Banse, Gerhard / Krebs, Irene (Hg.)

 

“Wissenschaft im Kontext. Inter- und Transdisziplinarität in Theorie und Praxis”

[= Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Bd. 27], 2011, 299 S., ISBN 978-3-89626-896-9, 32,80 EUR

 

 

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Inhalt



EInhalt
Einleitung 7


Teil I Inter- und Transdisziplinarität 13

Komplexität, Inter- und Transdisziplinarität. Grundsätze im Wirken des LIFIS 15
Lutz-Günther Fleischer

Inter- und Transdisziplinarität im Wirken der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin – Exemplarisches 53
Gerhard Banse

Inter- und Transdisziplinarität – objektive Erfordernisse des technologischen und wissenschaftlichen Fortschritts 73
Bernd Junghans

Nationale und Europäische Lösungen zur Institutionalisierung der Wissenschaft 83
Hermann G. Grimmeiss

Autonomie der Wissenschaft im Kontext von Verantwortlichkeit 91
Herbert Hörz

Inter- und Transdisziplinarität als wissenschaftliche Problemlösungsstrategien? 113
Reinhard Mocek

Selbstorganisation und Interdisziplinarität. Erfahrungen aus der Arbeit in Plenum und Klassen der Akademie 1970 bis 1990 127
Werner Ebeling

Städteplanung im 21. Jahrhundert – eine interdisziplinäre Herausforderung. ElCity – Stadtkonzept des 21. Jahrhunderts 141
Roland Lipp

Naturwissenschaft und Glaube. Eine aktuelle Besichtigung 149
Siegfried Wollgast


Geschichte und Transdisziplinarität. Zur gesellschaftlichen Verantwortung der historischen Wissenschaften 165
Wolfgang Küttler

Disziplinarität und Interdisziplinarität in der Bildung 179
Karl-Friedrich Wessel

Interdisziplinäre Beziehungen zwischen Literaturwissenschaft und Natur- und Sozialwissenschaften – Defizite und Perspektiven 187
Hans-Otto Dill


Teil II Erfolgsfaktoren der Interdisziplinarität 201

Erfolgsfaktoren der Interdisziplinarität. Ein Bericht 203
Albert Albers, Björn Ebel, Thomas Alink

Das interdisziplinäre Projekt „Kosmosspiegel“ 215
Ernst-Otto Reher, Gerhard Banse

Aktuelle Ansätze zur Unterstützung interdisziplinärer Zusammenarbeit im Bauwesen 227
Petra von Both

Disziplinen der Produktentwicklung aus der Perspektive des angelsächsischen Raums 243
Claudia Eckert, Nicole Schadewitz
 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Technikfolgenabschätzung – problemorientiert und transdisziplinär? 255
Michael Decker

Jenseits der Disziplinen – Transdisziplinarität als neues Paradigma 281
Günter Ropohl

Autorenverzeichnis 297

 

 

Einleitung


Die Themen „Interdisziplinarität“ und „Transdisziplinarität“ sind nicht erst seit gestern Gegenstand wissenschaftlicher Reflexionen. Sie haben eine lange Geschichte – wie schon eine Auflistung der entsprechenden Literatur zeigen würde. Aber gegenwärtig sind sie fast ubiquitär, „allgegenwärtig“, wie bereits die Anzahl der Ergebnisse bei einer „Google-Anfrage“ belegt: für „Interdisziplinarität“ 132.000 Einträge (in 0,12 Sekunden!), für „Transdisziplinarität“ 92.300 Einträge (in 0,25 Sekunden). Es ist aber nicht nur die beeindruckende Anzahl der Einträge, sondern vielmehr die Vielfalt der „Gegenstände“, auf die diese Einträge verweisen: elektronische und gedruckte Artikel, Bücher, Vorträge, Materialen, Projekte, Arbeitsgruppen u.v.m. – bezogen insbesondere auf Forschung, Lehre und Bildung. Wenn man diese „Allgegenwart“ nicht vorrangig als modischen Trend, sondern als eine wesentliche Tendenz der Wissenschaftsentwicklung interpretiert, dann ist damit auch die Notwendigkeit verbunden, gelegentlich „inne zu halten“, sich des Erreichten zu versichern, um auf dieser dann gesicherten Basis weiter vorankommen zu können. Und genau das ist das Ansinnen des vorliegenden Buches, das Beiträge von zwei wissenschaftlichen Veranstaltungen im Jahre 2009 enthält, einer in Berlin und einer in Karlsruhe, die zwar inhaltlich unabhängig voneinander konzipiert wurden, sich aber alsbald – nicht nur infolge persönlicher „Überlappungen“ – als komplementär erwiesen.

