Reinhold, Ursula

Erlesene Zeitgenossenschaft. Begegnungen mit Autoren und Büchern

 

 

 

2010, 366 S., ISBN 978-3-89626-892-1, 18,80 EUR
 

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Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung 7

Hans Magnus Enzensberger 43


Peter Schütt 109

Münchener Begegnungen 139

Uwe Timm 155

Martin Walser 215

Dieter Wellershoff 317
 


 

Einleitung


Selbstbegegnung im www


Vielfältig können Motive für einen Rückblick sein. Im vorliegenden Fall ist es das Bedürfnis, sich die Kontexte zu vergegenwärtigen, in denen ich in der DDR arbeitete und dachte. Dabei geht es vorzüglich darum, mir die Motive und Intentionen der eigenen Arbeit bewußt zu machen, Selbstvergewisserung, wenn man so will. Im Erinnerungsbuch „Schwindende Gewißheiten“ schildere ich individuelles Werden, wie es sich unter den Bedingungen der DDR zutrug. Es werden die Faktoren familiärer, sozialer und geistiger Eindrücke dokumentiert, die das persönlich-mentale Befinden bestimmt und im Laufe der Zeit, bis zum Ende der DDR verändert haben. Ein Bericht, der nicht nur mit der eigenen Situation zu tun hatte. Dabei blieb meine Arbeit als Literaturwissenschaftlerin weitgehend ausgeklammert, für meine Erfahrungen auf diesem Felde fehlte mir ein Ausdruck. Aber seither habe ich immer nach Wegen gesucht, um auf sie zurückzukommen. Denn meine „Gegenstände“, zeitgenössische Autoren und ihre Bücher, begleiteten mich auch weiterhin, ihnen wollte und konnte ich nicht entkommen.
Es geht hier nicht um ein Resümee meiner wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten, sondern um die Anstöße zum Nachdenken, die mir Begegnungen mit Menschen und ihren Büchern gaben. Ihnen möchte ich hier nachgehen. Dabei handelt es sich um eine subjektive, vielleicht zufällige Auswahl, die ich gar nicht erst versuchen werde zu begründen. Mein Verhältnis zu den ausgewählten Beispielen war Wandlungen unterworfen, wie sich auch die Gegenstände der Betrachtung nicht gleich geblieben sind. Aus Ignoranz wurde Verstehen, Annäherung, die kritische Distanz nicht ausschließt; insgesamt geht es um einen Lernprozeß, der sicherlich nicht vor neuen Irrtümern bewahrt.
Einen äußeren Anlaß, um mit der Rückschau auf Publiziertes zu beginnen, bildete die Selbstbegegnung im www. Seit einigen Jahren gehöre auch ich zur weltweiten Kommunikationsgemeinde, die sich im Internet begegnet. Irgendwann suchte ich nach dem eigenen Namen bei Google, komisch, es fiel mir erst nach Monaten meiner neuen Errungenschaft ein, daß das möglich war. Und tatsächlich, Veröffentlichungen von mir sind angezeigt, von denen ich annahm, daß sie längst der Vergessenheit anheimgefallen sind. Es wäre mir, offen gestanden, sogar lieber gewesen, nicht mehr mit ihnen konfrontiert zu werden. Aber Antiquariate arbeiten eben zuverlässig, und wer sich in die Öffentlichkeit wagt, geht so schnell nicht verloren. Das festzustellen, löste bei mir ziemlich peinliche Gefühle aus. Denn auf solche Selbstbegegnung war ich in keiner Weise vorbereitet. „Antihuma­nismus in der westdeutschen Literatur“ (1971) lautete der Titel der Veröffentlichung, die aus der überarbeiteten Fassung meiner Dissertation hervorgegangen war, die ich am Institut für Gesellschaftswissenschaften verteidigt hatte. In dem bei Dietz erschienenen Band wurde der Versuch gewagt, aktuelle literarische Vorgänge in der Bundesrepublik seit Mitte der sechziger Jahre darzustellen, Strömungen auszumachen und zu charakterisieren. Seit langem ist mir bewußt, daß dieser Überblick in Inhalt und Methode recht dilettantisch ausgefallen ist. Noch heute wundere ich mich darüber, daß der Dietz Verlag das gedruckt hat. Sie spiegelt den damaligen Stand meines Wissens, und der war eben nicht sehr entwickelt. Es fehlte mir an literaturgeschichtlichem und literaturtheoretischem Wissen, ich war unsicher und suchte nach Anhaltspunkten für die selbst gestellte