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Haese, Ute/Prawitt, Torsten

Die Soßenhobel-Mafia
 

2009, Roman, engl. Broschur, 184 S., ISBN 978-3-89626-913-3, 12,80 EUR

   Amazon-Besprechung mit Höchstnote 5 Sterne

 


Leseprobe

 


„Schei-ße!!!“
Als würde er von den Schallwellen des ungehemmten Aufschreis davongetragen, segelte ein aufgerissener Briefumschlag unter dem bunten Sonnenschirm hervor, dessen kreisrundes Stoffdach aus der Vogelperspektive jede Sicht auf den Urheber versperrte.
Wäre er zu derartigen Reflexionen in der Lage gewesen, hätte sich Milvus Migrans zweifellos seine Gedanken darüber gemacht, dass die erste menschliche Äußerung, die sein hochempfindliches Gehör nach der Rückkehr aus dem südafrikanischen Winterquartier tief unter sich wahrnahm, ein Schimpfwort war. Aber da er als instinktgesteuerter Schwarzmilan nicht zu solchen Überlegungen neigte und optische Reize für ihn ohnehin an erster Stelle standen, zog er weiter im majestätischen Gleitflug seine Kreise. Sie führten ihn in einem immer größer werdenden Radius über die ausgedehnte Reihenhaussiedlung mit ihren akkurat gemähten Rasenflächen, sorgfältig gepflegten Blumenbeeten, winzigen Gartenteichen, in denen wasserspeiende Nymphen oder sonstige Ab- und Ergüsse ihren pseudo-antikisierenden Schauder verbreiteten, hölzernen Gartenhäusern mit südstaatenartigen Verandavorbauten en miniature, kunstvoll arrangierten Ensembles aus Gartenzwergen, Plastikrehen und großnasigen Keramikmaulwürfen, holzschutzgetränkten Carports für gepflegte Klein- bis Mittelklassewagen, aufgemauerten Gartenkaminen in sämtlichen Baumarktdesigns sowie allen nur denkbaren Variationen von Holzkohlegrills.
Während jedoch diese immobile kleinbürgerliche Idylle dem gefiederten Beobachter hoch oben am Himmel letztlich nicht das Geringste bedeutete, zollte er jeder irgendwie gearteten Bewegung am Boden zunächst höchste Aufmerksamkeit, um sie dann umgehend unter Nahrungsgesichtspunkten zu bewerten. Als absolut unwichtig weil zu groß war demgemäß innerhalb von Sekunden der Postbote eingeordnet worden, der jetzt das Ende der Straße erreicht hatte. Ganz anders sah es hingegen mit dem weißen Briefkuvert aus, das sich nach seinem torkelnden Segelflug inzwischen an einem leider nicht UV-beständigen und deshalb traurig verblassten Kunststoffkitz verfangen hatte. Doch schon nach wenigen Sekunden erkannte Milvus, dass auch dieses Objekt nicht essbar und somit für ihn uninteressant war. Denn naturgemäß sagte ihm weder die farbenprächtige fremdländische Briefmarke etwas, noch weckten die ungewöhnliche Anrede „Señ. Peter Pipke“ oder der Absender „International Development Trust“ seine Neugier. Und so entschloss er sich nach einer letzten prüfenden Rundumschau, dieses überbaute Areal mit seinen ohnehin nur handtuchgroßen Grünflächen zu verlassen und in einer Gegend mit angemessenerem Zuschnitt sein Jagdglück zu versuchen.
Schon kurz darauf überflog er ein deutlich vielversprechenderes Gebiet: weitläufige, fast schon parkähnliche Grundstücke, auf denen imposante Villen von Reichtum und geschickten Steuerberatern zeugten. Gehegt und gepflegt von einer Armada dienstbarer Geister, präsentierte sich hier das Schaffen höchstbezahlter Gartenarchitekten in makelloser Perfektion. Schwimmbadgroße Teichanlagen wurden von originalgetreuen Repliken berühmter Kunstwerke umstanden, sauber geharkte, absolut unkrautfreie Wege führten zwischen exakt gestutztem Buschwerk und einzelnen mächtigen Laubbäumen zu meisterhaft verzierten edelhölzernen oder gusseisernen Teehäusern nach asiatischem Vorbild. Doppelgaragen als die kleinste Form zur Beherbergung des privaten Fuhrparks glichen in ihrer Ausgestaltung Wohnhäusern der gehobenen Mittelklasse und wirkten in diesem Umfeld trotzdem noch als zierliche Nebengebäude.
Aus einem dieser Anwesen vernahm Milvus, während er nach seinen Nagern Ausschau hielt, in unregelmäßigen Abständen ein Geräusch, bei dem es sich diesmal zwar nicht um eine verbale Unmutsäußerung handelte, das üblicherweise jedoch trotzdem taktvoll ignoriert wird. Aber er konzentrierte sich ohnehin lieber auf das eventuelle verräterische Piepsen eines unvorsichtigen Kleinsäugers statt auf die freigesetzten Winde eines menschlichen Verdauungstraktes.
Und so ahnte er auch jetzt nicht, dass direkt unter ihm jene hoch dramatische Geschichte, deren Anfang er in den letzten Minuten unwissentlich beobachtet hatte und bei der es auch um etliche Mäuse gehen sollte, nun ohne seine weitere Zeugenschaft ihren Fortgang nahm.

