Barbara Schwantes

Der Ulmenhof. Ein Streifzug durch 125 Jahre sozialer Arbeit auf dem historischen Gelände

in Berlin-Wilhelmshagen

trafo Literaturverlag, 2019, [= Hausgeschichte(n) aus Berlin-Köpenick, Band 7], 107 S., zahlr. Fotos und Illustrationen, ISBN 978-3-86465-125-0, 12,80 EUR

 

Besprechungen

 

Der Name Friedrich Siegmund-Schultze (1885-1969) hat in der Geschichte der deutschen Sozialpolitik, -kunde und -ethik seinen festen  Platz, und in einschlägigen lexikalischen Werken ist seine Präsenz gewiss. Diese pflegen allerdings durchweg über ein Engagement des Protagonisten an einem ganz konkreten Ort hinwegzugehen: selbst der Protokollband des 2005 zu seinem 120. Geburtstag von der HUB und der STEPHANUS-Stiftung veranstalteten Colloquiums ist weit unterbelichtet in Bezug auf die tragende Rolle des Geehrten bei Gründung und Ausbau einer sozialen Einrichtung, die von Anbeginn an auf Hilfe für Benachteiligte ausgerichtet war. Es handelt sich um die wenig bekannte sozialpflegerische Institution, die allenfalls im näheren lokalen Umfeld einiger Ortsteile im Berliner Südosten   wahrgenommen wird, und die seit 1922 den Namen „Ulmenhof“ trägt.

Ihren Ursprung hat die jetzt 125 Jahre alte Einrichtung in dem Entschluss der Norddeutschen Holzberufsgenossenschaft, über die  durch die 1885 auf Betreiben Bismarcks gesetzlich abgesicherte Unfallversicherung hinaus für die Unfallopfer aus Betrieben ihrer Branche neben der Pflege- eine besondere Rekonvaleszenz-Station ins  Leben zu rufen – also eine besondere Leistung an die ohnehin schon weltweit Aufsehen erregende erste gesetzliche Versicherung gegen Unfälle im Berufsleben anzuhängen. Als Standort wurde ein Areal auf dem seit 1891 parzellierten einstigen Rittergut Rahnsdorf gewählt, wo die Nähe von Wäldern und Seen ein erholsames Klima versprach. Das 1894/95 erbaute, für 150 Patienten ausgelegte Objekt gestaltete der Kgl. Baurat Emil Leithold nach dem Vorbild des Städtischen Klinikums Friedrichshain im Pavillon-Format – d.h. unter Aufgabe der klassisch gehandhabten Unterbringung in Krankensälen in moderner Weise in Mehrbettzimmern. Der im Zentrum der Anlage gelegene Arbeitssaal war mit den neuesten orthopädischen Rehabilitationsinstrumenten ausgestattet – alles in allem ein kleines, aber feines Glanzstück auf dem Wege zur Rehabilitationsmedizin, wie er sich dann  u.a. in Beelitz (1898 ff.) und Sommerfeld (1912 ff.)  fortsetzte. Das weckte die Begehrlichkeit des Militärs, das der Berufsgenossenschaft 1908 einen Vertrag aufzwang, der die Klinik im Mobilmachungsfall zum Lazarett wandelte. Der Fall trat dann im Spätsommer 1914 ein – und  währte bis in den Herbst 1919, als die Nutzung wieder an den Eigner zurück fiel. Der war allerdings in eine finanzielle Schieflage geraten (wegen exorbitanter Zeichnung von Kriegsanleihen???) und stellte die Anlage zum Verkauf – eine Gelegenheit, die der seit 1914 in deren unmittelbarer Nachbarschaft wohnende 34-jährige Siegmund-Schultze beim  Schopfe packte.

Der aus einer Ahnenreihe von Theologen Stammende hatte nach dem Studienabschluss im Jahre 1908 in beachtlichem Tempo einen Aufstieg in jenen evangelischen Gremien genommen, die sich auf Ökumene, christliche Sozialarbeit und christlichen Pazifismus orientierten. Tief beeindruckt von der Sozialarbeit der Quäker in den USA, mit der er auf einer Reise im Jahre 1911 bekannt geworden war, hatte er noch im selben Jahr nahe des Schlesischen Bahnhofs die „Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“ (SAG; Ost bezieht sich auf den Berliner Postdirektionsbezirk O, der vom Alex bis zum Ringbahnhof Frankfurter Allee  reichte)gegründet, mit der er Klassenschranken zu überwinden hoffte. 1914 gehörte er zu den Organisatoren einer Christlichen Weltkonferenz in Konstanz, deren Ablauf dem Kriegsausbruch zum Opfer fiel. Seine in deren Vorfeld geknüpften Beziehungen zu Quäkern aus den Niederlanden und Schweden (Staaten, die 1914-1918 neutral blieben) erwiesen sich angesichts der von den Briten gegen die Mittelmächte verhängten Seeblockade als nützlich für deren gelegentliche Unterlaufung im Sinne christlicher Nächstenliebe. Bei der Zuteilung der über neutrale Vermittler nur in schmalen Rinnsalen nach Deutschland gelangenden Quäkerspenden bestand der unumgängliche Verbindungsmann Siegmund-Schultze auf entschiedene Bevorzugung von sozial benachteiligten Kindern. Zur Regulierung und Kontrolle regte er 1917 ein Städtisches Jugendamt an, dessen erster Direktor er dann auch wurde. Als mit der Unterzeichnung des Versailler Friedens im Juni 1919 (nicht eher!!) die Hungerblockade endlich fiel, strömten von den US-Quäkern gespendete  Lebensmittel ins Land – in einem Umfang, der die Einrichtung der reichsweiten „Deutschen Wohlfahrtstelle“ rechtfertigte. Deren Berliner Filiale beauftragte Siegmund-Schultzes SAG mit der Einrichtung eines Heimes für unterernährte Kinder, die mittels des Einsatzes der als „Quäker-Speisung“ populären Nahrungsmittel aus den USA aufgepäppelt werden sollten – und so kam ihm die angebotene Klinik gelegen: einer Besichtigung im Dezember 1919 folgte der Kaufvertrag schon am 11. März 1920. Zunächst als Depot für Spenden aus den Niederlanden genutzt, nahmen die beiden Pavillons dann 160 Kinder auf, die für jeweils 6 Wochen Kost und Erholung fanden. Ab 1923  ging dieser Strang der Arbeit in der seit 1922 „Ulmenhof“ benannten Anlage in seiner Bedeutung zurück. Dafür rückte die Arbeit mit Fürsorgezöglingen, später auch mit blinden und psychisch benachteiligten Kindern in den Fokus. Das als „nationaler Aufbruch“ deklarierte Terrorregime ab Februar 1933 erreichte den als Internationalisten und radikalen Pazifisten ausgewiesenen Siegmund-Schultze schon im Sommer d. J.: er wurde in die Schweiz abgeschoben, seine SAG von einem NS-Verband übernommen, der den „Ulmenhof“ in ein Altersheim umwandelte, das - nach der Erinnerung von Nachbarn – von „alten Kämpfern“ der NSDAP besiedelt wurde. Mit dem Gesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrat ging es als NS-Eigentum im Oktober 1945 in das Sequester der Besatzungsmacht über, die es 1947 der Inneren Mission zuwies. Die führte den „Ulmenhof“ als Heim für schulbildungsunfähige und blinde Kinder weiter. Als solches kam es 1956 an die diakonische Sozialinstitution, die seit 1963 STEPHANUS-Stiftung heißt. In deren Händen wurde der „Ulmenhof“ in den folgenden Jahrzehnten systematisch baulich erweitert und sein Wirkungskreis zielgerichtet auf die therapeutische Betreuung geistig behinderter Jugendlicher ausgerichtet. Dass der Ausbau dieser Konzeption über Jahrzehnte auch mit den stets knappen Kapazitäten der DDR-Bauwirtschaft konform lief, verdankte die STEPHANUS-Stiftung dem Einsatz von VALUTA-Mark, deren Zauberkraft in der devisenschwachen DDR von der Autorin nicht kommentiert wird. Es wäre deutlicher zu erklären (und zu würdigen) gewünscht gewesen, das Spenden in Millionenhöhe, die bundesdeutsche Christen für kirchliche Institutionen in der DDR aufbrachten, hier wichtige karitative Vorhaben unterstützten! Die DM-Beiträge landeten zwar in der DDR-Staatskasse, ermöglichten und beförderten letztendlich aber doch die Realisierung vieler Vorhaben in diesem Bereich – trotz der knappen Baukapazitäten.

Die vorgelegte Recherche ist umso höher zu bewerten, als der Autorin nur eine schmale, verstreute und – milde gesagt – wenig geordnete Quellenbasis zur Verfügung stand.