Klappentext
In der vorliegenden Bibliographie werden die wichtigsten
Veröffentlichungen zur Geschichte jüdischer Soldaten und dem jüdischen
Widerstand in Deutschland, Frankreich und Österreich(-Ungarn) aus der
Zeit von 1781 bis 2011 erfasst und zusätzlich in einer
Auswahlbibliographie thematisch geordnet. Eingeführt und ergänzt wird
diese umfassende Bibliographie durch exemplarisch ausgewählte Beiträge
zu den Themenbereichen „Jüdische Soldaten“, „Jüdischer Widerstand“ sowie
„Die Dreyfus-Affäre und der Militärdienst der französischen Juden“ sowie
einen Seitenblick auf die jüdischen Soldaten und den Holocaust in
Rumänien.
Dieses umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis wie auch die nach
Epochen und Ereignissen gegliederte Auswahlbibliographie soll dem
wissenschaftlich interessierten Leser die Grundlage für ein
weiterführendes sowie vertiefendes Studium des Themas bieten.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Einführung: Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand 9
Vorbemerkungen zur Bibliographie 13
Teil A: Exemplarisch ausgewählte Beiträge 17
I. Jüdische Soldaten 17
Erster Weltkrieg: „Sie fielen fürs Vaterland!“ 17
Jüdische Soldaten, Feldrabbiner und religiöse Praxis im Dienst 41
Jüdische Soldaten in der k. u. k. Österreichisch-Ungarischen Armee 54
II. Jüdischer Widerstand 72
Einführung 72
Sie kämpften für Spaniens Freiheit. Deutsche und Österreichische Juden im
Spanischen Bürgerkrieg 74
III. Seitenblicke 81
Die Dreyfus-Affäre und der Militärdienst der französischen Juden 81
Der Holocaust in Rumänien – Gratwanderung zwischen Gedenken, Verdrängung
und Vergessen 101
Teil B: Quellen und Literatur 107
Teil C: Auswahlbibliographie zum Thema Jüdische Soldaten – Jüdischer
Widerstand 153
I. Juden in Deutschland, Frankreich und Österreich-Ungarn im 18., 19., und
20. Jahrhundert: einführende und übergreifende Darstellungen 153
II. Jüdische Soldaten in der Deutschen, Französischen
und Österreichisch-Ungarischen Armee: übergreifende Darstellungen 159
III. Jüdische Soldaten in der Deutschen, Französischen und
Österreichisch-Ungarischen Armee des 19. Jahrhunderts 161
IV. Die Affäre Dreyfus 162
V. Jüdische Soldaten in der Deutschen, Französischen und
Österreichisch-Ungarischen Armee des 20. Jahrhunderts 163
VI. Jüdischer Widerstand 166
VII. Jüdische Periodika des 19., 20., und 21. Jahrhunderts 173
VIII. Militärgeschichte/Geschichte: allgemeine Darstellungen und Sammelwerke
175
Über den Autor 181
Einführung
Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand
„Alle Bewohner des Staats sind geborene Vertheidiger desselben!“ Mit diesen
Worten begann der vorläufige „Entwurf der Verfaßung der Reserve Armee“, in
der Gerhard von Scharnhorst, Vorsitzender der
Militärreorganisationskommission der preußischen Armee, im Jahre 1807
bereits die Grundzüge der dann ab 1814 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht
in Preußen skizzierte. Die Wehrpflicht war damals eine
gesellschaftspolitische „Revolution“ mit weit reichenden Konsequenzen für
die im Königreich Preußen lebenden Juden, die damit aus einer Jahrhunderte
langen, gesellschaftlichen Isolation heraustraten und den übrigen Bürgern
gleichgestellt werden konnten. In Österreich war die Wehrpflicht für Juden
bereits im Jahre 1788 eingeführt und wenig später auf alle habsburgischen
Länder ausgedehnt worden. Dieser wesentliche Schritt in Richtung auf eine
Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung war eine Folge der Reform- und
Toleranzpolitik Kaiser Joseph II. Wie in Preußen ergab sich die Beteiligung
am Heeresdienst als selbstverständliche Konsequenz aus der Erlangung
bürgerlicher Rechte und den daraus folgenden Pflichten. In Frankreich wurden
die Juden 1791 durch den Beschluss der Nationalversammlung zu Bürgern und
hatten damit auch das Recht erhalten, in das Heer aufgenommen zu werden und
Dienst an der Waffe zu leisten. Die allgemeine Wehrpflicht kam mit der
Einführung der „Levée en Masse“ am 23. August 1793, die alle unverheirateten
Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren zum Kriegsdienst verpflichtete. So
kämpften bereits zahlreiche jüdische Soldaten in den Revolutionskriegen und
in den Feldzügen Napoléon Bonapartes. Der Integration und Gleichberechtigung
der Juden in den deutschen Staaten, den Ländern der Donaumonarchie und
Frankreich schien somit nichts im Wege zu stehen.
