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Scheel, Roland

 

Lateineuropa und der Norden. Die Geschichtsschreibung des 12. Jahrhunderts in Dänemark, Island und Norwegen


 

 

 

 

 2012, [= Frankfurter kulturwissenschaftliche Beiträge, Bd. 6], 262 S., ISBN 978-3-89626-971-3, 34,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis



Vorwort 9

 

A) EINLEITUNG 11

Zur Konstitutionslogik historiographischer Texte 16

 

B) DÄNEMARK 19

I. Dänemark und Westeuropa im Frühmittelalter 19

    Adam von Bremen und Dänemarks Platzierung zwischen England und dem römisch-deutschen Reich 24

    England 24

    Erzbistum Hamburg-Bremen und römisch-deutsches Reich 26

II. Die dänische Geschichtsschreibung in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts 31

1. Die Entdeckung der eigenen Geschichte: Ælnoths Heiligenchronik 31

    Die Geschichtskonstruktion der Gesta et Passio 36

    Die funktionale Dimension 40 Der normative Aspekt 45

2. Das Chronicon Roskildense oder Eine Streitschrift im Kampf um das Erzbistum 47

    Die Geschichtskonstruktion des Chronicon Roskildense 54

    Ideengeschichtliche und sozialgeschichtliche Interpretationen der Konstitutionsbedingungen 56

    Kulturelle Kontakte und Eskils Rolle in den Machtkämpfen der 1130er-Jahre 59

    Ælnoths Gesta et Passio und das Chronicon Roskildense 67

3. Eskil, der König und die Großen: Exkurs zur »politischen Kultur« im Dänemark des zwölften Jahrhunderts 69

4. Die Konstruktion der Vorgeschichte: Das Chronicon Lethrense 73

    Die Funktion der Vorgeschichte 78 Die Bedeutung der Vorgeschichte für den Geschichtshorizont 79

III. Gesamtdarstellungen dänischer Geschichte in der Valdemarszeit 81

1. Weitere Formen der Geschichtsschreibung im Dänemark des zwölften und frühen 13. Jahrhunderts 81

2. Drei Könige und der Kaiser: Von Erik Lams Tod bis zum Krönungsakt von Ringsted 83

3. Die Königschronik eines Überlebenden: Svend Aggesens Brevis Historia regum Daciae 89

    Die Geschichtskonstruktion der Brevis historia 94

    Rex imperator in regno suo: Zur Konstitutionslogik 96

4. Gesta Danorum: Saxos Geschichtsexegese und ihre Konstitutionsbedingungen 103

IV. Zwischensumme. Kulturelle Kontakte und die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins in Dänemark 114

 

C) ISLAND UND NoRWEGEN 119

I. Einführung 119

1. Norröne Historiographie – Überblick und Quellenauswahl 119

2. Methodische Bemerkungen 122

II. Island 124

1. Island und Westeuropa im Frühmittelalter 124

    Mission und Entwicklung der Kirche 127

2. Lokale Geschichte in Südisland: Ari Þorgilssons Íslendingabók 130

    Aris Geschichtshorizont 133

    Ari und die lokalen Magnatenkollektive 140

3. Universalgeschichte: Die Veraldar saga 144

    Der funktionale Kontext 149

III. Norwegen 152

1. Norwegen und Westeuropa im Frühmittelalter 152

2. »Klerikale« Geschichtsschreibung? Die Historia de antiquitate regum Norwagiensium des Theodoricus Monachus 158

    Die Geschichtskonstruktion der Historia de antiquitate regum Norwagiensium 163

    Theodoricus und die Welt extra muros 167

IV. Bistumsgeschichte und Königsbiographie – ein Ausblick auf die Entwicklung des Geschichtshorizonts in Island und

     Norwegen an der Wende zum 13. Jahrhundert 176

1. Die frühen Biskupasögur 176

2. En ma á annan væg þetta skilia – die Sverris saga als Schlüssel zur Entwicklung der Konungasögur 182

 

D) FAZIT 199

 