„Ach, Liebes, weißt du zufällig, wo die ... ja, die Kassette ist?“ Dr. Heinz-Harald Döllinger hatte erfolglos die Videos und DVDs im sogenannten Medienschrank durchsucht und wandte sich nun, den rechten Zeigefinger in der für ihn typischen Geste an den Nasenflügel gelegt, Hilfe suchend zu seiner Frau um. In diesem Moment wirkte er in dem maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug keineswegs wie der Vorstandsvorsitzende von JedBam, dem größten börsennotierten Soßenhobelhersteller der Welt, sondern verkörperte in seiner Ratlosigkeit eher den klassischen Typ des in Haushaltsdingen leicht überforderten Ehemannes.
Susanne, die noch am Tisch in der sogenannten „Essecke“ des hallengroßen Wohnzimmers saß, warf ihrem Gatten einen halb mitleidigen, halb vorwurfsvollen Blick zu.
„Willst du nicht doch endlich etwas dagegen tun? Du hast nicht mal zuende gefrühstückt. Und in deinem Alter ...“
„Susanne, bitte!“ Ihr Mann verzog indigniert das Gesicht. „Es sollte Ausweis eines gewissen Niveaus unserer ehelichen Umgangsformen und praktizierter Toleranz sein, bestimmte Themen zu meiden. Außerdem weißt du genau, woran ... woran es liegt.“
Susanne zuckte gleichgültig mit den Schultern ihres teuren bordeauxfarbenen Designerkostüms und widmete sich wieder ihrem Frühstück.
„Oben auf dem Schrank.“
„Was?“
Sie seufzte demonstrativ.
„Ich sagte, die Kassette liegt oben auf dem Schrank. Du hast sie selbst gestern da hochgelegt, als Raoul und Chantal kamen.“
Wortlos griff ihr Mann nach dem gesuchten Objekt und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Doch an der Tür blieb er noch einmal stehen.
„Du brauchst das gar nicht so komisch zu betonen. Ich wollte nur nicht –“
„– dass das kostbare Stück kaputtgeht, bevor du es abgeguckt hast“, fiel Susanne ihm ins Wort. „Weißt du, Heinz-Harald, die beiden sind zwar Performance-Künstler ...“, sie erhob die Stimme, als ihr Mann mit einer Grimasse andeutete, was er sowohl von dieser Einschätzung als auch von einer solchen Beschäftigung an sich hielt, „... die in ihr Schaffen auch sehr eindrucksvolle Videoinstallationen mit einbeziehen, aber trotzdem hätten sie sich an d e i n e r Kassette bestimmt nicht vergriffen! Allerdings sehe ich durchaus, wie rücksichtsvoll es schon von dir war, dass du die Sache diesmal ausnahmsweise n u r aufgezeichnet hast und wir nicht alle mit zuschauen mussten. Davor hat uns ja wohl aber lediglich der Umstand bewahrt, dass du es nicht mehr wie früher im Fernsehzimmer machst. Denn sonst wären Raoul und Chantal nebst meiner Wenigkeit zweifellos in diesen ‚Genuss’ gekommen!“
„Bloß weil du und deine engstirnigen Freunde – ach, was soll’s.“ Döllinger winkte resigniert ab.
„So? Wer ist denn hier wohl eng!“, erregte sich Susanne. „Du bist es doch, dem jedes Verständnis für kreatives Denken abgeht. Du weißt doch nicht einmal genau, was eine Performance ist!“
„Oh doch!“, widersprach der JedBam-Vorstandsvorsitzende und richtete sich triumphierend auf. „Das ist die Gesamtrendite eines Gelddepots.“
Seine Frau warf in gespielter Verzweiflung die Arme in die Luft, wobei sie sitzend und ohne ein wallendes Gewand allerdings längst nicht den erwünschten dramatischen Bühneneffekt erzielte.
„Natürlich! D i e Definition kennst du!“
Döllinger ließ betont auffällig seine Augen durch den Raum schweifen. Er repräsentierte sichtbar zur Schau gestellten Wohlstand, wobei allerdings in diesem durchgestylten Ambiente die recht dilettantisch gemalten Bilder an den Wänden, die mit Sonnenuntergängen, Segelbooten und Berglandschaften typische Hobbykunst-Motive endlos variierten, ebenso einen gewissen ästhetischen Bruch darstellten wie die auf einem Sideboard versammelten Töpferarbeiten verschiedenster Art.
„Immerhin bezieht sich m e i n e Definition auf den Bereich, dem du es verdankst, ungetrübt deinen ‚künstlerischen Ambitionen’ nachgehen zu können“, meine Liebe“, erklärte Döllinger kühl, ehe er endgültig das Zimmer verließ.
„Arsch!“, stieß die Gattin des Soßenhobelchefs hervor und biss krachend in ihr Brötchen.

