Zum Buch
Das andere '68 ...
Das Buch schildert in Form von
romanhaften Erinnerungen die sogenannten „März-Ereignisse“, eine
antisemitische Hetzkampagne der Machthaber in Polen im Jahre 1968. Den
Vorwand liefern Studentendemonstrationen gegen die Zensur, den Rest das
Machtstreben des Innenministers, der eine merkwürdige Mischung aus
Stalinismus und Nationalismus vertrat.
Im Zentrum des Buchs stehen die persönlichen Erlebnisse einer Studentin
und ihrer Kommilitonen, wobei der Kontrast zwischen ihrem früheren,
lockeren Studentenleben und dem plötzlichen Terror unterstrichen wird.
Durch zahlreiche Schikanen alarmiert, durchsucht sie den Schreibtisch
ihren Vaters und erfährt, dass auch sie jüdische Vorfahren hat. Viele
Menschen wurden damals überraschend mit ihrer jüdischen Herkunft
konfrontiert. Von einem Tag auf den anderen gehörten sie dadurch zum
Rande der Gesellschaft und mussten sich entscheiden, ob sie sich
vertreiben lassen und nach Israel auswandern, oder in ihrem Heimatland
Polen ausharren sollten.
Das Buch konzentriert sich auf die dramatischen Seiten, spart dabei aber
das alltägliche Leben des polnischen 1968 nicht aus, das sich von den
Studentenunruhen im Westen fundamental unterschied. Im polnischen
Studentenmilieu von damals formierte sich, erstmals nach 1956, wieder
eine politische Opposition gegen die kommunistische Herrschaft. Sie hat
einen starken Beitrag zur „Wende“ von 1989 geleistet. Die
Oppositionellen waren nicht selten Kinder aus den Reihen des
Parteiestablishments und im Rückblick scheinen auch die komplizierten
Schicksale ihrer Elterngeneration auf.
Das Buch wurde in Polen sehr gut aufgenommen.
Leseprobe
KAPITEL I – EIN FAST KLARER HIMMEL
Schwer atmend erreichte ich die Hochschule für Planung und Statistik,
kurz HOPS genannt. Ich begrüßte meine Kommilitonen und fragte, wer
durchgefallen und wie der Professor gelaunt sei, aber niemand beachtete
mich. Meine Kollegen waren am Jubeln, sprangen herum, tanzten und
johlten „juuuuhuuuuu!!“
„Was soll dieses Irrenhaus?“, fragte ich Ludwik, den besonders laut
tobenden Anführer der ‚Deutschen‘, der Studentengruppe, die Deutsch
lernte.
„Aber Viki, hast du denn das ‚Zentralorgan‘ nicht gelesen?“ – Ludwik
wedelte mit der „Trybuna Ludu“.
„Ich habe mich trotz der Affenhitze in den letzten drei Tagen in die
Wirtschaftsgeschichte vergraben. Und jetzt will mir der Satz aus unserem
russischen Lehrbuch nicht aus dem Kopf – ‚Ein Kapitalist durstet nach
Profit wie ein Hirsch nach dem Wasser‘.“
Ludwik rief erregt: „Gestern Nacht brach zwischen Israel und Ägypten der
Krieg aus.“
„Ist das ein Grund zum Feiern?“, gab ich kurz zurück.
„Sicher, die Israelis traten den Arabern vors Schienbein und somit
indirekt auch den Russen, die sie unterstützen. Juuuhuu! Unsere Juden
haben ihre Araber besiegt!“, brüllte er wieder los.
„Das kann ich nicht beurteilen“, sagte ich verwirrt. „Ich muss in die
Prüfung, bevor der Prof abhaut. Wie läuft es denn?“
„Wie immer bei ihm. Wenn eine hübsche Studentin hineingeht, verbessern
sich alle Noten. Also sei bitte keine Spielverderberin und benimm dich
nicht zickig. Von den älteren Jahrgängen wissen wir, dass es ihm reicht,
wenn er seinen Knöchel am schlanken Bein einer Studentin reiben kann.“
Ich zuckte voll Abscheu, und Ludwik fügte hinzu: „Geh sofort hinein. Wir
lassen dich vor, es waren schon zu viele Kerle drin und die Kurve fällt.
