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Beate Morgenstern

 

Huckepack

Roman, trafo Literaturverlag, 2012, 305 S., ISBN 978-3-89626-997-3, 17,80 EUR

 

(Weitere Bücher von Beate Morgenstern)

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Klappentext

Mit der Geschichte von Regine und Christian begibt sich der Leser auf eine Zeitreise, mitten hinein in das Ostberliner alltägliche Leben nahe der kaum wahrgenommenen Mauer im Prenzlauer Berg. Wir haben die 1970er Jahre. Regine, gerade hat sie ihr Studium an der Humboldt-Uni abgeschlossen, trifft auf Christian. Der bringt sich als freiberuflicher Autor beim DDR-Fernsehen durch. Seine Kämpfernatur, seine Robustheit faszinieren die junge Frau. An seiner Seite kann sie wachsen. Mit den Jahren geht ihr auf, dass sich Christians Angststörungen verstärken, er drogenabhängig ist. Wie sie es als Kind gelehrt bekam, nimmt sie die Last auf, trägt Christian, der nie aufzugeben scheint, Huckepack. Neben Mitleid ist eine schreckliche Wut in ihr. Der Roman besticht durch Genauigkeit, Authentizität und seinen lakonischen Humor.

 

 

Leseprobe


Wieder zu Hause! dachte Regine, streckte sich in ihrem Bett aus.

Die helle Stimme Angelas war in der Dunkelheit ihrem Ohr ganz nah. Von einem Bernhard erzählte Angela, wo sie ihn zum ersten Mal gesehen, wann und unter welchen Umständen sie ihn wiedergetroffen hatte, was ihr an ihm gefiel, was ihr an ihm missfiel. So mussten Gespräche unter Schwestern sein. Alle Geheimnisse teilte man miteinander. Regine genoss die Redseligkeit Angelas. Seitdem sie die letzten Sommerferien gemeinsam in der Tschechoslowakei verbracht hatten, waren sie miteinander vertraut. Bei künftigen Familientreffen würden sie nun immer davon berichten, welcher Mann oder was sonst ihr Herz bewegte oder bekümmerte. Nach Hause zu kommen, bedeutete jetzt auch, die Nächte hinein mit Angela zu reden. Sie würden wieder gemeinsam verreisen, unternehmen, das hatten sie sich im Sommer fest vorgenommen. Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich ihn überhaupt will, schloss die Schwester ihren Bericht.

Mit siebzehn muss man das auch nicht wissen.

Achtzehn. Im Januar bin ich achtzehn. Und du? Was ist mit dir?

Ich schreib meine Abschlussarbeit. Das ist alles.

Und ist da niemand?

Es lohnt nicht, drüber zu reden. Wirklich.

Nebenan schlug die Kirchturmuhr. Angela zählte mit. Mitternacht!, sagte sie nach dem letzten Schlag. Wie lange wir wieder gequatscht haben, und morgen ist Heiligabend.

Heute ist Heiligabend. Heute. Wann musst du wieder fahren?

Neujahr, sagte Angela.

Ich auch. Na, denken wir nicht dran.

Bitter für sie, dass sie wieder ins Internat muss, dachte Regine. Die Eltern hatten es bei dem Umzug vor eineinhalb Jahren für sinnvoll gehalten, Angela in der alten Schule zu belassen, der ein Internat angegliedert war. Das aber schloss am Wochenende. Angela war dann gerade geduldeter Gast bei einer Pfarrschwester, die die Mutter aus dem DFMGB-Kreis, dem Deutschen Frauenmissionsgebetsbund-Kreis, kannte.

