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Jenny Schon

Die Sammlerin 

 

Roman, 2009, Tb, 313 S., ISBN 978-3-89626-938-6, 13,80 EUR  

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Inhaltsverzeichnis


Der Weg 9
Rübezahls Grollen 23
Das Ziel 30
Katharsis 38
Momentaufnahme 49
Der neunschwänzige Drache 63
Die Tangutenprinzessin 68
Die Heilige Hedwig 75
Ankunft in Schlesien 84
Ankunft in Böhmen 87
Ein Besuch mit Folgen 92
Ein alter Bekannter 101
Ein Schmuggelpfad 108
Die Geburt 116
Auf Verbrecherjagd im Riesengebirge 120
Wer zu spät kommt, den straft das Leben 128
Besuch bei einer neuen Freundin 136
Zerbrochene Scheiben – Verschwundene Seelen:
Glasendorf/Sklenářovice 143
Besuch bei einer alten Freundin 154
Kreuzgang 160
Got segene disez hus 169
Aus Paulus wird Saulus 177
Die Hochzeit 182
Was ein Mediävist is(s)t 185
Ein Haus ist ein Haus ist ein Haus... 190
Miss Marple oder wie fange ich einen Dieb 196
Ein Fotoalbum 201
Bei Anruf – Gleichgewichtsstörungen 205
Auch Bildwerke können verschwinden 209
Reinkarnation 213
Wem Gott will rechte Gunst erweisen 221
Schlafes Schwester 230
Ein gangbarer Weg, nicht nur zum Wandern 236
Die Hütte 240
Die Mongolen kommen 245
Eine Zeitreise 250
Zeitlos 255
Sherlock Holmes im Riesengebirge 260
Eine Grenze ist keine Grenze 267
Die Büchse der Pandora 275
Die Familie ist tot – es lebe die Familie –
die klösterliche Familie 283
Das Ziel ist der Weg 290
Auch der falsche Weg ist ein Weg 300

Glossar 305
Über die Autorin 311

 