Sonst verlieren wir noch im ‚sozialistischen Wettbewerb‘ gegen die
‚Franzosen‘“, brummte er sarkastisch. „Und wir wissen doch, dass du die
schönsten Beine an der ganzen Fakultät hast.“
„Die hat Izabela, aber das steht jetzt nicht zur Debatte. Gut, ich
opfere mich für das Kollektiv.“
Schon nach wenigen Minuten sank der Professor tief in seinen Sessel und
fing an, mit seinem behaarten Knöchel unter dem Tisch zärtlich meine
Wade zu berühren.
Ich schaute ihn durchdringend an und rezitierte seelenruhig den
wirtschaftlichen Hintergrund der Kreuzzüge. Was für ein Glück, dass
Ludwik mich gewarnt hatte. Eine heftige Reaktion von mir und auch die
besten Mittelalterkenntnisse hätten mich nicht gerettet. Aber jetzt,
bitte, „sehr gut“. Und den Kollegen ohne den Vorteil schöner Frauenbeine
war auch geholfen.
Ich saß noch ein Weilchen aus reiner Solidarität vor der Tür.
„Hurra, die Kurve steigt“, schrie Ludwik hoch erfreut.
„Na, dann kann ich ja nach Hause gehen.“
Ich betrat unsere geräumige Vierzimmerwohnung im Zentrum der Stadt. Das
Haus mit der Sandsteinfassade an der Ecke der Piękna- und Marszałkowska
Straße wurde zu Beginn der 50-er Jahre im „Stalin-Stil“ gebaut.
Kaum war ich zu Hause klingelte das Telefon. Ich erkannte sofort die
Stimme des so genannten Aktivisten: „Und?“
„Bestanden!“
„Na, das müssen wir aber feiern. Viki, bitte. Ich halte es nicht mehr
aus, dich nur in den Korridoren der HOPS zu sehen.“
„Ist ja gut, also um acht in den ‚Hybrydy‘. Warte vor dem Eingang, ich
habe mit dem Presseausweis des Studentenverbandes freien Eintritt.“
Der Aktivist küsste mich zur Begrüßung auf die Wange und ich drehte
meinen Kopf weg, als ich seine feuchten Lippen spürte. Die kannte ich
schon. Es war wohl ein unverzeihlicher Fehler, uns vor einem halben Jahr
unter den Augen der Putzfrau und der begeisterten Buba zu küssen. Dazu
noch in der „Fallschirmjäger Aula“ der HOPS, die diesen Spitznamen
bekam, weil sie so riesengroß war, dass man darin hätte
Fallschirmspringen üben können. Und sie war nur von einer Balustrade
umgeben, so, dass jede Bewegung für alle sichtbar war.
Doch zum Ausklang eines Silvesterballs, so gegen fünf Uhr früh morgens,
darf man sich wohl eine Frivolität erlauben … Erinnern sich Männer etwa
jahrelang rührselig an jeden Kuss?
Aber mit dem Aktivisten war es anders, er stellte mir schon seit langem
nach. Und deshalb bekam auch dieser federleichte Kuss das Gewicht von
Blei. Und wenn ich dort nicht auch den „Blassen“ kennen gelernt hätte,
dann wäre vielleicht etwas aus dem Flirt mit Aktivist geworden. Wer
weiß? Wahrscheinlich doch nicht, stellte ich fest. Etwas, das ich mir
nicht erklären konnte, stieß mich von ihm ab.
Wir setzten uns an die Bar im Studentenklub „Hybrydy“.
Ich begann gleich mit neutralen Themen, um so genannte „ernste
Gespräche“ von Anfang an abzublocken.
„Sag mir“, bat ich, „du politisches Tier, was los ist? Warum feiern die
Studenten die arabische Niederlage im Nahostkrieg?“
„Ich habe gerade meine Diplomarbeit über Kibbuzim in Israel angefangen.
Du könntest also keinen besseren Gesprächspartner finden.“
Er erklärte mir, dass die Kibbuzim eine Art von Kolchosen warenund fügte
eifrig hinzu: „Aber ohne Hierarchie, alle sind dort gleichberechtigt.
Israel ist das einzige Land auf der Welt mit wirklich sozialistischen
Betrieben.“
„Schon gut, hör auf mit deinem ‚echten Sozialismus‘. Sag mir lieber,
worum es in diesem Krieg geht.“
„Weißt du das wirklich nicht? Normalerweise bist du doch in der Politik
auf dem Laufenden.“
„Im Prinzip ja, aber in letzter Zeit war ich nur in Handbücher vergraben
…“
„Also: die Araber erkennen den Staat Israel nicht an und wollen ihn
zerstören. Den feudalen arabischen Regimes gefällt der fortschrittliche
Nachbar nicht. Sie drohen seit langem, alle Juden ins Meer zu werfen.
