Klappentext
Erstaunlicherweise sind es meist die
kleinen Momente, die unser Leben verändern.
Begegnen Sie Menschen, die mit ihrem Witz, Humor und Verstand in keine
Schublade passen.
Inhaltsverzeichnis
Alter schützt vor Torheit nicht 7
Ein Tag wie der andere 39
FRED 55
MIRJAM 75
Wassertropfen, Monte Carlo und mehr 197
ANNONCEN 143
Leseprobe
Ein Tag wie der andere
Eintönig und von Routine geprägt, verläuft für Manfred ein Tag wie der
andere. Doch dann muss er auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen. Das
tägliche Einerlei ist durchbrochen.
Auf dem Weg zur Arbeit musste Manfred an jeder Ampel
halten. Nervös sucht er nun nach seiner Chipkarte, steuert auf das
Zeiterfassungsgerät zu und bucht seinen Arbeitsbeginn. Anschließend lässt er
die Karte bis zum Feierabend in seine Tasche verschwinden. Abends wird er
sie suchen, sie leicht gereizt an den Kartenleser halten, um das Arbeitsende
anzuzeigen. Die Ausgangstür wird sich öffnen und ihn ins Freie entlassen.
Mehrmals die Woche immer das gleiche Spiel.
Morgens, einen der vielen Flure entlanggehend, sagt er an jeder offenen
Bürotür sein „Guten Morgen“, abends sein „Schönen Feierabend“. Manchmal
reicht ihm ein freundliches „Tschüss“. Der eine Kollege reagiert, der andere
ist tief in der Welt seines Computers, hört den Gruß nicht. Manfred ist es
egal, er will nur nett sein. Es belustigt ihn, dass man den ganzen Tag auf
den Bildschirm schauen kann und dafür Gehalt bekommt. Natürlich weiß er,
dass da noch die vielen anderen Arbeiten sind, die es zu erledigen gilt.
Ist er in der Stadt unterwegs und schaut in die Fenster der erhellten Büros,
sieht er viele, die anscheinend morgens ihre Computerhaltung einnehmen und
bis zum Abend nicht verändern. Dass sie zwischendurch essen waren, zur
Toilette mussten, kann er sich nur schwer vorstellen. Zu starr der nach
vorne geneigte Kopf, zu gekrümmt der Rücken, zu fixiert die Hand auf der
Maus.
Er erinnert sich an „Dornröschen“. Hundert Jahre schliefen alle. Vielleicht
schlafen die im Büro auch, acht Stunden täglich. Er schmunzelt. Ein
schlechtes Gewissen wegen seiner Gedanken hat er nicht.
Dass er vor wenigen Tagen sein dienstliches „Guten Morgen“, die Tonlage
perfekt getroffen, auf dem Weg ins Bad an allen geöffneten Türen seiner
Wohnung hersagte, irritierte Christel, seine Frau, schon. Als er dann im
Dienstgebäude seinen Flur entlangging, mehrmals sein „Guten Morgen“ sprach,
glaubte er an ein Déjà-vu.
Während er seine Bürotür aufschließt, ist er bereits mit den Gedanken bei
Wiedervorlagen, Terminen und Stellungnahmen.
Er betritt sein Büro, stellt mit dem Zeigefinger am Wandkalender das
richtige Datum ein, öffnet den Schrank, hängt den Mantel hinein, nimmt die
Frühstücksbrote und das Obst aus der Tasche, füllt einen gehäuften Teelöffel
Kaffee in seine Tasse, stellt sie und die Kaffeesahne auf den Rollcontainer
unter seiner Schreibtischplatte, schaltet den Bildschirm ein, erinnert sich
der vielen
Codewörter, ist erstaunt, dass sie ihm einfallen, gibt sie ein und lässt den
Computer mit allen für den heutigen Tag erforderlichen Programmen
hochfahren. Dann holt er Wasser für seinen Kaffee und für die Pflanzen auf
dem Fensterbrett.
Den Kaffee trinkt er nebenbei, auch die Brote isst er, während er dem
Computer Befehle gibt. Dabei fällt ihm auf, dass die Tastatur gereinigt
werden müsse.
