|
Inhalt
Sinterklaas. Eine Weihnachtsgeschichte 7
Die Schaumgeborene und der alte Wassermann 19
Nach der Flut 33
Der einsame Kobold 43
Der Goldene Backenzahn 77
Biographien 85
Klappentext
Waldemar geht in den Sommerferien auf Schatzsuche
und stellt fest, dass Kobolde nicht schwimmen können. Maria überlebt
eine Umweltkatastrophe mit Hilfe dankbarer Tiere. In der arktischen
Eiswelt rund um den Nordpol haben die beiden letzten Meermenschen
Probleme, zueinander zu finden. In der Weihnachtsnacht muss sich Rico
aus den Fängen eines tödlichen Computerspiels befreien. Ein Zahnarzt
erlebt in seiner Sprechstunde einen leibhaftigen Vampir.
Die fünf Erzählungen dieses Bandes schildern unwirkliche Begegnungen im
Heute und im Morgen. Ein anspruchsvolles Lesevergnügen für Kinder und
solche, die es wieder werden wollen.
Leseprobe
Sinterklaas. Eine Weihnachtsgeschichte
Winterzeit, Weihnachten... Heute ist schulfrei, Rico ist trotzdem unterwegs.
Den letzten Treff der Gruppe wollte er unbedingt noch wahrnehmen, bevor er
mit den Eltern in den Urlaub muss. Und es hatte sich gelohnt! Kilian, der
nun schon seit Wochen mit dem neuesten Hit prahlte, hat nun endlich die
Adresse herausgerückt, unter der man sich das Spiel kostenlos downloaden
konnte. „Terror-Town“ sollte es heißen und alles in den Schatten stellen,
was es bisher gab!
Der Treff hatte sich schnell aufgelöst – alle stoben zurück in ihre
Wohnungen, um das begehrte Spiel sofort auszuprobieren. So auch Rico.
Und dieses alberne Getümmel auf den Straßen, Glitzerreklame und betrunkene
Weihnachtsmänner, stört ihn plötzlich überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil –
er findet es plötzlich ganz gut, dass heute Heiligabend ist.
Der Vater hält nichts von Computerspielen, brummelt immer etwas von
„virtuellen Scheinwelten“ und scheucht Rico vom PC, wenn er ihn beim Spielen
erwischt. Aber heute würde die Mutter ihn bestimmt beim Anputzen des
Weihnachtsbaumes einspannen. Dann wäre der Computer, an dem der Vater sonst
arbeitete, frei. Und Rico brauchte bei der abendlichen Bescherung nicht
einmal Begeisterung zu heucheln – sein schönstes Geschenk hätte er sich
selbst besorgt.
In seiner Vorfreude achtet Rico kaum noch auf den Weg, rempelt plötzlich
jemanden an und landet kopfüber in einem Schneehaufen.
„Na, na! Wer wird es denn so eilig haben, gerade an diesem Tag?“ Rico wird
hochgehoben, Glühweingeruch schlägt ihm ins Gesicht. Ein Weihnachtsmann!
Rico klopft sich verlegen die Schneereste von der Kleidung und stottert ein
Dankeschön. Dann durchfährt es ihn heiß: Das Notizbuch! In dem er sich die
kostbare Internetadresse notiert hat! Eben hatte er es noch!
Ein Hund hält Rico schweifwedelnd das Heft hin.
„Dein Geschenk?“ fragt der Weihnachtsmann. „Hast du es dir sehr gewünscht?“
„Nein, nein“, wehrt Rico ab, „nur die Adresse... muss ins Internet...“
„Aber, aber...“ Der Weihnachtsmann schüttelt missbilligend den Kopf. „Eine
Adresse ist doch kein Geschenk...“ Aber da ist Rico schon weitergestürzt,
hat den Betrunkenen samt seinem Hund stehengelassen.
Schwer atmend erreicht Rico schließlich seinen Wohnblock, drückt im Hausflur
den Fahrstuhlknopf.
„Das ist aber schön, dich zu sehen! Wollen wir uns endlich verloben?“
Das kann doch nicht wahr sein! Die abgedrehte Gabi aus der vierten Etage!
Nein! Nicht ausgerechnet heute! Rote Zöpfe, Sommersprossen – und das Hirn
einer Bescheuerten: Seit Wochen läuft sie Rico hinterher, hat ihn in der
ganzen Schule schon lächerlich gemacht! Jetzt drängt sie sich neben ihm
durch die Fahrstuhltür. Und fängt auch noch an zu singen:
„Computer, Computer,
du bist nicht gescheit!
Du schwebst in der Spielwelt,
dein Ziel ist so weit...“
Und schon hat ihn diese blöd grinsende Verrückte zu Kaffee und Kuchen
eingeladen und entwirft den Plan für gemeinsame Ferien. „Ich habe Mami von
meinem Kavalier erzählt. Und die hat mir zu Weihnachten ein Brautkleid
versprochen!“ Dabei lacht sie auch noch!
Als der Fahrstuhl in der dritten Etage hält, schlüpft Rico unter ihren Armen
hindurch. Den Wohnungsschlüssel hat er griffbereit. Erleichtert atmet er
auf, als das gackernde Huhn hinter der rettenden Tür zurückbleibt.
In der Wohnung sieht Rico, dass der Vater tatsächlich im Wohnzimmer steht
und den Weihnachtsbaum mit Lametta behängt. Die Mutter wirtschaftet in der
Küche mit dem Gänsebraten, schimpft zwischendurch auf Susi, die jüngere
Schwester, die vor der Glotze hockt und sich einen Trickfilm nach dem
anderen reinzieht. Auf Zehenspitzen schleicht Rico in Vaters Arbeitszimmer.
Hoffentlich bemerkt Susi, die Petze, ihn nicht.
PC einschalten, Passwort eingeben, Internet starten, neues Passwort, jetzt
die Adresse... Rico atmet erleichtert auf: Der Download läuft. Jetzt nur
noch ein wenig Geduld... Er bemerkt nicht, dass hinter ihm die Tür ein Spalt
breit geöffnet wird...
Der Download ist fast abgeschlossen, als Rico jäh unterbrochen wird: „Was
läuft da für ein Programm? Sofort stoppen! Was habe ich dir immer gesagt?!
Mein Computer ist mein Arbeitsplatz! Auch noch eine Raubkopie! Hast du nicht
schon genug von diesem Mist?!“
Der Vater stößt Rico von der Tastatur, bricht den Netzkontakt ab.
Rico kommen vor Wut die Tränen. Fast hätte er es geschafft – nur zwei
Minuten haben noch gefehlt.
„Du, du, du – du bist nicht mein Vater! Nichts gönnst du mir! Nicht einmal
zu Weihnachten!“ Rico rennt aus dem Zimmer, sieht unterwegs die
erschrockenen Augen der Mutter und Susis schadenfrohes Gesicht.
Mit lautem Knall fällt die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss.
Er wartet nicht erst auf den Fahrstuhl – stürzt wütend die Treppe hinunter
und dann durch die Haustür hinaus auf die Straße.
Ziellos läuft er durch die Stadt, starrt teilnahmslos auf das weihnachtliche
Treiben. Er bemerkt kaum, dass der herabrieselnde Schnee seine Sachen
durchnässt. Seine Gedanken drehen sich immer wieder um das begehrte
Programm, das nun für ihn verloren ist. Der Vater wird ihn nach diesem Krach
bestimmt nie wieder an seinen PC lassen. Was soll er nun machen? All seine
Freunde spielen; und wer an keinen Computer herankommt, wird höchstens aus
Mitleid in der Gruppe geduldet. Soll er sich nun täglich von der Glotze
anöden lassen wie die blöde Susi?
Lautes Johlen reißt Rico aus seinen Gedanken. Vor ihm auf der Straße sitzt
ein Hund – undefinierbare Rasse, Großvatergesicht –, hockt teilnahmslos auf
dem Bürgersteig, winselt nur ab und zu leise, wenn ihn einer der Schneebälle
trifft, die eine Gruppe von Jungen nach ihm schmeißt.
Rico kennt diese Bande! Strohdumm und faul, tun sich damit groß, dass sie
auf dem Schulhof Schwächere verdreschen! Bei ihm sind sie aber schon einmal
an den Falschen geraten. Nun auch noch Tierquälerei!
„Aufhören, feiges Pack!“ Mit erhobenen Fäusten stürzt er auf sie zu. Sie
kneifen sofort aus.
„Typisch“, denkt Rico, während er sich über das Tier beugt und ihm die
Schneereste aus dem Fell klopft. Nein, verletzt scheint es nicht zu sein.
Ein Hund! Früher, als sie noch nicht in der Stadt wohnten, hatten die Eltern
einen gehabt, der war damals sein bester Freund. Als sie umzogen, musste er
bei den Großeltern bleiben. Da ist er dann auch gestorben...
Als könne es Gedanken lesen, winselt das Tier und versucht, Rico das Gesicht
zu lecken.
„Nicht doch!“ wehrt Rico ab und richtet sich wieder auf. Da sieht er, wie
eine bärtige, rotbemützte Puppe im benachbarten Schaufenster ihm zuzwinkert.
Nanu?! Verwirrt betrachtet er den Hund: Ist das etwa das Tier von vorhin?
Als er weiter läuft, trottet ihm der Hund einfach hinterher.
Rico bemerkt jetzt Nässe und Kälte, flüchtet sich in den nächsten
U-Bahn-Schacht. Hier ist es leidlich warm und trocken, aber sehr zugig.
Misstrauisch mustert ihn auf dem Bahnsteig ein Uniformierter. Eine
Kioskverkäuferin beäugt Kind und Hund unfreundlich, sagt aber nichts.
Plötzlich hört er Musik und zwischendurch das Klappern von Münzen. Ein
Bettler sitzt auf der Erde, unrasiert und schmuddelig – er spielt Flöte,
einige der Vorübergehenden werfen in seinen Teller Münzen. Hingerissen
lauscht Rico den Klängen. Richtige Musik – keine Konserventöne! Früher hatte
er gern Mundharmonika spielen wollen – aber nie eine bekommen.
Rico fährt einige Stationen mit der U-Bahn hin- und her. Mehrmals pöbeln ihn
Betrunkene an. Vor einer Kontrolle kann er rechtzeitig flüchten. Aber
wenigstens sind seine Sachen halbwegs trocken, als er wieder aus der
Unterwelt auftaucht. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden – viel
weniger Leute unterwegs als vorhin. Aber einige doch noch.
„Dshummh!“ rauscht etwas an Rico vorbei. Der Hund springt erschrocken
zurück. Und noch einmal: „Dshummh!“ Rollschuhfahrer! Zwei sind es, ein Junge
und ein Mädchen, beide in Ricos Alter. Fröhlich lachen sie über sein
verdutztes Gesicht, drehen ein paar Runden, fahren weiter.
Ja – das wäre was! Durch die Stadt fahren, Kunststücke trainieren... Er hat
sich mal welche gewünscht – aber der Vater knurrte etwas von Verkehrs-
rowdys, die Mutter jammerte, es wäre so gefährlich! Von all seinen Bekannten
hat nur die verdrehte Gabi Rollschuhe.
Rico wird müde. Er sieht auf die Uhr – schon nach Zehn! Vielleicht sollte er
jetzt zurückgehen und sich einfach ins Bett legen? Aber der Hund – was soll
er mit ihm machen?! Auf der Straße lassen? Nein! Mitnehmen? Mutter würde
einen Anfall bekommen... Aber vielleicht schliefen die Eltern ja schon. Der
Hund bellt freudig, als könne er Gedanken lesen.
Natürlich schlafen sie nicht. Mutter murmelt etwas von „großer Sorge“ und
„Bescherung am nächsten Morgen”, ehe sie sich ins Schlafzimmer verziehen.
Den Hund haben sie nicht bemerkt – Rico ist erleichtert.
|