Und jetzt haben sie sie einfach überfallen.“
„Aber was hat das alles mit Polen zu tun?“
„Die Araber haben einen Arschtritt bekommen – die Israelis haben sie
schon fast aus dem ganzen Sinai vertrieben. Dabei haben die Russen ihr
Gesicht verloren. Außerdem weißt du doch selbst, dass die arabischen
Studenten hier stinkreich sind und uns die Mädchen wegschnappen.“
Und so hatte der Aktivist etwas hölzern zu seinem eigentlichen Thema
zurückgefunden.
Er schaute mich prüfend an und fragte: „Seit Sylvester meidest du mich,
also schon fast ein halbes Jahr lang. Wie soll das mit uns weitergehen?“
„So, wie bisher.“
„Und der Kuss?“
„Dieser Kuss war einfach das Ende einer lustigen, durchtanzten Nacht.“
„Ich brauche dich. Das ist ein physiologischer Fall von pathologischer
Liebe.“
Wo er das bloß her hat? – rätselte ich und schlug vor: „Pass auf. Wir
sollen das ein für allemal klären. Ich mag dich, aber das ist nur ein
freundschaftliches Gefühl und nicht mehr.“
Ich zog eine Zigarette aus der Schachtel, er reichte mir Feuer.
Seine Hand zitterte und er hatte Tränen in den Augen.
Was für ein Wackelpudding, dachte ich.
Er nahm sich zusammen und flehte mich an: „Wir könnten so viel zusammen
machen.“
„Machen wir doch auch“, erwiderte ich irritiert.
Er hat mich zur Stellvertreterin des Leiters des Diskussionsklub
ernannt. Ich war auch Stellvertreterin des Chefredakteurs der „Sigma“,
der weltbesten Wandzeitung. Was soll ich denn noch tun? Der
Sozialistischen Jugendorganisation – SJO, würde ich nie beitreten. Es
war mir schon fast zu viel, dass ich durch die beiden Aufgaben auch
Funktionärin geworden bin. Ich wollte die einzige Funktionärin des SJO
ohne Mitgliedschaft bleiben, erklärte ich dem Aktivisten.
Er sah mich wie versteinert an, aber ich fuhr unbeeindruckt fort: „Als
‚Aktivistin‘ bot man mir einen Platz in einem Skilager der SJO an. Wenn
ich allerdings rechtzeitig gewusst hätte, dass ‚Sigma‘ auch ihr
Arbeitskreis ist, hätte ich diese redaktionelle Funktion womöglich nicht
akzeptiert.“
„Ich brauche eine Frau wie dich.“
„Was meinst du?“
„Eine Lebensgefährtin, die intelligent, aktiv und politisch engagiert
ist.“
„Aber mein ‚politisches Engagement‘ ist nur ein Nebeneffekt meines
Bedürfnisses für Aktivität! Und alles, was immer man im Sozialismus
anfasst, stellt sich irgendwann leider als ein Auswuchs der Partei
heraus. Such dir also deine tief engagierte Frau woanders.“
„Ich sagte dir doch, dass es ein pathologisches Gefühl ist.“
Je schleimiger er wurde, desto bestimmter war ich. Er weckte in mir
Ekel, obwohl ich zugeben musste, dass er ganz gut aussah. Was soll’s,
gegen die Chemie kommt man nicht an. Er starrte mich mit seinen großen,
blaugrauen Augen herausfordernd an.
Ich hielt es nicht lange aus: „Was ist los?“
„Ich stelle mir vor, wie du als alte Frau aussiehst!“
„Eine interessante Rache. Wenn es dir hilft …“
Es half nicht lange.
Er fragte mit zitternder Stimme: „Vielleicht änderst du ja deine
Meinung.“
„Ich bezweifle das.“
Ich hatte wirklich keine Lust, mit diesem physiologischen Fall von
pathologischer Liebe, oder auch umgekehrt, umzuspringen.
„Ich haue ab“, beschloss der Aktivist resigniert.
Er bezahlte für sich und ging. Ein Waschlappen, dachte ich. Vielleicht
sollte ich vorsichtig sein. Er war schließlich Vizechef der
Parteileitung an unserer Fakultät und könnte mir ernsthafte Probleme
bereiten. Aber ich kann mich doch nicht nur aus Angst mit ihm einlassen!