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Handlungsleitend waren die faktische Einsicht und die persönliche Erfahrung, dass sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend theoretische und unabweisbare praktische Probleme in den Vordergrund drängen, die Prozesse der Gewinnung und Umsetzung einer wachsenden Vielzahl und Vielfalt wissenschaftlicher Erkenntnisse in allen Bereichen und Nutzungsformen der Gesellschaft umfassen. Diese drängenden Probleme betreffen originär die Institution Wissenschaft – mit ihren Grundfunktionen Bildung, Forschung und Entwicklung – insbesondere bezogen auf die
• Prioritäten ihres Wirkens;
• institutionelle Autonomie;
• effektiven inneren Organisationsstrukturen und Kooperationsformen;
• innerwissenschaftliche und gesamtgesellschaftliche Bewertungen von Strategien und Ergebnissen;
• tatsächlich wahrnehmbare Verantwortung der Wissenschaftler für die schnelle, fortschrittsfördernde und humanistische Nutzung der Ergebnisse;
• optimale Gestaltung der Überführungsprozesse in die gesellschaftliche Praxis;
• Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft sowie der Politikberatung.
Wissenschaft steht – trotz aller Eigengesetzlichkeiten – in dialektisch verbundenen politischen, ökonomischen, ökologischen, sozialen, ethischen und geistig-kulturellen Kontexten. Zu ihren maßgebenden Pflichten gehört es, relevante Problemstrukturen zu analysieren, zu erörtern, der Öffentlichkeit nahe zu bringen, Lösungsansätze anzubieten – zumindest aber praktikable Wege zu skizzieren und effektiv zu begleiten. Häufig fallen bisher leider gerade die drängendsten Lebens- und Überlebensfragen „durch die Maschen“ des schön und zunehmend enger geknüpften Netzes unserer ehrwürdigen klassischen Wissenschaften. Unverkennbar und spürbar sind erhebliche Asymmetrien von Problem- und Wissenschaftsentwicklungen, vor allem die enorm wachsende Komplexität und Kompliziertheit notwendigerweise ganzheitlich zu betrachtender und zu lösender gesellschaftlicher Anforderungen und die rasch fortschreitende Diversifikation der Wissenschaft. Als Reflex darauf oder gar als „Therapie“ werden neue inter- und transdisziplinäre Modelle, qualifiziertere Verflechtungs- und Intergrationsstrategien – Inter- und Transdisziplinarität als Ziel und Mittel in Theorie und Praxis – gefordert und erörtert: „Wir brauchen also neue Konzepte, neue Ideen und Methoden, eine anspruchsvollere, den neuen Konzepten entsprechende Methodologie“, kann man so oder ähnlich vielfach hören und lesen.
Interdisziplinarität wurde – in einer ersten Annäherung auf dem Weg zur Erkenntnis – als jene Form wissenschaftlicher Problembearbeitung verstanden, bei der erstens die Probleme und Methoden komplexer Forschungsgegenstände oder –bereiche von jeweils unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen formuliert und begründet und zweitens die jeweiligen (Teil-)Erklärungen zu einem ‚ganzheitlichen‘ Verständnis der interessierenden Forschungsgegenstände und -bereiche zusammengeführt werden. Die Meinungen und Stellungnahmen der Wissenschaft zur Transdisziplinarität divergieren deutlicher. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie ein seit langem bewährtes Ingrediens der Wissenschaft sei, andere erheben sie in den Rang eines emergenten Paradigmas. Häufig wird sie jedoch dynamisch, als währende Integration von wissenschaftlichem und außerwissenschaftlichem Wissen, als gemeinsamer Lernprozess von Gesellschaft und Wissenschaft verstanden, der reflexiv verläuft. Bei dieser Form der Problembearbeitung werden nicht nur die Disziplin- und Fachgrenzen, sondern auch die zwischen wissenschaftlichem Wissen und relevantem Praxiswissen überschritten. Inter- und Transdisziplinarität sind allerdings unbestritten sowohl forschungsleitende Prinzipien als auch wissenschaftliche Organisationsformen.
Kooperativität ist – verwoben mit der Inter- und Transdisziplinarität – ohne Zweifel ein herausragender Wesenszug der Wissenschaft. „Allein, wie viel und mit welcher Richtigkeit würden wir wohl denken, wenn wir nicht gleichsam in Gemeinschaft mit anderen, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen, dächten!“, konstatierte schon 1786 Immanuel Kant in seinem Beitrag „Was heißt: sich im Denken orientieren?“. Seit Kant haben sich die Notwendigkeiten, aber auch die Möglichkeiten kooperationsfähiger, traditioneller und weit mehr neuer Wissenschaftsdisziplinen dank epochaler, auch weltbildformender, auf das Ganze gerichteter Erkenntnisse, vortrefflicher Methoden und exzellenter Instrumentarien außerordentlich entwickelt.
Ohne ihre Potenziale zu überschätzen, trägt die Wissenschaft – wie in vielen Beiträgen auch dieses Buches facettenreich belegt und veranschaulicht – eine herausragende und ihr inhärente Verantwortung. Gewiss wird es sachlich fundierte, zwischen wissenschaftlichen Urteilen und Werturteilen sorgfältig unterscheidende weiterführende Diskussionen über erstrebenswerte Ziele und adäquate Mittel geben müssen. An exponierter Stelle stehen dabei effektive und effiziente Kooperationsformen. Entscheidend wird es aber sein, für ein erfolgreiches Wirken – „theoria cum praxi“ – praktische inhaltliche und organisatorische Schlüsse zu ziehen.
Die Meinungsfülle, der Reichtum an Fakten und die Vielfalt hoffnungstragender Applikationsfelder widerspiegeln sich im unterschiedlichen Charakter der Beiträge der zwei Teile der vorliegenden Publikation.

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Teil I: Inter- und Transdisziplinarität
Im Jahr 2008 hatte der Wissenschaftliche Beirat dem Präsidium der Leibniz-Sozietät empfohlen, die „8th Leibniz Conference of Advanced Science“ des Leibniz-Institutes für interdisziplinäre Studien (LIFIS), die bereits in Kooperation mit der Sozietät vorbereitet wurde, zugleich als deren 2. Wissenschaftliche Jahrestagung durchzuführen. Das Präsidium war dieser Empfehlung gefolgt, und so fand die Konferenz „Wissenschaft im Kontext. Inter- und Transdisziplinarität in Theorie und Praxis“ am 18./19. Mai 2009 in Berlin als gemeinsame Veranstaltung beider, gleichermaßen der Interdisziplinarität verpflichteter Institutionen statt. Diese gemeinsame Maxime trug als ein wesentlicher Faktor zu ihrem erfolgreichen Verlauf bei. Die Realisierung und publizistische Nachbereitung der Konferenz war bzw. ist möglich, weil sie ein Teilprojekt des von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung geförderten Projekts der Leibniz-Sozietät „Pflichten der Wissenschafts- und Gesellschaftsanalyse“ sind. Dafür sei seitens der Leibniz-Sozietät und des LIFIS Dank gesagt.
Essenzielle Anregungen zur Konferenz gab auch die vom LIFIS initiierte und mitgetragene Diskussion zu „Wissenschaft im Kontext“. Die Internetzeitschrift LIFIS ONLINE publizierte bisher zu diesem Themenfeld, aus der Sicht verschiedenster Wissenschaftsgebiete, ca. 20 interdisziplinäre Beiträge (vgl. näher http://www.leibniz-Institut.de), die erfolgreich den interdisziplinären Dialog innerhalb der Wissenschaft sowie den zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik fördern. Die, mit steigender Tendenz, mehr als 50 Zugriffe pro Tag sind ein Indiz für das Interesse der individuellen und institutionellen Nutzer dafür.
In drei Sessions mit Referaten und vorbereiteten (kürzeren) Diskussionsbeiträgen wurden nicht nur thematisch relevante Meinungen und Erfahrungen vermittelt, sondern vor allem der interdisziplinäre Dialog zwischen Natur-/Technikwissenschaftlern und Sozial-/Geisteswissenschaftlern angeregt und tatsächlich gepflegt:
• Session 1: Inter- und Transdisziplinarität als gesellschaftliche Erfordernisse;
• Session 2: Inter- und Transdisziplinarität – Pflichten und Chancen der Wissenschaft;
• Session 3: Inter- und Transdisziplinarität in der Praxis – Exemplarisches.
Die Tagung offerierte ein mannigfaltiges Repertoire an ebenso anregenden wie weiterführenden theoretischen und praktischen Vorschlägen zur Thematik „Inter- und Transdisziplinarität“. Originalbeiträge der Konferenz, inhaltlich erweiterte Beiträge und einige, mit der Konferenzthematik korrespondierende, Texte „eingeladener“ Autoren werden mit dem vorliegenden Band der „Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften“ einer breiteren Öffentlichkeit, der Wirtschaft und Politik zugänglich gemacht. Wir hoffen auf eine positive Resonanz, Vorschläge eingeschlossen.

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Teil II: Erfolgsfaktoren der Interdisziplinarität

Die Karlsruher Tagung, aus der die Beiträge des zweiten Buchteils hervorgingen, kann man als „Kind“ der Gründung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) betrachten, das aus der im Jahr 2009 erfolgten Vereinigung des ehemaligen Forschungszentrums Karlsruhe in der Helmholtz-Gemeinschaft (jetzt KIT Campus Nord) und der ehemaligen Universität Fridericiana Karlsruhe (TH) (jetzt KIT Campus Süd) hervorgegangen ist. Dieser Prozess wurde (und wird) u.a. über eine auch finanzielle Förderung von Aktivitäten begleitet, die zu multi- oder interdisziplinären Vernetzungen von Wissenschaftlern beider KIT-Standorte beizutragen geeignet sind. Vor diesem Hintergrund wurde gemeinsam vom Institut für Produktentwicklung (IPEK, Campus Süd) und dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS, Campus Nord) ein Workshop geplant, in dem es um „mentale Modelle“ gehen sollte, denn: Multitechnologische Produkte und die Kopplung von Produkten und Dienstleistungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Diese Zunahme hat dazu geführt, dass sich in den individuellen Forschungsdisziplinen eigene und leistungsfähige Vorgehensweisen, Modelle und damit auch Sprachen gebildet haben. Für erfolgreiche Produktentwicklung ist es indes erforderlich, dass die Entwickler der unterschiedlichen Disziplinen eine gemeinsame Kommunikationsebene und gemeinsame „mentale Modelle“ haben. Das – so wurde im Projektantrag dargelegt – ist bislang nur bedingt vorhanden. Eine Konkretisierung dieser Überlegungen führte dann über mehrere Zwischenschritte zur Frage, wie eine erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit gestaltet werden kann, welche Barrieren, Hemmnisse und Erfolgsfaktoren benannt werden können. Um dem etwas detaillierter und genauer nachgehen zu können, wurde am 16./17. November 2009 eine Veranstaltung in Form einer Workshop durchgeführt: Inputs über Impulsvorträge, Diskussionsgruppen zur schwerpunktmäßigen Vertiefung, Präsentationen im Forum, gemeinsame Diskussion waren die Methoden. Der den Teil II einleitende Beitrag von Albert Albers, Björn Ebel und Thomas Alink resümiert diese Veranstaltung, an der neben Natur-, Technik-, Sozial- und Geisteswissenschaftlern – als wesentliche Basis für praxisnahe Reflexionen – auch Unternehmensvertreter aktiv teilnahmen.

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Allen an den beiden Veranstaltungen und vor allem an dieser Publikation Beteiligten gilt der herzliche Dank der Herausgeber. Wir verbinden den Dank mit der Hoffnung, dass weitere wissenschaftliche Veranstaltungen zu den hier vorgestellten Problemfeldern folgen werden, mit weiteren grundlegenden, wissenschaftlich und gesamtgesellschaftlich gleichermaßen gewichtigen Aspekten und Perspektiven.

Berlin und Karlsruhe, Mai 2010
Gerhard Banse, Lutz-Günther Fleischer