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Peter Herzog

Die Wiedergutmachung

Autobiographischer Roman, trafo verlag 2011, 2te Auflage, 288 S., Abb., Tb, ISBN 978-3-89626-972-0, 16,80 EUR

REZENSIONEN

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Auch dieses Buch, das Sie in den Händen halten, handelt - wie die meisten Bücher – von Freundschaft, Liebe, Leben, Tod, aber eines ist ganz anders: Es ist eine wahre Geschichte. Sie spielt in Siebenbürgen nach dem Wiener Diktat, im Dritten Reich und in den späten achtziger Jahren in der Bundesrepublik.

Ein sensibler Junge aus gut bürgerlichen Verhältnissen erlebt die vollständige Vernichtung der sozialen Existenz seiner Familie, doch bevor er selbst endgültig untergeht, findet er edle Freunde in Deutschland.

Lesen Sie einen biographischen Roman, in dem sich, wie in einem Brennglas, Liebe und Leid, Zerstörung und Menschlichkeit bündeln. Ob es eine Wiedergutmachung geben kann, wird Ihnen die Lektüre zeigen.

 

[Leseprobe auf französisch]

Leseprobe

Im Judenviertel

In der Kossuth-Straße, stadtauswärts, lag das eigentliche Judenviertel. Hier wohnten in der Nachbarschaft der orthodoxen Synagoge die religiösen Juden in ihren kleinen schiefen Häuschen. Viele hatten auch tagsüber die Fensterläden geschlossen. Die koschere Metzgerei mit Delikatessen wie Gänseleber und geräucherter Gänsebrust, Israel der Bäcker und viele kleine Handwerksbetriebe säumten die engen Straßen. Hier in diesem Viertel wohnten die Juden, die dem typischen Klischee entsprachen. Die meisten trugen lange schwarze Mäntel, Pelzmützen und weiße Kniestrümpfe. Frauen waren kaum zu sehen. Die Kinder mit zu langen kurzen Hosen, Schnürschuhen, schwarzen Hosenträgern über den weißen Hemden und Schläfenlocken spielten Ball auf der Straße. Sie sahen wie kleine Erwachsene aus, hatten blasse Gesichter, waren still und nicht ausgelassen wie andere Kinder. In einer der Nebenstraßen lag die Synagoge der orthodoxen jüdischen Gemeinde. Ein großes Gebäude im byzantinischen Stil, unverputzt aus rotem Backstein, davor ein hoher eiserner Zaun. Diese Synagoge unterschied sich sehr stark vom neologen Tempel der wohlhabenden nichtorthodoxen Juden der Stadt. Das reich verzierte große Gebäude mit einer gewaltigen Kuppel zwischen zwei zwiebelförmigen Türmen erinnerte an eine byzantinische Kathedrale. Über dem Eingangsportal war ein farbiges Glasfenster mit biblischen Motiven, und in der Mitte ein beeindruckender Davidstern. An hohen jüdischen Feiertagen nahm Dr. Heimann seinen Enkel zum Gottesdienst mit.

Diese Welt war eine andere, und zwischen den orthodoxen und den neologen Juden bestand nicht der geringste Kontakt. In den assimilierten Kreisen schämte man sich unausgesprochen der armen klischeehaften Juden wegen. Man wollte nicht mit den „ewigen“ Juden in einen Topf geworfen werden. Man hielt die sich an der ostjüdisch-orthodoxen Tradition festklammernden Glaubensgenossen für rückschrittlich und ihr Aussehen insgesamt für mitursächlich am immer spürbarer aggressiven Antisemitismus.

Die jungen ungarischen Offiziersschüler, die sich in angetrunkenem Zustand gegenseitig an den Schultern hielten, zogen über die gesamte Breite der schmalen Gasse des Judenviertels und sangen laute Lieder, was die Bewohner dort erschreckte. Einer der jungen Offiziersanwärter warf, nachdem er eine Kadarka-Weinflasche ausgetrunken hatte, diese in großem Bogen gegen die Wand eines niedrigen Hauses. Die Weinflasche zerbrach und hinterließ einen roten Fleck an der Wand. Kurz darauf erschien ein kleiner alter Mann, schwarz gekleidet mit langem schlohweißen Bart und einer kleiner Samtmütze auf seinem Kopf.

„Bitteschön, Herr Offizier, tun sie so etwas nicht.“

„Wer bist denn du alter Scheißer?“

„Ich bin der Tempeldiener hier in der Synagoge, schon seit fünfundvierzig Jahren.“

„Ein nichts bist du,“ schrie ihn ein etwas angeheiterter Unterleutnant von der Seite an.

„Warum, bitte schön, sagen sie so etwas? Sie waren noch gar nicht geboren, als .....“

„Halt die Fresse, du alte Judensau. Sonst passiert was.“

Der alte Herr Hirsch wurde ganz ruhig und spürte, dass es nicht ungefährlich war, mit den angeheiterten jungen Offiziersanwärtern die Auseinandersetzung fortzusetzen. Er machte ein paar Schritte zurück, drehte sich um und wollte gehen.

„Feige bist du auch noch!“

„So seid ihr alle, Diebe, Feiglinge und Schmarotzer!“ Ergänzte ein anderer Uniformierter.

Daraufhin drehte sich der Alte plötzlich um und rief so laut er konnte: „Rotzlöffel, du warst noch nicht geboren, als ich bereits an der Front war mit den Dreiundzwanziger Husaren.“

In diesem Augenblick sprang der eine Kadett von der Seite den alten Mann an, schleuderte ihn zu Boden, die anderen drückten ihn nieder, und alle gemeinsam zerrten und zupften sie an seinem langen Bart, bis er blutüberströmt mit halb ausgerissenem Bart liegen blieb. Die Bewohner der Häuser, die hinter den Gardinen die grausame Szene beobachtet hatten, liefen auf die Straße zum alten Herrn Hirsch, halfen ihm auf die Beine und begleiteten ihn in sein Haus. Die Offiziersschüler zogen weiter unter Absingen unflätiger Lieder und Spottsprüche gegen die Juden brüllend. Es kam keine Polizei und keine Hilfe. Im Judenviertel schlich sich die jahrhundertealte Pogromangst ein.

Dr. Heimann las in der „Kleinen Morgenzeitung“ über die Vorkommnisse in der Kossuth-Straße mit Schrecken und Abscheu. Er legte die Zeitung auf seinen Schreibtisch neben das Frühstückstablett, faltete seine Hände und dachte: So weit ist es schon. Die glückselige Befreiung und die Heimkehr ins Mutterland fängt ja gut an. In dem Augenblick betrat Peter das Zimmer, wieder ohne anzuklopfen.

„Gut, dass du kommst, mein Kleiner. Ich werde dir etwas vorlesen im Anschluss an unser Gespräch von gestern.“

„Lies vor, Großvater.“

Mit etwas Rührung in der Stimme las der Großvater dem Enkel den Bericht über den brutalen Übergriff der Kadetten im Armenviertel vor. Dann schwiegen sie beide. Der kleine Junge sagte ganz leise: „Ich habe dich verstanden Großvater. Die Hitlerjugend passt nicht zu mir. Aber Michael bleibt mein bester Freund. Ich verstehe nicht, Großvater, warum sie uns das alles antun.“

Der Großvater ging zu seinem Bücherschrank, öffnete die Kristallglastür und nahm vom obersten Regal die alte in Leder gebundene Bibel heraus. Er blätterte das zweite Buch Moses, Vers neunzehn, auf und las dem Bub folgendes vor:

„Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Moses stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jacob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe, wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“

Der Großvater schwieg. Dem Jungen füllten sich die Augen mit Tränen, und er sagte ganz leise: „Aber Großvater, ich will nicht heilig sein, ich will kein Priester sein, ich will ein Junge sein, wie die anderen auch.“

Der Großvater streichelte ihn über seine kurz geschnittenen Haare und murmelte ganz leise: „Das, mein Junge, ist nicht in unserer Hand.“

 

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