Gott sei Dank, waren die stalinistischen Zeiten vorbei.
In Gedanken versunken ging ich nach oben und sah Michał Komar von der
Fakultät „Produktionsökonomie“, der gerade eine Diskussionsrunde
verließ.
Wir kannten uns erst seit kurzem, aber bereits recht gut, weil wir
zusammen den Diskussionsclub führten.
Michał war sauer: „Dieser Hurensohn Brycht hat sich wieder in unserem
Klub nicht blicken lassen. Er hat sich nicht mal gemeldet. Zuerst
schreibt er solche Schweinereien über die Deutschen, und dann hat er
Angst, sich zu zeigen. Aber demnächst soll er an der Uni sprechen. Dort
können wir ihn endlich erwischen.“
„Hoffentlich!“
„Aber vielleicht kommst vorher mir vorbei? Ich lade Mittwochs den
Philosophieassistenten Stefan ein. Wir diskutieren über das ‚Manifest‘
von Kuroń und Modzelewski.“
„Gerne, aber es ist doch illegale Literatur! Es gab soviel Geschrei
wegen dieses Schriftstücks und die Autoren landeten im Knast.“
„Na und? Deprimierend, diese Gesellschaft in den ‚Hybrydy‘“, wechselte
Michał unvermittelt das Thema. „Totaler Sittenzerfall. Wenn ich mit
jemandem kurz über Literatur rede, ist das doch kein Grund, gleich ins
Bett zu hüpfen.“
Michał verschwand, und ich ging wieder nach unten, wo es viel lustiger
zuging.
Jemand zupfte an meinem Arm. Ich schaute mich um, es war Krzysztof
Paszek.
„Wo ist unser Freund, der so genannte ‚Blasse‘? Beschützt er dich nicht
mehr vor anderen Männern?“
Ich lachte: „Stimmt! Er ist für einige Tage in die Provinz gefahren. Er
braucht Knete.“
„Und wo schuftet er gerade?“
„In Szczecin, auf dem Chorfestival für Studenten im Schloss der
Pommerschen Prinzen.“
Das ist eine Wucht, dachte ich insgeheim. Er macht ein Foto, und weil
jeder Chor über hundert Sänger hat, kann er hundert Abzüge verkaufen.
Viel einträchtiger als sich abzurackern, bis die Studentenzeitschrift ‚ITD‘
ein einziges Foto druckt. Und die Sängerknaben bewegen sich nie, also
sind die Fotos immer scharf.
Paszek riss mich aus diesen Gedanken: „Darf ich dich auf ein Glas Wein
einladen?“
„Gerne, aber benimm dich, denn Jerzy, sein Bruder treibt sich hier
herum.“
Als wir an der Bar saßen, fragte Paszek: „Du darfst aber hoffentlich mit
einem anderen Mann reden?“
„Kaum. Der Blasse ist durchaus fähig, mir auf der Straße zu folgen,
sogar wenn ich zum Zahnarzt gehe. Du weißt doch, aus welcher keuschen,
katholischen Familie er stammt.“
„In diesem Milieu von Studenten, Künstlern, zynischen Journalisten …?“
„Hast du noch nie darüber nachgedacht, weshalb sein Bruder so jung
geheiratet hat? Ich muss ständig Heiratsanträge von dem Blassem
abwehren.“
„Und du glaubst, in so eine Familie zu passen?“, wunderte sich Paszek
giftig.
„Das ist meine Sache. Ich will ihn nicht durch öffentliches Flirten
verletzen. Und was machst du gerade?“
„Ich komponiere viel, kürzlich habe ich einen Song mit dem Titel
‚Embryo‘ geschrieben.“
„Klingt toll! Du musst ganz schön talentiert sein, um als Assistent am
Politechnikum zu arbeiten und gleichzeitig zu komponieren.“
„Manchmal gelingt mir etwas.“
„Bitte ohne falsche Bescheidenheit! Ich erinnere mich an die Aufführung
mit euren saukomischen Monologen, während im Hintergrund im Fernsehen
Gomułka ohne Ton mit seiner steifen Miene zu sehen war.“
„Gewiss. So konnten wir die Zensur verarschen: den Parteichef darf man
doch im Fernsehen zeigen. Es wird sogar gern gesehen!“
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