E) ANHÄNGE 205

Anhang I: Genealogien 205

1. Die Nachkommen Svend Estridsens 206

2. Das Trundkollektiv 207

3. Das Skjalmkollektiv 208

4. Síðumenn 209

5. Haukdælir 210

6. oddaverjar 211

7. Breiðfirðingar 212

8. Die norwegischen Könige 213

Anhang II: Historiographische Gliederungen der Königsherrschaften 215

1. Die Königsgenerationen des Chronicon Roskildense 216

2. Die Königsgenerationen des Chronicon Lethrense 217

3. Die Königsgenerationen in Svend Aggesens Brevis historia regum Dacie 218

4. Die Herrschaftsfolge in der Historia de antiquitate regum Norwagiensium 219

5. Die isländischen Gesetzessprecher gemäß der Íslendingabók 220

Anhang III: Die Exkurse der Historia de antiquitate regum Norwagiensium 221

 

F) ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 225

 

G) QUELLEN UND LITERATUR 227

1. Quellen 227

2. Literatur 230

 

H) PERSONEN- UND ORTSREGISTER 249

1. Personen 249

2. Orte 257

 

Über den Autor 261

 

 

Leseprobe

 

A) Einleitung

Die regna aquilonis, fernab in den entlegenen Teilen der Welt, hielten lange Zeit voller Hingabe am Heidentum fest, bis die göttliche Barmherzigkeit sie aus dem unergründlichen Irrtum und Unglauben herausführte.1Mit diesen Worten beginnt das älteste historiographische Werk Skandinaviens, die in odense entstandene Chronik des englischen Priesters Ælnoth. Er schrieb um das Jahr 1120. Seine Herkunft deutet darauf hin, dass kulturelle Kontakte zu den mittel- und westeuropäischen Regionen für die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins in den skandinavischen Ländern eine hohe Bedeutung besaßen. Die frühe Historiographie des Nordens ist daher ein ausgesprochen interessantes Zeugnis für Kulturkontakte mit den lateineuropäischen Nachbarregionen und daraus resultierende Transfer- und Rezeptionsprozesse: Eine zunächst fremde kulturelle Technik wird rezipiert und in einem neuen Kontext unter anderen Bedingungen angewendet. Diesen Prozessen der Übertragung und Aneignung sowie ihren Konsequenzen für die Erzeugung historischen Wissens im mittelalterlichen Norden nachzugehen, ist die Absicht der vorliegenden Arbeit. Der Analyse dieser Transferprozesse liegt ein Rezeptionsbegriff zu Grunde, der sich am Modell des Romanisten Hans Robert Jauß orientiert. Dieses beruht auf dem Gedanken, dass die Wahrnehmung eines fremden Textes das partielle Bewusstwerden des eigenen gedanklichen Horizonts, die Abhebung und schließlich, nach einer Verschmelzung des »fremden« mit dem »eigenen« Horizont, eine Verschiebung des letzteren bewirkt. Durch die Analyse solcher kognitiven Horizonte, wie sie uns in den Texten begegnen, werden wiederum die Ideen und Wissensbestände der Zeitgenossen, sowohl der Autoren als auch der intendierten Rezipienten, greifbar; zugleich wird deutlich, dass Rezeption kreative Aneignungsprozesse voraussetzt. Eine historisch orientierte Untersuchung hat in diesem Zusammenhang gleichzeitig die ereignisgeschichtlichen und strukturgeschichtlichen Bedingungen zu rekonstruieren, unter welchen sich diese Kognitionsprozesse abspielen und letztlich einen Geschichtshorizont konstituieren, der zwar veränderlich, aber kollektiv stabilisiert ist. Wenn hierfür aus heutiger, wissenschaftlicher Perspektive auch weniger offensichtlich die Barmherzigkeit Gottes als vielmehr Prozesse des Kulturtransfers verantwortlich waren, so machen die ersten Worte von Ælnoths historiographischer Narration doch darauf aufmerksam, dass die Christianisierung, die Etablierung einer festen Kirchen-struktur und personaler Verbindungen zu den Bildungzentren Lateineuropas, eine grundlegende Voraussetzung für die Aneignung der lateinischen Schriftkultur darstellte – und damit zugleich für die Rezeption von Historiographie. Es gilt, diese