Aufgabe, Tendenzen aktueller westdeutscher Literaturentwicklung zu analysieren und überschaubar darzustellen. Da griff ich zu gängigen Stichworten, Kategorien wie Humanismus und Menschenbild, Realismus und Dekadenz, die in der marxistischen Ästhetik eine Tradition hatten, ich kannte Georg Lukács´ Arbeiten und griff zu dem damals gerade veröffentlichten Buch von Hans Koch „Marxismus und Ästhetik“, in dem es aktuellere Ableitungen gab. In meinem optimistisch-schematischem Weltbild standen Antihumanismus und Dekadenz für den niedergehenden Kapitalismus, während Humanismus und Realismus auf der Seite der fortschreitenden Menschheitsentwicklung zu finden waren, von der wir in der DDR ein Teil zu sein glaubten. Ich versuchte mit diesen Kategorien zu hantieren, sie auf die gegenwärtige Entwicklung der Literatur anzuwenden. Im Ergebnis meiner Bemühungen konstatierte ich eine antihumanistische, eine humanistische und eine antiimperialistische Strömung in der derzeitigen westdeutschen Literatur. Literarische Wertungsarten fielen bei diesem starren Schema unter den Tisch.
Und da finde ich nun unter meinem Namen den Hinweis auf einen Artikel von Volker Hage, den „Die Zeit“ am 16. März 1973 gedruckt hatte und der sich wohl auch noch in meinen Unterlagen finden wird. Aber ich hatte ihn vollkommen vergessen, und da begegnet er mir nun erneut. „Ist Wellershoff antihumanistisch?“ steht klein über der in größeren Lettern gedruckten Überschrift und die lautet: „Angeblich zum Nutzen der Herrschenden“. Es handelte sich um eine Rezension zu meinem oben genannten Erstling mit dem ominösen „Antihumanismus“ in der Überschrift. Nun erinnere ich mich auch wieder an die erste Lektüre dieser Rezension, die man mir zugeschickt hatte. Es war ein tiefer Schreck, als ich mich mit meinen höchst provisorischen Untergliederungen und Bestimmungen so ernst genommen sah, und meine Darlegungen hier nun sogar als offizielle Parteilinie ausgegeben fand. Und dabei war es doch so, daß ich die Parteilinie in Sachen Literatur und Kultur weder genau kannte, noch sie verstehen konnte. Ich wollte daran glauben, daß es sie gab, und ihr auch eine höhere Weisheit zugrunde lag. Aber zugleich fühlte ich mich immer auch ganz hilflos, außerstande, die neuesten Verlautbarungen zu begreifen; sie zu begründen oder gar zu vertreten, das lag außerhalb meiner Möglichkeiten. Und nun fand ich meine höchst unzulänglichen Bemühungen so gewichtig genommen. Das erschreckte mich gehörig. Ich war weit davon entfernt, Wellershoff oder andere Schriftsteller als Antihumanisten anzusehen. Klassifikationen, hatte man mir gesagt, trügen objektiven Charakter, und so schwebte mir damals vor, daß sich antihumanistische Wirkungen unabhängig vom Willen des Autors einstellen können, eben wenn die Sicht auf den Menschen und die Gesellschaft nicht auch mögliche Veränderungen ins Blickfeld rückt. Glücklicherweise bemerkte ich bald, nicht zuletzt durch die Beobachtung der rasant ablaufenden gesellschaftlichen Veränderungen in den späten sechziger Jahren, wie wenig der Umgang mit kategorialen Bestimmungen aktuellen politischen wie literarischen Prozessen gerecht wird. Schnell verabschiedete ich mich von solchen Kategorien, griff Kriterien auf, die im Entwicklungsprozeß selbst entstanden oder dort wieder in Gebrauch genommen worden waren und begann mit differenzierterem Verständnis zu arbeiten. Immerhin war ich lernfähig genug, um zu sehen, daß sich der Literaturprozeß anders entwickelte, als meine vorgegebenen Begrifflichkeiten glauben machen wollten. Bei Brecht las ich, wie er solche Verfahren glossierte. Er machte sich über eine Wissenschaft lustig, die zu dem Ergebnis kommt, daß diese Tauben falsch fliegen. Kategoriales Denken wurde mir zunehmend suspekt, ich begriff, wie verfehlt meine Herangehensweise war und suchte nach Gesichtspunkten, von denen die Akteure der Entwicklung sich selbst leiten ließen, um