Till Sailer

So groß die Last - Paul Gerhard. Roman

 

=> Bestellanfrage beim Verlag

 

 

Roman, 2016, trafo Literaturverlag, 246 S., ISBN 978-3-86465-071-0, 16,80 EUR

 

 

Besprechung von Christoph Brückner

Neuhausstraße 5b, 63694 Limeshain

www.christoph-brueckner.de / music + more / 06048 – 95 29 29                            

Till Sailer ist ein echter Allrounder und Tausendsassa im besten Wortsinn. Durch seine praktische Seite (Orchestermusiker) als auch durch die Theorie-Ebene (musikschriftstellerisches Experten-wissen) sind bereits zahlreiche Fachbücher Romane zu den Komponisten Mozart, Schubert, Brahms, Händel, Berlioz, Mendelssohn, Distler entstanden. Eine ganz besondere Freude bedeutete es für mich, als ich im Rahmen meiner Konzerttournee „Best of Paul Gerhardt“ auf den Roman „So groß die Last“ (der Vergleich mit Hiob kommt nicht von ungefähr und erhält rückwirkend eine tiefe Dimension und eigenen Sinn) – zwölf Kapitel über Paul Gerhardt – aufmerksam wurde. Paul Gerhardt zählte zweifelsohne zu den herausragenden Persönlichkeiten der barocken Epoche und hätte zu Lebzeiten nie geahnt, dass seine Liedtexte nach Jahrhunderten immer non präsent sind und zum wertvollsten Besitz deutscher Sprachkultur zählen. Wer kennt sie nicht, die Klassiker: Geh aus mein Herz / Nun ruhen alle Wälder / Befiehl du deine Wege / Wie soll ich dich empfangen…. So zählen diese kunstvollen Lieddichtungen (neben Grimms Märchen und sogar noch vor Luthers Bibelübersetzung) zu den weltweit bekanntesten deutschsprachigen Texten. Konkret gelangte der Passions-Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ in den Fundus des Weltkulturerbes. Verbürgte Details über den Dichter-Pfarrer sind hingegen fragmentarisch. Es ist somit ein nicht zu schmälernder Verdienst von Till Sailer, Jahrgang 1942, der mit Ausdauer, Geduld, Präzision detailreich und detektivisch und akribisch Mosaiksteine und Puzzleteile in einen großen Zusammenhang  gebracht hat. Stille Wasser sind bekanntlich tief. Das bewahrheitet sich voll und ganz in dem liebevollen Portrait, das der Autor Till Sailer im geschichtlich korrekten Kontext zeichnet. So erfahren wir in zwölf Kapiteln über Paul Gerhardts Jugendzeit, seine Vorgesetzten, seine musikalischen Zeitgenossen Schütz, Ebeling, Crüger, seine Eigenarten und Lebensgewohnheiten. Wo viel Licht ist, da ist aber auch viel Schatten. Tod, Terror, die 30-jährigen Kriegswirren, Pestepedemien, schwere Schickalsschläge (mehrfacher sehr früher Kindstod und Tod seiner Ehefrau) verfinstern seine Tage. Der zutiefst gläubige Christ zerbricht aber nicht an diesen Lasten und Bürgen. Im Gegenteil. Weil er diese Bedrängnisse (er-)tragen kann, reift er persönlich und wächst quasi über sich hinaus. Paul Gerhardt: Optimist, Realist, Spätzünder, der durch intensive Glaubensstärke und frohe Zuversicht immer seine charismatische Faszination behält. Genau diese Geradlinigkeit und Treue bringen ihn später in einen  persönlichen Gewissenskonflikt. 1667 wird er seines Amtes enthoben, weil er als überzeugter Lutheraner dem Toleranzedikt des  reformierten Großen Kurfürsten nicht zustimmt. Vielleicht auch aus einer Mischung von Hartnäckigkeit mit eine Portion Sturheit, aber konsequent und sich selbst treu. Als die Kräfte schwinden gibt er gute Wünsche und jede Menge Lebenserfahrungen seinem Sohn Paul Friedrich mit, ein Testament der besonderen Art. So kann Paul Gerhardt, der nicht an diesen vielen Schickalsschlägen zerbricht als gereifer Mensch in Frieden und Aussöhnung zu seinem Schöpfer heimkehren. „Ich bin ein Gast auf Erden“, für mich eines seiner kostbarsten Zeugnisse in einem turbulenten Leben. Im Roman wählte Till Sailer zwölf Lebensstationen, die in Gräfenhainichen (Sachsen) beginnen,  über Berlin, Mittenwalde (Mark Brandenburg) führen, und schließlich in Lübben (Spreewald) enden. Von der ersten bis zur letzten Zeile ein ergreifender Roman mit purem Lesevergnügen. Zusammenfassend bringt es nochmals die chronologische Zeittafel auf den Punkt, was bereits vorher Autor Till Sailer äußerst kurzweilig und kompetent „ausgefeilt“ detail- und nuancenreich und immer stets lebendig veranschaulicht hat.

 

Mein Prädikat / Statement / Fazit:

Unbedingt den Roman selbst kaufen – mehrfach lesen – und gerne nachordern.

Denn das Buch eignet sich idealerweise auch zum Weiterverschenken an gute Freunde, Neugierige, Aufgeschlossene, kurz für alle, die gerne mehr über Paul Gerhardt und seine Zeit wissen wollen. Somit gelten ganz besonders die Initialen von P.G. für mich auch in der umgekehrten Reihenfolge: G.P. – Great Power !  Danke an Autor und Verlag gleichermaßen für das unternehmerische Wagnis und Risiko.