Voraussetzungen und die jeweils synchronen Bedingungen, unter denen das historische Wissen im Skandinavien des zwölften Jahrhunderts entstand und sich entwickelte, im Vergleich verschiedener Quellen zu verfolgen. Hieraus resultiert eine doppelt komparatistische Perspektive: Einerseits muss das Verhältnis der skandinavischen Quellen zu ihren westeuropäischen Vorgängern und Parallelen analysiert werden, um die Auswirkungen kultureller Kontakte bestimmen zu können. Andererseits interessiert besonders ein Vergleich der skandinavischen Quellen untereinander, macht er es doch möglich, das Verhältnis zwischen typischen Gemeinsamkeiten und grundlegenden Differenzen in der Entwicklung des Geschichtshorizonts präzise zu bestimmen und dergestalt neue Perspektiven auf die kulturelle Entwicklung Skandinaviens im Hochmittelalter zu eröffnen. Zunächst jedoch verlangen die Begriffe »Skandinavien« beziehungsweise »Lateineuropa« eine nähere Bestimmung, da ihre Verwendung von aktuellen Bedeutungszuweisungen abweicht. Unter »Lateineuropa« oder »Westeuropa« werden im Folgenden England, das römisch-deutsche Reich und Nordfrankreich sowie die Normandie verstanden, mithin jene Regionen, wo die meisten literaten Skandinavier im zwölften Jahrhundert ihre Ausbildung erhielten. Als Zone kultureller Begegnungen ist dieses Westeuropa von dominanter, wenn auch nicht exklusiver Bedeutung. Das byzantinische Reich stellte gleichfalls einen nicht zu unterschätzenden und bisher kaum systematisch erforschten kulturellen Bezugspunkt für die Skandinavier dar. Tatsächlich begriffen sich diese Sprecher nordgermanischer Sprachen, also die Bewohner Dänemarks, Norwegens, Schwedens, Islands und der übrigen Inseln im Nordatlantik, als eine zusammen gehörende Gruppe. Dies belegen die Begriffe donsk tunga als übergreifende Bezeichnung für die nordischen Sprachen und Norðrlnd beziehungsweise regna aquilonis für die entsprechende Region, die in zeitgenössischen norrönen (altwestnordischen) Quellen und am eingangs zitierten Beginn von Ælnoths Chronik begegnen. Diesem Selbstverständnis entsprechend soll der Begriff »Skandinavien« im Folgenden gebraucht werden. Aufgrund der Quellensituation spielt das mittelalterliche Schweden für die vorliegende Analyse jedoch keine Rolle, da die spärlichen literarischen Quellen zur eigenen Geschichte dort erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts einsetzen. Die Gründe hierfür mag man zunächst darin erkennen, dass Schweden geographisch weiter von den Kontaktbereichen mit der hoch entwickelten lateinischen Schriftkultur entfernt lag; die Königreiche Dänemark und Norwegen berührten sich an der westlichen Ostseeküste. Außerdem war Schweden im zwölften Jahrhundert aufgrund seiner ausgedehnten Wälder in getrennte Regionen zergliedert; das Königtum verfügte über ungleich geringere Ressourcen als in Dänemark und Norwegen. Auch die Kirchenorganisation verdichtete und verfestigte sich in Schweden erst deutlich später als in den übrigen skandinavischen Ländern, wobei insbesondere die Gründung von Klöstern ausgesprochen spät begann. Dass deshalb in Schweden keine Benediktinerklöster mit der für diesen Orden so charakteristischen Einbindung in regionale Strukturen mehr gegründet wurden, sondern Zisterzienser und Bettelorden dominieren, ist als ein weiterer wesentlicher Grund dafür anzusehen, dass im zwölften Jahrhundert sowohl in Volkssprache als auch auf Latein keine und später kaum spezifisch schwedische Literatur entstand. Gleichwohl gilt dies nicht für weite Teile des heutigen Nationalstaats Schweden; das damalige Dänemark umfasst mit Schonen und Halland wesentliche Bereiche des heutigen Nationalstaats, ebenso wie Norwegen mit Bohuslän und größeren Inlandgebieten im skandinavischen Gebirge.