Im Hinblick auf den 200. Jahrestag der Judenemanzipation in Preußen – durch
das königliche Edikt vom 11. März 1812 hatten die preußischen Juden die
bürgerliche Gleichstellung erhalten – erscheint gerade eine Darstellung des
Militärdienstes jüdischer Soldaten in deutschen Armeen, insbesondere im
Vergleich zu seinen Nachbarländern Österreich(-Ungarn) und Frankreich von
besonderer Bedeutung. Ein ergänzender Blick auf den jüdischen Widerstand in
den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern Europas sowie den Beitrag
jüdischer Soldaten in den Armeen der Alliierten bei der Befreiung Europas
von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beleuchtet einen weiteren
Aspekt des jüdischen Waffendienstes. Auch das Schicksal ehemaliger jüdischer
Frontsoldaten und ihrer Familien in der Zeit des Nationalsozialismus gehört
als fester Bestandteil zu den Darstellungen über das Thema jüdische
Soldaten.
Wenn europäische „aufgeklärte“ Nationalstaaten Juden als Individuen oder als
Kollektiv aus ihrem Nationalstaatsverständnis ausschlossen, wofür kämpften
dann jüdische Soldaten in Uniform Seite an Seite mit ihren nicht-jüdischen
Mitbürgern? War die optimistische Vorstellung, über den Waffendienst als
gleichberechtigter Staatsbürger anerkannt zu werden, von vornherein zum
Scheitern verurteilt? Ist es daher ein fataler Irrtum, wenn in der heutigen
Zeit wieder jüdische Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst in europäischen
Streitkräften leisten und dabei darauf vertrauen, sie wären gleichberechtigt
und erkennbare religiös-ethnische Unterschiede zur Mehrheitsgesellschaft
würden als Bereicherung und nicht als Belastung aufgefasst?
Die Art und Weise, wie europäische Nationalstaaten im 18., 19. und 20.
Jahrhundert ihre jüdischen Soldaten integriert haben, also in ihre Armeen
als das damals ausschlaggebende Symbol der staatlichen Macht und nationalen
Souveränität aufgenommen haben, steht oft zugleich als Spiegelbild für das
generelle Verhältnis des Staates zu seiner jüdischen Bevölkerung und seinem
Umgang mit „Minderheiten“. Als bedeutende europäische Nationalstaaten haben
vor allem Deutschland und in mancher Hinsicht auch Frankreich – im Gegensatz
zu Österreich(-Ungarn) – diesen „Lackmustest“ eines modernen, aufgeklärten
Pluralitätsverständnisses nicht oder nur unbedingt bestanden. Nun sind diese
Staaten seit einem halben Jahrhundert die Motoren einer hoffnungsvollen
europäischen Integration in einer zunehmend vernetzten, „globalisierten“
Welt. Kann sich hier die jüdische Hoffnung auf eine Integration unter
Beibehaltung der ethnisch-religiös-kulturellen Besonderheiten im Sinne einer
„Einheit in der Vielfalt“ verwirklichen? Können anhand der heutigen
Integration jüdischer Soldaten und aus den entsprechenden
Auseinandersetzungen der Vergangenheit gar wichtige Denkanstösse für die
heutige und zukünftige Diskussion über die europäische Integration und ein
belastbares Staatsbürgerverständnis in Europa gewonnen werden?
Dabei sollte die Perspektive um den jüdischen Widerstandskämpfer und den
Dienst als Soldat in der Anti-Hitlerkoalition erweitert werden: Auch dieser
jüdische Waffendienst gegen Antisemitismus, Ausgrenzung und das
nationalsozialistische Terrorregime war stets nicht „nur“ ein
vordergründiger Kampf um Leben und Tod, sondern immer auch ein Kampf um
staatsbürgerliche Rechte und Anerkennung als jüdisches Volk innerhalb eines
wertegetragenen, aufgeklärten, modernen Staatswesens.
Der Blick zurück mag zunächst kaum Hoffnung für eine Vision eines Europas
mit einer „Einheit in der Vielfalt“ geben: Die Vorstellung der preußischen
Monarchie im 19. Jahrhundert von einem „christlichen Staat“ führte zur
Benachteiligung des „ungetauften“ Juden. Die moderne Nationalstaatsidee
führte in der völkisch-deutschen Ausrichtung zur Ausgrenzung jedes als Juden
definierten Menschen aus der zunächst eher kulturell konstruierten, dann
ethnisch homogen gedachten „Volksgemeinschaft“ und unter den
Nationalsozialisten zur Verfolgung sowie Ermordung. Hier stand „der“ Jude
für einen Fremdkörper, der die „Gesundheit“, die Homogenität des
Volkskörpers gefährdete.
In Frankreich führte sie einerseits zur gleichberechtigten Integration des
Juden als Individuum und andererseits zur Entrechtung als Kollektiv.
Judentum als Gemeinschaft wurde hier als ein Fremdkörper in einer
Gesellschaft gleichberechtigter, moderner Staatsbürger verstanden. Eine
aufgeklärte Nation durfte innerhalb ihrer territorialen Grenzen und eines
geforderten „Verfassungspatriotismus“ keine autonom agierenden
Gemeinschaften mit eigenen Moral- und Rechtsvorstellungen dulden.
Dementsprechend wurde für Juden in Frankreich die Wehrpflicht eingeführt.
Das galt auch für die je nach Lesart durch Napoleon befreiten oder eroberten
linksrheinischen Gebiete des „Zweiten Deutschen Reiches“ ab 1802. Im
„christlichen Staat“ der angeblich aufgeklärten Preußen mussten Juden
kontinuierlich und Anfang der 1840er in einer der größten konzertierten
politischen „Bürgerrechtsbewegungen“ gegen den preußischen König Friedrich
Wilhelm IV. mit seinem die Juden aus dem Staate ausschließenden kooperativen
Prinzip für ihr „Recht“ auf Wehrdienst kämpfen. Die Nationalsozialisten
erklärten 1935 Juden als „wehrunwürdig“.
Während in Preußen im gesamten 19. Jahrhundert nur ein einziger Jude
Stabsoffizier werden konnte gab es in Österreich-Ungarn zahlreiche Beispiele
für jüdische Soldaten, die bis in die höchsten Stabsoffiziers- und sogar
Generalsränge aufsteigen konnten und in vielen Fällen für ihre Verdienste
geadelt wurden. So hatte Kaiser Franz Joseph I. schon in den 1880er Jahren
gegen die antisemitische Bewegung Stellung bezogen: „Die ganze Bewegung ist
mir recht unsympathisch, und jetzt, nachdem die jüdischen Soldaten in den
Jahren 1878 und 1882 so vieles Respektable geleistet, sogar peinlich.“
Deutschland und Frankreich bieten sich daher, gerade auch im Vergleich zur
Habsburgermonarchie und der ersten Republik Österreich, in ganz besonderem
Maße an, über den Umgang mit ihren jüdischen Soldaten einerseits die
unterschiedlichen staatsphilosophischen Anschauungen zu illustrieren, die
einer Integration aller Gemeinschaften und Individuen unter dem Dach eines
modernen Nationalstaates im Wege standen (und oft noch stehen). Im Gegensatz
dazu hatte das Österreich-Ungarn vor 1918 – gerade wegen seiner Situation
als Vielvölkerstaat – diese Voraussetzungen bereits erfüllt und war
Wegbereiter der europäischen Idee der „Einheit in der Vielfalt“.
Andererseits hat die faktische kulturelle und ethnische Pluralität sowohl in
allen Einzelstaaten als auch aus Sicht eines sich vereinigenden Europas so
zugenommen, dass einseitige „Homogenitätsvorstellungen“ kaum noch
durchsetzbar sind. Europa als eine Vision der „Einheit in der Vielfalt“ muss
jetzt das Spannungsfeld zwischen einzigartiger Partikularität der Vielen und
Universalismus des Ganzen „erleiden“, das jüdische Soldaten viele
Jahrhunderte lang aushalten mussten. In den Armeen ist diese „Einheit in der
Vielfalt“ schon oft gelebte Praxis. Die hier gemachten Erfahrungen jüdischer
Soldaten lassen sich zwar nicht einfach in eine weitaus komplexere
Gesellschaft übertragen, geben aber Hinweise zu einem sinnvollen Miteinander
unter einem einigenden Dach. Gleichzeitig können Seitenblicke auf die
jüdischen Soldaten in den Armeen westlich orientierter Staaten außerhalb
Europas weitere wichtige Impulse für die Diskussion geben.
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