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Cude, Botho: “Büchergrütze. Kritiken und Glossen 2000-2011”

2012, trafo Literaturverlag, 214 S., ISBN  978-3-89626-943-0, 16,80 EUR



 

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Klappentext

Botokuden, rohes Indianervolk der Urwälder Brasiliens. Sie selbst nennen sich "Engerekmung" und gehören zu den Cren, gehen nackt und durchbohren Unterlippe und Ohren, worin sie große Holzpflöcke (portugiesisch botoque, daher der Name) befestigen, sind geschickte Bogenschützen, besitzen geschliffene, aber undurchbohrte Steingeräte, bauen Hütten, verehren den Mond und fürchten böse Geister, ertragen alle Anstrengungen, Hunger und Durst, mit Ausdauer, essen alles, auch Erde, und gelten als Kannibalen, sind treulos aber kühn und werden noch gegenwärtig gefürchtet.

Pierers Konversations-Lexikon (1889)

 

VORWORT

Ein guter Kritiker ist der, der inmitten der Meisterwerke die Abenteuer seiner Seele vorträgt.

Anatole France

  

Liebe LeserInnen!

Zu Beginn des Jahres 2008 schrieb ich an einem Essay über Lexika, die bekanntlich nicht nur Wissensspeicher sind, sondern auch ideengeschichtliche Kompendien. Durch einen Zufall stieß ich damals auf Uli Gellermanns Internet-Magazin RATIONALGALERIE, das gern als linksradikaler Internetblog abgetan wird. Tatsächlich eignet dem Schreiber ein radikaler Drang, Klartext zu schreiben. Absichtlich spreche ich nicht vom Schreiben der Wahrheit, denn im Weltanschaulichen gibt es keine Wahrheiten, sondern nur Standpunkte. Wenn diese Standpunkte nicht an Interessen gebunden sind, macht sie das ehrlich, aber deshalb nicht wahrer.

Wer fernsieht, weiß, was ich meine. Zurzeit betreiben öffentlich-rechtliche Medien die Ehrenrettung Axel Cäsar Springers. Wann wird endlich Vlad Tepeş rehabilitiert?

Damals schickte ich Gellermann eine Mail, die aus gegebenem Anlass auf die Zensur der Berichterstattung bei einem TV-Nachrichtensender hinwies, der in deutscher Sprache täglich Uncle Sams Propaganda verbreitet und regelmäßig Beiträge über amerikanische Wunderwaffen zeigt. Der viehische Vietnamkrieg beispielsweise wird auf den perfekten Einsatz von Flugzeugträgern und Hubschraubern reduziert.

Wie auch immer, Uli Gellermann antwortete prompt und ich sandte ihm den Lexikon-Essay, der sein Plätzchen in der RATIONALGALERIE fand. Seitdem folgten Rezensionen, Kritiken und satirische Beiträge. Sie beinhalten nicht allzu entlegenes Hintergrundwissen, abstruse Binsenweisheiten, gediegene Kalauer und unblutigen Ernst. Die überbordende Jubiläenschreiberei hat auch mancher Berühmtheit vergangener Jahrhunderte zu einem Plätzchen in meinen Kritiken verholfen.

Weil man nichts Geschriebenes verkommen lassen soll und noch frühere Miszellen zur Literatur in der Schublade schlummerten, habe ich meine Versuche ein wenig geglättet, mit überflüssigen Fußnoten gespickt, und nunmehr beschossen, das Fertigprodukt den nicht abgeneigten LeserInnen in den Rachen zu werfen.

Wohl bekomms!

  

 

 

RATIONALGALERIE 2008

Rezensionen und Kommentare

Bücherschicksale sind oft merkwürdig. Oft ist kein tieferer Grund erkennbar, warum gerade dies oder jenes Buch einen gewaltigen Erfolg hat oder völlig in Vergessenheit gerät.

Guido K. Brand, Werden und Wandlung (1933)

 

 

BROCKHAUS KONVERSATIONSLEXIKON †

Ein Nachruf

 

Gescheite Leute sind immer das beste Konversationslexikon.

Goethe, Maximen und Reflexionen 196

 

Unter www.brockhaus.de wird zum 15.4.2008 ein umfangreiches kostenloses Lexikonportal online gehen. „Brockhaus online“ liefert relevante und geprüfte Informationen aus allen Wissensgebieten und wird auch in der multimedialen Ausstattung neue Maßstäbe setzen…

Brockhaus Verlag[1]

 

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sang Alexandra: „Mein Freund, der Baum, ist tot.“ Bald danach fanden die Grünen heraus, dass der Freund krank gewesen war. Nun las ich im Februar 2008 bei Heise und Golem die Hiobsbotschaft, das gute alte Brockhaus Konversationslexikon liege in den letzten Zügen und dachte: Hoffentlich ist das eine Internet-Ente.

Werch ein Illtum!

Die Jugend mag den intensiven Geruch fetter Fritten mehr, als den balsamischen Duft von Rindsleder und Druckerschwärze. Wozu heute diese teuren Ungetüme, wie sie einst in Opas Gründerzeitbuffet protzten, in die wackligen Ikea-Regale stapeln, wenn doch Wikipedia nix kost’? Und Geiz ist geil! Da stockt der Absatz und Brockhaus muss sich neue Vermarktungsstrategien einfallen lassen. Auch der sozialverträgliche Abbau von Mitarbeitern ist unvermeidbar. Globalisierung, ick hör’ dir trapsen.

Schon früh wurden Lexika handschriftlich verbreitet. Die Naturgeschichte des Plinius[2] (2. Jahrhundert), die Etymologiae des Isidor von Sevilla (7. Jahrhundert) und das byzantinische Suda-Lexikon (10. Jahrhundert) sind herausragende Beispiele. Im 15. Jahrhundert entsteht in China eine gigantische Enzyklopädie in 22.937 Bänden. Aber erst das 18. Jahrhundert brachte Europa die großen Enzyklopädien, in Deutschland den „Zedler“ („Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste …“, 1732 – 1750), insgesamt 68 Foliobände mit 67.000 Seiten, in Frankreich die „Encycolpedie“ Diderots, 28 Bände, davon elf mit Kupferstichtafeln und fünf Ergänzungsbände, erschienen 1751 – 1777.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirft der Verlag F. A. Brockhaus sein „Conversations-Lexicon“ auf den Markt. Goethes Handbibliothek enthält ein Exemplar der Erstausgabe, daneben auch Hübners damals sehr beliebtes „Staats- und Zeitungs-Lexicon“. Das 19. Jahrhundert, nach dem man sich noch alle zehn Finger lecken wird,[3] war ein Jahrhundert der Stubengelehrten. Es ist schier unglaublich, was der Mensch wegschaffen kann, wenn er nicht durch Radio und Fernsehen, durch Telefon und Internet abgelenkt wird. Von Ersch-Grubers unvollendeter „Allgemeiner Encyclopädie der Wissenschaften und Künste“ werden zwischen 1818 und 1889 nicht weniger als 167 Bände erscheinen. Allein der Artikel Griechenland umfasst 3668 Seiten. 1890 wird das Werk, inzwischen an Brockhaus übergegangen, eingestellt. Krünitzens „Ökonomisch-technologische Encyclopädie“ bringt es zwischen 1773 und 1858 sogar auf 242 Bände![4] Der Begründer starb über dem 73. Band, angeblich bei dem Stichwort „Leiche“. Der „Krünitz“ wurde dankenswerterweise von der Uni Freiburg komplett ins Internet gestellt.