der komplexen und sich ständig verändernden Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Meine Sicht aufs Reale wurde differenzierter und konkreter, immerhin war ich neugierig und offen genug, um den ideologischen Prämissen und Schemata nicht sklavisch zu folgen. Langsam, Schritt für Schritt begann ich ihnen zu entgehen. Das Ergebnis meines Umdenkens schlägt sich in publizierten Einzelbeiträgen und in der Buchveröffentlichung „Literatur und Klassenkampf“ (1976) nieder. Hier finden sich nun wiederum neue Einseitigkeiten. Es ist der schon im Titel vollzogene Kurzschluß zwischen Literatur und Politik, der sich allerdings aus der oberflächlich betrachteten Szenerie der bundesrepublikanischen Verhältnisse ableitete, in der sich eine ganz unmittelbare Beziehung zwischen den beiden Sphären entwickelt hatte. Natürlich war es so, daß es literarische Erscheinungen gab, die davon gar nicht, wenig oder nur mittelbar betroffen waren, und sie blieben dann auch weitgehend außerhalb meines Blickfeldes. Solche Kurzschlüsse waren dem literarischen Prozeß ihrerseits unangemessen und verkürzten die Sicht auf die vielfältigen Wirkungsmöglichkeiten, die der Literatur innewohnen können. Es ist sicherlich so, daß auch in folgenden Arbeiten etwas von diesen Kurzschlüssen erhalten geblieben ist, langsam erst revidierte ich sie Schritt für Schritt und ersetzte sie durch konkretere Umgangsweisen mit Literatur. Zwar habe ich mit kritischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu einzelnen Werken und Autoren auch publizistischen Zuspruch gefunden, auch das kann man im www finden, aber darum geht es hier nicht.
Groß war auch mein Entsetzen angesichts der digitalen Begegnung mit Manfred Jäger. Der Publizist hat u.a. für die Beilage der Zeitschrift „Das Parlament“ einen Beitrag über DDR-Literaturwissenschaft geschrieben. Anhand eines Zitats aus einer meiner Publikationen finde ich mich dort als Beleg für eine SED-offizielle Sicht auf die westdeutsche Literatur wieder. Das Zitat stammt aus dem Jahr 1970, es ist aus seinem Zusammenhang gerissen und läuft mir nun vierzig Jahre später als offizielle Parteilinie hinterher. Dabei hatte ich mit der doch immer meine Schwierigkeiten, verstand sie meist nicht. Aber ihren sozialistischen Zielen fand ich mich schon verbunden, will jetzt nicht so tun, als wäre das anders gewesen. Ja, wer war oder hat damals eigentlich die Linie bestimmt? Vielleicht war ich es doch, wer weiß das!
Jedenfalls graust mir bei dem Gedanken, daß Dinge, einmal in die Welt gesetzt, ihr Eigenleben führen und mit dem Urheber nur noch wenig zu tun haben.
Aber andererseits finde ich es auch ganz und gar in der Ordnung, daß nun die Kritik, die ich an anderen geübt habe, zu mir zurückkehrt.
Ja, damals glaubte ich mich vor den Autoren, denen ich meine Aufmerksamkeit angedeihen ließ, durch eine Mauer geschützt. Ein Zeitalter wären wir ihnen voraus, hatte man mir gesagt, und ich war stolz darauf, in einer so zukunftsbewußten neuen Gesellschaft zu leben. Die würden auch schon noch begreifen, wohin die Reise der Geschichte ginge, dachte ich mir und war befriedigt bei solchem Gedanken.
Mit solchen Selbstbegegnungen begann die Idee zu dieser Rückschau zu reifen.
Vorweg erscheint es mir notwendig, Etappen meiner wissenschaftlichen Laufbahn zu skizzieren, die kurz war und doch eine wesentliche Zeit meines Erwachsenenlebens einnimmt: 1970–1991, so datiere ich sie, denn in diesem Jahr wurde das Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR (ZIL) abgewickelt. Von 1992–1997 bekam ich innerhalb des Wissenschaftler Integrationsprogramms, das Bestandteil des Hochschul-Erneuerungsprogramms (kurz: WIP im HEP) war, einen Vertrag am Germanistischen Institut der Humboldt Universität. Hier arbeitete ich an einem von Professor Ursula Heukenkamp geleiteten Forschungsprojekt zur Nachkriegsliteratur in der Viersektorenstadt Berlin (1945–1961) mit.


