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Awe, Jürgen

Keine Zeit zum Jammern

 

 

Erzählungen, 2010, 182 S., ISBN 978-3-89626-957-7, 12,80 EUR

 

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Klappentext

Erstaunlicherweise sind es meist die kleinen Momente, die unser Leben verändern.

Begegnen Sie Menschen, die mit ihrem Witz, Humor und Verstand in keine Schublade passen.

 

Inhaltsverzeichnis

Alter schützt vor Torheit nicht 7

Ein Tag wie der andere 39

FRED 55

MIRJAM 75

Wassertropfen, Monte Carlo und mehr 197

ANNONCEN 143

 

 

Leseprobe

 

Ein Tag wie der andere

Eintönig und von Routine geprägt, verläuft für Manfred ein Tag wie der andere. Doch dann muss er auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen. Das tägliche Einerlei ist durchbrochen.

 

Auf dem Weg zur Arbeit musste Manfred an jeder Ampel halten. Nervös sucht er nun nach seiner Chipkarte, steuert auf das Zeiterfassungsgerät zu und bucht seinen Arbeitsbeginn. Anschließend lässt er die Karte bis zum Feierabend in seine Tasche verschwinden. Abends wird er sie suchen, sie leicht gereizt an den Kartenleser halten, um das Arbeitsende anzuzeigen. Die Ausgangstür wird sich öffnen und ihn ins Freie entlassen. Mehrmals die Woche immer das gleiche Spiel.
Morgens, einen der vielen Flure entlanggehend, sagt er an jeder offenen Bürotür sein „Guten Morgen“, abends sein „Schönen Feierabend“. Manchmal reicht ihm ein freundliches „Tschüss“. Der eine Kollege reagiert, der andere ist tief in der Welt seines Computers, hört den Gruß nicht. Manfred ist es egal, er will nur nett sein. Es belustigt ihn, dass man den ganzen Tag auf den Bildschirm schauen kann und dafür Gehalt bekommt. Natürlich weiß er, dass da noch die vielen anderen Arbeiten sind, die es zu erledigen gilt.

Ist er in der Stadt unterwegs und schaut in die Fenster der erhellten Büros, sieht er viele, die anscheinend morgens ihre Computerhaltung einnehmen und bis zum Abend nicht verändern. Dass sie zwischendurch essen waren, zur Toilette mussten, kann er sich nur schwer vorstellen. Zu starr der nach vorne geneigte Kopf, zu gekrümmt der Rücken, zu fixiert die Hand auf der Maus.
Er erinnert sich an „Dornröschen“. Hundert Jahre schliefen alle. Vielleicht schlafen die im Büro auch, acht Stunden täglich. Er schmunzelt. Ein schlechtes Gewissen wegen seiner Gedanken hat er nicht.

Dass er vor wenigen Tagen sein dienstliches „Guten Morgen“, die Tonlage perfekt getroffen, auf dem Weg ins Bad an allen geöffneten Türen seiner Wohnung hersagte, irritierte Christel, seine Frau, schon. Als er dann im Dienstgebäude seinen Flur entlangging, mehrmals sein „Guten Morgen“ sprach, glaubte er an ein Déjà-vu.

Während er seine Bürotür aufschließt, ist er bereits mit den Gedanken bei Wiedervorlagen, Terminen und Stellungnahmen.
Er betritt sein Büro, stellt mit dem Zeigefinger am Wandkalender das richtige Datum ein, öffnet den Schrank, hängt den Mantel hinein, nimmt die Frühstücksbrote und das Obst aus der Tasche, füllt einen gehäuften Teelöffel Kaffee in seine Tasse, stellt sie und die Kaffeesahne auf den Rollcontainer unter seiner Schreibtischplatte, schaltet den Bildschirm ein, erinnert sich der vielen
Codewörter, ist erstaunt, dass sie ihm einfallen, gibt sie ein und lässt den Computer mit allen für den heutigen Tag erforderlichen Programmen hochfahren. Dann holt er Wasser für seinen Kaffee und für die Pflanzen auf dem Fensterbrett.
Den Kaffee trinkt er nebenbei, auch die Brote isst er, während er dem Computer Befehle gibt. Dabei fällt ihm auf, dass die Tastatur gereinigt werden müsse.
Was ihm die Software Tag für Tag alles abverlangt! Hier ein Häkchen, dort ein Eintrag, und noch ein Eintrag auf der anderen Seite, auch auf der übernächsten. Der täglichen Arbeit dienen sie nicht. Im Gegenteil! Alles nur Statistik. Vermerke über Vermerke muss er schreiben, sich und anderen Wiedervorlagen setzen, die offenen abarbeiten. Dann sind da die vielen E-Mails. Lesen, verstehen, antworten und speichern, antworten und löschen, oder bereits nach dem Lesen in den Papierkorb schicken. Die vielen Nachrichten stressen ihn. Er denkt darüber nach, sich einen Spamfilter einzurichten. Am besten einen, der keine Nachrichten durchlässt. Er grinst. Die Stunden vergehen.
Es wird unruhig vor seiner Tür. Kollegen sammeln sich zum gemeinsamen Mittagessen. Er geht nicht mit in die Kantine. Ein einziges Mal hat Manfred dort gegessen, danach nie wieder. Ihm war es viel zu laut.

„Beim Essen spricht man nicht!“, hatte er oft gehört. Mutter, Vater, vor allem Lehrer erinnerten ihn wieder und wieder streng an Tischsitten. Nur seine Großmutter nicht. Sie streichelte ihm liebevoll über den Schopf. „Iss, mein Kleiner. Das Essen wird sonst kalt.“ Auch beim Abwasch hatte sie viel Zeit, ihm zuzuhören. Er genoss ihre Liebe. Mit Begeisterung schaute er ihr bei der Hausarbeit zu. Irgendwann durfte er der Geschirrwegsteller sein, wie er es nannte, später sogar abtrocknen. Wie stolz er jedes Mal war, wenn wieder alles wohlbehalten an seinem Platz stand.

In der Kantine schienen Teller, Tassen, vor allem das Besteck im hohen Bogen durch die Luft zu fliegen, um dann im Spülautomaten zu landen. Ein unbeschreiblicher Lärm und immer die Gefahr, Geschirr würde klirrend zerbrechen.

Bei ihm zu Hause war man sorgsamer. Noch heute besitzt er Sammeltassen seiner Großmutter. Immer anlässlich ihres Geburtstages nimmt er sie aus dem Schrank, gießt den Kaffee ein und führt die Tasse behutsam zum Mund. Er trinkt ihn mit seiner Großmutter, sie leider nicht mehr mit ihm. Als ihm Kaffee zu schmecken begann, war ihr Platz in der Küche längst leer.

Wieder krachten Messer, Gabeln und Löffel in das Besteckfach.
An den anderen Tischen schien sich niemand daran zu stören. Dort redeten und redeten sie so laut, als wären alle schwerhörig, dazu nur über Dienstliches. Das wollte er während der Tischzeit schon gar nicht.
Manfred war sich sicher, dass die Lärmenden vom morgendlichen Aufleuchten des Bildschirms bis hin an den Mittagstisch kein einziges Wort gesprochen hatten. Die Energie, die hier zwischen Kartoffeln, Fleisch und Soße wie ein Sturm losbrach, sich für ihn hin zum Orkan steigerte, musste sich tagsüber auf den Stimmbändern der Kollegen gespeichert haben.
Seit jenem Tag nutzt er die Mittagspause für einen Spaziergang an der frischen Luft. Die warme Mahlzeit nimmt er abends ein. Da ist es ruhig. Sollte der Fernseher stören, liegt die Fernbedienung nicht weit weg.

Eine mehrwöchige Dienstreise seiner Frau brachte den größten Einschnitt in seinem Arbeitsalltag. Sie nahm das Auto, er stieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel um.
Plötzlich war er spontan, traf sich nach der Arbeit mit Kollegen auf ein Bier, informierte sich in Technikabteilungen der Einkaufszentren über neueste Entwicklungen, ging ins Kino, wobei er sich bewusst in die letzte Reihe setzte, um seinen Augen Distanz zu gönnen. Auch aß er hin und wieder am Imbissstand eine der wohlriechenden Bratwürste, obschon der Hosenbund es nicht zulassen wollte. Oder er schlenderte vergnügt durch Straßen, musterte die Auslagen der Geschäfte, kam mit anderen ins Gespräch, beschimpfte Fußgänger nicht mehr als blöd, wie er es als Autofahrer oft getan hatte.
Saß er im Biergarten, träumte er sich in eine der vielen Boutiquen, in der er mit Christel gewesen war.
Einer vorbeigehenden Dame verpasste er einen anderen Hut, jener einen neuen Mantel, weg von dem Einheitsgrau hin zur Farbe, zog ihnen sogar die Schuhe aus, wenn er befand, dass der Absatz höher sein müsste, tauschte Accessoires wie Halsketten und Taschen. Mal legte er ihnen Make-up auf oder frisierte sie. Unscheinbar, so fand er, kamen viele Frauen auf ihn zu, geschminkt gingen sie ihrer Wege. Männer hatte er nie umgezogen, obwohl bei weitem nicht alle modisch gekleidet waren.
All die Tage brauchte er nicht zum Parkplatz, um ins Auto zu steigen und es sicher nach Hause zu chauffieren. Keinen Autoschlüssel, nur eine Fahrkarte bei sich zu haben, bedauerte er nur, wenn es stark regnete.
Früher schien er nicht zu wissen, wo man Fahrausweise erwerben konnte. An Diskussionen um immer wiederkehrende Fahrpreiserhöhungen hatte er sich nie beteiligt. Der Spritpreis interessierte ihn, nicht der Preis für einen Fahrschein.
Heute wird er ärgerlich, will man den Tarif wieder erhöhen. Dann denkt er sofort an seine Enkelkinder, erinnert sich daran, dass der letzte Weihnachtsmarktbesuch mit den Kindern ihn ein kleines Vermögen gekostet hatte. Das Geld für Eintritt, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, kandierte Äpfel, Karussellfahren, Lose, Glühwein für ihn und Christel, für die Fahrscheine hätte fast für einen Kurzurlaub gereicht. Trotzdem wird er alle dieses Jahr wieder zu einem Bummel über den Weihnachtsmarkt einladen. Die strahlenden Augen seiner Enkel werden ihn die hohen Preise schnell vergessen lassen.
In U- oder S-Bahn schließt er die Augen, sodass sie sich von der Bildschirmarbeit erholen können. An diesen Tagen muss er ihnen Ampelphasen, Blinker der vor ihm oder seitlich fahrenden Autos, das unangezeigte Spurwechseln, das Parken in zweiter Reihe, die sich oft die Vorfahrt nehmenden Radfahrer, unaufmerksame Fußgänger, auch eigenes Fehlverhalten nicht zumuten. Manfred genießt es.
Nur nach Verspätungen oder Schienenersatzverkehr kommt er verärgert heim.
Er wird lernen, damit umzugehen. Besonders deshalb, weil er nach seinem Berufsleben auf das tägliche Autofahren verzichten möchte. Lediglich für größere Einkäufe, Urlaubsfahrten, Ausflüge will er das Fahrzeug aus der Garage holen.


Wieder ist es Mittagszeit.
Er zieht seinen Mantel an und geht für eine halbe Stunde hinaus, weg von Computer, Bildschirm, Drucker, Telefon. Er atmet tief die klare Luft ein. Er saugt sie ein, als würde nie wieder schönes Wetter sein. Erneut zieht es ihn zum Bratwurststand. Zu gut schmecken ihm Thüringer Rostbratwurst mit Ketchup, Pommes und Mayonnaise. Nachher wird er die Treppe, nicht den Fahrstuhl nehmen, hofft so, die zusätzlichen Kalorien gleich zu verbrennen. Abermals wird er zu Hause verschweigen, bereits in der Mittagspause mehr als nur eine kleine Zwischenmahlzeit gegessen zu haben.
Zurück im Büro, setzt er sich vor den Bildschirm, gibt das Passwort ein, muss einen zweiten Versuch unternehmen, da er unkonzentriert war, wenigstens eine der Tasten verfehlte. Nun kann er wieder Häkchen setzen, dort einen Eintrag und noch einen Eintrag auf der anderen Seite, auch auf der übernächsten machen. Er beantwortet neu eingegangene Post, speichert sie, schickt sie weiter oder entscheidet, sie zu löschen.
Wieder wird er sich zum Feierabend fragen, wo die Zeit geblieben ist. Anträge musste er bearbeiten, Niederschriften verfassen, Termine vergeben, Einladungen versenden, sich auf die nächste Dienstberatung vorbereiten, wenigstens das letzte Protokoll galt es zu lesen.
Außerdem kamen Kunden, glücklicherweise terminiert. Viel Zeit hatte er für sie nicht, doch sie zu beraten, ist seine Hauptaufgabe.
16.00 Uhr. Die Eingangstüren werden für die Kundschaft geschlossen. Büroschluss. Nicht aber für die Mitarbeiter. Das Geleistete muss noch statistisch abgebildet werden.
Endlich scheint das Tagwerk geschafft. Der Bildschirm wird ausgeschaltet, das Telefon deaktiviert, der Schreibtisch für morgen vorbereitet.
Schon gehen die ersten Mitarbeiter an seiner offenen Tür vorbei.
„Auf Wiedersehen“, „Bis morgen“, „Tschüss“, dringt es zu ihm ins Büro. Ohne vom Arbeitsplatz aufzublicken, erwidert er die Abschiedsgrüße.
Ein lachendes „Mach’s gut und mach nichts, was ich nicht auch tun würde“ lässt ihn dann doch hochschauen.
Da ist das Alltägliche, das immer Wiederkehrende durchbrochen worden. Kurz stutzt er, schmunzelt, sammelt dann die zu versendenden Briefe ein und trägt sie in die Poststelle. Nicht, ohne im Vorbeigehen an allen noch geöffneten Türen sein „Tschüss“, „Auf Wiedersehen“ oder „Bis morgen“ aufzusagen.
Vor dem Kartenleser stehend, sucht er verzweifelt nach der Chipkarte. Heute Morgen hatte er sie doch, erinnert er sich. Es soll schnell gehen, er will nur noch hinaus. Er findet sie, loggt sich aus und verlässt das Haus. In spätestens 14 Stunden wird er wieder da sein, die Zeit erfassen, den Flur an geöffneten Bürotüren entlanggehen, seine morgendlichen Grußformeln sprechen und seine Arbeit erledigen.

Seit kurzem ertappt Manfred sich des Öfteren dabei, die noch fehlenden Monate bis zum Ruhestand zu zählen. Manchmal denkt er an jene, die mit der neuen Situation nicht zurechtkommen. Ihnen scheint das tägliche „Guten Morgen“ an den Bürotüren zu fehlen.
Doch Manfred ist sich sicher, bestens vorbereitet zu sein. Schließlich geht er mittags raus und nach Dienstschluss nicht immer schnurstracks nach Hause.

Dann war er da, der lang ersehnte erste freie Tag nach den vielen Arbeitsjahren. Und er hat ihn genossen, auch die folgenden.
Kein frühes Aufstehen, kein Sich-auf-den-Weg-Machen, weg von der Wärme des Bettes hin in das nüchterne Büro, kein Zeiterfassungssystem, kein mehrmaliges „Guten Morgen“, kein sich wiederholendes „Schönen Feierabend“.
Er fühlte sich wohl, strahlte jedem Tag entgegen. Nichts bedrückte ihn. Er nahm sich zum Frühstück viel Zeit, las dabei ausführlich Zeitung, hörte den Moderatoren der Morgensendungen zu und pfiff auch schon mal unmittelbar nach dem Aufstehen das eine oder andere Lied vor sich hin.
Nun brauchte er früh im Bad etwa so lange wie seine Frau. Noch vor Wochen hatte er fast jeden Morgen zwischen Erheiterung und Verärgerung geschwankt, da sie das Bad ewig zu blockieren schien.

Christel war es, die seine aufkeimende Unruhe sofort bemerkte.
Er begann in der Wohnung auf und ab zu laufen, war nervös und unkonzentriert, auch launisch. Er hatte die innere Ruhe verloren.
Er begann den Geschirrspüler zu ignorieren, anfangs hin und wieder, dann konsequent. Gründlich wusch er das Geschirr, polierte das Besteck und die Gläser, prüfte, spülte erneut. Plötzlich hatte er immer etwas einzukaufen.
Noch vor kurzem unvorstellbar. Mit dem Auto auf den Parkplatz eines großen Einkaufscenters, dann mit dem Einkaufswagen zügig durch die Gänge, vorbei an den vollen Regalen, das Nötigste, aber in größeren Mengen wie nebenbei in den Wagen fallen lassen, sofort an die Kasse und schnell raus, so kannte Christel ihn.
 

...

 

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