Im genügsamen Biedermeier wächst der Brockhaus von Auflage zu Auflage. Er ist im Geist des Bildungsbürgertums verfasst, transportiert protestantisches Ethos und naturwissenschaftlichen Fortschrittsglauben, nach 1870 auch eine gehörige Portion Kaisertreue und glänzt durch Zuverlässigkeit. Am Eingang des 20. Jahrhunderts steht der Brockhaus in der 14. Auflage, die „Neue revidierte Ausgabe“ in 16 Bänden und einem Supplement, ein deutsches Kompendium, nur noch überragt von Meyers Konversationslexikon in der 6. Auflage.[5]

Nach dem Ersten Weltkrieg werden die großen Nachschlagewerke für das Kleinbürgertum bezahlbar. Die Ratenzahlung ermöglicht es auch einem schlecht entlohnten Lehrer der Goldenen Zwanziger Jahre, die 7. Auflage von Meyers Lexikon in Monatsraten zu 5 Reichsmark abzustottern. Der Preis eines Bandes betrug stolze 33 Reichsmark!

Mit dem Dritten Reich mutieren die Nachschlagewerke zu Propagandatraktaten. Während es der berühmt-berüchtigte „Nazi-Meyer“ in der 8. Auflage immerhin bis Band 9 bringt, kommt der Große Brockhaus nicht über einen ersten Band[6] hinaus, der später in der Zählung der Auflagen nicht berücksichtigt werden wird. Dafür produziert Brockhaus den „Neuen Brockhaus“ als „Allbuch in vier Bänden mit einem Atlas“ und den „Taschenbrockhaus zum Zeitgeschehen“, erstmals erschienen 1940. Er enthält fast nur militärischen Fachjargon sowie die damals aktuellen Ereignisse der Zeitgeschichte aus Sicht des Regimes. Die Sowjetunion ist bemerkenswert positiv dargestellt, eine Folge des Hitler-Stalin-Paktes.

An der penetranten Ideologisierung der Nachschlagewerke sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht viel ändern, der Kalte Krieg formte in Ost und West die meisten der personen- und geistesgeschichtlichen Stichworte. Der Vergleich von West-Brockhaus und Ost-Meyer ist sehr unterhaltsam. Erst mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus erlebt der Brockhaus eine Selbstreinigung, z. B. durch die differenziertere Darstellung all jener bluttriefenden Diktatoren, die als Verbündete gegen den Kommunismus einst eine gute Presse hatten. Auch aus dem Stalin-Hitler-Pakt wird nach 1990 wieder der Hitler-Stalin-Pakt.[7] Die 2006 erschienene 21. Auflage des Brockhaus in 30 Bänden soll nun die Letzte sein, in der man schwarz auf weiß die Guten und die Bösen nachschlagen kann.

Allerdings interessiert uns seltener die aktuelle Information, die sich leicht den elektronischen Medien oder Fachbüchern entnehmen lässt. Meist sind es historische Fakten, die man mit dem Lexikon abklären will. Dabei schlagen die soliden Handbücher das ziemlich unterentwickelte Wikipedia um Längen. Jede längst vergessene Propagandaarabeske lässt sich in alten Ausgaben auffinden, denn trotz aller Bibliotheksreinigungen, Giftschränke und Autodafés bleiben die verblichenen Enzyklopädien dank einstmals hoher Stückzahlen allgemein verfügbar. Viel problematischer steht es um die hochgelobte Aktualität eines Lexikonportals im Internet. Ständig können Einträge neu geschrieben, geändert oder gelöscht werden, entsprechend den tagespolitischen Gegebenheiten, der Einflussnahme der „Verbündeten“ oder den Forderungen von Moralaposteln. Die klassische Möglichkeit einer Verifizierung der Falsifikation von Informationen durch simples Nachschlagen ist nicht mehr gegeben. Solange der Internet-Brockhaus nur für deutschsprachige Nutzer angelegt ist, wird sich die Fremdbeeinflussung in Grenzen halten. Sollte Brockhaus aber versuchen, den angelsächsischen Markt zu erobern, könnte sich das ändern.

