Ulbrich, Bernd

 

 

Bei trafo erschienen

 

Bernd Ulbrich: "Flam oder Diesseits und Jenseits", 2005, 515 S., ISBN 3-89626-477-X, 26,80 EUR

 

Bernd Ulbrich: "Zwei Wanderer in die Betrachtung des Mondes versunken", 2014

[= Szene Raum Spiel, Band 8]

93 S., ISBN 978-3-86465-044-4, 12,80 EUR


Bernd Ulbrich: "Zwischenspiel mit dem Tod.
Ein Roman über die Liebe", 2014,
2014, 660 S., ISBN 978-3-86465-046-8, 26,80 EUR

 

Bernd Ulbrich: "Die Konferenz oder Wie G.O.T.T. erfunden wurde", Roman, 2014, 671 S., ISBN 978-3-86465-056-7, 26,80 EUR

 

Bernd Ulbrich: "Zwei tauschen ihre Schatten im Beisein eines Dritten", Roman in zwei Bänden, 2017, zus. 990 S., ISBN Gesamtwerk 978-3-86465-090-1, 50,00 EUR

Einzeln: Band I: ISBN 978-3-86465-091-8, 26,80 EUR, Band II: ISBN 978-3-86465-092-5, 26,80 EUR

 

Bernd Ulbrich: "Ein schöner Tag zum Leben nach dem Tod", 2017, Roman, 557 S., ISBN 978-3-86465-086-4, 24,80 EUR

 

Bernd Ulbrich: "Adolf Adolf. Roman einer fiktiven Biografie", 2017, 473 S., ISBN 978-3-86465-085-7, ca. 20,00 EUR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bernd Ulbrich wurde 1943 in Berlin in ärmlichsten Verhältnissen geboren. Der Vater blieb im Krieg vermißt. Der Großmutter verdankt er menschliche Wärme und Fürsorge. Die Oberschule darf der introvertierte Junge mit den guten Noten, obgleich Arbeiterkind, wegen ‘mangelnder gesellschaftlicher Aktivität‘ nicht besuchen. Die Lehre als Chemiefacharbeiter schließt er mit der Note Vier ab und besteht Ausbildung und Prüfungen gegen pädagogisch unfähige Ausbilder allein deshalb, weil er sich freiwillig zum Wehrdienst bei der Marine gemeldet hat. Anschließend wird er das Abitur an der Abendschule mit Eins absolvieren und Chemie studieren. Ein Irrtum mit Konsequenzen. Aus dem elenden Dasein als wissenschaftlicher Mitarbeiter kann ihn nur die Existenz als Schriftsteller erretten. Das kindliche Märchen mit elf ist verloren gegangen. Erste Schreibversuche während des Studiums münden nach vierjähriger Chemikertätigkeit 1976 im freiberuflichen Dasein. Die ersten Jahre lassen sich erfolgversprechend an. Mehrere Hörspiele werden produziert, ein Theaterstück beinahe, Lesungen, auch zur Leipziger Messe. Doch schon mit dem zweiten Band science-fiction-Geschichten werden leise halboffizielle Warnungen laut, ‘so’ nicht weiterzuschreiben. Der dann folgende Band mit Gegenwartserzählungen bringt das niemals von offizieller Seite artikulierte Aus. Er kann anbieten, was er will, von der sf-Geschichte bis zum historischen Roman, vom Märchenstück bis zur Liebesfilmidee, keine Zeile Neues geht mehr in Druck oder Inszenierung. Aber die Partei verhindert durch gelegentliche Nachauflagen, insgesamt 370.000 Stück verkaufte Exemplare, daß der Autor zum Problemfall wird. Das ist dennoch ein unbefriedigender Zustand. Ein Gespräch im Ministerium für Kultur 1986 endet mit der freundlichen Bitte an den Autor doch in Zukunft einfacher zu schreiben. Man habe bei den Gegenwartsgeschichten nicht gesehen, was man da erlaubte. Nach dem Mauerfall wird Ulbrich dann die amtliche Bestätigung erreichen, daß er aus ideologischen Gründen nicht mehr veröffentlicht wurde. Namenlos zu sein ist in dieser neuen Gesellschaft des Imponiergehabes schlechter als ein schlechter Name. Ein kurzes Interludium beim Verlag Gustav Kiepenheuer in Leipzig erbringt zwei Bände Erzählungen, die mit dem Verkauf des Verlages untergehen. Elf Jahre lang ignoriert die westdeutsche Verlagslandschaft, in Form von über hundertzwanzig Absagen, auch mit Beispielen exemplarischer Arroganz, den Autor Bernd Ulbrich. In der Zeit arbeitet er konsequent weiter, schafft oder vollendet zwei große Romane, die lange Erzählung "Ich will dein Vater sein", etliche kurze Texte, die beim trafo Verlag unter dem Titel "Das Menschenopfer" erscheinen werden, sowie eine Sammlung Aphorismen, ein Theaterstück. Mit dem Einakter schließt er an den Urgrund seiner literarischen Ambitionen an. Die in der Zeit entstandenen Filmskizzen werden von Fall zu Fall die Grundlage zu einem Romanstoff bilden. Als nächste neue Arbeit steht der Gegenwartsroman "Das Projekt" an. Darauffolgend ein historischer Roman: Handlungszeit Ende 18. Jahrhundert, Handlungsort: vorwiegend die See. Die Idee für einen großen biblischen Stoff braucht noch Reife. Gedanklich beschäftigt ihn auch ein historischer science-fiction-Stoff und nicht zuletzt die tragische Geschichte seiner Eltern sowie die deren Vorfahren als Pommersche Rittergutsbesitzer mütterlicher- und Berliner Proleten väterlicherseits.

