor Maunz schrieb 1943 in
„Gestalt und Recht der Polizei“: „Die Sicherungsmaßnahme will durch
Ausscheidung gefährlicher Personen … einen Zustand der Gefährdung von
der Allgemeinheit abwehren, und zwar losgelöst von einem etwaigen Delikt
dieser Personen. Es handelt sich darum, eine objektive Gefahr abzuwehren.“
(S. 44) Dass es sich dabei um eine Pervertierung der Prävention handelte,
muss nicht besonders betont werden, aber zur Begründung wurde seitens der
Nationalsozialisten in offiziellen und inoffiziellen Verlautbarungen, so
z.B. in Hitlers Tischgesprächen, immer wieder die Vermeidung eines neuen
„Dolchstosses“ herangezogen. Auch unter diesem Aspekt sollte man die von
Rainer Sammet material- und kenntnisreich dokumentierte Diskussion zur
Kenntnis nehmen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die deutsche
Rechte, hier vor allem Erich Ludendorff, die Legende in die Welt setzte, der
englische General Sir Frederick Maurice bzw. General Neill Malcolm, der Chef
der englischen Waffenstillstandskommission, hätten als erste davon
gesprochen, das deutsche Heer sei von hinten erdolcht worden. Beide
englischen Generäle aber dementierten energisch, jemals den Ausdruck
gebraucht zu haben. Wer aber auch immer den Ausdruck erstmals benutzt hat,
er reihte sich damit in eine weit zurück reichende Theorie der Verschwörungen
ein, die nicht auf Deutschland beschränkt werden kann. Auch in England gab
es die Vorstellung (bildlich ausgedrückt in einer Karikatur in „PUNCH“
vom Oktober 1918), dass streikende Munitionsarbeiter die Armee von hinten
erdolchen. Aber nirgendwo hatten diese Legenden vom „Dolchstoß“ so
katastrophale Auswirkungen wie in Deutschland. Rainer Sammet hat eine
wissenschaftliche Arbeit vorgelegt, die auch in breiten, nichtakademischen
Kreisen zur Kenntnis genommen werden sollte. Beeindruckend sind auch die
Auswertung des immensen Materials zum Thema und die Konzentration auf die
wichtigsten Quellen. Wer sich mit der Entstehungsgeschichte der Weimarer
Republik befasst hat, wird das zu schätzen wissen. Dem Trafo-Verlag ist zu
danken, eine Schrift in sein Programm aufgenommen zu haben, der eine große
Resonanz zu wünschen ist.