Eine Literaturgeschichte und ihre Autoren


Einen wichtigen Erkenntnisschritt in bezug auf die Komplexität und die Geschichte des literarischen Prozesses seit dem 2. Weltkrieg brachte mir die Teilnahme an der Erarbeitung des Bandes, der sich mit der Geschichte der BRD-Literatur befaßte. Er galt als Band 12 der „Geschichte der Deutschen Literatur“ und erschien im Jahr 1983 im Verlag Volk und Wissen. Bei seinem Erscheinen lag eine ziemlich lange Entstehungszeit hinter den Autoren und den Verlagsverantwortlichen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die zehn Bände des Großprojekts zur „Geschichte der Deutschen Literatur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart“ veröffentlicht, die parallel zu einer allgemeinen Darstellung der „Geschichte des deutschen Volkes“ geplant worden waren. Die Konzeption für die Erarbeitung einer deutschen Literaturgeschichte durch DDR-Wissenschaftler ging bis in die sechziger Jahre zurück. 1964 veröffentlichte die Redaktion der „Weimarer Beiträge“ eine „Skizze zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur“, in der eine Arbeitsgruppe erste konzeptionelle Überlegungen für eine Gesamtdarstellung vorstellte. Fragen nach der Herausbildung von Realismus und Humanismus, nach dem Charakter von Menschenbildern konstituierten auch hier die theoretischen Grundlinien für den literaturgeschichtlichen Überblick. In dieser Skizze ging man davon aus, daß auch die Phase der jüngsten deutschen Literaturentwicklung als ein einheitlicher Komplex zu behandeln sein würde. Für die Darstellung der Literaturentwicklung seit dem 2. Weltkrieg, wurde ein Band veranschlagt, der die in der DDR entstandene Literatur zusammen mit der humanistischen westdeutschen Literatur umfassen sollte. Diese Sicht entsprach der in der fünfziger Jahren konzipierten nationalen Politik der DDR-Führung, die auf eine Einheit Deutschlands hinarbeitete. Inzwischen war allerdings eine politische Situation entstanden, in der sich deutlich abzeichnete, daß die Entwicklung in beiden Teilen Deutschlands sich immer stärker voneinander entfernte. Die Integration in zwei verschiedene Blocksysteme und nicht zuletzt die entschiedene Grenzziehung im August 1961 hatten Aussichten auf Annäherung und Vereinigung in weite Ferne gerückt. Den Parteiideologen in der DDR gelang es erst nach und nach, neue politisch konzeptionelle Begründungen und Perspektiventwürfe zu finden. Man begann den Begriff der Nation auf den Kleinstaat DDR zu beziehen, der Terminus sozialistische Nation kam in Umlauf. Sie sollte als Keimzelle eines sozialistischen Gesamtdeutschlands gelten, deren Realisierung erst für eine ferne Zukunft anvisiert war. Das Konzept der nationalen Einheit wurde fürs erste begraben, man rechnete für lange Zeit mit der Realität zweier deutscher Staaten. Zwischen Abgrenzung und der Wahrnehmung besonderer Verantwortung bewegten sich in den folgenden Jahren die politischen und ideologischen Prämissen der DDR gegenüber dem anderen Deutschland.
