Korb, Viktoria

"... kein polnischer Staatsbürger"

ISBN 978-3-89626-866-921-8, autobiographischer Roman, 330 S., 2010, 18,80 EUR

 => Lieferanfrage

   Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages

Zum Buch

 

Das andere '68 ...

Das Buch schildert in Form von romanhaften Erinnerungen die sogenannten „März-Ereignisse“, eine antisemitische Hetzkampagne der Machthaber in Polen im Jahre 1968. Den Vorwand liefern Studentendemonstrationen gegen die Zensur, den Rest das Machtstreben des Innenministers, der eine merkwürdige Mischung aus Stalinismus und Nationalismus vertrat.
Im Zentrum des Buchs stehen die persönlichen Erlebnisse einer Studentin und ihrer Kommilitonen, wobei der Kontrast zwischen ihrem früheren, lockeren Studentenleben und dem plötzlichen Terror unterstrichen wird. Durch zahlreiche Schikanen alarmiert, durchsucht sie den Schreibtisch ihren Vaters und erfährt, dass auch sie jüdische Vorfahren hat. Viele Menschen wurden damals überraschend mit ihrer jüdischen Herkunft konfrontiert. Von einem Tag auf den anderen gehörten sie dadurch zum Rande der Gesellschaft und mussten sich entscheiden, ob sie sich vertreiben lassen und nach Israel auswandern, oder in ihrem Heimatland Polen ausharren sollten.
Das Buch konzentriert sich auf die dramatischen Seiten, spart dabei aber das alltägliche Leben des polnischen 1968 nicht aus, das sich von den Studentenunruhen im Westen fundamental unterschied. Im polnischen Studentenmilieu von damals formierte sich, erstmals nach 1956, wieder eine politische Opposition gegen die kommunistische Herrschaft. Sie hat einen starken Beitrag zur „Wende“ von 1989 geleistet. Die Oppositionellen waren nicht selten Kinder aus den Reihen des Partei­establishments und im Rückblick scheinen auch die komplizierten Schicksale ihrer Elterngeneration auf.
Das Buch wurde in Polen sehr gut aufgenommen.

 


Leseprobe

 