Die Mutter herrschte, ordnete an, regierte die Familie, hatte die Abläufe genau im Kopf. Hätte sie nicht angeordnet, die Familie auf Trab gehalten, möglicherweise wäre die Zeit einfach stehen geblieben wie eine Uhr, die man aufzuziehen vergessen hatte, und die Familie hätte vergeblich auf den Anbruch der Festtage gewartet. Doch bestand kein Grund zur Sorge. Die Mutter, immer mal erledigt, ganz down, behielt die Fäden in der Hand. Niemand war ganz von Pflichten ausgenommen, der Vater zuständig für die Weihnachtssträuße und Dinge, die eben nur ein Mann konnte. Die Jungs wurden mit Besorgungen beauftragt, ermahnt, ihr Zimmer in Ordnung zu bringen. Elisabeth und Angela buken, kochten unter gelegentlicher Anleitung der Mutter. Im Treppenhaus sang Regine laut, wischte mit klatschnassem Lappen, tauchte nach jeder sechsten Stufe in den Eimer ein. Für das Staubsaugen gab die Mutter ihr Matthias bei, der Stühle, Sessel beiseite schob, hochhob. Matthias erzählte ihr den letzten Film, den er gesehen hatte. Ins Kino zu gehen war für die beiden Brüder das höchste. Und lustig mussten die Filme sein. Vor jeder Pointe riss es den bald Vierzehnjährigen vor Lachen fast auseinander. Er krümmte sich. Hahahaha, hahaha, kam es in Stößen aus ihm heraus. So war Regine auf die nächste, höchst lächerliche Begebenheit eingestimmt, lachte nun auch schon, bevor sie wusste, worüber, war bereit, alles, was Matthias ihr mitteilte, umwerfend komisch zu finden. Dies ging so lange, bis die Mutter nach ihnen schaute. Na, ihr zwei, sagte sie zufrieden. Sicher hatte sie mit Absicht Matthias Regine beigegeben. Sie kannte Regines Vorliebe für den älteren der beiden Brüder, den hübschen, bleichen Matthias. Die Mutter suchte eine neue Arbeit für beide. Etwas zu tun gab es immer.

Alle Jahre wieder besuchte die Familie die Christvesper, den Gottesdienst am ersten Feiertag, den Gottesdienst am zweiten Feiertag. Stets waren sie vollzählig vertreten, denn der Vater hielt an der Vorstellung fest, die Familie solle der Gemeinde ein Vorbild sein. In der Zeit, in der die Tage keine Kraft mehr hatten und die Nächte überhand nahmen, wurde ein Licht angezündet, das ging Regine ein. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr… So viel Verkündigung, so viel Inbrunst im Glauben, wie es Regine bei ihren Eltern und Geschwistern in diesen Tagen erlebte, machte es leicht, den Mythos von der Menschwerdung des Gottessohnes für wahr zu nehmen.

Geheimnisvoll, überraschend konnte für die Erwachsenen das Fest nicht sein. Regine genügte, dass sich die Familie ein um das andere Mal an der festlich gedeckte Tafel versammelte. Vor dem Essen betete oder sang man, ließ sich von der Mutter oder Regine auftun, aß heftig, redete heftig, bis der Vater mit einem Dankgebet den ersten Teil der Mahlzeit beendete. Dann redete man weiter. Wer am lautesten und am längsten auf seinem Rederecht beharrte, dem hörte man zu. Man hatte sich immer viel mitzuteilen. Der Vater und Regine achteten darauf, dass sie nichts sagten, was sie gegeneinander aufbringen konnte. Friede war oberstes Gebot in der Familie. So saß man bei den Mahlzeiten einträchtig um den großen Tisch im Wohnzimmer, verzog sich nach dem Kaffee, nach dem Abendbrot auf das Sofa, die Sessel der Urgroßeltern. Die Jungs, die dort sowieso keinen Platz fanden, sich bei den Gesprächen der Erwachsenen auch langweilten, gingen in ihr Zimmer.

Ehe die Festtage eintönig werden konnten, rüstete man sich zur Jahreswende. Die Vorbereitung gehörte schon zum Fest. Das Besondere an Weihnachten wie Silvester war: Die Feier wurden mitten aus einem gewöhnlichen Tag heraus geboren. Regine stieg in der Küchenhierarchie auf. Sie war für das Backen der Kräppelchen, Krapfen, zuständig. Die Jungs beaufsichtigten das Aufgehen und Bräunen der Hefeklößchen im siedenden Fett, riefen ihr zu, wenn diese genügend gebräunt waren. Die Mutter gab eine Kelle mit Punsch zum Verkosten herum. Gut? Oder? Vielleicht noch mehr Zucker?, fragte sie ihre drei erwachsenen Töchter. Keinen Zucker mehr!, sagte Regine. Doch, da muss noch Zucker ran, widersprach Elisabeth. Mir langt ‚s, sagte Angela. Die jüngste der drei Schwestern hatte das entscheidende Wort gesprochen.