Leseprobe

Der Weg


Den Weg hatte ich schon beim letzten Besuch gesehen. Es ist ein Nebenweg im Riesengebirge, führt zu keinem Skilift, in keine Bedeutsamkeit, meinte ich damals. Ein Bergkirchlein, eins, nicht „Unserer lieben Jungfrau Maria“, sondern Herrengeburtskapelle genannt, ist erwähnt. Drei tschechische Künstlerinnen und Restauratorinnen, Mutter und zwei Töchter, haben es aus Ruinen wieder neu erstehen lassen. Eine eindrucksvolle Freskenmalerei soll entstanden sein mit zwei weiteren Restauratorinnen. Ein Frauenwerk für eine Herrenkapelle!
Ein Steinbruch, eine Höhle sind auf der Karte eingezeichnet. Früher soll Urwald gewesen sein, bis Marschendorf runter. Als im 16. Jahrhundert ein erster Vorfahr von mir namens Tobias Gschwandt aus Tirol kam, war der Wald bereits geschwandet, von Italienern und anderen Europäern beraubt, Gold aus den Bächen gewaschen, Rübezahls Silberbergwerke geplündert. Und doch erschien mir der Weg reizvoll.
Von der Marschendorfer Kirche her, die der Jungfrau Maria gedenkt, blickte ich hinauf, bis er in den Windungen der Berghänge verschwand. Die Hänge des Rehorngebirges, des östlichsten Ausläufers des Riesengebirges, sind dicht von Laubbäumen gesäumt, wenige Tannen dunkeln das frische Grün des Frühjahrs. Aufbewahrte unberührte Natur, so als hätte eine Schöpferhand Einhalt geboten den Äxten und Sägen.
Gegenüber der steile Berghang, an dem die Kirche und der Friedhof meiner Ahnen mit der davor stehenden jahrhundertealten Linde majestätisch das Bild bestimmt. Die einzige Renaissancekirche der Gegend, vom italienischen Baumeister Carolo Valmadi 1605 bis 1608 gebaut, jetzt endlich eingerüstet, gerettet, weil das Dach erneuert wurde. Wohl proportioniert steht sie, trotz des behelfsmäßigen Kleides, linksseitig die Marschendorfer Ausläufer der Schneekoppe schmückend, den steilen Hang scheint sie zu stützen. Die Kirche stützt den Berg und nicht umgekehrt. Beinahe hätte das vieljährige Regime, das jeden Bürgersinn zerstörte, auch die Kirche zerstört. Aber sie hat sich gewehrt. Hat die alte Orgel beschützt und das holzgeschnitzte Gestühl. Und da das Regime keinen Handel förderte, gab es auch keinen, der mit den Kostbarkeiten Schindluder trieb, lediglich der Zerfall. Erst nach der Wende kamen die Spekulanten und Ganoven der anderen Couleur, die die wurmzerfressene Buchenholzmadonna herunterrissen und verhökerten und das verrostete Kruzifix auf ihren Laster luden. Ein Gauner mußte nach Trautenau ins Krankenhaus, seine Gier hatte ihm Schrunden zugefügt und eine Blutvergiftung beschert, die ihn heftig schüttelte. Auch Nichtgläubige waren ob dieser Geschichte nachdenklich geworden.
Einige geraubte Figuren hatte der Bürgermeister zufällig in einem Prager Antikladen entdeckt und zurückerhalten können.
Ich sehe hinüber zu dem Weg, der sich den Birkenbäumchenhain entlangschlängelt, wahrscheinlich hat er sich selbst ausgesät, aus einem Baum im verwilderten Park des Marschendorfer Schlosses. Von meinem Opa weiß ich, daß er als Kind hinter dem Marschendorfer Schloß in die Pilze ist, unendlich weit, mitunter bis nach Schatzlar steil angehend, den Cousin besuchend, dessen Familie ein kleines Gasthaus an der Bober hatte, wo er übernachtete.
Ob es seine Geschichten sind, die mich hierher geführt haben oder ob der Weg wirklich so wunderlich den Bergrücken zeichnet, daß ich Rübezahls Schleifspuren – nach manchen Sagen soll er einen Hinkefuß gehabt haben- zu sehen glaube, jedenfalls beschloß ich, bei der nächst besten Gelegenheit, das Wagnis der Wanderung auf mich zu nehmen.
Hinter dem Schloß steig ich an. Den Rucksack auf meinen Rücken, die Riemen um den Bauch gebunden, damit die Last besonders der Wasserflaschen nicht zu sehr mein Kreuz malträtiert.
Erst viel später erfahre ich, daß dies ein Weg ist, der sich bei Albendorf mit dem alten Zollweg verbindet, der einzige Weg, der früher zu dem Grenzkamm und den Grenzbauden und damit nach Schlesien führte und bereits auf der Karte von 1578 vermerkt ist, die Simon Hüttel seiner Trautenauer Stadtchronik beigefügt hat. Gegenwärtig sitzt ein Team im Trautenauer Archiv und übersetzt diese Chronik ins Tschechische.