KAPITEL I – EIN FAST KLARER HIMMEL


Schwer atmend erreichte ich die Hochschule für Planung und Statistik, kurz HOPS genannt. Ich begrüßte meine Kommilitonen und fragte, wer durchgefallen und wie der Professor gelaunt sei, aber niemand beachtete mich. Meine Kollegen waren am Jubeln, sprangen herum, tanzten und johlten „juuuuhuuuuu!!“
„Was soll dieses Irrenhaus?“, fragte ich Ludwik, den besonders laut tobenden Anführer der ‚Deutschen‘, der Studentengruppe, die Deutsch lernte.
„Aber Viki, hast du denn das ‚Zentralorgan‘ nicht gelesen?“ – Ludwik wedelte mit der „Trybuna Ludu“.
„Ich habe mich trotz der Affenhitze in den letzten drei Tagen in die Wirtschaftsgeschichte vergraben. Und jetzt will mir der Satz aus unserem russischen Lehrbuch nicht aus dem Kopf – ‚Ein Kapitalist durstet nach Profit wie ein Hirsch nach dem Wasser‘.“
Ludwik rief erregt: „Gestern Nacht brach zwischen Israel und Ägypten der Krieg aus.“
„Ist das ein Grund zum Feiern?“, gab ich kurz zurück.
„Sicher, die Israelis traten den Arabern vors Schienbein und somit indirekt auch den Russen, die sie unterstützen. Juuuhuu! Unsere Juden haben ihre Araber besiegt!“, brüllte er wieder los.
„Das kann ich nicht beurteilen“, sagte ich verwirrt. „Ich muss in die Prüfung, bevor der Prof abhaut. Wie läuft es denn?“
„Wie immer bei ihm. Wenn eine hübsche Studentin hineingeht, verbessern sich alle Noten. Also sei bitte keine Spielverderberin und benimm dich nicht zickig. Von den älteren Jahrgängen wissen wir, dass es ihm reicht, wenn er seinen Knöchel am schlanken Bein einer Studentin reiben kann.“
Ich zuckte voll Abscheu, und Ludwik fügte hinzu: „Geh sofort hinein. Wir lassen dich vor, es waren schon zu viele Kerle drin und die Kurve fällt. Sonst verlieren wir noch im ‚sozialistischen Wettbewerb‘ gegen die ‚Franzosen‘“, brummte er sarkastisch. „Und wir wissen doch, dass du die schönsten Beine an der ganzen Fakultät hast.“
„Die hat Izabela, aber das steht jetzt nicht zur Debatte. Gut, ich opfere mich für das Kollektiv.“
Schon nach wenigen Minuten sank der Professor tief in seinen Sessel und fing an, mit seinem behaarten Knöchel unter dem Tisch zärtlich meine Wade zu berühren.
Ich schaute ihn durchdringend an und rezitierte seelenruhig den wirtschaftlichen Hintergrund der Kreuzzüge. Was für ein Glück, dass Ludwik mich gewarnt hatte. Eine heftige Reaktion von mir und auch die besten Mittelalterkenntnisse hätten mich nicht gerettet. Aber jetzt, bitte, „sehr gut“. Und den Kollegen ohne den Vorteil schöner Frauenbeine war auch geholfen.
Ich saß noch ein Weilchen aus reiner Solidarität vor der Tür.
„Hurra, die Kurve steigt“, schrie Ludwik hoch erfreut.
„Na, dann kann ich ja nach Hause gehen.“
Ich betrat unsere geräumige Vierzimmerwohnung im Zentrum der Stadt. Das Haus mit der Sandsteinfassade an der Ecke der Piękna- und Marszałkowska Straße wurde zu Beginn der 50-er Jahre im „Stalin-Stil“ gebaut.
Kaum war ich zu Hause klingelte das Telefon. Ich erkannte sofort die Stimme des so genannten Aktivisten: „Und?“
„Bestanden!“
„Na, das müssen wir aber feiern. Viki, bitte. Ich halte es nicht mehr aus, dich nur in den Korridoren der HOPS zu sehen.“
„Ist ja gut, also um acht in den ‚Hybrydy‘. Warte vor dem Eingang, ich habe mit dem Presseausweis des Studentenverbandes freien Eintritt.“
Der Aktivist küsste mich zur Begrüßung auf die Wange und ich drehte meinen Kopf weg, als ich seine feuchten Lippen spürte. Die kannte ich schon. Es war wohl ein unverzeihlicher Fehler, uns vor einem halben Jahr unter den Augen der Putzfrau und der begeisterten Buba zu küssen. Dazu noch in der „Fallschirmjäger Aula“ der HOPS, die diesen Spitznamen bekam, weil sie so riesengroß war, dass man darin hätte Fallschirmspringen üben können. Und sie war nur von einer Balustrade umgeben, so, dass jede Bewegung für alle sichtbar war.
Doch zum Ausklang eines Silvesterballs, so gegen fünf Uhr früh morgens, darf man sich wohl eine Frivolität erlauben … Erinnern sich Männer etwa jahrelang rührselig an jeden Kuss?
Aber mit dem Aktivisten war es anders, er stellte mir schon seit langem nach. Und deshalb bekam auch dieser federleichte Kuss das Gewicht von Blei. Und wenn ich dort nicht auch den „Blassen“ kennen gelernt hätte, dann wäre vielleicht etwas aus dem Flirt mit Aktivist geworden. Wer weiß? Wahrscheinlich doch nicht, stellte ich fest. Etwas, das ich mir nicht erklären konnte, stieß mich von ihm ab.