Und nun ein paar Fotos für unsere liebe Omi!, sagte der Vater zwei Stunden vor Mitternacht. Die Familie gruppierte sich auf urgroßelterlichem Sofa und Sesseln unter den Ahnenbildern der Mutter. Der Vater schraubte die Kamera auf ein Holzstativ, steckte ein Blitzlicht auf, spannte die Kamera, zog den Selbstauslöser auf und sprang zu seinem Sessel. Alle in die Kamera! Und freundlich, Kinder! Mutti! Freundlich! Mitten in seine Ermahnung hinein klickte es. Die Prozedur wiederholte sich. Der Vater arbeitete an Varianten. Nun ganz locker, Kinder, Mutti, unterhaltet euch, tut, als wäre ich gar nicht da. Und jetzt die Kinder allein. Und jetzt noch einmal alle!

Die Mutter erhob das Glas. Matthias stand zum ersten Mal in der Mitternachts-Runde, war in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. In die Augen schauen!, ermahnte die Mutter. In das Glockengeläut vom Kirchturm nebenan das feine Gläserklingeln viele Male, jedes Mal ein anderer Ton. Hört nur, wie hübsch das klingt!, sagte die Mutter. Hört nur. Ihre hellen Augen glänzten, ihre Wangen waren gerötet. Immer noch reichte eine Flasche Wein für die ganze Familie. Früher hatte der Vater sich, Regine, der Mutter, wenn die Mutter wollte, noch einmal nachgeschenkt. Heute wurden die Gläser nur einmal knapp gefüllt, vor Mitternacht daran genippt. Jetzt trank man die für den Schritt ins neue Jahr bestimmte Neige, sagte sich weiter keine guten Wünsche. Das würde der Vater durch sein Gebet tun. Sie achteten nicht auf den kriegsmäßigen Lärm draußen. Der Vater verabscheute das heidnische Brauchtum. Besinnlich ging die Familie Ebeling ins neue Jahr. Behüte und beschütze! Jeder dachte und wünschte sich Seines zum Gebet des Vaters hinzu.

Nach dem Neujahrs-Festessen brachten die Jungs Angela zur Bahn. Regine wurde am Abend von der ganzen übrigen Familie begleitet. Ein bisschen frische Luft, ein Spaziergang tut uns gut, hatte die Mutter gemeint, sodass Regine seltene Ehre widerfuhr. Sie stieg in den Zug, riss ein Fenster herunter, winkte, bis nicht einmal das Bahnhofsgebäude zu sehen war.

Gerade noch rechtzeitig für diesen kalten Winter 1968 hatte der Hausverwalter einen Ofenbauer beauftragt, in Regines Bodenwohnung einen kleinen Kachelofen zu setzen. Die Wohnung war behördlich nicht erfasst, also zum Vermieten an Studenten geeignet. Eine Kommilitonin hatte sie nach ihrer Heirat Regine überlassen. Früh und abends heizte sie den Ofen, stellte ihren hölzernen Lehnstuhl gleich daneben. Ein Brett darüber diente als Schreibunterlage. Auf einem zweiten Stuhl saß sie, hatte mehrere Pullover übereinander gezogen und an den Füßen einen kleinen Heizkörper. Sie trank Tee. Sobald sie sich aus der Nähe des Ofens begab, fror sie. Gegen den ungedämmten Dachboden nebenan kam kein Ofen an.

