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Inhaltsverzeichnis
Der Weg 9
Rübezahls Grollen 23
Das Ziel 30
Katharsis 38
Momentaufnahme 49
Der neunschwänzige Drache 63
Die Tangutenprinzessin 68
Die Heilige Hedwig 75
Ankunft in Schlesien 84
Ankunft in Böhmen 87
Ein Besuch mit Folgen 92
Ein alter Bekannter 101
Ein Schmuggelpfad 108
Die Geburt 116
Auf Verbrecherjagd im Riesengebirge 120
Wer zu spät kommt, den straft das Leben 128
Besuch bei einer neuen Freundin 136
Zerbrochene Scheiben – Verschwundene Seelen:
Glasendorf/Sklenářovice 143
Besuch bei einer alten Freundin 154
Kreuzgang 160
Got segene disez hus 169
Aus Paulus wird Saulus 177
Die Hochzeit 182
Was ein Mediävist is(s)t 185
Ein Haus ist ein Haus ist ein Haus... 190
Miss Marple oder wie fange ich einen Dieb 196
Ein Fotoalbum 201
Bei Anruf – Gleichgewichtsstörungen 205
Auch Bildwerke können verschwinden 209
Reinkarnation 213
Wem Gott will rechte Gunst erweisen 221
Schlafes Schwester 230
Ein gangbarer Weg, nicht nur zum Wandern 236
Die Hütte 240
Die Mongolen kommen 245
Eine Zeitreise 250
Zeitlos 255
Sherlock Holmes im Riesengebirge 260
Eine Grenze ist keine Grenze 267
Die Büchse der Pandora 275
Die Familie ist tot – es lebe die Familie –
die klösterliche Familie 283
Das Ziel ist der Weg 290
Auch der falsche Weg ist ein Weg 300
Glossar 305
Über die Autorin 311
Leseprobe
Der Weg
Den Weg hatte ich schon beim letzten Besuch gesehen. Es ist ein Nebenweg im
Riesengebirge, führt zu keinem Skilift, in keine Bedeutsamkeit, meinte ich
damals. Ein Bergkirchlein, eins, nicht „Unserer lieben Jungfrau Maria“,
sondern Herrengeburtskapelle genannt, ist erwähnt. Drei tschechische
Künstlerinnen und Restauratorinnen, Mutter und zwei Töchter, haben es aus
Ruinen wieder neu erstehen lassen. Eine eindrucksvolle Freskenmalerei soll
entstanden sein mit zwei weiteren Restauratorinnen. Ein Frauenwerk für eine
Herrenkapelle!
Ein Steinbruch, eine Höhle sind auf der Karte eingezeichnet. Früher soll
Urwald gewesen sein, bis Marschendorf runter. Als im 16. Jahrhundert ein
erster Vorfahr von mir namens Tobias Gschwandt aus Tirol kam, war der Wald
bereits geschwandet, von Italienern und anderen Europäern beraubt, Gold aus
den Bächen gewaschen, Rübezahls Silberbergwerke geplündert. Und doch
erschien mir der Weg reizvoll.
Von der Marschendorfer Kirche her, die der Jungfrau Maria gedenkt, blickte
ich hinauf, bis er in den Windungen der Berghänge verschwand. Die Hänge des
Rehorngebirges, des östlichsten Ausläufers des Riesengebirges, sind dicht
von Laubbäumen gesäumt, wenige Tannen dunkeln das frische Grün des
Frühjahrs. Aufbewahrte unberührte Natur, so als hätte eine Schöpferhand
Einhalt geboten den Äxten und Sägen.