In einer Zeit inflationären Superlativismus‘ ist es schwer, einem Autor wie Bernd Ulbrich mit Worten gerecht zu werden. Ohne Zweifel stellt er eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Sprachraum dar. Er könnte als Exzentriker ohne eitle Attitüde gelten, als Intellektueller ohne Anmaßung, als Bonvivant mit mediterranem Charme und nicht zuletzt als preußische Schöpfernatur, in der Disziplin und Ethos, Zufall und Notwendigkeit, Gesetz und Chaos einen menschlichen Kosmos zum Klingen bringen. Den Kreis seiner Interessen abschreiten zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen:  Er ist ein hemmungsloser Denker, und indem er den Genuß auch daran heiligt, ist ihm nichts heilig, und nur eines unantastbar, die Würde des Menschen. Was als Figur jenseits dieser Scheidelinie durch ihn entsteht, vernichtet er bis an die Grenze der Karikatur mit beißendem Spott oder mit schonungsloser tiefsinniger Entlarvung, die aber selbst dann noch ein schauerliches Vergnügen am Lesen bereit hält. Er ist ein politischer Autor, unabhängig von dieser Eigenschaft ein unsentimentaler Romantiker mit unbestechlichem Blick fürs Reale wie fürs Irreale. Denn der Mensch als isoliertes Individuum ist für ihn kein lohnenswerter Gegenstand. Ein solches wäre ja sprach- und gedankenlos und somit Ulbrichs Antipode, weniger denn das.

Als Erzähler und Romancier beherrscht dieser Autor so gut wie alle Genrés. Er begann seine Karriere mit Science-fiction-Erzählungen, wandte sich dann der Gegenwart zu, der Zeitgeschichte, der Historie, erlitt Publikationsverbot in der DDR, Ignoranz und Arroganz im vereinten Deutschland. Die Jahre des Wartens und Hoffens waren für ihn gleichermaßen Jahre des Reifens. Dieser Dialektik ist sich Ulbrich bewußt. Es gibt für ihn keinen Stillstand. Er folgt seiner Berufung, seinem Dao und sagt von sich selbst: Auch der Tod wird mich um eine Erfahrung reicher machen.

 

In den nächsten Jahren werden kontinuierlich die unveröffentlichten Romane wie auch die frühen Erzählungen Ulbrichs im trafo Verlag erscheinen. Jeder Textkomplex wird eine Überraschung für den Leser bereithalten. Er, sie können sich nicht auf eine schon bekannte Tonart des Autors berufen, und doch ist jeder Roman, jeder Sammelband unverkennbar ein Ulbrich. Was sich in den frühen Science-fiction-Texten auszuformen beginnt, ist in den Romanen voll entfaltet. Ein Stilist und Sprachvirtuose ersten Ranges, verführt Ulbrich den Leser mit brillanter Reflexion voller Witz und Schärfe über Tragik und Schönheit des Menschseins, führt ihn mit starker Hand durch Niedrigkeit und Obsession, über die Klippen der Liebe wie den Abgrund des Selbstverrats, immer auf der Suche nach einem Weg aus der Einsamkeit, nach dem Menschen, dem Anderen, nach Verständnis, nach Liebe. Selbst denen, die auf ihrem Irrweg scheitern, sich in Schuld verstricken, verleiht Ulbrich noch eine menschliche Dimension. Auch darin liegt seine Größe als Autor begründet.