Nach ein paar Tagen gingen ihr die Kohlen aus. Die Frau in der Kohlenhandlung wollte wegen sechs Zentner Kohlen keinen Angestellten bemühen, lieh Regine aber einen zweirädrigen hohen Karren aus. Den bugsierte Regine über die Straße, schleppte mit ihrem einzigen Kohleneimer die Kohlen in einen kleinen Verschlag im Keller, stapelte sie und fühlte sich einen Abend lang allen Dingen des Lebens gewachsen.

Vorlesungen fanden nicht mehr statt, so fiel auch die Mensaversorgung weg. Sie rieb rohe Kartoffeln, schüttete sie in heißes Fett, aß sie halbroh, denn der Gasdruck war schwach.

Einmal kochte sie sich Reis und wärmte tiefgefrorene Paprikaschoten. Tag für Tag war sie mit sich allein. Das ging nun schon seit Ende November so, seit Beendigung des Lehrerpraktikums auf einem Dorf im Sorbischen. Manchmal begegnete ihr eine alte Hausbewohnerin auf der Treppe. Inzwischen war Regine so menschenscheu, dass sie erschrak, sobald die alte Frau sie ansprach. Hörte sie im Hausflur Geräusche, ging sie nicht aus der Wohnung. Zutrauen hatte sie zu der Familie, die unter ihr wohnte. Die konnte sie schon mal fragen. Die Bekanntschaft hatte sich durch den Vater ergeben, der bei einer Übernachtung in Regines Bude mit der Familie ins Gespräch kam. Die Familie – selbst kirchlich gebunden – war erfreut, einen Pfarrer kennenzulernen. Wollte Regine unter Menschen sein, ging sie am Abend ins Kino. Billigste Eintrittspreise gestatteten es. Nie kamen Kommilitoninnen zu Besuch. Die hatten sich ausnahmslos mit Männern versehen, waren in diesem frühen Stadium ihrer Ehe nicht ansprechbar und zudem genauso wie Regine mit ihrer Abschlussarbeit beschäftigt.

Einige Male fuhr sie zu Wolfgang. Seit Ende November hatten sie ein Verhältnis. Sie waren sich im Zug von Cottbus nach Berlin begegnet. Doch nie brannte Licht in seiner Wohnung. Sie machte sich nicht viel Gedanken um ihn. Nur den Sex vermisste sie. Dann tauchte er bei ihr auf. Mit verbundenen Händen. Er hatte sich bei einem Silvesterfeuerwerk schwer verbrannt, war krank geschrieben und wohnte bei seiner Mutter in Cottbus. Als er sagte, er könnte noch drei Wochen ohne Sex leben, fragte sie sich, ob er dauerhaft ein guter Liebhaber bliebe.

Einige Male klopfte es an ihrer Wohnungstür. Sie öffnete strahlend, voller Erwartung. Bekannte aus ihrer ersten Studienzeit, als sie noch in die Junge Gemeinde gegangen war, hatten sich an sie erinnert. Doch die Besuche verliefen mühsam. Das Reden fiel Regine schwer. Sie hatte es in den vielen Tagen ohne Menschen verlernt. Offenbar war sie es immer gewesen, die die jungen Männer unterhalten hatte. Als sie sich ihrer neuen Hemmung bewusst wurde, gelang ihr nicht einmal, einen einfachen Satz ohne Stottern zu beenden.

Sie brachte Bücher in die Staats- und die Uni-Bibliothek zurück, bestellte neu, holte bereits bestellte ab. Im Aufgang der Staatsbibliothek begegnete ihr Jörg, ein gut aussehender, athletischer Bursche, der ehemalige Freund ihrer Kommilitonin Barbara, mit der sie ein Zweibettzimmer im Studentenwohnheim geteilt hatte. Er feixte vielversprechend, zwinkerte. Wie geht es Barbara? fragte er. Jedes Mal fragte er so, als sei sie mit Barbara eng befreundet oder sogar so gut wie verheiratet gewesen. Dabei hatten sie nicht mehr als gute Kameradschaft gehabt. Weiß nicht, sagte sie mürrisch. Mit einem Grinsen, das er für Charme hielt, lud er sie zum Essen ein. Als sie zusagte, packte er sie am Mantelkragen, schob, zog sie, zerrte sie am Jackenärmel durch das Gedränge. Während er nach Essen anstand, riss er mehrmals seine kleinen blauen Augen auf, verzog das Gesicht zu einer traurigen Grimasse.