Gegenüber der steile Berghang, an dem die Kirche und der Friedhof meiner
Ahnen mit der davor stehenden jahrhundertealten Linde majestätisch das Bild
bestimmt. Die einzige Renaissancekirche der Gegend, vom italienischen
Baumeister Carolo Valmadi 1605 bis 1608 gebaut, jetzt endlich eingerüstet,
gerettet, weil das Dach erneuert wurde. Wohl proportioniert steht sie, trotz
des behelfsmäßigen Kleides, linksseitig die Marschendorfer Ausläufer der
Schneekoppe schmückend, den steilen Hang scheint sie zu stützen. Die Kirche
stützt den Berg und nicht umgekehrt. Beinahe hätte das vieljährige Regime,
das jeden Bürgersinn zerstörte, auch die Kirche zerstört. Aber sie hat sich
gewehrt. Hat die alte Orgel beschützt und das holzgeschnitzte Gestühl. Und
da das Regime keinen Handel förderte, gab es auch keinen, der mit den
Kostbarkeiten Schindluder trieb, lediglich der Zerfall. Erst nach der Wende
kamen die Spekulanten und Ganoven der anderen Couleur, die die
wurmzerfressene Buchenholzmadonna herunterrissen und verhökerten und das
verrostete Kruzifix auf ihren Laster luden. Ein Gauner mußte nach Trautenau
ins Krankenhaus, seine Gier hatte ihm Schrunden zugefügt und eine
Blutvergiftung beschert, die ihn heftig schüttelte. Auch Nichtgläubige waren
ob dieser Geschichte nachdenklich geworden.
Einige geraubte Figuren hatte der Bürgermeister zufällig in einem Prager
Antikladen entdeckt und zurückerhalten können.
Ich sehe hinüber zu dem Weg, der sich den Birkenbäumchenhain
entlangschlängelt, wahrscheinlich hat er sich selbst ausgesät, aus einem
Baum im verwilderten Park des Marschendorfer Schlosses. Von meinem Opa weiß
ich, daß er als Kind hinter dem Marschendorfer Schloß in die Pilze ist,
unendlich weit, mitunter bis nach Schatzlar steil angehend, den Cousin
besuchend, dessen Familie ein kleines Gasthaus an der Bober hatte, wo er
übernachtete.
Ob es seine Geschichten sind, die mich hierher geführt haben oder ob der Weg
wirklich so wunderlich den Bergrücken zeichnet, daß ich Rübezahls
Schleifspuren – nach manchen Sagen soll er einen Hinkefuß gehabt haben- zu
sehen glaube, jedenfalls beschloß ich, bei der nächst besten Gelegenheit,
das Wagnis der Wanderung auf mich zu nehmen.
Hinter dem Schloß steig ich an. Den Rucksack auf meinen Rücken, die Riemen
um den Bauch gebunden, damit die Last besonders der Wasserflaschen nicht zu
sehr mein Kreuz malträtiert.
Erst viel später erfahre ich, daß dies ein Weg ist, der sich bei Albendorf
mit dem alten Zollweg verbindet, der einzige Weg, der früher zu dem
Grenzkamm und den Grenzbauden und damit nach Schlesien führte und bereits
auf der Karte von 1578 vermerkt ist, die Simon Hüttel seiner Trautenauer
Stadtchronik beigefügt hat. Gegenwärtig sitzt ein Team im Trautenauer Archiv
und übersetzt diese Chronik ins Tschechische.
Die Wiesen, vielerorts ungenutzt und daher dem Wildwuchs preisgegeben,
wachsen wieder zu – nur hin und wieder eine weiße Ziege an der Leine an
einen Baum gebunden, aber auch diese vorzeitliche Sitte scheint
auszusterben, vor zehn Jahren habe ich noch viel mehr Ziegen in der Gegend
gesehen. Der erste kleine Ort ist Kolbendorf, das sich wie fast alle Dörfer
der Gegend in ein Nieder- und ein Oberdorf unterteilt. Es gibt ein paar
Pensionen in ehemaligen Bauernhäusern, die Schilder „Zimmer frei“ sind meist
auf deutsch geschrieben, obwohl auch die Prager gerne ins Riesengebirge
kommen, aber häufig haben sie die verwaisten Berghütten gekauft und
Wochenendhäuser daraus gemacht. In der Diktatur war das der kleine Freiraum
– ein Freiraum, der den vertriebenen Deutschen früher als Broterwerb gedient
hatte, eine Holzhütte, eine Alm und eine, zwei Kühe, viele Kinder und der
Mann beim Holzschlagen. Mitunter armseligere Häusler als die tschechischen
Bauern unten im fetterdigen böhmischen Becken.
Hier oben watschelten keine fetten Gänse, die die dickbäuchigen
tschechischen Bäuerinnen in der Vorweihnachtszeit auf dem Marktplatz in
Trautenau anboten, an dem meine Mutter bei der Post gearbeitet hat. Die
vielen Röcke der Bäuerinnen hielten die Wärme, die ein kleines von Holzkohle
gefüttertes Stövchen unter ihren Sitzplatz trieb. Sie sahen rotbackig und
gesund aus und so gesund sahen auch die Gänse aus. Meine Mutter besaß ein
Foto, das ihr eine ältere Kollegin geschenkt hatte. Als meine Mutter, noch
nicht zwanzigjährig, bei der Post arbeitete, durften die tschechischen
Bäuerinnen keine Gänse mehr verkaufen, ein anderes terroristisches Regime
hatte für sieben Jahre die Herrschaft an sich gerissen.
Mir begegnen keine Gänse auf dem Weg. Die Sonne scheint, je höher ich
steige, wärmer auf meinen Kopf, ich setze eine Schirmmütze auf. Touristen
begegnen mir nicht, es ist Anfang Mai und das Grün wird hier oben immer
spärlicher. Aber wenn ich mich wende, hinunter ins Aupatal blicke, da liegt
Marschendorf wie in einem grünen Körbchen gebettet. Einige Obstbäume blühen,
wenngleich im Böhmischen Becken bereits die Blütenpracht der Äpfel- und
Pflaumenbäume das ganze Land umarmt, duftend, von Bienen umsummt, erfüllt
sich das Land die Sehnsucht nach einer ungebändigten Fruchtbarkeit.
Ich vermeine die Aupa zu hören, so frisch und hell klingt ihr Lied hier in
der Nähe ihrer Geburt. In Trautenau jedoch, wo ich mit Aupawasser getauft
worden bin, ist sie schon ein träges tapsendes Flüßchen, das wenig Lust
verspürt zu springen.
Der Weg hat sich dem Bach, an dem ich bisher entlang lief, und der beim
Schloß in Marschendorf in die Aupa sprudelt, entfremdet. Das hüpfende Naß
verschwindet im Fichtenwald. Jetzt öffnet sich das schmale Tälchen, die
Almhänge werden weitläufiger und flacher. Sie sind übersät mit dem
butterfetten Gelb des Löwenzahns. Am Bachlauf meine ich Pechwurz gesehen zu
haben. Hinter dem letzten Ort Albendorf halte ich eine kleine Vesper. Ich
lehne mich an einen gefällten Birkenstamm, Käfer krabbeln, ich lasse es mir
dennoch schmecken. Fällt ein Krümel runter, stürzen Ameisen hinzu, aus
kleinen Ritzen flitzend. Auf der Rückseite sehe ich ihre Straße. Die, die
etwas schleppen, werden jubelnd empfangen, die Schwester hilft, die
entgegenkommenden Ameisen weichen den lastenschleppenden aus. Ich nehme
einen Schluck Wasser. Obwohl das Wasser des Baches glasklar war, traue ich
mich nicht, zu trinken an der labenden Quelle, wie der Dichter so schön
singt. Vom Erzgebirge über die üblichen Randgebirge des Böhmischen Beckens
ist in den letzten Jahrzehnten der saure Regen niedergeprasselt und hat
manchen alten Urbaum gefällt, die Buchen, die Gegend war im Mittelalter noch
Buchenurwald, schwanden und die Tannen. Geblieben sind Birken und Ahorn,
Fichten und Tannen sind wieder angepflanzt worden – wie ich gehört habe mit
eifriger Unterstützung der Holländer. Da Westwind sei, sagten sie, zu Zeiten
der Samtenen Revolution, seien auch die Niederlande am Verkommen der
Landschaft schuld. Nun, nach der Wende, so wurde mir zugetragen, meinten die
Holländer, daraus ein Recht herzuleiten, hier zu siedeln. Bevorzugte Objekte
sind die vakanten Pfarrhäuser. Sie – das muß man ihnen lassen, anerkannte
neulich ein Angestellter der Regionalkirchenverwaltung – tun aber ihr
bestes, die Häuser zu renovieren im Sinne des Denkmalschutzes.