 

Vielleicht könnte der eine oder die andere dem Irrtum verfallen, der Roman „Marianne und Alexander“ (in Vorbereitung) stelle Ulbrichs literarische Weiterentwicklung gegenüber „Flam oder Diesseits und Jenseits“ dar, Letzterer sei augenscheinlich leichterer Hand verfaßt. In der Produktionsfolge rangiert „Flam...“ allerdings hinter „Marianne...“ Das Sujet bedingt indessen eine andere, nur scheinbar weniger tiefgründige Anlage und Tonart, und natürlich geht es im Schicksal der beiden männlichen Protagonisten nicht wie in „Marianne...“ um Krieg und Tod, Verrat und Selbstverrat der Helden, sondern um Selbstbehauptung und Selbstfindung, auch um Liebe, auch ums Sterben und ums Wiedergeborenwerden, um die Fähigkeit des Phönix zur Selbsterneuerung, eben um die Eroberung der Welt, wenn die alte im Strudel der Geschichte versunken ist, letztlich um die Frage, was den Menschen befähigt noch in widrigsten Umständen Mensch, er selbst zu bleiben und nicht ein Schwein zu werden oder ein Stein, sondern eher Einstein. Ulbrich zu lesen schafft Hoffnung, wenn auch manchmal mit bewegter Trauer um die Helden.

Der denkende Mensch, der irrende Mensch sind untrennbar bei Ulbrich verbunden mit dem liebenden Menschen, der auch hassen kann, auch seinesgleichen töten, der zweifeln kann und verzweifeln aber letztlich über die Umstände und sich als Subjekt obsiegt. Selbst Tränen am Ende eines verfehlten Lebens bedeuten einen – späten – Sieg über das eigene Ego.

Deutsche Geschichte ist in jedem Fall dabei. In deren tragischsten Abschnitt ist das Schicksal von Marianne und Alexander eingebettet. Der Offizier, aus einfachen Verhältnissen stammend, heiratet vor Beginn des Rußlandfeldzugs die adelige Tochter seines Generals. Für beide ist es die große Liebe, welche doch die schweren Zeiten überdauern sollte. Sind Umstände denkbar, die sie zum Scheitern brächten? KZ und kommunistische Haft können Marianne nicht beugen. Doch Alexander wird grausam mißbraucht. Den Nazis gegenüber war er noch sehend. Dem Kommunismus begegnet er mit idealisierender Blindheit. Zynisch mißbrauchen die neuen Machthaber seine Schwäche. Die Gravitation läßt den Stein zu Boden fallen. Wie groß ist die Kraft, die ihn hält, wie schwer der Stein? Liebe muß sich gegen Kabalen behaupten, gegen die Mächte der politischen Interessen. Romeo und Julia sind gescheitert, Ferdinand und Louise nicht anders. Die Verwicklungen um Ulbrichs Protagonisten sind von schillernder shakespearscher Dimension, nicht minder ihre Tragik, ihre Größe. Sind Menschen zu dumm für die Liebe? Ist Niedertracht klüger? Ulbrich will die Rätsel nicht lösen. Er beschreibt nur kongenial ihre Dialektik.

Erst ’89 zur Zeit des Mauerfalls begreift Alexander. Doch er ist zu tief in die Lüge verstrickt und zu wirklicher Konsequenz nicht in der Lage. Ihm bleiben die späten Tränen der Erkenntnis.  Jede Generation muß ihre eigenen Fehler leisten, sonst wäre die Menschheit längst untergegangen. Wie läßt Ulbrich seine Olga von Bergkt, Alexanders Schwiegermutter, resümieren?: ‘Immerwährende Gerechtigkeit, wie langweilig wäre das.‘ Und wer wollte schon ein langweiliges Buch lesen?

 

Sehen Flam und Robert, jener, der Jenseitige, der durch ein ‘göttliches‘ Versehen im Körper des Stasispitzels Dr. Flamberger Wiedergeborene aus der Zeit der Französischen Revolution, dieser, der diesseitige Dramatiker und Lebenskünstler zu Zeiten des Mauerfalls in Deutschland das anders? Das Leben ist die Bühne, diesseits wie jenseits der Mauer. Für die Toten endet das Spiel tragisch, außer, sie wiedererwachen zu neuem Dasein im falschen Körper. Dann erhält die Handlung einen tragikomischen Akzent für dessen Umgang es eines veritablen Dramatikers bedarf. Der läßt die Schicksalskugel rollen. Rien ne va plus, nichts geht mehr! Aber Robert fällt immer noch ein Ausweg ein. Wozu sonst ist er Dramatiker? Nur für sein eigenes Leben, die eigene Liebe hat er kein tragfähiges dramatisches Konzept zur Hand. Denn die Mitwirkung der Stasi entzieht sich jedem dramaturgischen Kunstgriff. Jahre werden vergehen, ehe die Liebenden sich wiederfinden. Louise, von der Stasi nach dem Westen verschleppt, war, auf dem illegalen Rückweg durch Mauerschützen schwerverletzt, in einer Westberliner Klinik dem Tode nahe und Robert infolge politischer Intrige im Osten der einsamen Verzweiflung. Sollte Flam in eigennütziger Absicht – die den Freund mit einschließt – ‘Gottes‘ Gabe der drei Wünsche täglich, zur Erfüllung irdischer Liebe mißbrauchen? In solchem Fall darf er IHM nicht ins Handwerk pfuschen. Das ‘Göttliche‘ hat sich die Option zur Aufsicht über jede wahre Liebe vorbehalten. Um einen Mauerfall darf man ES schon einmal, zumal im alkoholischen Rausch, ersuchen. Die Folgen, bitteschön, haben die beiden Vermessenen dann selbst zu tragen. Sie tun das bravourös, denn der Sumpf menschlicher Niedertracht in Ost wie in West ist gleichermaßen abgrundtief.

 

Bernd Ulbrich wurde 1943 in Berlin in ärmlichsten Verhältnissen geboren. Der Vater blieb im Krieg vermißt. Der Großmutter verdankt er menschliche Wärme und Fürsorge. Die Oberschule darf der introvertierte Junge mit den guten Noten, obgleich Arbeiterkind, wegen ‘mangelnder gesellschaftlicher Aktivität‘ nicht besuchen. Die Lehre als Chemiefacharbeiter schließt er mit der Note Vier ab und besteht Ausbildung und Prüfungen gegen pädagogisch unfähige Ausbilder allein deshalb, weil er sich freiwillig zum Wehrdienst bei der Marine gemeldet hat. Anschließend wird er das Abitur an der Abendschule mit Eins absolvieren und Chemie studieren. Ein Irrtum mit Konsequenzen. Aus dem elenden Dasein als wissenschaftlicher Mitarbeiter kann ihn nur die Existenz als Schriftsteller erretten.

Das kindliche Märchen mit elf ist verloren gegangen. Erste Schreibversuche während des Studiums münden nach vierjähriger Chemikertätigkeit 1976 im freiberuflichen Dasein. Die ersten Jahre lassen sich erfolgversprechend an. Mehrere Hörspiele werden produziert, ein Theaterstück beinahe, Lesungen, auch zur Leipziger Messe. Doch schon mit dem zweiten Band Science-fiction-Geschichten werden leise halboffizielle Warnungen laut, ‘so‘ nicht weiterzuschreiben. Der dann folgende Band mit Gegenwartserzählungen bringt das niemals von offizieller Seite artikulierte Aus. Er kann anbieten, was er will, von der sf-Geschichte bis zum historischen Roman, vom Märchenstück bis zur Liebesfilmidee, keine Zeile Neues geht mehr in Druck oder Inszenierung. Aber die Partei verhindert durch gelegentliche Nachauflagen, insgesamt 370.000 Stück verkauft, daß der Autor zum Problemfall wird. Das ist dennoch ein unbefriedigender Zustand. Ein Gespräch im Ministerium für Kultur 1986 endet mit der freundlichen Bitte an den Autor doch in Zukunft einfacher zu schreiben. Man habe bei den Gegenwartsgeschichten nicht gesehen, was man da erlaubte. Nach dem Mauerfall wird Ulbrich dann die amtliche Bestätigung erreichen, daß er aus ideologischen Gründen nicht mehr veröffentlicht wurde. Namenlos zu sein ist in dieser neuen Gesellschaft des Imponiergehabes schlechter als ein schlechter Name. Ein kurzes Interludium beim Verlag Gustav Kiepenheuer in Leipzig erbringt zwei Bände Erzählungen, die mit dem Verkauf des Verlages untergehen. Elf Jahre lang ignoriert die westdeutsche Verlagslandschaft, in Form von über hundertzwanzig Absagen, auch mit Beispielen exemplarischer Arroganz, den Autor Bernd Ulbrich. In der Zeit arbeitet er konsequent weiter, schafft oder vollendet zwei große Romane, die lange Erzählung „Ich will dein Vater sein“, etliche kurze Texte, die beim trafo Verlag unter dem Titel „Das Menschenopfer“ erscheinen werden, sowie eine Sammlung Aphorismen, ein Theaterstück. Mit dem Einakter schließt er an den Urgrund seiner literarischen Ambitionen an. Die in der Zeit entstandenen Filmskizzen werden von Fall zu Fall die Grundlage zu einem Romanstoff bilden. Als nächste neue Arbeit steht der Gegenwartsroman „Das Projekt“ an. Darauffolgend ein historischer Roman: Handlungszeit Ende 18. Jahrhundert, Handlungsort: vorwiegend die See. Die Idee für einen großen biblischen Stoff braucht noch Reife. Gedanklich beschäftigt ihn auch ein historischer Science-fiction-Stoff und nicht zuletzt die tragische Geschichte seiner Eltern sowie die deren Vorfahren als Pommersche Rittergutsbesitzer mütterlicher- und Berliner Proleten väterlicherseits.