Früher hatte sie das alles hübsch gefunden – bevor sie sich an das rhythmische Quietschen, die Brunstlaute aus dem Bett nebenan gewöhnen musste. Ich glaube, er ist ein bisschen dumm, sagte Barbara. Nach Beendigung der Beziehung versicherte sie, nun habe sie keine Angst mehr, nicht genug zu bekommen. Im Gegenteil, auf ein und dieselbe Art könnte es auch zu viel werden.

Mit aufgerissenen Augen und zuckenden Augenbrauen Regine Signale gebend, drängte sich Jörg mit zwei Essenportionen zwischen Tische und Stühle hindurch. Während des Essens sah er sie an. Siehst richtig mickrig aus. Hast du keinen Mann?

Schon. Aber zur Zeit ist er außer Betrieb.

Ich werde dich zum Fasching in den Studentenclub mitnehmen. Du brauchst Aufmunterung. Wieder zwinkerte und zuckte es in seinem Gesicht. Er stieß ein Lachen durch die Nase. Er empfand noch viel für seine ehemalige Geliebte. In dieses Gefühl bezog er auch Regine ein.

Ohrenbetäubend die Musik der Studentenkapelle im Club in der Linienstraße. Schreiend verständigte man sich, tobte durch die Räume des ehemaligen Bordells. Zylinder, Sombrero, Fransenhut die gängige Kopfbedeckung. Die Damen vor allem leicht bekleidet, die Herren maritim, gentlemanlike oder südländisch und vor allem männlich. Ein angeklebter Bart, ein blau unterlaufenes Auge mochten schließlich auch genügen. Ein Lächeln hin, eines zurück, ein Wink. Regine flog von den Armen des einen in die eines anderen. Der erste Blick, der auf sie gefallen war, hatte sie angezündet. Sie tanzte, hottete sich die Lunge aus dem Leib, lehnte sich mal gegen eine Wand, setzte sich zu Boden. Dann weiter, weiter. Ein Fotograf folgte ihrer Fährte. Während einer langen Pause leerte sich die Tanzfläche im großen Saal. Regine blieb allein auf dem Bühnenpodest hocken. Der Fotograf wechselte einen Film. Geschafft, was?, sagte er.

Für wen fotografierst du? , fragte sie.

Mal sehen, wo ich’s unterbringe.

Der Fotograf war schon alt, bestimmt Ende zwanzig. Der Kopf ähnelte dem eines Seehunds. Rund war er, die blauen Augen traten leicht hervor, Oberlippenbart. Seine Haare struppig. Die Statur kräftig, eher groß.

Ich hätte gern ein Foto! Bestimmt wollten etwa hundert Mädchen ein Foto von sich. Aber an einem Abend, der glücklich lief, konnte Regine alles verlangen.

Der Fotograf lächelte spöttisch.

Nein?

Wenn du gewinnst! Der Fotograf legte die Kamera ab, brachte aus seiner Jackentasche eine Münze hervor, schwer war sie, alt oder in fremder Währung. Wirf!

Regine warf.

Kopf, sagte der Fotograf.

Verloren?, fragte Regine.

Muss man immer das Schlimme annehmen?

Gewonnen?

Um elf am Ausgang!

Wieso?

Gewinnst du nochmal, kriegst du einen Kaffee bei mir und die Fotos dazu.

Na schön. Regine stand auf, ging über den Saal, trank an einem Ausschank Bier, ließ sich von einem Zigeuner ansprechen, tanzte mit ihm, küsste sich mit ihm, tanzte auch mit Jörg. Nachdem er gesehen hatte, dass sie sich vergnügte, hatte er seine anfängliche Fürsorge aufgegeben. Der Fotograf blieb ihr auf den Fersen. Er lächelte. Die Kamera baumelte an seiner Brust. Er machte ein Zeichen mit den Händen. Elf Uhr!