Die Videokassette leicht verkrampft in der Hand haltend, schritt Döllinger fast schon gehetzt den Flur entlang, als das philippinische Hausmädchen aus einem Zimmer trat.
„Kann ich abräumen, Herr Doktor?“
„Nein ... äh ... die gnädige Frau ist mit dem Frühstück noch nicht fertig, Dolores.“
Das Mädchen bedachte zunächst die für einen Endfünfziger immer noch beeindruckend straffe Gestalt ihres Arbeitgebers und anschließend die Videokassette mit einem wissenden Blick.
„Dann mach ich wohl erst die Betten.“
„Ja, tun Sie das.“ Döllinger eilte weiter, stoppte dann aber noch einmal. „Ach, Dolores?“
„Ja, Herr Doktor?“
„Keine Störung in der nächsten Viertelstunde.“
Der angedeutete Knicks fiel eine kaum wahrnehmbare Spur zu tief aus. „Sehr wohl, Herr Doktor.“

Mit einem erlösten Aufatmen schloss Heinz-Harald die WC-Tür hinter sich. Doch er hatte kein Auge für die vergoldeten Armaturen, die teuren Spielereien aus Chrom und Glas. Ebenso wenig konnte er sich in diesem Moment an der zweckmäßigen Ausgefeiltheit der übrigen Einrichtung erfreuen:
Direkt neben der eigentlichen Toilette war über dem Papierrollenhalter ein Telefon montiert, ein Regal bot zugriffsfreundlich Raum für mehrere Aktenordner, Firmenprospekte nebst anderen betriebswirtschaftlichen Unterlagen, und an der Wand gegenüber dem Toilettensitz prangte ein riesiger Flachbildschirm.
Etwas hektisch betätigte Heinz-Harald einen Druckknopf darunter, woraufhin sich eine Nische öffnete, aus der eine Video-DVD-Kombination herausfuhr. Er legte die mitgebrachte Kassette ein und warte ungeduldig darauf, dass das Gerät wieder in seiner Versenkung verschwand. Sekunden später ließ er sich mit einem tiefen Seufzer auf die Brille sinken, tastete nach der Fernbedienung, die in einer Art Plastikhalfter an dem Regal mit den Aktenordnern hing, und startete das Video.
„Dem Himmel sei Dank, es hat geklappt“, entfuhr es ihm erleichtert, als in einer Bildschirmecke die Senderkennung „CC – the Cash Channel“ bestätigte, dass es ihm am Vorabend tatsächlich gelungen war, den Rekorder wunschgemäß zu programmieren. Doch gleichzeitig spürte er neben der Zufriedenheit darüber auch wieder jenes beklemmende Angstgefühl, das ihn nun schon seit Monaten beim Betrachten seiner nach wie vor unstrittigen Lieblingssendung „Share in your life“ begleitete und zweifelsfrei die Ursache seiner massiven Darmbeschwerden war. Denn auch diesmal litt er bereits in Vorausahnung dessen, was da jetzt gleich an schrecklichen Meldungen über Leben und vor allem Sterben auf dem Aktienmarkt über ihn hereinbrechen würde. Trotzdem konnte er nicht von seiner Leidenschaft lassen, auch wenn er dafür jedes Mal einen hohen vegetativen Preis zahlen musste.
Während der Vorspann ablief – enthusiasmierte Aktienhändler, die ekstatisch die Arme in die Luft warfen, strahlende Broker beim Telefonieren, Menschen die ihr Glück mit Aktienspekulationen gemacht hatten und sich nun alle Wünsche erfüllen konnten, steil nach oben zeigende Graphiken, positive DAX-Notierungen, florierende Unternehmen mit glücklichen Arbeitern und Angestellten – begann Heinz-Harald wie hypnotisiert, rhythmisch auf seinem Sitz hin- und herzuzucken und unbewusst den abgewandelten Text des bekannten Gospels „HE’s got the whole world in HIS hand“, mit dem der Vorspann unterlegt war, leise mitzusingen:
„We’ve got our whole fortune in our hand / the rule of shareholder value molds the land ...“
Er verstummte erst, als auch auf dem Bildschirm der Trailer endete und stattdessen Bernhard Grabstöcker, Börsenguru und unumstrittener Star bei CC, hinter seinem kanzelartigen Pult erschien.
„Failing to plan means planning to fail.“ Der charismatische Finanzmarktexperte mit den schlohweißen Haaren und dem dezenten Stehkragen hob ungeachtet des schweren Siegelrings mit beeindruckender Leichtigkeit eine Hand und wies mahnend hinter sich, wo dieser Spruch formatfüllend eingeblendet wurde.
„Willkommen, liebe Shareholder-Gemeinde!
Nicht ohne Anlass habe ich meinem heutigen Wochenrückblick gerade diesen Satz vorangestellt. ‚Der Verzicht auf Planung ist die Grundlage jeder Pleite.’ Eine Banalität, so werden Sie vielleicht sagen und sich gelangweilt abwenden. Nein, schauen Sie her!!! Wenden Sie sich n i c h t ab, sondern öffnen Sie Ihre Herzen für ein Trauerspiel, gegen das jede griechische Tragödie zu einem heiteren Schwank mutiert.“
Heinz-Harald stöhnte entsetzt auf, als in der Rückprojektion der Schriftzug von JedBam sichtbar wurde, und gab erste, noch recht dezente Blähgeräusche von sich.
„Schmerzenden Herzens müssen wir schon seit längerem beobachten, wie ein Unternehmen, das in der Vergangenheit die Gnade ungebremsten Wachstums erfuhr, nun ebenso unaufhaltsam an Boden verliert.“ Grabstöcker sandte durch die dicken Gläser seiner massiven Bifokalbrille einen besonders bedeutungsschweren Blick in die Kamera, was seinem Zuschauer im Döllinger’schen Büro-WC einige weitere schon erheblich weniger verhaltene Töne entlockte.
„Oh Meister, sprich es nicht aus“, kam es leise über zitternde Lippen. Doch die Bitte war vergeblich.
„Es geht um JedBam!“, rief Ihre Deutungshoheit mit unheilschwangerer Betonung.

...