Die Wiesen, vielerorts ungenutzt und daher dem Wildwuchs preisgegeben, wachsen wieder zu – nur hin und wieder eine weiße Ziege an der Leine an einen Baum gebunden, aber auch diese vorzeitliche Sitte scheint auszusterben, vor zehn Jahren habe ich noch viel mehr Ziegen in der Gegend gesehen. Der erste kleine Ort ist Kolbendorf, das sich wie fast alle Dörfer der Gegend in ein Nieder- und ein Oberdorf unterteilt. Es gibt ein paar Pensionen in ehemaligen Bauernhäusern, die Schilder „Zimmer frei“ sind meist auf deutsch geschrieben, obwohl auch die Prager gerne ins Riesengebirge kommen, aber häufig haben sie die verwaisten Berghütten gekauft und Wochenendhäuser daraus gemacht. In der Diktatur war das der kleine Freiraum – ein Freiraum, der den vertriebenen Deutschen früher als Broterwerb gedient hatte, eine Holzhütte, eine Alm und eine, zwei Kühe, viele Kinder und der Mann beim Holzschlagen. Mitunter armseligere Häusler als die tschechischen Bauern unten im fetterdigen böhmischen Becken.
Hier oben watschelten keine fetten Gänse, die die dickbäuchigen tschechischen Bäuerinnen in der Vorweihnachtszeit auf dem Marktplatz in Trautenau anboten, an dem meine Mutter bei der Post gearbeitet hat. Die vielen Röcke der Bäuerinnen hielten die Wärme, die ein kleines von Holzkohle gefüttertes Stövchen unter ihren Sitzplatz trieb. Sie sahen rotbackig und gesund aus und so gesund sahen auch die Gänse aus. Meine Mutter besaß ein Foto, das ihr eine ältere Kollegin geschenkt hatte. Als meine Mutter, noch nicht zwanzigjährig, bei der Post arbeitete, durften die tschechischen Bäuerinnen keine Gänse mehr verkaufen, ein anderes terroristisches Regime hatte für sieben Jahre die Herrschaft an sich gerissen.
Mir begegnen keine Gänse auf dem Weg. Die Sonne scheint, je höher ich steige, wärmer auf meinen Kopf, ich setze eine Schirmmütze auf. Touristen begegnen mir nicht, es ist Anfang Mai und das Grün wird hier oben immer spärlicher. Aber wenn ich mich wende, hinunter ins Aupatal blicke, da liegt Marschendorf wie in einem grünen Körbchen gebettet. Einige Obstbäume blühen, wenngleich im Böhmischen Becken bereits die Blütenpracht der Äpfel- und Pflaumenbäume das ganze Land umarmt, duftend, von Bienen umsummt, erfüllt sich das Land die Sehnsucht nach einer ungebändigten Fruchtbarkeit.
Ich vermeine die Aupa zu hören, so frisch und hell klingt ihr Lied hier in der Nähe ihrer Geburt. In Trautenau jedoch, wo ich mit Aupawasser getauft worden bin, ist sie schon ein träges tapsendes Flüßchen, das wenig Lust verspürt zu springen.
Der Weg hat sich dem Bach, an dem ich bisher entlang lief, und der beim Schloß in Marschendorf in die Aupa sprudelt, entfremdet. Das hüpfende Naß verschwindet im Fichtenwald. Jetzt öffnet sich das schmale Tälchen, die Almhänge werden weitläufiger und flacher. Sie sind übersät mit dem butterfetten Gelb des Löwenzahns. Am Bachlauf meine ich Pechwurz gesehen zu haben. Hinter dem letzten Ort Albendorf halte ich eine kleine Vesper. Ich lehne mich an einen gefällten Birkenstamm, Käfer krabbeln, ich lasse es mir dennoch schmecken. Fällt ein Krümel runter, stürzen Ameisen hinzu, aus kleinen Ritzen flitzend. Auf der Rückseite sehe ich ihre Straße. Die, die etwas schleppen, werden jubelnd empfangen, die Schwester hilft, die entgegenkommenden Ameisen weichen den lastenschleppenden aus. Ich nehme einen Schluck Wasser. Obwohl das Wasser des Baches glasklar war, traue ich mich nicht, zu trinken an der labenden Quelle, wie der Dichter so schön singt. Vom Erzgebirge über die üblichen Randgebirge des Böhmischen Beckens ist in den letzten Jahrzehnten der saure Regen niedergeprasselt und hat manchen alten Urbaum gefällt, die Buchen, die Gegend war im Mittelalter noch Buchenurwald, schwanden und die Tannen. Geblieben sind Birken und Ahorn, Fichten und Tannen sind wieder angepflanzt worden – wie ich gehört habe mit eifriger Unterstützung der Holländer. Da Westwind sei, sagten sie, zu Zeiten der Samtenen Revolution, seien auch die Niederlande am Verkommen der Landschaft schuld. Nun, nach der Wende, so wurde mir zugetragen, meinten die Holländer, daraus ein Recht herzuleiten, hier zu siedeln. Bevorzugte Objekte sind die vakanten Pfarrhäuser. Sie – das muß man ihnen lassen, anerkannte neulich ein Angestellter der Regionalkirchenverwaltung – tun aber ihr bestes, die Häuser zu renovieren im Sinne des Denkmalschutzes.