Hast du dir schon eine ausgeguckt?, fragte Regine ihren Tänzer.

Jörg zwinkerte, zuckte mit den Augenbrauen und deutete mit dem Kopf zu einer, die einen Zylinder trug und mit einem muskulösen Matrosen tanzte. Solche Mädchen wie Barbara und dich bekommt man eben nicht alle Tage. Er grinste bekümmert.

Regine zog ihren Tänzer bis zu jenem Paar, klatschte den Matrosen ab. Ich hab dich nicht vergessen, sagte sie. So schön wie mit dir war’s nie mehr. Der Matrose lachte. Er blieb auch bei ihr, als die Kapelle wieder für eine Weile aussetzte. Sie ließen sich auf Stühle fallen. Regine streichelte den Unterarm des Matrosen. Der Fotograf sah sie fragend an.

Ist mein großer Schwarm, sagte sie.

Schade, dass ich keinen Film mehr habe, meinte der Fotograf. Bleibt es bei unserer Verabredung?

Ja. Mit ihm und mir ist es schon lange aus. Damals hat er mir beinah das Herz gebrochen. Er bricht jeder Frau das Herz. Fast jeder, sagte der Matrose.

Regine liebte immer noch seine tiefe Stimme, das langsame Sprechen. Er mordet scharenweise Frauenherzen, sagte sie zum Fotografen. Unhold haben wir ihn genannt. Sein Freund, der was mit meiner Freundin hatte, hieß Reinhold.

Unhold lächelte breit. Sein Mund reichte fast von einem Ohr zum anderen, und man sah sein starkes ebenmäßiges Gebiss. Korn hätte er damit mahlen können. Er war Halbrusse und sah so aus, wie man sich einen Russen vorstellte. Er hatte einen runden Schädel, breiten hohe Wangenknochen. Seine Augenbrauen stark, dreieckig, dunkel, seine Nase kräftig, kurz. Er war Boxer mit allerdings zu schmalen Hüften. Seit sie ihn kennengelernt hatte, liebte sie slawisch aussehende Männer.

Will er was von dir?, fragte Unhold, nachdem der Fotograf gegangen war.

Nein, ich von ihm. Er hat Fotos gemacht, die will ich haben.

Pass auf dich auf, Kleines. Er rieb mit seiner Nase an ihrer Nase. Kleines, so hatte er früher gesagt. Eine Masche, die noch immer wirkte. Regine lehnte sich beim Tanzen an ihn, ließ sich treiben. Sicher hätte sie ihn für diese Nacht haben können. Doch entweder verliebte sie sich neu und wurde wieder unglücklich, oder sie verdarb sich die beste Erinnerung, die sie an einen Mann hatte. Der Fotograf fiel ihr ein. Wie spät?, schrie sie, da die Kapelle nun wieder sehr laut war. Unhold tippte einem anderen Studenten auf die Schulter. Der hob seinen Arm. Regine las die Uhrzeit ab. Ich muss!

Unhold nickte.

Später dachte sie, wäre Unhold nur nicht so schrecklich fair gewesen. Er hätte sie bloß festhalten müssen.

Hat man sich trennen können? fragte der Fotograf. Er stand schon angezogen am Ausgang.

Schreib deine Adresse auf. Er reichte ihr Zettel und Stift. Die Fotos sind im Kasten, was soll ich hier noch.

Regine hielt den Zettel gegen die Wand und schrieb.

Im Fernsehen läuft ein de Sica. Kennst du de Sica?

Regine schüttelte den Kopf.

„Paisa", „Fahrraddiebe", „Rom, offene Stadt", nichts geht über die italienischen Neorealisten.

Ich seh gern Kintopp. Ansprüche habe ich keine.

Solltest du aber. Na, Mädchen, entschließe dich. Es klang von oben herab. Doch in seinem schwermütigen Seehundsaugen war ein Lächeln.

