|
Leseprobe
„Schei-ße!!!“
Als würde er von den Schallwellen des ungehemmten Aufschreis davongetragen,
segelte ein aufgerissener Briefumschlag unter dem bunten Sonnenschirm
hervor, dessen kreisrundes Stoffdach aus der Vogelperspektive jede Sicht auf
den Urheber versperrte.
Wäre er zu derartigen Reflexionen in der Lage gewesen, hätte sich Milvus
Migrans zweifellos seine Gedanken darüber gemacht, dass die erste
menschliche Äußerung, die sein hochempfindliches Gehör nach der Rückkehr aus
dem südafrikanischen Winterquartier tief unter sich wahrnahm, ein
Schimpfwort war. Aber da er als instinktgesteuerter Schwarzmilan nicht zu
solchen Überlegungen neigte und optische Reize für ihn ohnehin an erster
Stelle standen, zog er weiter im majestätischen Gleitflug seine Kreise. Sie
führten ihn in einem immer größer werdenden Radius über die ausgedehnte
Reihenhaussiedlung mit ihren akkurat gemähten Rasenflächen, sorgfältig
gepflegten Blumenbeeten, winzigen Gartenteichen, in denen wasserspeiende
Nymphen oder sonstige Ab- und Ergüsse ihren pseudo-antikisierenden Schauder
verbreiteten, hölzernen Gartenhäusern mit südstaatenartigen Verandavorbauten
en miniature, kunstvoll arrangierten Ensembles aus Gartenzwergen,
Plastikrehen und großnasigen Keramikmaulwürfen, holzschutzgetränkten
Carports für gepflegte Klein- bis Mittelklassewagen, aufgemauerten
Gartenkaminen in sämtlichen Baumarktdesigns sowie allen nur denkbaren
Variationen von Holzkohlegrills.
Während jedoch diese immobile kleinbürgerliche Idylle dem gefiederten
Beobachter hoch oben am Himmel letztlich nicht das Geringste bedeutete,
zollte er jeder irgendwie gearteten Bewegung am Boden zunächst höchste
Aufmerksamkeit, um sie dann umgehend unter Nahrungsgesichtspunkten zu
bewerten. Als absolut unwichtig weil zu groß war demgemäß innerhalb von
Sekunden der Postbote eingeordnet worden, der jetzt das Ende der Straße
erreicht hatte. Ganz anders sah es hingegen mit dem weißen Briefkuvert aus,
das sich nach seinem torkelnden Segelflug inzwischen an einem leider nicht
UV-beständigen und deshalb traurig verblassten Kunststoffkitz verfangen
hatte. Doch schon nach wenigen Sekunden erkannte Milvus, dass auch dieses
Objekt nicht essbar und somit für ihn uninteressant war. Denn naturgemäß
sagte ihm weder die farbenprächtige fremdländische Briefmarke etwas, noch
weckten die ungewöhnliche Anrede „Señ. Peter Pipke“ oder der Absender
„International Development Trust“ seine Neugier. Und so entschloss er sich
nach einer letzten prüfenden Rundumschau, dieses überbaute Areal mit seinen
ohnehin nur handtuchgroßen Grünflächen zu verlassen und in einer Gegend mit
angemessenerem Zuschnitt sein Jagdglück zu versuchen.
Schon kurz darauf überflog er ein deutlich vielversprechenderes Gebiet:
weitläufige, fast schon parkähnliche Grundstücke, auf denen imposante Villen
von Reichtum und geschickten Steuerberatern zeugten. Gehegt und gepflegt von
einer Armada dienstbarer Geister, präsentierte sich hier das Schaffen
höchstbezahlter Gartenarchitekten in makelloser Perfektion. Schwimmbadgroße
Teichanlagen wurden von originalgetreuen Repliken berühmter Kunstwerke
umstanden, sauber geharkte, absolut unkrautfreie Wege führten zwischen exakt
gestutztem Buschwerk und einzelnen mächtigen Laubbäumen zu meisterhaft
verzierten edelhölzernen oder gusseisernen Teehäusern nach asiatischem
Vorbild. Doppelgaragen als die kleinste Form zur Beherbergung des privaten
Fuhrparks glichen in ihrer Ausgestaltung Wohnhäusern der gehobenen
Mittelklasse und wirkten in diesem Umfeld trotzdem noch als zierliche
Nebengebäude.
