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Michael Berger

 

Jüdische Soldaten – jüdischer Widerstand.

Eine Bibliographie (1781–2011) – eingeleitet und ergänzt durch exemplarisch ausgewählte Beiträge

2011, 179 S., ISBN 978-3-89626-967-6, 34,80 EUR

bereits lieferbar

 

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Klappentext

In der vorliegenden Bibliographie werden die wichtigsten Veröffentlichungen zur Geschichte jüdischer Soldaten und dem jüdischen Widerstand in Deutschland, Frankreich und Österreich(-Ungarn) aus der Zeit von 1781 bis 2011 erfasst und zusätzlich in einer Auswahlbibliographie thematisch geordnet. Eingeführt und ergänzt wird diese umfassende Bibliographie durch exemplarisch ausgewählte Beiträge zu den Themenbereichen „Jüdische Soldaten“, „Jüdischer Widerstand“ sowie „Die Dreyfus-Affäre und der Militärdienst der französischen Juden“ sowie einen Seitenblick auf die jüdischen Soldaten und den Holocaust in Rumänien.
Dieses umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis wie auch die nach Epochen und Ereignissen gegliederte Auswahlbibliographie soll dem wissenschaftlich interessierten Leser die Grundlage für ein weiterführendes sowie vertiefendes Studium des Themas bieten.
 

Inhaltsverzeichnis


Inhaltsverzeichnis
Einführung: Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand 9

Vorbemerkungen zur Bibliographie 13


Teil A: Exemplarisch ausgewählte Beiträge 17

I. Jüdische Soldaten 17
  Erster Weltkrieg: „Sie fielen fürs Vaterland!“ 17
  Jüdische Soldaten, Feldrabbiner und religiöse Praxis im Dienst 41
  Jüdische Soldaten in der k. u. k. Österreichisch-Ungarischen Armee 54

II. Jüdischer Widerstand 72
  Einführung 72
  Sie kämpften für Spaniens Freiheit. Deutsche und Österreichische Juden im Spanischen Bürgerkrieg 74

III. Seitenblicke 81
  Die Dreyfus-Affäre und der Militärdienst der französischen Juden 81
  Der Holocaust in Rumänien – Gratwanderung zwischen Gedenken, Verdrängung und Vergessen 101

Teil B: Quellen und Literatur 107

Teil C: Auswahlbibliographie zum Thema Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand 153

I. Juden in Deutschland, Frankreich und Österreich-Ungarn im 18., 19., und 20. Jahrhundert: einführende und übergreifende Darstellungen 153

II. Jüdische Soldaten in der Deutschen, Französischen und Österreichisch-Ungarischen Armee: übergreifende Darstellungen 159

III. Jüdische Soldaten in der Deutschen, Französischen und Österreichisch-Ungarischen Armee des 19. Jahrhunderts 161

IV. Die Affäre Dreyfus 162

V. Jüdische Soldaten in der Deutschen, Französischen und Österreichisch-Ungarischen Armee des 20. Jahrhunderts 163

VI. Jüdischer Widerstand 166

VII. Jüdische Periodika des 19., 20., und 21. Jahrhunderts 173

VIII. Militärgeschichte/Geschichte: allgemeine Darstellungen und Sammelwerke 175

Über den Autor 181

 

 

Einführung


Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand
„Alle Bewohner des Staats sind geborene Vertheidiger desselben!“ Mit diesen Worten begann der vorläufige „Entwurf der Verfaßung der Reserve Armee“, in der Gerhard von Scharnhorst, Vorsitzender der Militärreorganisationskommission der preußischen Armee, im Jahre 1807 bereits die Grundzüge der dann ab 1814 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht in Preußen skizzierte. Die Wehrpflicht war damals eine gesellschaftspolitische „Revolution“ mit weit reichenden Konsequenzen für die im Königreich Preußen lebenden Juden, die damit aus einer Jahrhunderte langen, gesellschaftlichen Isolation heraustraten und den übrigen Bürgern gleichgestellt werden konnten. In Österreich war die Wehrpflicht für Juden bereits im Jahre 1788 eingeführt und wenig später auf alle habsburgischen Länder ausgedehnt worden. Dieser wesentliche Schritt in Richtung auf eine Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung war eine Folge der Reform- und Toleranzpolitik Kaiser Joseph II. Wie in Preußen ergab sich die Beteiligung am Heeresdienst als selbstverständliche Konsequenz aus der Erlangung bürgerlicher Rechte und den daraus folgenden Pflichten. In Frankreich wurden die Juden 1791 durch den Beschluss der Nationalversammlung zu Bürgern und hatten damit auch das Recht erhalten, in das Heer aufgenommen zu werden und Dienst an der Waffe zu leisten. Die allgemeine Wehrpflicht kam mit der Einführung der „Levée en Masse“ am 23. August 1793, die alle unverheirateten Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren zum Kriegsdienst verpflichtete. So kämpften bereits zahlreiche jüdische Soldaten in den Revolutionskriegen und in den Feldzügen Napoléon Bonapartes. Der Integration und Gleichberechtigung der Juden in den deutschen Staaten, den Ländern der Donaumonarchie und Frankreich schien somit nichts im Wege zu stehen.
Im Hinblick auf den 200. Jahrestag der Judenemanzipation in Preußen – durch das königliche Edikt vom 11. März 1812 hatten die preußischen Juden die bürgerliche Gleichstellung erhalten – erscheint gerade eine Darstellung des Militärdienstes jüdischer Soldaten in deutschen Armeen, insbesondere im Vergleich zu seinen Nachbarländern Österreich(-Ungarn) und Frankreich von besonderer Bedeutung. Ein ergänzender Blick auf den jüdischen Widerstand in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern Europas sowie den Beitrag jüdischer Soldaten in den Armeen der Alliierten bei der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beleuchtet einen weiteren Aspekt des jüdischen Waffendienstes. Auch das Schicksal ehemaliger jüdischer Frontsoldaten und ihrer Familien in der Zeit des Nationalsozialismus gehört als fester Bestandteil zu den Darstellungen über das Thema jüdische Soldaten.
Wenn europäische „aufgeklärte“ Nationalstaaten Juden als Individuen oder als Kollektiv aus ihrem Nationalstaatsverständnis ausschlossen, wofür kämpften dann jüdische Soldaten in Uniform Seite an Seite mit ihren nicht-jüdischen Mitbürgern? War die optimistische Vorstellung, über den Waffendienst als gleichberechtigter Staatsbürger anerkannt zu werden, von vornherein zum Scheitern verurteilt? Ist es daher ein fataler Irrtum, wenn in der heutigen Zeit wieder jüdische Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst in europäischen Streitkräften leisten und dabei darauf vertrauen, sie wären gleichberechtigt und erkennbare religiös-ethnische Unterschiede zur Mehrheitsgesellschaft würden als Bereicherung und nicht als Belastung aufgefasst?
Die Art und Weise, wie europäische Nationalstaaten im 18., 19. und 20. Jahrhundert ihre jüdischen Soldaten integriert haben, also in ihre Armeen als das damals ausschlaggebende Symbol der staatlichen Macht und nationalen Souveränität aufgenommen haben, steht oft zugleich als Spiegelbild für das generelle Verhältnis des Staates zu seiner jüdischen Bevölkerung und seinem Umgang mit „Minderheiten“. Als bedeutende europäische Nationalstaaten haben vor allem Deutschland und in mancher Hinsicht auch Frankreich – im Gegensatz zu Österreich(-Ungarn) – diesen „Lackmustest“ eines modernen, aufgeklärten Pluralitätsverständnisses nicht oder nur unbedingt bestanden. Nun sind diese Staaten seit einem halben Jahrhundert die Motoren einer hoffnungsvollen europäischen Integration in einer zunehmend vernetzten, „globalisierten“ Welt. Kann sich hier die jüdische Hoffnung auf eine Integration unter Beibehaltung der ethnisch-religiös-kulturellen Besonderheiten im Sinne einer „Einheit in der Vielfalt“ verwirklichen? Können anhand der heutigen Integration jüdischer Soldaten und aus den entsprechenden Auseinandersetzungen der Vergangenheit gar wichtige Denkanstösse für die heutige und zukünftige Diskussion über die europäische Integration und ein belastbares Staatsbürgerverständnis in Europa gewonnen werden?
Dabei sollte die Perspektive um den jüdischen Widerstandskämpfer und den Dienst als Soldat in der Anti-Hitlerkoalition erweitert werden: Auch dieser jüdische Waffendienst gegen Antisemitismus, Ausgrenzung und das nationalsozialistische Terrorregime war stets nicht „nur“ ein vordergründiger Kampf um Leben und Tod, sondern immer auch ein Kampf um staatsbürgerliche Rechte und Anerkennung als jüdisches Volk innerhalb eines wertegetragenen, aufgeklärten, modernen Staatswesens.
Der Blick zurück mag zunächst kaum Hoffnung für eine Vision eines Europas mit einer „Einheit in der Vielfalt“ geben: Die Vorstellung der preußischen Monarchie im 19. Jahrhundert von einem „christlichen Staat“ führte zur Benachteiligung des „ungetauften“ Juden. Die moderne Nationalstaatsidee führte in der völkisch-deutschen Ausrichtung zur Ausgrenzung jedes als Juden definierten Menschen aus der zunächst eher kulturell konstruierten, dann ethnisch homogen gedachten „Volksgemeinschaft“ und unter den Nationalsozialisten zur Verfolgung sowie Ermordung. Hier stand „der“ Jude für einen Fremdkörper, der die „Gesundheit“, die Homogenität des Volkskörpers gefährdete.
In Frankreich führte sie einerseits zur gleichberechtigten Integration des Juden als Individuum und andererseits zur Entrechtung als Kollektiv. Judentum als Gemeinschaft wurde hier als ein Fremdkörper in einer Gesellschaft gleichberechtigter, moderner Staatsbürger verstanden. Eine aufgeklärte Nation durfte innerhalb ihrer territorialen Grenzen und eines geforderten „Verfassungspatriotismus“ keine autonom agierenden Gemeinschaften mit eigenen Moral- und Rechtsvorstellungen dulden.
Dementsprechend wurde für Juden in Frankreich die Wehrpflicht eingeführt. Das galt auch für die je nach Lesart durch Napoleon befreiten oder eroberten linksrheinischen Gebiete des „Zweiten Deutschen Reiches“ ab 1802. Im „christlichen Staat“ der angeblich aufgeklärten Preußen mussten Juden kontinuierlich und Anfang der 1840er in einer der größten konzertierten politischen „Bürgerrechtsbewegungen“ gegen den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. mit seinem die Juden aus dem Staate ausschließenden kooperativen Prinzip für ihr „Recht“ auf Wehrdienst kämpfen. Die Nationalsozialisten erklärten 1935 Juden als „wehrunwürdig“.
Während in Preußen im gesamten 19. Jahrhundert nur ein einziger Jude Stabsoffizier werden konnte gab es in Österreich-Ungarn zahlreiche Beispiele für jüdische Soldaten, die bis in die höchsten Stabsoffiziers- und sogar Generalsränge aufsteigen konnten und in vielen Fällen für ihre Verdienste geadelt wurden. So hatte Kaiser Franz Joseph I. schon in den 1880er Jahren gegen die antisemitische Bewegung Stellung bezogen: „Die ganze Bewegung ist mir recht unsympathisch, und jetzt, nachdem die jüdischen Soldaten in den Jahren 1878 und 1882 so vieles Respektable geleistet, sogar peinlich.“
Deutschland und Frankreich bieten sich daher, gerade auch im Vergleich zur Habsburgermonarchie und der ersten Republik Österreich, in ganz besonderem Maße an, über den Umgang mit ihren jüdischen Soldaten einerseits die unterschiedlichen staatsphilosophischen Anschauungen zu illustrieren, die einer Integration aller Gemeinschaften und Individuen unter dem Dach eines modernen Nationalstaates im Wege standen (und oft noch stehen). Im Gegensatz dazu hatte das Österreich-Ungarn vor 1918 – gerade wegen seiner Situation als Vielvölkerstaat – diese Voraussetzungen bereits erfüllt und war Wegbereiter der europäischen Idee der „Einheit in der Vielfalt“. Andererseits hat die faktische kulturelle und ethnische Pluralität sowohl in allen Einzelstaaten als auch aus Sicht eines sich vereinigenden Europas so zugenommen, dass einseitige „Homogenitätsvorstellungen“ kaum noch durchsetzbar sind. Europa als eine Vision der „Einheit in der Vielfalt“ muss jetzt das Spannungsfeld zwischen einzigartiger Partikularität der Vielen und Universalismus des Ganzen „erleiden“, das jüdische Soldaten viele Jahrhunderte lang aushalten mussten. In den Armeen ist diese „Einheit in der Vielfalt“ schon oft gelebte Praxis. Die hier gemachten Erfahrungen jüdischer Soldaten lassen sich zwar nicht einfach in eine weitaus komplexere Gesellschaft übertragen, geben aber Hinweise zu einem sinnvollen Miteinander unter einem einigenden Dach. Gleichzeitig können Seitenblicke auf die jüdischen Soldaten in den Armeen westlich orientierter Staaten außerhalb Europas weitere wichtige Impulse für die Diskussion geben.