(Reihe: Gesellschaft - Geschichte - Gegenwart, 20). trafo, Berlin 2001, 313 S. (20 Abb.), ISBN 3-89626-198-3, 29,80 EUR
Rezensionen:
Vierteljahresschrift
für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 89. Band, Heft 2 (2002), S. 235f.,
Rez. v. Dirk Hackenholz
Auszug: Das Buch „Emil und Walther Rathenau in der elektrochemischen
Industrie" füllt eine der wohl noch größten Lücken in der
bisherigen Rathenauforschung. Vorgelegt wird es von einer Autorin, die sich
ihre wissenschaftlichen „Sporen" unter anderem bei den undogmatischen
DDR-Historikern Fritz Klein und Jürgen Kuczynski verdiente.
Die Darstellung bietet jedoch nicht nur Personen, die originär an
den Industriellen Emil und Walther Rathenau interessiert sind, sondern einem
breiteren Leserkreis mit Interesse an Wirtschafts- und Technikgeschichte
neue und aufschlussreiche Informationen. Zugleich stellt Mader mit ihrer
Studie neue umfangreiche Kenntnisse über die Ansiedlung der Großchemie im
Raum Bitterfeld vor. Damit unterzieht nach der Dissertation von Dieter
Wagner (Standort und Innovation. Geschichte und Unternehmensstrategien der
Chemischen Fabrik Griesheim 1856–1925, 1999) eine zweite wissenschaftliche
Arbeit den Elektrochemiestandort Bitterfeld einer genaueren Betrachtung. Die
ersten Jahre der Standortentwicklung können somit aus den unterschiedlichen
Blickwinkeln der Pioniere in der elektrochemischen Industrie nachvollzogen
werden ... Der zeitliche Beginn der Betrachtung liegt jedoch weit vor der
Wahl Bitterfelds zum Standort für die noch junge elektrochemische
Industrie. So werden einleitend die Motive Emil Rathenaus und sein
wirtschaftliches Engagement auf dem Gebiet der Elektrochemie geschildert.
Zeitgleich wird gezeigt, wie Walther Rathenau den Weg zu den technologischen
und industriellen Anfängen der Branche fand. ... Kennzeichnend für dieses wie auch für die folgenden Kapitel sind
umfangreiche Betrachtungen über die Marktsituation und die allgemeinen
wirtschaftlichen und zeitlichen Umstände, in denen sich die ersten
unternehmerischen Schritte der Rathenaus auf dem Gebiet der Elektrochemie
vollzogen. So gehören zur Darstellung der Rahmenbedingungen ebenso kurze
Schilderungen zur Entstehung und Entwicklung der AEG, die Wiedergabe der
Eindrücke Emil Rathenaus auf der Weltausstellung in Chicago 1893 als auch
Reflexionen zu Walther Rathenaus frühen schriftstellerischen Betätigungen.
Durch dieses zum Teil weite Ausgreifen wird versucht, insbesondere Walther
Rathenau als ganzheitliche Persönlichkeit darzustellen.
Der umfangreiche dokumentarische Anhang, etwa ein Drittel des Buches, bietet
neben der Möglichkeit, sich zu einzelnen Aspekten einen vertieften Einblick
zu verschaffen, auch einen interessanten Exkurs in die Briefkultur der
damaligen Zeit. ... Ergänzt wird der dokumentarische Anhang durch
Faksimiles und einige wenige Fotografien.
Für den Leser ungewöhnlich, jedoch nicht störend, sind die von
Ursula Mader an vielen Stellen eingeführten Zitate - eine Schreibtechnik,
die auch einem ihrer akademischen Lehrer zueigen war und verstärkt die
handelnden Personen jener Zeit selbst zu Wort kommen lässt. Auf diese Weise
gelingt es ihr, den Leser unmittelbar in die Konflikte und
Entscheidungssituationen Emil und Walther Rathenaus zu führen und ihn mit
der Gedankenwelt insbesondere des jungen Rathenau vertraut zu machen.
Besprechung
auf der Internetseite der Walther Rathenau Gesellschaft, 2003
Diese von Ursula Mader erarbeitete Studie führt von den Plänen und Absichten auf dem Gebiet der industriellen Elektrochemie, wie sie der Berliner Elektroindustrielle und vormalige Maschinenbauingenieur Emil Rathenau verfolgt und auch selber dargestellt hat, hin zur Bestätigung seines Sohnes, Walther Rathenau, als Techniker, industrieller Unternehmer und Aktionär an Ursprungsorten dieses Industriezweiges in der Schweiz, in Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) und Rheinfelden am Oberrhein sowie in Frankreich. Anhand von originalen Dokumenten und Berichten lassen sich Einblicke in die industrielle Entwicklung wie in den jeweiligen Geschäftsgang gewinnen, durch mehrere Briefe werden handelnde Personen mit ihren geschäftlichen Motivationen und in ihren individuellen Eigenarten vorgestellt. Somit will die Studie nicht nur das Zusammenspiel von Vater und Sohn Rathenau in diesem industriellen Bereich erhellen, sie bezieht auch deren unternehmerische Partner und Kontrahenten in die Betrachtung ein.
Unter dein Aspekt einer elektrochemischen Industrie wird zwar das spezielle Wirken von Emil und Walther Rathenau als Industrielle auf diesem Gebiet vor und unmittelbar nach der Wende zum 20. Jahrhundert besichtigt, doch werden darüber hinaus Auskünfte über die Interessenlage der AEG als einem vielseitigen Elektrizitätsunternehmen gegeben. Denn als Generaldirektor der AEG hatte Emil Rathenau frühzeitig und unter den technisch noch begrenzten Möglichkeiten von Energieerzeugung und -verteilung nicht nur Potenzen des benachbarten Industriegebietes Elektrochemie erkannt, sondern seine eigene Grundorientierung auf den Kraftwerksbau und auf die technischen Grundlagen zur Voraussetzung territorialer und regionaler Elektrifizierung beibehalten. So lassen sich mit dem Wirken Emil Rathenaus gewisse Stationen der Elektrifizierung verbinden.
Anders wird mit der Beobachtung von Walther Rathenau als dem jungen, der elektrochemischen Industrie eigens zugewandten Geschäftsführer der in Berlin gegründeten "Elektrochemischen Werke GmbH" nicht etwa, wie häufig vermutet, der Weg eines industriell Scheiternden sichtbar, sondern vielmehr das Ringen des in heftigste Konkurenzkämpfe verwickelten, doch geeignete Alternativen findenden Geschäftsmannes. Die Aktionen und Unternehmungen Walther Rathenaus, dessen erstes publizistisches Auftreten berücksichtigt wird, ergehen den eigentlichen Kern der Studie. Insgesamt lassen sich zahlreiche Informationen die seinen schwierigen Einstieg in das industrielle Management wie andererseits die komplizierte Anfangslage der elektrochemischen Industrie kennzeichnen, dem vorgestellten Material entnehmen. Dieses basiert in der Hauptsache auf dem Archivbestand "IG Farben-ludustrie/Chemische Werke Bitterfeld'', der gegenwärtig im Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Merseburg bewahrt ist.