Meine Freundin Olga jedoch resümierte, Holland verschwände bald im Meer, deshalb wären so viele Holländer hier, um sich vor der Sintflut zu retten. Hier oben sind sie allerdings nicht, sie sind unten in den Dörfern.
Ich habe ihre Sprache auch schon vernommen, als halbe Rheinländerin bin ich in ihrer Nähe großgeworden. So schwindelerregend hoch will denn doch kein Flachländer siedeln, ich kann es ihnen nachfühlen, obwohl wir die Tausendergrenze noch nicht erreicht haben.
Die Bergdörfer verfügen über keinen Friedhof und keine Kirche. Selbst in dem Grenzort nach Polen, Kleinaupa, in dessen Nähe die Aupa entspringt, unweit von meiner augenblicklichen Raststätte, was heißt unweit, eine gute Stunde Wegs sind es bestimmt noch, gab es keine Beerdigungsmöglichkeit. Wenn jemand winters starb, mußte bis zum Tauwetter gewartet werden, um die Leiche nach Marschendorf zu befördern. Die Leichen wurden im gefrorenen Zustand im Fichtensarg aufbewahrt. Die Bergbauern waren zu arm, sich einen eigenen Pfarrer oder einen Lehrer oder ein Gemeindehaus zu leisten. Erst mit dem Aufkommen des Tourismus im 19. Jahrhundert kam etwas Wohlstand in die Gegend.
Ich trinke noch einen Schluck und verschlinge das letzte Stullenstück mit der selbstgemachten Salami des Schlächters von der Langen Gasse. Wo schon zu Zeiten meiner Mutter ein Metzger gewesen sein soll.
Gegenüber an den Hängen scheinen die Ahornbäumchen kleine Blättchen zu treiben. Es ist so ein winziges Grün, daß ich blinzeln muß. Ich niese. Weiter oben nimmt der Baumbestand ab. Ein paar Tannen, kahle Äste von Laubbäumen, die ich nicht identifizieren kann, vielleicht Ahorn, vielleicht Birken, der Wind fällt auf mein Stullenpapier. Es knistert. Ich packe alles wieder ein und binde den Rucksack um. Eine winzige Erschütterung durchfährt meine Glieder, als rutschte ich weg. Dann Ruhe. Ich marschiere vorwärts. Der Weg ist steil, der Abzweig nach Schatzlar ist längst hinter mir. Opa sage ich lebewohl. Er humpelt, wie er immer gehumpelt hat, er ist flink, die Steigung macht ihm nichts aus. Er ist ein Kind der Berge.
Und wieder überkommt mich die Sehnsucht nach Opa, meiner Kindheit mit ihm, wie wir in einem anderen, für uns fremden Land, weil wir die Sprache zunächst nicht verstanden, spazierengegangen sind an den Rhein und den Schiffen nachgeschaut haben. Anschließend sind wir ins Cafe am Bahnhof in Bonn, ich habe Eis gegessen und Opa hat seinen Cafe Melange mit einem Stamperl Eierlikör genossen. Manchmal hat er mich nippen lassen. Aber nichts dem Otti sagen, zwinkert er mir zu. Du weißt, dein Papa ist streng in solchen Sachen.
Aber Vati trinkt doch auch, erwidere ich.
Der ist ja groß, wenn du groß bist, darfst du auch ein Stamperl nehmen, aber jetzt kannste nur nippen, gellok.
Dieses Gellok – es treibt mir die Tränen in die Augen. Die Redeweise der Riesengebirgler ist mir so sehr Kindheit – hier sagen es heutzutage nur ganz Alte, die jungen deutschstämmigen Böhmen können es auch nicht mehr. Damals ist damals und heute ist heute, hatte meine Wirtin in Adersbach immer gesagt, aber auch das ist schon ein paar Jahre her. Ich beschließe, die Havlová demnächst mal zu besuchen. Zum Schluß hatten wir uns ja ganz gut verstanden, wenngleich sie anfänglich garstig zu mir war, deutschfeindliche Äußerungen losschmetterte, obwohl sie auf die deutschen Gäste in ihrer Pension angewiesen ist.