Was ihm die Software Tag für Tag alles abverlangt! Hier ein Häkchen, dort
ein Eintrag, und noch ein Eintrag auf der anderen Seite, auch auf der
übernächsten. Der täglichen Arbeit dienen sie nicht. Im Gegenteil! Alles nur
Statistik. Vermerke über Vermerke muss er schreiben, sich und anderen
Wiedervorlagen setzen, die offenen abarbeiten. Dann sind da die vielen
E-Mails. Lesen, verstehen, antworten und speichern, antworten und löschen,
oder bereits nach dem Lesen in den Papierkorb schicken. Die vielen
Nachrichten stressen ihn. Er denkt darüber nach, sich einen Spamfilter
einzurichten. Am besten einen, der keine Nachrichten durchlässt. Er grinst.
Die Stunden vergehen.
Es wird unruhig vor seiner Tür. Kollegen sammeln sich zum gemeinsamen
Mittagessen. Er geht nicht mit in die Kantine. Ein einziges Mal hat Manfred
dort gegessen, danach nie wieder. Ihm war es viel zu laut.
„Beim Essen spricht man nicht!“, hatte er oft gehört. Mutter, Vater, vor
allem Lehrer erinnerten ihn wieder und wieder streng an Tischsitten. Nur
seine Großmutter nicht. Sie streichelte ihm liebevoll über den Schopf. „Iss,
mein Kleiner. Das Essen wird sonst kalt.“ Auch beim Abwasch hatte sie viel
Zeit, ihm zuzuhören. Er genoss ihre Liebe. Mit Begeisterung schaute er ihr
bei der Hausarbeit zu. Irgendwann durfte er der Geschirrwegsteller sein, wie
er es nannte, später sogar abtrocknen. Wie stolz er jedes Mal war, wenn
wieder alles wohlbehalten an seinem Platz stand.
In der Kantine schienen Teller, Tassen, vor allem das Besteck im hohen Bogen
durch die Luft zu fliegen, um dann im Spülautomaten zu landen. Ein
unbeschreiblicher Lärm und immer die Gefahr, Geschirr würde klirrend
zerbrechen.
Bei ihm zu Hause war man sorgsamer. Noch heute besitzt er Sammeltassen
seiner Großmutter. Immer anlässlich ihres Geburtstages nimmt er sie aus dem
Schrank, gießt den Kaffee ein und führt die Tasse behutsam zum Mund. Er
trinkt ihn mit seiner Großmutter, sie leider nicht mehr mit ihm. Als ihm
Kaffee zu schmecken begann, war ihr Platz in der Küche längst leer.
Wieder krachten Messer, Gabeln und Löffel in das Besteckfach.
An den anderen Tischen schien sich niemand daran zu stören. Dort redeten und
redeten sie so laut, als wären alle schwerhörig, dazu nur über Dienstliches.
Das wollte er während der Tischzeit schon gar nicht.
Manfred war sich sicher, dass die Lärmenden vom morgendlichen Aufleuchten
des Bildschirms bis hin an den Mittagstisch kein einziges Wort gesprochen
hatten. Die Energie, die hier zwischen Kartoffeln, Fleisch und Soße wie ein
Sturm losbrach, sich für ihn hin zum Orkan steigerte, musste sich tagsüber
auf den Stimmbändern der Kollegen gespeichert haben.
Seit jenem Tag nutzt er die Mittagspause für einen Spaziergang an der
frischen Luft. Die warme Mahlzeit nimmt er abends ein. Da ist es ruhig.
Sollte der Fernseher stören, liegt die Fernbedienung nicht weit weg.
Eine mehrwöchige Dienstreise seiner Frau brachte den größten Einschnitt in
seinem Arbeitsalltag. Sie nahm das Auto, er stieg auf die öffentlichen
Verkehrsmittel um.
Plötzlich war er spontan, traf sich nach der Arbeit mit Kollegen auf ein
Bier, informierte sich in Technikabteilungen der Einkaufszentren über
neueste Entwicklungen, ging ins Kino, wobei er sich bewusst in die letzte
Reihe setzte, um seinen Augen Distanz zu gönnen. Auch aß er hin und wieder
am Imbissstand eine der wohlriechenden Bratwürste, obschon der Hosenbund es
nicht zulassen wollte. Oder er schlenderte vergnügt durch Straßen, musterte
die Auslagen der Geschäfte, kam mit anderen ins Gespräch, beschimpfte
Fußgänger nicht mehr als blöd, wie er es als Autofahrer oft getan hatte.
Saß er im Biergarten, träumte er sich in eine der vielen Boutiquen, in der
er mit Christel gewesen war.