Regine musste nicht nachdenken. Schon als sie sich von Unhold trennte, hatte sie sich entschieden. Sie konnte sehr schnell sagen, ob sie mit einem Mann schlafen wollte oder nicht. Aber bis raus nach Friedrichshagen oder so, das wäre mir zu weit, meinte sie.

Der Fotograf sah auf den Zettel, den Regine ihm gegeben hatte. Genau deine Strecke. Dimitroff/ Ecke Schönhauser.

Der eisige Wind am Oranienburger Tor blies die Hitze schnell aus ihrem Körper. Auch er schien zu frieren. Doch er legte nicht den Arm um sie, wie sie erwartete. Sie hatten sich in den Eingang einer Buchhandlung gestellt. Um diese Zeit fuhren die Straßenbahnen in großen Abständen. Offenbar hatten sie gerade eine verpasst. Der Fotograf redete ununterbrochen, erzählte in mildem Sächsisch eine Story nach der anderen, seine Augen lachten, hatten nichts Schwermütiges mehr. Er hätte sich nach ihrer Studienrichtung erkundigen können. Das war üblich. Doch der Fotograf tat offenbar nichts Übliches. Du arbeitest beim Fernsehen?, fragte sie. Er hatte so viel von der Dramatischen gesprochen, von Schauspielern, dass es nur eine rhetorische Frage war.

Nicht fest. Er wurde einsilbig.

Na klar. Du bist Fotograf.

Ist eher ein Hobby.

Die Straßenbahn bog quietschend in die Friedrichstraße ein, fuhr über die Spreebrücke. Na endlich! Er atmete durch. Ich hasse es zu warten!

Die ganze Zeit über hatte er geredet. In der Straßenbahn schwieg er. Vielleicht tat es ihm leid, dass er sie eingeladen hatte. Als die Straßenbahn am Prater hielt, sagte sie: Du hast ja wegen der Fotos meine Adresse. Sie wollte ihn allein aussteigen lassen.

Er schüttelte den Kopf, verstand ihr Angebot nicht. Die nächste Station, sagte er. Pappelallee. Die nächste.

Zwischen dunkelgrauen Fassaden ein Haus neu verputzt. Dort wohnte er. Auch das Treppenhaus, die Türen waren frisch gestrichen, die Hausflure breit. Vierter Stock, sagte er.

Sie lief hinter ihm, hätte immer noch umkehren können. Wahrscheinlich hätte er sich nicht einmal nach ihr umgeschaut.

Da wären wir, sagte er, griff nach dem Schlüsselbund in seiner Jacke.

Sie schaute auf das Türschild. Kollowski heißt du.

Ja. Christian. Hab ganz vergessen, mich vorzustellen. Typisch. Keine Manieren.

Pole?

Einer meiner sechzehnhundertzwanzig Vorfahren sicher. Wir sind doch alle Polen, Tschechen, Juden. Hast du nicht auch eine jüdische Großmutter?

Wieso? Sehe ich so aus?

Leider nicht. So was von blond und blauäugig.

Danke. Warum beleidigt er mich?, dachte sie. Was ist mit ihm los? Doch als er lächelte, müde, freundlich, sagte sie sich, dass er wohl nur nicht so achtgab auf seine Worte.

Er schloss die Tür auf. In der Diele Fotos, an Schnüren aufgespannt, mit Büroklammern befestigt. Eines fiel besonders auf. Ein extremes Hochformat. Ein Model wohl, dünn, schwarzhaarig, die Haare hochtoupiert und gesteckt, falsche Wimpern. Ein Maskengesicht. Ein großer, weiß gestrichener Schrank ließ den Fotos nicht viel Platz. Am Ende der Diele linkerhand ein Gang zur Wohnung. Ein Fenster im Gang. Man schaute in einen Luftschacht hinab. Die Mauern, immerhin befand man sich hier im vierten Stock, übten den Sog der Tiefe aus. Verführerisch, was?, sagte er mit merkwürdigem Lächeln.