Von Wikipedia wird gemunkelt, dass manche der „Entscheider“, die den Inhalt der Artikel zensieren, in ihren Entscheidungen nicht unabhängig sind. Dergleichen ist nicht nur bei anglo-amerikanischen Internetemendationen immer denkbar. Wer den Buchstaben B (wie BND) verwaltet, geht im ausgebeulten Sakko, und schon der nächste, der den Buchstaben C (wie CIA) gestaltet, ist in Armani gewandet. Mit etwas Kohle lassen sich auch die erbärmlichen Strafexpeditionen der jüngst vergangenen Zeit moralisch veredeln, welche uns als Kriege gegen Völkermord und Massenvernichtungsmittel oder globalkonkret „gegen den Terror“ verkauft werden. Im Verein mit dem Medium Fernsehen, das die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts für die Nichtleser aufbereitet, erarbeitet man für die junge Generation ein neues Geschichtsbild in der Nato-kompatiblen Version.

Für das Jahr 2084 werden verschiedene Endzeitvisionen kolportiert. Ziemlich phantastisch mutet das folgende Szenario an: Im sonnigen Grönland sitzt die englische Redaktion beisammen, angetan mit Stetsons, Schlangenlederstiefeln und Pistolenhalftern von Gucci. Auf den Schreibtischen stehen Matrjoschkas, die im Innern den gegenwärtigen russischen Präsidenten bergen, die kleine Fabergé-Ausführung in Dukatengold, besetzt mit Brillianten. Man schält Jaffa-Orangen, die im heißen Bayern ökologisch angebaut werden, schlürft Bohnenkaffee aus Schwänemark und berät die Listen der zu liquidierenden bzw. neu aufzunehmenden …isten. Schnellstens sollen die Bürger der Welt mit dem neuesten aktuellen ultimativen WorldWideWisdomBrockhouse beglückt werden, den sie kostenfrei nutzen dürfen. Nur für die eingeblendete Werbung muss eine Flatrate entrichtet werden.

Mir gefällt diese Vision bedeutend besser: Die Kreuzworträtsel-Lösergemeinschaft meldet sich auf dem Weg zum Mond. „Houston, wir haben ein Problem. Könnt ihr uns die Brockhaus-Internetversion von letzter Woche senden?“

 

März 2008


 

[1] Bis zum Ende des Jahres ist dieses Portal nicht ans Netz gegangen. Dafür erreichte uns im Dezember 2008 die Trauernachricht, Bertelsmann frisst Brockhaus.

[2]  Z. Z. verfügbar als neu gesetzte, „korrigierte“ und überarbeitete Ausgabe der Übersetzung Wittsteins (bestes 19. Jahrhundert) für marixverlag 2007, nicht frei von Druckfehlern.

[3] Valeriu Marcu im Gespräch zu Ernst Jünger, Siebzig verweht V, S. 168

[4]  Und doch ist das nichts gegen das chinesische Wörterbuch, das auf Anweisung des Kaisers Kien-Lung 1726 in 100 Exemplaren in Peking mit gegossenen Lettern gedruckt wurde und 5020 Bände zu je 170 Seiten umfasste! Die Zahlenangaben für die Zeit vor 1900 stammen aus: Werner Lenz, Kleine Geschichte Großer Lexika, Bertelsmann 1972. Der Rest ist auf meinem Mist gewachsen.

[5] Gegenwärtig wird diese zwanzigbändige Auflage von Meyers Lexikon für Leute, die Geld und Platz sparen wollen, auf CD-ROM für 20 € verramscht. In der digitalen Ausgabe fehlen leider der Ergänzungsband, drei Jahressupplemente und die drei Kriegsnachtragsbände, die unter Brüdern teurer gehandelt werden, als der Rest des Lexikons.

[6]  Dieses durchaus seltene Exemplar wird heute mit 250 € bewertet!

[7]  Der „Taschenbrockhaus zum Zeitgeschehen“ von 1940 bezeichnet das Vertragswerk übrigens als die „Moskauer Verträge“.

 

 

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