Wir setzten uns an die Bar im Studentenklub „Hybrydy“.
Ich begann gleich mit neutralen Themen, um so genannte „ernste Gespräche“ von Anfang an abzublocken.
„Sag mir“, bat ich, „du politisches Tier, was los ist? Warum feiern die Studenten die arabische Niederlage im Nahostkrieg?“
„Ich habe gerade meine Diplomarbeit über Kibbuzim in Israel angefangen. Du könntest also keinen besseren Gesprächspartner finden.“
Er erklärte mir, dass die Kibbuzim eine Art von Kolchosen warenund fügte eifrig hinzu: „Aber ohne Hierarchie, alle sind dort gleichberechtigt. Israel ist das einzige Land auf der Welt mit wirklich sozialistischen Betrieben.“
„Schon gut, hör auf mit deinem ‚echten Sozialismus‘. Sag mir lieber, worum es in diesem Krieg geht.“
„Weißt du das wirklich nicht? Normalerweise bist du doch in der Politik auf dem Laufenden.“
„Im Prinzip ja, aber in letzter Zeit war ich nur in Handbücher vergraben …“
„Also: die Araber erkennen den Staat Israel nicht an und wollen ihn zerstören. Den feudalen arabischen Regimes gefällt der fortschrittliche Nachbar nicht. Sie drohen seit langem, alle Juden ins Meer zu werfen. Und jetzt haben sie sie einfach überfallen.“
„Aber was hat das alles mit Polen zu tun?“
„Die Araber haben einen Arschtritt bekommen – die Israelis haben sie schon fast aus dem ganzen Sinai vertrieben. Dabei haben die Russen ihr Gesicht verloren. Außerdem weißt du doch selbst, dass die arabischen Studenten hier stinkreich sind und uns die Mädchen wegschnappen.“
Und so hatte der Aktivist etwas hölzern zu seinem eigentlichen Thema zurückgefunden.
Er schaute mich prüfend an und fragte: „Seit Sylvester meidest du mich, also schon fast ein halbes Jahr lang. Wie soll das mit uns weitergehen?“
„So, wie bisher.“
„Und der Kuss?“
„Dieser Kuss war einfach das Ende einer lustigen, durchtanzten Nacht.“
„Ich brauche dich. Das ist ein physiologischer Fall von pathologischer Liebe.“
Wo er das bloß her hat? – rätselte ich und schlug vor: „Pass auf. Wir sollen das ein für allemal klären. Ich mag dich, aber das ist nur ein freundschaftliches Gefühl und nicht mehr.“
Ich zog eine Zigarette aus der Schachtel, er reichte mir Feuer.
Seine Hand zitterte und er hatte Tränen in den Augen.
Was für ein Wackelpudding, dachte ich.
Er nahm sich zusammen und flehte mich an: „Wir könnten so viel zusammen machen.“
„Machen wir doch auch“, erwiderte ich irritiert.
Er hat mich zur Stellvertreterin des Leiters des Diskussionsklub ernannt. Ich war auch Stellvertreterin des Chefredakteurs der „Sigma“, der weltbesten Wandzeitung. Was soll ich denn noch tun? Der Sozialistischen Jugendorganisation – SJO, würde ich nie beitreten. Es war mir schon fast zu viel, dass ich durch die beiden Aufgaben auch Funktionärin geworden bin. Ich wollte die einzige Funktionärin des SJO ohne Mitgliedschaft bleiben, erklärte ich dem Aktivisten.
Er sah mich wie versteinert an, aber ich fuhr unbeeindruckt fort: „Als ‚Aktivistin‘ bot man mir einen Platz in einem Skilager der SJO an. Wenn ich allerdings rechtzeitig gewusst hätte, dass ‚Sigma‘ auch ihr Arbeitskreis ist, hätte ich diese redaktionelle Funktion womöglich nicht akzeptiert.“
„Ich brauche eine Frau wie dich.“
„Was meinst du?“
„Eine Lebensgefährtin, die intelligent, aktiv und politisch engagiert ist.“
„Aber mein ‚politisches Engagement‘ ist nur ein Nebeneffekt meines Bedürfnisses für Aktivität! Und alles, was immer man im Sozialismus anfasst, stellt sich irgendwann leider als ein Auswuchs der Partei heraus. Such dir also deine tief engagierte Frau woanders.“
„Ich sagte dir doch, dass es ein pathologisches Gefühl ist.“
Je schleimiger er wurde, desto bestimmter war ich. Er weckte in mir Ekel, obwohl ich zugeben musste, dass er ganz gut aussah. Was soll’s, gegen die Chemie kommt man nicht an. Er starrte mich mit seinen großen, blaugrauen Augen herausfordernd an.
Ich hielt es nicht lange aus: „Was ist los?“
„Ich stelle mir vor, wie du als alte Frau aussiehst!“
„Eine interessante Rache. Wenn es dir hilft …“