In den beiden Königreichen Dänemark und Norwegen sowie auf Island sind die Quellen in der fraglichen Zeit sehr viel zahlreicher. Königsgeschichten, aber auch Bistumschroniken oder Verbindungen aus beiden dominieren die historiographische Überlieferung des zwölften Jahrhunderts, für welche die heiligen Bekehrerkönige oft-mals eine besondere Bedeutung einnehmen. Hieraus erwächst ein Problem für die Gattungseinteilung der Quellen, welche Informationen zum Geschichtshorizont be-reitstellen. Zwar lässt sich die ästhetische Einteilung in annalistisch-chronikalische und thematisch-narrative Geschichtsschreibung übernehmen und mit dem quellenkundlichen Gattungsraster, das sich am Berichtsgegenstand orientiert, kombinieren; die überkommene Trennung zwischen »Historiographie« im engeren Sinne und »Hagiographie« erweist sich jedoch als unfruchtbar, weil zentrale Merkmale beider Gattungen oftmals in ein und demselben Werk begegnen. Zudem bedienen sich beide Gattungen grundsätzlich der gleichen, exegetischen Hermeneutik und sind gleichermaßen als Zeugnisse ihrer Entstehungsbedingungen anzusprechen, auch wenn dezidiert historiographische Werke ihre Interpretation stärker auf historische Kausalzusammenhänge aufbauen mögen als hagiographische. Bezüglich der Konstruktionsmuster von Geschichte bleiben diese Differenzen indes graduell, weshalb auch Werke mit eindeutig hagiographischen Passagen im weiteren Sinne als historiographisch verstanden werden. Es erweist sich als fruchtbarer, die Quellen auf der Mikroebene einzelner argumentativer Zusammenhänge zu analysieren, statt ganze Texte apriorisch in ein grobes Raster zu pressen. Daher werden ein historiographischer und ein hagiographischer Diskurs unterschieden, welche gleichzeitig in verschiedenen Ausprägungsformen in einem Text vorhanden sein können. Eine solche Einteilung erlaubt es, das mitunter komplexe Nebeneinander und die Durchdringung der beiden Aspekte zu untersuchen, ohne die innere Logik der Quellen zu zerstören. Neben den historiographischen und den hagiographischen tritt mit dem biographischen Diskurs ein dritter, welcher sich erheblich mit den beiden anderen überschneidet, aber in Anlehnung an die Forschungsergebnisse Walter Berschins dennoch abgehoben werden sollte; Lebensbeschreibungen folgen nicht restlos historiographischen oder hagiographischen Argumentationsmustern. Durch die Differenzierung verschiedener narrativer, hermeneutisch graduell unterschiedlicher Diskurse gewinnt man schließlich eine gute Ausgangsbasis, um Quellen miteinander vergleichen zu können, deren historische Argumentationsformen auf verschiedene Weisen ausgeprägt sind. Da es das Ziel des Vergleichs ist, die unterschiedlichen Auswirkungen verschiedenartiger kultureller Kontakte auf den Geschichtshorizont herauszuarbeiten und zu beschreiben, arbeitet die vorliegende Analyse mit einem breiten Kulturbegriff. Dabei wird die Geschichtsschreibung beziehungsweise das Geschichtsbewusstsein als ein Teilbereich von Kultur aufgefasst, der in einem interdependenten Verhältnis zu anderen Bereichen wie etwa der Religion, der politischen Organisation und dem Recht steht. Eine solche Aufteilung von Kultur bleibt ein reines Konstrukt, erweist sich jedoch als notwendig, um die Auswirkungen kultureller Kontakte anhand des Geschichtsbewusstseins überhaupt beschreiben zu können. Solche kulturellen Kontakte basieren zunächst auf realen Begegnungen von Personen aus unterschiedlichen Kulturregionen, in diesem Fall aus Skandinavien und Westeuropa, bevor durch den Transfer von Ideen, beispielsweise in Form von Büchern oder durch erlernte Wissensinhalte, Rezeptionsprozesse ausgelöst werden können. Laufen solche Vorgänge überwiegend in einer geographischen Richtung ab wie im vorliegenden Fall, können sie auf Dauer eine Akkulturation bedingen. Als Ergebnis ist jedoch keineswegs eine bloße Reproduktion des Wahrgenommenen und eine schlichte kulturelle Annäherung zu erwarten, sondern das spezifische Resultat eines Rezeptionsprozesses, auf den eine Vielzahl von Faktoren einwirken. Somit erscheint der Transfer von Ideen keineswegs als ein linear fortschreitender, sondern als ein sprunghafter, hochdynamischer Vorgang, da sich die wirksamen historischen Bedingungen der Kognitionsprozesse beständig verändern und auf diese Weise die Ergebnisse modulieren. Dies gilt gerade für das zwölfte Jahrhundert, als in Lateineuropa die Vernunftkultur mit den Wissenschaften, aber auch der Kunst und der Literatur einen steilen Aufschwung erfährt – und mit ihnen die Historiographie. Just während dieser »Renaissance« des zwölften Jahrhunderts entwickelt sich in den skandinavischen Ländern in rasantem Tempo eine einheimische Schriftkultur, und man etabliert neue Kontakte zu den aufstrebenden Bildungszentren in Nordfrankreich.