Aus einem dieser Anwesen vernahm Milvus, während er nach seinen Nagern
Ausschau hielt, in unregelmäßigen Abständen ein Geräusch, bei dem es sich
diesmal zwar nicht um eine verbale Unmutsäußerung handelte, das
üblicherweise jedoch trotzdem taktvoll ignoriert wird. Aber er konzentrierte
sich ohnehin lieber auf das eventuelle verräterische Piepsen eines
unvorsichtigen Kleinsäugers statt auf die freigesetzten Winde eines
menschlichen Verdauungstraktes.
Und so ahnte er auch jetzt nicht, dass direkt unter ihm jene hoch
dramatische Geschichte, deren Anfang er in den letzten Minuten unwissentlich
beobachtet hatte und bei der es auch um etliche Mäuse gehen sollte, nun ohne
seine weitere Zeugenschaft ihren Fortgang nahm.
„Ach, Liebes, weißt du zufällig, wo die ... ja, die Kassette ist?“ Dr.
Heinz-Harald Döllinger hatte erfolglos die Videos und DVDs im sogenannten
Medienschrank durchsucht und wandte sich nun, den rechten Zeigefinger in der
für ihn typischen Geste an den Nasenflügel gelegt, Hilfe suchend zu seiner
Frau um. In diesem Moment wirkte er in dem maßgeschneiderten dunkelblauen
Anzug keineswegs wie der Vorstandsvorsitzende von JedBam, dem größten
börsennotierten Soßenhobelhersteller der Welt, sondern verkörperte in seiner
Ratlosigkeit eher den klassischen Typ des in Haushaltsdingen leicht
überforderten Ehemannes.
Susanne, die noch am Tisch in der sogenannten „Essecke“ des hallengroßen
Wohnzimmers saß, warf ihrem Gatten einen halb mitleidigen, halb
vorwurfsvollen Blick zu.
„Willst du nicht doch endlich etwas dagegen tun? Du hast nicht mal zuende
gefrühstückt. Und in deinem Alter ...“
„Susanne, bitte!“ Ihr Mann verzog indigniert das Gesicht. „Es sollte Ausweis
eines gewissen Niveaus unserer ehelichen Umgangsformen und praktizierter
Toleranz sein, bestimmte Themen zu meiden. Außerdem weißt du genau, woran
... woran es liegt.“
Susanne zuckte gleichgültig mit den Schultern ihres teuren bordeauxfarbenen
Designerkostüms und widmete sich wieder ihrem Frühstück.
„Oben auf dem Schrank.“
„Was?“
Sie seufzte demonstrativ.
„Ich sagte, die Kassette liegt oben auf dem Schrank. Du hast sie selbst
gestern da hochgelegt, als Raoul und Chantal kamen.“
Wortlos griff ihr Mann nach dem gesuchten Objekt und schickte sich an, den
Raum zu verlassen. Doch an der Tür blieb er noch einmal stehen.
„Du brauchst das gar nicht so komisch zu betonen. Ich wollte nur nicht –“
„– dass das kostbare Stück kaputtgeht, bevor du es abgeguckt hast“, fiel
Susanne ihm ins Wort. „Weißt du, Heinz-Harald, die beiden sind zwar
Performance-Künstler ...“, sie erhob die Stimme, als ihr Mann mit einer
Grimasse andeutete, was er sowohl von dieser Einschätzung als auch von einer
solchen Beschäftigung an sich hielt, „... die in ihr Schaffen auch sehr
eindrucksvolle Videoinstallationen mit einbeziehen, aber trotzdem hätten sie
sich an d e i n e r Kassette bestimmt nicht vergriffen! Allerdings sehe ich
durchaus, wie rücksichtsvoll es schon von dir war, dass du die Sache diesmal
ausnahmsweise n u r aufgezeichnet hast und wir nicht alle mit zuschauen
mussten. Davor hat uns ja wohl aber lediglich der Umstand bewahrt, dass du
es nicht mehr wie früher im Fernsehzimmer machst. Denn sonst wären Raoul und
Chantal nebst meiner Wenigkeit zweifellos in diesen ‚Genuss’ gekommen!“
„Bloß weil du und deine engstirnigen Freunde – ach, was soll’s.“ Döllinger
winkte resigniert ab.