Es half nicht lange.
Er fragte mit zitternder Stimme: „Vielleicht änderst du ja deine Meinung.“
„Ich bezweifle das.“
Ich hatte wirklich keine Lust, mit diesem physiologischen Fall von pathologischer Liebe, oder auch umgekehrt, umzuspringen.
„Ich haue ab“, beschloss der Aktivist resigniert.
Er bezahlte für sich und ging. Ein Waschlappen, dachte ich. Vielleicht sollte ich vorsichtig sein. Er war schließlich Vizechef der Parteileitung an unserer Fakultät und könnte mir ernsthafte Probleme bereiten. Aber ich kann mich doch nicht nur aus Angst mit ihm einlassen! Gott sei Dank, waren die stalinistischen Zeiten vorbei.
In Gedanken versunken ging ich nach oben und sah Michał Komar von der Fakultät „Produktionsökonomie“, der gerade eine Diskussionsrunde verließ.
Wir kannten uns erst seit kurzem, aber bereits recht gut, weil wir zusammen den Diskussionsclub führten.
Michał war sauer: „Dieser Hurensohn Brycht hat sich wieder in unserem Klub nicht blicken lassen. Er hat sich nicht mal gemeldet. Zuerst schreibt er solche Schweinereien über die Deutschen, und dann hat er Angst, sich zu zeigen. Aber demnächst soll er an der Uni sprechen. Dort können wir ihn endlich erwischen.“
„Hoffentlich!“
„Aber vielleicht kommst vorher mir vorbei? Ich lade Mittwochs den Philosophieassistenten Stefan ein. Wir diskutieren über das ‚Manifest‘ von Kuroń und Modzelewski.“
„Gerne, aber es ist doch illegale Literatur! Es gab soviel Geschrei wegen dieses Schriftstücks und die Autoren landeten im Knast.“
„Na und? Deprimierend, diese Gesellschaft in den ‚Hybrydy‘“, wechselte Michał unvermittelt das Thema. „Totaler Sittenzerfall. Wenn ich mit jemandem kurz über Literatur rede, ist das doch kein Grund, gleich ins Bett zu hüpfen.“
Michał verschwand, und ich ging wieder nach unten, wo es viel lustiger zuging.
Jemand zupfte an meinem Arm. Ich schaute mich um, es war Krzysztof Paszek.
„Wo ist unser Freund, der so genannte ‚Blasse‘? Beschützt er dich nicht mehr vor anderen Männern?“
Ich lachte: „Stimmt! Er ist für einige Tage in die Provinz gefahren. Er braucht Knete.“
„Und wo schuftet er gerade?“
„In Szczecin, auf dem Chorfestival für Studenten im Schloss der Pommerschen Prinzen.“
Das ist eine Wucht, dachte ich insgeheim. Er macht ein Foto, und weil jeder Chor über hundert Sänger hat, kann er hundert Abzüge verkaufen. Viel einträchtiger als sich abzurackern, bis die Studentenzeitschrift ‚ITD‘ ein einziges Foto druckt. Und die Sängerknaben bewegen sich nie, also sind die Fotos immer scharf.
Paszek riss mich aus diesen Gedanken: „Darf ich dich auf ein Glas Wein einladen?“
„Gerne, aber benimm dich, denn Jerzy, sein Bruder treibt sich hier herum.“
Als wir an der Bar saßen, fragte Paszek: „Du darfst aber hoffentlich mit einem anderen Mann reden?“
„Kaum. Der Blasse ist durchaus fähig, mir auf der Straße zu folgen, sogar wenn ich zum Zahnarzt gehe. Du weißt doch, aus welcher keuschen, katholischen Familie er stammt.“
„In diesem Milieu von Studenten, Künstlern, zynischen Journalisten …?“
„Hast du noch nie darüber nachgedacht, weshalb sein Bruder so jung geheiratet hat? Ich muss ständig Heiratsanträge von dem Blassem abwehren.“
„Und du glaubst, in so eine Familie zu passen?“, wunderte sich Paszek giftig.
„Das ist meine Sache. Ich will ihn nicht durch öffentliches Flirten verletzen. Und was machst du gerade?“
„Ich komponiere viel, kürzlich habe ich einen Song mit dem Titel ‚Embryo‘ geschrieben.“
„Klingt toll! Du musst ganz schön talentiert sein, um als Assistent am Politechnikum zu arbeiten und gleichzeitig zu komponieren.“
„Manchmal gelingt mir etwas.“
„Bitte ohne falsche Bescheidenheit! Ich erinnere mich an die Aufführung mit euren saukomischen Monologen, während im Hintergrund im Fernsehen Gomułka ohne Ton mit seiner steifen Miene zu sehen war.“
„Gewiss. So konnten wir die Zensur verarschen: den Parteichef darf man doch im Fernsehen zeigen. Es wird sogar gern gesehen!“

...

   Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages