Stachat, Lena-Angelique

 

Den Abgrund immer vor Augen.
Tagebuch einer Frau, die nicht als Frau zur Welt kam

 

 

 

2009 [= Autobiographien, Bd. 36], Tb, 229 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-89626-899-0, 14,80 EUR 

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Klappentext

Dieses Buch ist über einen Zeitraum von sechs Jahren geschrieben worden. Es sollte eigentlich nie geschrieben werden. Und dennoch entstand es nach vielen Zusprüchen von Freunden. In erster Linie sollte es mir helfen, meinen schweren Lebensweg aufzuarbeiten. Nach zahlreichen Gesprächen entstand der Wunsch, auch anderen Menschen einen Teil meiner Biografie zu erzählen.
Ich war als Junge auf die Welt gekommen, aber aus irgendeinem mir nicht verständlichen Grund habe ich mich immer dem anderen Geschlecht verbundener und zugehöriger gefühlt. Um nicht aufzufallen, lebte ich als Mann, ohne mich jemals anderen mitgeteilt zu haben. Es war ein normgerechtes Leben. Es war aber nicht mein Leben. Und in einem einzigen Moment wurde alles, was ich bis dahin kannte, völlig umgekrempelt. Ich wurde von jetzt an zu einer Minderheit der Gesellschaft. Ich kämpfte um mein Leben und um die Anerkennung als Frau. Ich musste mich gegen Widerstände von innen und außen durchsetzen. Der Weg ist ein fortlaufender Prozess, der auch mit diesem Buch nicht aufgehört hat.
 

 

Vorwort

Dieses Buch ist über einen Zeitraum von sechs Jahren geschrieben worden. Es sollte eigentlich nie geschrieben werden. Und dennoch entstand es nach vielen Zusprüchen von Freunden. In erster Linie sollte es mir helfen, meinen schweren Lebensweg aufzuarbeiten. Nach zahlreichen Gesprächen entstand der Wunsch, auch anderen Menschen einen Teil meiner Biografie zu erzählen. Ich habe versucht durch viel Humor, aber auch mit dem nötigen Ernst meine Geschichte niederzuschreiben.
1967 als Junge geboren änderte ich nach vielen Jahren der innerlichen Zerrissenheit mein Geschlecht zu dem, als was ich mich immer gefühlt habe, und wurde eine Frau.
Meine Biografie unterschied sich nur unwesentlich von anderen, bis ich an den Punkt kam, so nicht mehr weiterleben zu wollen, nur um der Gesellschaft zu genügen. Es war mir nicht mehr möglich, mein Leben in der gewohnten Weise fortzuführen, da ich innerlich auseinander gerissen wurde. Ich war als Junge auf die Welt gekommen, aber aus irgendeinem mir nicht verständlichen Grund habe ich mich immer dem anderen Geschlecht verbundener und zugehöriger gefühlt. Um nicht aufzufallen, lebte ich als Mann, ohne mich jemals anderen mitgeteilt zu haben. Es war ein normgerechtes Leben. Es war aber nicht mein Leben. Und in einem einzigen Moment wurde alles, was ich bis dahin kannte, völlig umgekrempelt. Ich wurde von jetzt an zu einer Minderheit der Gesellschaft. Ich kämpfte um mein Leben und um die Anerkennung als Frau. Es wurden andere Werte wichtig, wichtiger als beruflicher Erfolg und Geld. Alles wurde auf den Kopf und mein bisheriges Leben infrage gestellt. Es gab auch die Gedanken, meinem Leben einfach ein Ende zu setzen, um diese Verwirrung nicht mehr ertragen zu müssen. Ich musste mich gegen Widerstände von innen und außen durchsetzen. Der Weg ist ein fortlaufender Prozess, der auch mit diesem Buch nicht aufgehört hat.
Irgendwann kam aber der Punkt, wo mein Dasein wieder einen Sinn ergab. Vielleicht musste gerade ich diesen Weg gehen. Ist dies der Sinn meines Lebens? Plötzlich sah ich Licht am Ende des Tunnels. Und so ging ich meinen Weg mit erhobenem Kopf. Oft kamen die Zweifel, ob dies auch das Richtige sei, immer wieder erinnerte ich mich jedoch an die schlimmen Jahre zuvor und dies gab mir die Stärke, nicht unter die Räder zu kommen.
Heute, nun acht Jahre nach meinem Outing, genieße ich mein neues Ich, gemeinsam mit meiner Familie, die mir immer zur Seite stand. Nun lebe ich, Lena, ohne meine große Lüge. Ich lebe offener und ehrlicher als je zuvor. Ich habe Personen kennen lernen dürfen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Mein Blickwinkel auf die Welt und die Menschen ist ein anderer geworden. Und ich hoffe, dem Sinn unseres Daseins näher gekommen zu sein. Das Leben ist ein Geschenk und wir sollten damit behutsam umgehen. Man kann alles erreichen und es lohnt sich, andere Wege zu beschreiten. Und wenn man erkennt, dass man vieles ändern muss, sollte man das, selbst gegen Widerstände von außen, tun.
Ich habe das Glück, zwei Identitäten mit zwei Geschlechtern zu leben. Viele Dinge zwischen Mann und Frau verstehe ich besser als andere. Ich weiß oft, wie Männer und Frauen denken. Es macht das Leben interessanter. Ich habe wieder zu mir gefunden und ich habe mich nicht verbogen. Das, was man von mir sieht, ist authentisch. Denn das alles bin ich.
 

 

 

LeseprobeProlog. Urlaub an der Ostsee


3. Februar 2003

Das erste Mal als Frau in der Öffentlichkeit und dann gleich noch Urlaub mit der Familie, geht das gut?
Nach vielen endlosen Gesprächen mit meiner Frau Carola und meiner Familie hatte ich mich entschlossen, es zu wagen: Urlaub machen als Frau. Mich leben und erleben können.
Heute war es dann so weit: Wir beluden das Auto. Meine Anspannung war nicht mehr steigerungsfähig. Ich freute mich und hatte gleichzeitig Angst, mich zu überfordern. Ist es doch gerade einmal vier Monate her, dass ich meiner zehnjährigen Tochter erklärt hatte, dass ihr Papi, den sie über alles liebt, noch eine zweite Identität hat. Die einer Frau.
Es war noch Sven, der die schweren Taschen zum Auto schleppen musste. Die gesamte Garderobe wurde in den Taschen verstaut und zum Schluss kamen die Notfall-Sachen für Sven rein. Wenn es gar nicht mehr anders geht, kann ich dann in meine biologische Identität zurückkehren. Ich hoffe, die Klamotten nicht zu benötigen. Aber sicher ist sicher. Und das ist gut für meine innere Ruhe. Ich weiß ja noch nicht, wie es laufen wird. In sechs Tagen, am Ende unseres Urlaubs, werden wir schlauer sein.
Die Mädels, das sind nun meine Tochter, meine Frau und ich – Angelique. Wir fuhren in Richtung Ostsee, die Insel Usedom war unser Ziel. Im Auto ist man geschützt und bleibt unerkannt, wie auch immer man aussieht, wer auch immer man ist.
Nach dreieinhalb Stunden erreichten wir unser Hotel in Zinnowitz. Ich stieg mit etwas wackligen Knien aus dem Auto. Meine Frau stürmte gleich zum Empfang, um mir die Sache an der Anmeldung abzunehmen. Ich hatte das Zimmer versehentlich auf Sven und Carola bestellt. Mir war klar, dass das Personal sich wundern würde. Doch die nette junge Frau lächelte mich nur an und bat uns freundlich, im Kaminzimmer zu warten, da unser Zimmer noch nicht fertig sei und meine Tochter eine Aufbettung bekommen sollte. Also setzten wir uns und Angelique bestellte mit leiser Stimme Kaffee. Ich musste vor Aufregung rauchen und etwas trinken. Bei dieser Gelegenheit bin ich zum allerersten Mal auf eine Damentoilette gegangen, um mich zu erleichtern. Für einige Trans-Frauen soll dies ja zu Identitätsproblemen führen. Aber für mich war es selbstverständlich, aufs Damenklo zu gehen.
Alles lief perfekt. Wir bekamen unsere Schlüssel und gingen nach oben. Das Zimmer ist klein, doch zum Entspannen und um Angelique zu erleben, wird es genügen. Unser erster Gang führte uns zum Meer. Schnell noch frisch gemacht und ab ging’s. Kurz noch ein paar Blicke in die Schaufenster. Die Auslagen waren wenig einladend und das Wasser lockte. Ich konnte das alles jedoch nicht wirklich genießen, dafür war ich viel zu angespannt. Ich versuchte den Blickkontakt mit den Menschen, die mir entgegenkamen, zu vermeiden, um nicht gleich aufzugeben. Das wäre mein Albtraum gewesen. So weit zu kommen und dann an mir zu scheitern. Aber das konnte es doch wohl auch nicht sein, also versuchte ich immer öfter, die mir entgegenkommenden Menschen anzuschauen. Am Anfang fiel es mir sehr schwer, doch nach und nach ging es besser. Wenn es mir zu viel wurde, schaute ich weg oder lenkte mich ab.
Wir liefen am Meer entlang. Es lag sogar noch Schnee. Ostsee kennen wir ja nur im Sommer, mit Massen von Menschen. Aber nun war es hier leer und sehr übersichtlich. Richtig ruhig.
Meine Tochter und meine Frau bekamen Hunger – bei mir war daran vor Aufregung gar nicht zu denken. Mein erster Gedanke war „Flucht!“, aber dann sagte ich mir: „Na gut, weiter geht’s, nicht ausruhen, nicht kneifen.“ So landeten wir in einem gut gefüllten Café. Ich hatte das Gefühl, alle Augen seien auf mich gerichtet: Eine blonde, eins achtundsiebzig große, schlanke Frau mit schönem Gesicht. Aber sie war irgendwie anders, ohne dass man hätte sagen können, was genau es war. Das lässt Menschen dann den Blick nicht mehr von einem nehmen. Interesse und Neugierde schlugen mir entgegen wie die Brandung der Ostsee bei Sturm. Ich fühlte mich nicht gut, schaffte es aber, den Leuten mit Blickkontakt und einem Lächeln zu begegnen. Die Gäste, die ich nicht unmittelbar sah, konnte ich aus meinem Bewusstsein ausblenden. So gelang es mir, im Gleichgewicht zu bleiben. Manche schauten nur flüchtig oder gar nicht. Und einige bekamen überhaupt keinen Unterschied mit und ließen mich in Ruhe. Das war es, was Angelique eigentlich ersehnte. Einmal gesehen, gemustert und abgehakt.
Also blieben wir eine Stunde, denn wenn man erst mal sitzt, dann ist das Gebiet erkundet und es stellt sich eine entspannte Atmosphäre ein. Wenn jemand das Café betritt oder geht, bringt das die Ruhe wieder durcheinander. Dann geht es wieder von Neuem los, das Unbehagen. Nach dem Kaffee zogen wir Mädels uns die Mäntel an, und ab ging es in den nächsten Buchladen. Ich wurde nicht geschont. Meine Frau zog mich überall rein. Für sie war die Situation nun schon vertraut. Doch egal, wo und wie unsicher ich auch war, die Menschen begegneten uns freundlich. Mir schien es, dass vielen kein Unterschied zu einer geborenen Frau auffiel, wenn auch nur aus dem Grund, dass sie nur oberflächlich herschauten. So wie ich es auch selbst mache, wenn ich in Geschäften unterwegs bin.
Zurück im Hotel ging es dann in die Sauna und ins Schwimmbad. Leider als Mann, da mein Körper es nicht anders zuließ. Fehlende Brust und ein gut entwickeltes Lustsymbol erlaubten mir keine andere Möglichkeit. Den Menschen nun wieder als Mann entgegenzutreten, war eher komisch und ungewohnt.
Nach der Sauna dann wieder als Frau zurechtgemacht, stand das Abendessen beim Griechen an. Nette Kantinenatmosphäre, sehr übersichtlich. Trotzdem gingen wir rein. Wir wurden lange und intensiv angesehen. Ich versuchte, das aufkommende ungute Gefühl zu verdrängen. Ich blieb locker, schickte ein kleines Lächeln in die Runde und wir nahmen Platz.
Manche können sich das Hinschauen nicht verkneifen, sie versuchen, einen längeren Blick zu erhaschen. Sie wissen, dass sie ja eigentlich nicht hinschauen dürfen, wenn jemand anders ist oder behindert. Denn das, haben Mama und Papa ihnen beigebracht, ist ungehörig. Aber einige Menschen hier hielten es vor Neugier nicht aus und konnten ihren Blick nicht mehr von mir nehmen. Für mich war das eine unangenehme Situation. Aber ich wusste, dass, wenn ich das jetzt nicht aushielt, ich nie mehr den Mut finden würde, mein Leben als Frau zu leben.
Wir waren gut gestärkt und die Hotelbar war unser nächstes Ziel. Meine Frau hatte eigentlich keine Lust mehr, sie war müde und wollte ins Bett. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt kein Auge zumachen können. Waren es doch so viele Eindrücke und Erlebnisse, die ich zu verarbeiten hatte. Und mit jemandem reden zu können, ist ein Geschenk in einer solchen Situation.
Ein älterer Mann begrüßte uns mit den Worten: „Guten Abend die Damen.“ Da wir uns jedoch ungestört unterhalten wollten, gingen wir ins Kaminzimmer. Dort hatten wir zwei Tage nach meinem Coming-out im Oktober 2001 gesessen. Die Themen Trans und Sven standen damals im Vordergrund, es war ein wichtiges und schönes Wochenende gewesen. Das unter anderem ermöglicht hat, dass wir heute hier zu zweit sitzen konnten und ich Frau war und wir Angelique besser kennenlernen würden. Es war, denke ich, damals der richtige Weg, den ich eingeschlagen habe, um das Thema Trans zu bearbeiten. Wenn es denn einen richtigen Weg überhaupt geben kann.
Wir tranken einige Caipirinhas und gingen dann schön müde ins Zimmer. Ich musste gerade noch feststellen, dass ich leider größere und vor allem breitere Füße habe als Bio-Frauen. Beim Sitzen schwollen meine Füße an und ich hatte ziemliche Schmerzen. Meine Frau meinte, das seien Hühneraugen, die wir mit Pflastern behandelten. Als Mann hatte ich davon nie etwas gespürt. Meine Schuhe waren alle sehr breit und bereiteten mir keine Schmerzen. Aber Schuhe für Angelique sehen anders aus. Das war also der erste Tag in meinem Leben als Frau.

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