Kühnel, Klaus

Berlin ist auch eine schöne Gegend. Eine Anthologie. Herausgegeben von Klaus Kühnel

 

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Oktober 2016, 244 S., 59 Grafiken, ISBN 978-3-86465-075-8, 24,80 EUR

 

 

 

Besprechung von Klaus Hammmer (besucht 27.2.2017)

 

Berlin entdecken. Klaus Kühnels Anthologie vermittelt in Lyrik und Grafik ein komplexes Großstadterlebnis

[Auszug] ... Der Herausgeber Klaus Kühnel, selbst Lyriker – zwei Gedichte von ihm befinden sich auch in der Anthologie –, zugleich Sachbuchautor und Publizist, verzichtet auf eine Kommentierung des Bandes bzw. der Gedichte, er beschränkt sich auf sparsame Sach-Erläuterungen in Form von Fußnoten und bio-bibliographischen Angaben im Anhang. Es ist also eine Lese-, keine Studienausgabe, dem Leser und Betrachter wird keine Unterweisung anempfohlen, wie er die Gedichte zu lesen – und die beigefügten Grafiken zu betrachten – hat, sondern dieser soll seine eigenen Erkundungen und Entdeckungen machen ...

Über die dem Band beigegebenen Grafiken eröffnen sich zu den Gedichttexten noch einmal eigene Betrachtungsmöglichkeiten und zudem in die bildende Kunst hinüberweisende Signale. Auf sie soll hier nachdrücklich verwiesen werden. ...

 

 

 

Rezension von Rosel Ebert, Berlin, November 2016

Gedichte sind etwas für Feinschmecker. Nicht jeder liest sie, nicht jeder mag sie. Da ich selbst zu den Poeten gehöre, weiß ich, wovon ich spreche. Und natürlich nimmt sie jeder anders auf. Es ist eine Frage des Verständnisses, der Stimmung und des Geschmacks. Vor allem aber auch des Themas und des Zeitgeistes.

Bei der Herausgabe einer Anthologie zu dem Thema „Berlin“ kann man eigentlich nichts falsch machen. Und wenn man dabei wie Klaus Kühnel besondere Schätze aus vergangenen Jahrhunderten ausgräbt, schon gar nicht. Sie in Bezug zu setzen zu Gedichten „noch nicht `geläufiger´ Dichter“, wie es im Klappentext heißt, macht den eigentlichen Reiz aus.

Die älteste Dichterin wurde 1722 geboren, die jüngste 1955. Nicht nur in der Zeitspanne zwischen den Geburten, auch im poetischen Ausdruck und den Aussagen beider liegen Welten. Bei der „deutschen Sappo“, wie Gleim die alte Dame nannte, finden wir Poesie im klassischen Sinne, bei der jungen die Experimentierfreudigkeit der modernen Gedichteschreiber. Dazwischen tauchen Gedichte von Frauenrechtlern und Revolutionären ebenso auf, wie lyrische Betrachtungen von Naturalisten, Expressionisten u.a. Dieser Bogen spiegelt sich in den Versen wider: In der Sichtweise auf die Stadt Berlin und ihre Umgebung im Wandel der Zeit, auf die Menschen, die hier leben oder gelebt haben. Das muss einfach neugierig machen.

Ich suche nach dem Allgemeinen der Gedichte und bleibe doch im Besonderen hängen. So wird dieses Bild lebendig. Seit 65 Jahren befindet sich mein Wohnort im Ostteil beziehungsweise zeitweilig am nördlichen Rand von Berlin und ich lebe mit seiner Geschichte. Erst im geteilten Berlin, dann im vereinten. Als historisch Interessierte habe ich mich auch mit seiner Vergangenheit vertraut gemacht: mit der Architektur, den Bildenden Künsten, dem politischen und wissenschaftlichen Wirken ausgewählter Persönlichkeiten. Die alten Gedichte sind ein Stück dieser Rückschau, die neueren ein Teil meines Lebens. Sie wecken Erinnerungen und regen zum Nachdenken an, auch wenn die Wahrnehmungen und Empfindungen in ihrer Ausdrucksweise nicht immer den meinen entsprechen.

Ich stelle mir die Frage, was eine solche Anthologie über „Die Metropole in Gedicht und Grafik“ den Touristen geben kann und komme zu folgendem Schluss: Das vorliegende Buch ist kein Reiseführer, was ganz sicher auch nicht in der Absicht des Herausgebers lag. Ich lese die Gedichte wie kleine Geschichten, die zusätzlich durch die Grafiken ein Gesicht bekommen. Das eine oder andere begegnet dem Berlin-Besucher vermutlich auf ähnliche Weise auch an anderen Orten. Doch findet er in Wort und Bild eine Fülle von Details, die ihm Gegenwart und Vergangenheit dieser Stadt anschaulich näher bringt. Wenn er sie in ihr Gesamtbild einzuordnen vermag, werden die Aussagen ein Gewinn für ihn sein. Für mich sind sie es zweifelsohne. Ich würde mir eine Fortsetzung wünschen, in der noch mehr Dichter der Gegenwart zu Wort kommen. Warum nicht auch unter Einbeziehung von Dichtern der Friedrichshagener Verswerkstatt, die sich im Verein der „Poeten vom Müggelsee“ zusammengefunden haben? Und ich würde mir gleichzeitig wünschen, dass diese Verse dann noch stärker das reizvolle der Metropole zum Ausdruck bringen. Wie sagte doch Heinrich Heine? „Berlin ist auch eine schöne Gegend…“. Na dann.

Rosel Ebert

Stellvertretende Vorsitzende der „Poeten vom Müggelsee“ e.V.

Friedrichshagener Verswerkstatt