„So? Wer ist denn hier wohl eng!“, erregte sich Susanne. „Du bist es doch,
dem jedes Verständnis für kreatives Denken abgeht. Du weißt doch nicht
einmal genau, was eine Performance ist!“
„Oh doch!“, widersprach der JedBam-Vorstandsvorsitzende und richtete sich
triumphierend auf. „Das ist die Gesamtrendite eines Gelddepots.“
Seine Frau warf in gespielter Verzweiflung die Arme in die Luft, wobei sie
sitzend und ohne ein wallendes Gewand allerdings längst nicht den
erwünschten dramatischen Bühneneffekt erzielte.
„Natürlich! D i e Definition kennst du!“
Döllinger ließ betont auffällig seine Augen durch den Raum schweifen. Er
repräsentierte sichtbar zur Schau gestellten Wohlstand, wobei allerdings in
diesem durchgestylten Ambiente die recht dilettantisch gemalten Bilder an
den Wänden, die mit Sonnenuntergängen, Segelbooten und Berglandschaften
typische Hobbykunst-Motive endlos variierten, ebenso einen gewissen
ästhetischen Bruch darstellten wie die auf einem Sideboard versammelten
Töpferarbeiten verschiedenster Art.
„Immerhin bezieht sich m e i n e Definition auf den Bereich, dem du es
verdankst, ungetrübt deinen ‚künstlerischen Ambitionen’ nachgehen zu
können“, meine Liebe“, erklärte Döllinger kühl, ehe er endgültig das Zimmer
verließ.
„Arsch!“, stieß die Gattin des Soßenhobelchefs hervor und biss krachend in
ihr Brötchen.
Die Videokassette leicht verkrampft in der Hand haltend, schritt Döllinger
fast schon gehetzt den Flur entlang, als das philippinische Hausmädchen aus
einem Zimmer trat.
„Kann ich abräumen, Herr Doktor?“
„Nein ... äh ... die gnädige Frau ist mit dem Frühstück noch nicht fertig,
Dolores.“
Das Mädchen bedachte zunächst die für einen Endfünfziger immer noch
beeindruckend straffe Gestalt ihres Arbeitgebers und anschließend die
Videokassette mit einem wissenden Blick.
„Dann mach ich wohl erst die Betten.“
„Ja, tun Sie das.“ Döllinger eilte weiter, stoppte dann aber noch einmal.
„Ach, Dolores?“
„Ja, Herr Doktor?“
„Keine Störung in der nächsten Viertelstunde.“
Der angedeutete Knicks fiel eine kaum wahrnehmbare Spur zu tief aus. „Sehr
wohl, Herr Doktor.“
Mit einem erlösten Aufatmen schloss Heinz-Harald die WC-Tür hinter sich.
Doch er hatte kein Auge für die vergoldeten Armaturen, die teuren
Spielereien aus Chrom und Glas. Ebenso wenig konnte er sich in diesem Moment
an der zweckmäßigen Ausgefeiltheit der übrigen Einrichtung erfreuen:
Direkt neben der eigentlichen Toilette war über dem Papierrollenhalter ein
Telefon montiert, ein Regal bot zugriffsfreundlich Raum für mehrere
Aktenordner, Firmenprospekte nebst anderen betriebswirtschaftlichen
Unterlagen, und an der Wand gegenüber dem Toilettensitz prangte ein riesiger
Flachbildschirm.
Etwas hektisch betätigte Heinz-Harald einen Druckknopf darunter, woraufhin
sich eine Nische öffnete, aus der eine Video-DVD-Kombination herausfuhr. Er
legte die mitgebrachte Kassette ein und warte ungeduldig darauf, dass das
Gerät wieder in seiner Versenkung verschwand. Sekunden später ließ er sich
mit einem tiefen Seufzer auf die Brille sinken, tastete nach der
Fernbedienung, die in einer Art Plastikhalfter an dem Regal mit den
Aktenordnern hing, und startete das Video.