Einer vorbeigehenden Dame verpasste er einen anderen Hut, jener einen neuen
Mantel, weg von dem Einheitsgrau hin zur Farbe, zog ihnen sogar die Schuhe
aus, wenn er befand, dass der Absatz höher sein müsste, tauschte Accessoires
wie Halsketten und Taschen. Mal legte er ihnen Make-up auf oder frisierte
sie. Unscheinbar, so fand er, kamen viele Frauen auf ihn zu, geschminkt
gingen sie ihrer Wege. Männer hatte er nie umgezogen, obwohl bei weitem
nicht alle modisch gekleidet waren.
All die Tage brauchte er nicht zum Parkplatz, um ins Auto zu steigen und es
sicher nach Hause zu chauffieren. Keinen Autoschlüssel, nur eine Fahrkarte
bei sich zu haben, bedauerte er nur, wenn es stark regnete.
Früher schien er nicht zu wissen, wo man Fahrausweise erwerben konnte. An
Diskussionen um immer wiederkehrende Fahrpreiserhöhungen hatte er sich nie
beteiligt. Der Spritpreis interessierte ihn, nicht der Preis für einen
Fahrschein.
Heute wird er ärgerlich, will man den Tarif wieder erhöhen. Dann denkt er
sofort an seine Enkelkinder, erinnert sich daran, dass der letzte
Weihnachtsmarktbesuch mit den Kindern ihn ein kleines Vermögen gekostet
hatte. Das Geld für Eintritt, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, kandierte
Äpfel, Karussellfahren, Lose, Glühwein für ihn und Christel, für die
Fahrscheine hätte fast für einen Kurzurlaub gereicht. Trotzdem wird er alle
dieses Jahr wieder zu einem Bummel über den Weihnachtsmarkt einladen. Die
strahlenden Augen seiner Enkel werden ihn die hohen Preise schnell vergessen
lassen.
In U- oder S-Bahn schließt er die Augen, sodass sie sich von der
Bildschirmarbeit erholen können. An diesen Tagen muss er ihnen Ampelphasen,
Blinker der vor ihm oder seitlich fahrenden Autos, das unangezeigte
Spurwechseln, das Parken in zweiter Reihe, die sich oft die Vorfahrt
nehmenden Radfahrer, unaufmerksame Fußgänger, auch eigenes Fehlverhalten
nicht zumuten. Manfred genießt es.
Nur nach Verspätungen oder Schienenersatzverkehr kommt er verärgert heim.
Er wird lernen, damit umzugehen. Besonders deshalb, weil er nach seinem
Berufsleben auf das tägliche Autofahren verzichten möchte. Lediglich für
größere Einkäufe, Urlaubsfahrten, Ausflüge will er das Fahrzeug aus der
Garage holen.
Wieder ist es Mittagszeit.
Er zieht seinen Mantel an und geht für eine halbe Stunde hinaus, weg von
Computer, Bildschirm, Drucker, Telefon. Er atmet tief die klare Luft ein. Er
saugt sie ein, als würde nie wieder schönes Wetter sein. Erneut zieht es ihn
zum Bratwurststand. Zu gut schmecken ihm Thüringer Rostbratwurst mit
Ketchup, Pommes und Mayonnaise. Nachher wird er die Treppe, nicht den
Fahrstuhl nehmen, hofft so, die zusätzlichen Kalorien gleich zu verbrennen.
Abermals wird er zu Hause verschweigen, bereits in der Mittagspause mehr als
nur eine kleine Zwischenmahlzeit gegessen zu haben.
Zurück im Büro, setzt er sich vor den Bildschirm, gibt das Passwort ein,
muss einen zweiten Versuch unternehmen, da er unkonzentriert war, wenigstens
eine der Tasten verfehlte. Nun kann er wieder Häkchen setzen, dort einen
Eintrag und noch einen Eintrag auf der anderen Seite, auch auf der
übernächsten machen. Er beantwortet neu eingegangene Post, speichert sie,
schickt sie weiter oder entscheidet, sie zu löschen.
Wieder wird er sich zum Feierabend fragen, wo die Zeit geblieben ist.
Anträge musste er bearbeiten, Niederschriften verfassen, Termine vergeben,
Einladungen versenden, sich auf die nächste Dienstberatung vorbereiten,
wenigstens das letzte Protokoll galt es zu lesen.
Außerdem kamen Kunden, glücklicherweise terminiert. Viel Zeit hatte er für
sie nicht, doch sie zu beraten, ist seine Hauptaufgabe.
16.00 Uhr. Die Eingangstüren werden für die Kundschaft geschlossen.
Büroschluss. Nicht aber für die Mitarbeiter. Das Geleistete muss noch
statistisch abgebildet werden.
Endlich scheint das Tagwerk geschafft. Der Bildschirm wird ausgeschaltet,
das Telefon deaktiviert, der Schreibtisch für morgen vorbereitet.
Schon gehen die ersten Mitarbeiter an seiner offenen Tür vorbei.
„Auf Wiedersehen“, „Bis morgen“, „Tschüss“, dringt es zu ihm ins Büro. Ohne
vom Arbeitsplatz aufzublicken, erwidert er die Abschiedsgrüße.
Ein lachendes „Mach’s gut und mach nichts, was ich nicht auch tun würde“
lässt ihn dann doch hochschauen.
Da ist das Alltägliche, das immer Wiederkehrende durchbrochen worden. Kurz
stutzt er, schmunzelt, sammelt dann die zu versendenden Briefe ein und trägt
sie in die Poststelle. Nicht, ohne im Vorbeigehen an allen noch geöffneten
Türen sein „Tschüss“, „Auf Wiedersehen“ oder „Bis morgen“ aufzusagen.
Vor dem Kartenleser stehend, sucht er verzweifelt nach der Chipkarte. Heute
Morgen hatte er sie doch, erinnert er sich. Es soll schnell gehen, er will
nur noch hinaus. Er findet sie, loggt sich aus und verlässt das Haus. In
spätestens 14 Stunden wird er wieder da sein, die Zeit erfassen, den Flur an
geöffneten Bürotüren entlanggehen, seine morgendlichen Grußformeln sprechen
und seine Arbeit erledigen.
Seit kurzem ertappt Manfred sich des Öfteren dabei, die noch fehlenden
Monate bis zum Ruhestand zu zählen. Manchmal denkt er an jene, die mit der
neuen Situation nicht zurechtkommen. Ihnen scheint das tägliche „Guten
Morgen“ an den Bürotüren zu fehlen.
Doch Manfred ist sich sicher, bestens vorbereitet zu sein. Schließlich geht
er mittags raus und nach Dienstschluss nicht immer schnurstracks nach Hause.
Dann war er da, der lang ersehnte erste freie Tag nach den vielen
Arbeitsjahren. Und er hat ihn genossen, auch die folgenden.
Kein frühes Aufstehen, kein Sich-auf-den-Weg-Machen, weg von der Wärme des
Bettes hin in das nüchterne Büro, kein Zeiterfassungssystem, kein
mehrmaliges „Guten Morgen“, kein sich wiederholendes „Schönen Feierabend“.
Er fühlte sich wohl, strahlte jedem Tag entgegen. Nichts bedrückte ihn. Er
nahm sich zum Frühstück viel Zeit, las dabei ausführlich Zeitung, hörte den
Moderatoren der Morgensendungen zu und pfiff auch schon mal unmittelbar nach
dem Aufstehen das eine oder andere Lied vor sich hin.
Nun brauchte er früh im Bad etwa so lange wie seine Frau. Noch vor Wochen
hatte er fast jeden Morgen zwischen Erheiterung und Verärgerung geschwankt,
da sie das Bad ewig zu blockieren schien.
Christel war es, die seine aufkeimende Unruhe sofort bemerkte.
Er begann in der Wohnung auf und ab zu laufen, war nervös und
unkonzentriert, auch launisch. Er hatte die innere Ruhe verloren.
Er begann den Geschirrspüler zu ignorieren, anfangs hin und wieder, dann
konsequent. Gründlich wusch er das Geschirr, polierte das Besteck und die
Gläser, prüfte, spülte erneut. Plötzlich hatte er immer etwas einzukaufen.
Noch vor kurzem unvorstellbar. Mit dem Auto auf den Parkplatz eines großen
Einkaufscenters, dann mit dem Einkaufswagen zügig durch die Gänge, vorbei an
den vollen Regalen, das Nötigste, aber in größeren Mengen wie nebenbei in
den Wagen fallen lassen, sofort an die Kasse und schnell raus, so kannte
Christel ihn.
...
|