Das Zimmer recht groß, das letzte Stück schmaler. Der erste Blick fiel auf den Teppich an der Stirnwand, ein Spinnennetz darstellend, darunter eine Liege, ein Couchtisch. In der kurzen Seitenwand daneben das einzige Fenster. Vorn, wieder an Schnüren und Büroklammern befestigt, Fotos. Gegenüber das Bett. Als Rückenwand ein Regal. Außer Büchern auch einige leere Flaschen, eine mit Wachs betropft, wie es die in jeder Wohnung gab. Christian rollte Decke und Kissen in das Laken, räumte den Packen in die Truhe. Setz dich. Er wies ihr ein orientalisches Ledersitzkissen zu, schaltete den Fernseher ein und machte es sich in seinem Schaukelstuhl bequem. Sie hockte auf dem Kissen klein neben ihm.

Den Mantel willst du aber nicht ausziehen?, fragte er.

Mir ist kalt.

Soll ich ne Heizröhre aufstellen.

Ist sinnlos. Wenn mir erstmal kalt ist, ist alles sinnlos. Sie fror nicht, sie zitterte nicht. Sie hatte wahrscheinlich nur zwei Grad weniger Körpertemperatur als normal.

Ein Grog hilft! Der wärmt von innen.

Sie verkroch sich in ihren Mantel, schaute sich die ersten Filmszenen an.

Er kam aus der Küche zurück. Der Wasserkessel pfiff, und er ging, den Grog zu brauen. Er brachte ihn in Metallschalen gestellte Teegläser an. Sie blies über die Flüssigkeit, trank kleine Schlucke, dann größere.

Besser?

Viel besser, jaja. Wärme durchströmte sie, ihre Misslaunigkeit wich. Sie zog ihren Mantel aus, bekam ein weiteres Glas gefüllt. Er selbst trank wenig. Ich mach mir nichts aus Alkohol, sagte er. Reiner Zufall, dass ich überhaupt was da habe.

Wie schön, dachte sie. Wolfgang trank große Mengen. Als Chemiker hatte er die Möglichkeit, billig an unvergällten Sprit zu kommen. Man merkte ihm nicht an, dass er trank. Nur das fahle, leicht gedunsene Gesicht deutete darauf hin. Der Alkohol verursachte bei ihr eine Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Weitergehendem. Bei Christian schien ein solches Bedürfnis nicht zu bestehen. Er schaute sich den Film an, machte auf besonders gelungene Einstellungen, Szenen, Dialoge aufmerksam. Die Geschichte nahm auch sie gefangen. Wie gemein, so gemein, sagte sie am Ende. Naja, das Läbn, meinte er. Noch was zu essen oder zu trinken?

Wenn du was zu essen hast. Sie ging ihm in die Küche nach. Sämtlicher Hausrat, vom Geschirr bis zu den Vorräten, befand sich auf Brettern an der Wand, mit Bindfäden befestigt. Neben der Tür ein Bretterverschlag. Die Dunkelkammer, erklärte er. Sie bekam eine Brotscheibe, dick mit Schlackwurst belegt, biss ab. Ihr Hunger war groß, und Schlackwurst hatte sie lange nicht mehr gegessen. Sie setzte sich wieder auf ihrem Kissen nieder, harrte der Verführung. Doch Christian blieb in der Zimmertür stehen. Na, da werd ich mal, sagte sie, stand auf. Im Hausflur lächelte Christian ihr mit seinen schwermütigen Seehundsaugen noch einmal herzgewinnend zu, als ob er sie nicht in Nacht und Kälte schickte. Eigentlich konnte er recht gut wissen, dass jetzt keine Straßenbahn mehr fuhr und eine knappe halbe Stunde Fußweg vor ihr lag.

Sie lief, so schnell sie konnte, zunächst vom Alkohol getrieben, und dann, um sich wenigstens die erste Zeit warm zu halten. Der Bewegungsdrang ließ nach. Mehr noch als ihr offenbarer Misserfolg machte ihr die klirrende Kälte zu schaffen. Breite, leere Straßen, kein Schutz vor dem Wind. Ich bin bald zu Hause, sprach sie zu sich, glaubte es aber nicht eher, als bis sie tatsächlich vor dem Haus stand, in dem sie wohnte. ...