Turek, Martin

 

Martin Turek über Martin Turek

Der Zeitpunkt geht in die Zeit. Jedenfalls trifft das für bestimmte Wegkreuzungen im Leben des Einzelnen als auch für die Entwicklung großer Gruppen von Menschen zu. Was ich erlebte, ließ mich erkennen, das Erkannte, meist Ergebnis einzelner Erfahrungen, bewirkte nachdenklicher zu erleben.

Für mich bestimmend wurde das Jahr 1952/53 als Offiziersschüler auf der Schule in Weimar. Die Gedanken greifen über den Tag, deshalb musste ich sie mir von der Seele schreiben. Hiermit verknüpft sich zugleich die Erkenntnis, dass das Eindringen in die Vergangenheit, sie sich bewusst machen, den Blick für das Gegenwärtige schärft.

In diesem Verbund steht auch mein Heute und Jetzt, wobei natürlich das Alter Beschaulichkeit erlaubt.

Eine Pfeife Tabak schmökt über den Schreibtisch. Blaue Wölkchen zwiekeln in meine Gedanken. Und immer wieder erfahre ich beim Schreiben, die Phantasie ist das Himmelreich der Irdischen.

Natürlich versuche ich, meine Vorstellungen in das zeitgeschichtliche Hinterland einzuspindeln. Tief ist der Brunnen, aus dem mein Jahrgang zu schöpfen vermag.

Im Mai 1925 begann mein „Kiek in die Welt". Bekanntlich fächern zu dieser Jahreszeit zartsplittig Zwiebeln im Morgenwind. Sinnübertragend begleiteten ihre beißenden Gebärden mein Leben.

Schreiben ist für mich Hobby und Aufgabe zugleich. In dem Buch „Gucklöcher" versuche ich in Kurzform heiteres und ernstes quicküch zu verbinden. In zwei Anthologieheften sind ebenfalls Kurzgeschichten erschienen.

Zum 100. Geburtstag meines Vater, des Schriftstellers Ludwig Turek, brachte eine überregionale Zeitung einen ganzseitigen Beitrag unter dem Titel „Abschied und Wiedersehen", in dem ich das nicht ungefährliche Wiedersehen mit meinem Vater beschrieb.

Damals: 1941 - II. Weltkrieg, Faschismus, Adolf Hitler, der gefährliche Irre des 20. Jahrhunderts.

Mein Vater war auf abenteuerlichen Wege aus Frankreich nach Deutschland zurückgekehrt. Ständig liefen wir, die ganze Familie, mit nackten Füssen über glühende Platten. Im Giftschrank der Deutschen Bücherei zu Leipzig lag die „Letzte Heuer", ein Roman in dem mein Vater

den Faschismus in Deutschland in Grund und Boden dübelte.

Über mein Arbeitsleben ist zum Teil in meinen Kurzgeschichten zu erfahren: Tapezierlehrling, Tätigkeit in der Bahnhofsbuchhandlung in Stendal, dienstverpflichtet bei der Deutschen Reichsbahn als Gleisbauarbeiter (Stoppkolonne), nach 1945 eine Zeitlang Waldarbeiter. 1947 besuchte ich das Vorsemester in Halle. Viel später absolvierte ich ein Philosophiestudium an der Humboldt Universität zu Berlin mit dem Nebenfach Psychologie. An dieser Bildungsstätte war ich einige Jahrzehnte tätig. Was das politische Engagement angeht, und hier beziehe ,sich meine Frau mit ein. Wir haben uns in der DDR nicht nur um unsere eigenen Kochtöpfe gekümmert, wäre ich sonst freiwillig zur Offiziersschule nach Weimar gegangen? Welches Für und Wider mir damals begegnete ist nachzulesen.

 

(Aus: Martin Turek: Im Roten Kloster zu Weimar, trafo verlag 2002, Tb, 259 S., ISBN 3-89626-372-2)

 

 

 

Wolfgang Triebel über Martin Turek

 

Martin Turek las aus seiner autobiographischen Arbeit „Gucklöcher". Der Begriff „Gucklöcher" hat bei Martin Turek eine tiefere Bedeutung. Er gab seinen Aufzeichnungen diesen Titel, um das Episodenhafte seiner Darstellungen hervorzuheben. Der Gedanke der „Gucklöcher" wurde 1952 an der Offiziersschule der Volkspolizei in Weimar geboren.

„Gucklöcher" als Kritik an der anfangs übertriebenen Abschottung gegenüber der Bevölkerung: „Was heißt 'am besten überhaupt keinen Kontakt?' Bloß nicht aus dem Fenster lehnen. Damit keiner rausfällt, mauern wir die Gucklöcher zu."

Aufschlußreich für die damalige Zeit ist die Beschreibung seines ersten Tages an dieser Schule. Nach dem schrillen Pfiff aus der Trillerpfeife: „Raustreten zum Abendspaziergang!" — Der erste Tag an der Offiziersschule ging zu Ende. Ich stopfte meine Pfeife und trat auf den Flur. Die Schule war ein Monumentalbau aus der Hitlerzeit. Seine meterstarken Pfeiler und Wehrtürme wuchteten Unvergänglichkeit. Die überaus geräumigen Zimmer mit den mannesgroßen Fenstern und hohen Decken strahlten Größe und Macht aus. Auf den ersten Blick verwickelten sich unsere Gefühle in ein Knäuel von Bedeutsamkeit und Ehrfurcht...

Als der Diensthabende meine brennende Pfeife bemerkte, stutzte er. „Genosse Offiziersschüler. Abendspaziergang?" „Jawohl, Abendspaziergang, Genosse Kommissar." „Mit der brennenden Tabakspfeife? Menschenskind, sind sie..." Den Rest ließ er weg. Er machte sich Luft, es folgte ein unüberhörbares Kommando: „Stiefel, Stiefelhose, Oberrock und Mütze - in Marschkolonne!"

Schließlich trug Turek eigene Gedichte und kurze Skizzen vor, die meist in den neunziger Jahren entstanden sind. Als er die Skizze „Reko-geschädigt" vorlas, wie Wohnhäuser in Ostberlin rekonstruiert werden, ohne das die Bewohner in dieser Zeit ausziehen, konnten das einige nachempfinden, sie hatten das inzwischen selbst erlebt, er schreibt:

„Lichtblicke zum oberen und unteren Nachbarn. Gucklöcher, wo besser keine sein sollten. Das Klo ist der Stuhl menschlicher Erleichterung. Scheußlich, wenn dieser Ort transparent ist. Ungewollte Geräusch- und Geruchsgemeinschaft sensibilisiert. Rien ne va plus! — nichts geht mehr."

„GUCKLÖCHER" - nicht nur ein guter Titel.

 

(Aus: Martin Turek: Gucklöcher, trafo verlag 2002, Tb, 137 S., ISBN 3-89626-373-0)