Meine Freundin Olga jedoch resümierte, Holland verschwände bald im Meer,
deshalb wären so viele Holländer hier, um sich vor der Sintflut zu retten.
Hier oben sind sie allerdings nicht, sie sind unten in den Dörfern.
Ich habe ihre Sprache auch schon vernommen, als halbe Rheinländerin bin ich
in ihrer Nähe großgeworden. So schwindelerregend hoch will denn doch kein
Flachländer siedeln, ich kann es ihnen nachfühlen, obwohl wir die
Tausendergrenze noch nicht erreicht haben.
Die Bergdörfer verfügen über keinen Friedhof und keine Kirche. Selbst in dem
Grenzort nach Polen, Kleinaupa, in dessen Nähe die Aupa entspringt, unweit
von meiner augenblicklichen Raststätte, was heißt unweit, eine gute Stunde
Wegs sind es bestimmt noch, gab es keine Beerdigungsmöglichkeit. Wenn jemand
winters starb, mußte bis zum Tauwetter gewartet werden, um die Leiche nach
Marschendorf zu befördern. Die Leichen wurden im gefrorenen Zustand im
Fichtensarg aufbewahrt. Die Bergbauern waren zu arm, sich einen eigenen
Pfarrer oder einen Lehrer oder ein Gemeindehaus zu leisten. Erst mit dem
Aufkommen des Tourismus im 19. Jahrhundert kam etwas Wohlstand in die
Gegend.
Ich trinke noch einen Schluck und verschlinge das letzte Stullenstück mit
der selbstgemachten Salami des Schlächters von der Langen Gasse. Wo schon zu
Zeiten meiner Mutter ein Metzger gewesen sein soll.
Gegenüber an den Hängen scheinen die Ahornbäumchen kleine Blättchen zu
treiben. Es ist so ein winziges Grün, daß ich blinzeln muß. Ich niese.
Weiter oben nimmt der Baumbestand ab. Ein paar Tannen, kahle Äste von
Laubbäumen, die ich nicht identifizieren kann, vielleicht Ahorn, vielleicht
Birken, der Wind fällt auf mein Stullenpapier. Es knistert. Ich packe alles
wieder ein und binde den Rucksack um. Eine winzige Erschütterung durchfährt
meine Glieder, als rutschte ich weg. Dann Ruhe. Ich marschiere vorwärts. Der
Weg ist steil, der Abzweig nach Schatzlar ist längst hinter mir. Opa sage
ich lebewohl. Er humpelt, wie er immer gehumpelt hat, er ist flink, die
Steigung macht ihm nichts aus. Er ist ein Kind der Berge.
Und wieder überkommt mich die Sehnsucht nach Opa, meiner Kindheit mit ihm,
wie wir in einem anderen, für uns fremden Land, weil wir die Sprache
zunächst nicht verstanden, spazierengegangen sind an den Rhein und den
Schiffen nachgeschaut haben. Anschließend sind wir ins Cafe am Bahnhof in
Bonn, ich habe Eis gegessen und Opa hat seinen Cafe Melange mit einem
Stamperl Eierlikör genossen. Manchmal hat er mich nippen lassen. Aber nichts
dem Otti sagen, zwinkert er mir zu. Du weißt, dein Papa ist streng in
solchen Sachen.
Aber Vati trinkt doch auch, erwidere ich.
Der ist ja groß, wenn du groß bist, darfst du auch ein Stamperl nehmen, aber
jetzt kannste nur nippen, gellok.
Dieses Gellok – es treibt mir die Tränen in die Augen. Die Redeweise der
Riesengebirgler ist mir so sehr Kindheit – hier sagen es heutzutage nur ganz
Alte, die jungen deutschstämmigen Böhmen können es auch nicht mehr. Damals
ist damals und heute ist heute, hatte meine Wirtin in Adersbach immer
gesagt, aber auch das ist schon ein paar Jahre her. Ich beschließe, die
Havlová demnächst mal zu besuchen. Zum Schluß hatten wir uns ja ganz gut
verstanden, wenngleich sie anfänglich garstig zu mir war, deutschfeindliche
Äußerungen losschmetterte, obwohl sie auf die deutschen Gäste in ihrer
Pension angewiesen ist.
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