„Dem Himmel sei Dank, es hat geklappt“, entfuhr es ihm erleichtert, als in
einer Bildschirmecke die Senderkennung „CC – the Cash Channel“ bestätigte,
dass es ihm am Vorabend tatsächlich gelungen war, den Rekorder wunschgemäß
zu programmieren. Doch gleichzeitig spürte er neben der Zufriedenheit
darüber auch wieder jenes beklemmende Angstgefühl, das ihn nun schon seit
Monaten beim Betrachten seiner nach wie vor unstrittigen Lieblingssendung
„Share in your life“ begleitete und zweifelsfrei die Ursache seiner massiven
Darmbeschwerden war. Denn auch diesmal litt er bereits in Vorausahnung
dessen, was da jetzt gleich an schrecklichen Meldungen über Leben und vor
allem Sterben auf dem Aktienmarkt über ihn hereinbrechen würde. Trotzdem
konnte er nicht von seiner Leidenschaft lassen, auch wenn er dafür jedes Mal
einen hohen vegetativen Preis zahlen musste.
Während der Vorspann ablief – enthusiasmierte Aktienhändler, die ekstatisch
die Arme in die Luft warfen, strahlende Broker beim Telefonieren, Menschen
die ihr Glück mit Aktienspekulationen gemacht hatten und sich nun alle
Wünsche erfüllen konnten, steil nach oben zeigende Graphiken, positive
DAX-Notierungen, florierende Unternehmen mit glücklichen Arbeitern und
Angestellten – begann Heinz-Harald wie hypnotisiert, rhythmisch auf seinem
Sitz hin- und herzuzucken und unbewusst den abgewandelten Text des bekannten
Gospels „HE’s got the whole world in HIS hand“, mit dem der Vorspann
unterlegt war, leise mitzusingen:
„We’ve got our whole fortune in our hand / the rule of shareholder value
molds the land ...“
Er verstummte erst, als auch auf dem Bildschirm der Trailer endete und
stattdessen Bernhard Grabstöcker, Börsenguru und unumstrittener Star bei CC,
hinter seinem kanzelartigen Pult erschien.
„Failing to plan means planning to fail.“ Der charismatische
Finanzmarktexperte mit den schlohweißen Haaren und dem dezenten Stehkragen
hob ungeachtet des schweren Siegelrings mit beeindruckender Leichtigkeit
eine Hand und wies mahnend hinter sich, wo dieser Spruch formatfüllend
eingeblendet wurde.
„Willkommen, liebe Shareholder-Gemeinde!
Nicht ohne Anlass habe ich meinem heutigen Wochenrückblick gerade diesen
Satz vorangestellt. ‚Der Verzicht auf Planung ist die Grundlage jeder
Pleite.’ Eine Banalität, so werden Sie vielleicht sagen und sich gelangweilt
abwenden. Nein, schauen Sie her!!! Wenden Sie sich n i c h t ab, sondern
öffnen Sie Ihre Herzen für ein Trauerspiel, gegen das jede griechische
Tragödie zu einem heiteren Schwank mutiert.“
Heinz-Harald stöhnte entsetzt auf, als in der Rückprojektion der Schriftzug
von JedBam sichtbar wurde, und gab erste, noch recht dezente Blähgeräusche
von sich.
„Schmerzenden Herzens müssen wir schon seit längerem beobachten, wie ein
Unternehmen, das in der Vergangenheit die Gnade ungebremsten Wachstums
erfuhr, nun ebenso unaufhaltsam an Boden verliert.“ Grabstöcker sandte durch
die dicken Gläser seiner massiven Bifokalbrille einen besonders
bedeutungsschweren Blick in die Kamera, was seinem Zuschauer im
Döllinger’schen Büro-WC einige weitere schon erheblich weniger verhaltene
Töne entlockte.
„Oh Meister, sprich es nicht aus“, kam es leise über zitternde Lippen. Doch
die Bitte war vergeblich.
„Es geht um JedBam!“, rief Ihre Deutungshoheit mit unheilschwangerer
Betonung.
...
|