In diesem Kontext veränderten sich auch die Voraussetzungen für die Erarbeitung einer Literaturgeschichte, besonders für den neuesten Zeitabschnitt. Die Literaturwissenschaftler und Historiker in der DDR waren es gewohnt, sich auf politische Kursänderungen einzulassen und deren Zäsurierungen und Fragestellungen auch im Hinblick auf die Literaturentwicklung zu prüfen. Man rückte nun von der Vorstellung ab, daß die Literatur des jüngsten Zeitabschnittes als ein zusammengehörender Prozeß dargestellt werden müßte, und konzipierte eine geschichtliche Darstellung in zwei getrennten Verläufen. Sowohl die Literaturentwicklung in der DDR als auch die der Bundesrepublik sollte nun einen eigenständigen Band bekommen, Band 11 war der Literatur der DDR gewidmet, während sich Band 12 mit der Literatur der Bundesrepublik befaßte. Der BRD-Band wurde auch als Sonderausgabe innerhalb der Literaturgeschichte ausgestattet. Naturgemäß veränderte diese Trennung auch die innere Konzeption und die Anlage der Bände. Vor allem die Darstellung der DDR-Literatur bekam eine völlig neue Ausrichtung, sie stand jetzt unter der Prämisse der Herausbildung einer sozialistischen Nationalliteratur. Diese Sicht bildete sich im Zusammenhang mit entsprechenden Bemühungen von Ideologen und Philosophen, die die DDR auf dem Wege zu einer sozialistischen Nation sehen wollten, als Keimzelle einer sozialistischen Gesamtnation, selbstverständlich. In welche Schwierigkeiten und Kalamitäten ein solches Konzept die Literaturhistoriker brachte, die es mit einem höchst widersprüchlichen Literaturprozeß zu tun hatten, ist dem 1976 erschienenen Band 11 abzulesen. Der Redaktionsschluß ist mit Oktober 1974 angegeben, aber die Entstehungszeit des Textkorpus dürfte mindestens bis ins Jahr 1968 zurückreichen.
In diesem Zeitraum wurde auch der Band 12 neu konzipiert, die westdeutsche Literatur erschien innerhalb des Gesamtkonzepts nun gewissermaßen als Nebenarm der deutschen Nationalliteraturgeschichte.
Meiner Erinnerung nach bin ich 1977/78 zur Mitarbeitergruppe für Band 12 gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt existierten bereits Ausarbeitungen zu Autoren und ihren Büchern aus den fünfziger Jahren, über Heinrich Böll, Paul Schallück, Hans Werner Richter u.a. lagen Textpassagen vor. Sie wurden mir übergeben, und es war von da an abgemacht, daß ich über die Epik der sechziger und siebziger Jahre zu handeln hatte, später kam dann noch die Darstellung der Dramatik dieses Zeitraumes hinzu. Genauere Absprachen und Festlegungen zwischen dem Leiter unseres Kollektivs, Hans Joachim Bernhard (Rostock), und den Mitarbeitern, Eva-Maria Müller (Rostock), Klaus Pezold, Klaus Schumann (Leipzig), ergaben sich schnell, es entwickelte sich insgesamt eine gedeihliche Arbeitsatmosphäre. Obwohl ich erst später zu der Autorengruppe gestoßen war, hatten wir schnell eine produktive und kameradschaftliche Zusammenarbeit. Das blieb auch so, nachdem Lutz Volke hinzukam, der die Kapitel über die Geschichte des Hörspiels schrieb. Ich denke nicht ungern an diese Zeit.
Im einzelnen möchte ich den Diskussionsprozeß um Konzeption und Anlage des Bandes nicht rekonstruieren. Dazu wären aufwendige Recherchen nötig, für die mir entsprechende Unterlagen gar nicht mehr zur Verfügung stehen und die mir hier auch überflüssig erscheinen. Für meine Entwicklung war diese Zusammenarbeit sehr wichtig, weil ich durch sie konkretere Vorstellungen über die Historizität und Komplexität von Literaturentwicklungen bekam. Heute weiß ich, daß man Literaturgeschichten auf sehr unterschiedliche Art schreiben kann und daß jede Anlage und Methode ihre Vor- und Nachteile in sich trägt. Unserem Unternehmen damals, die Literatur der Bundesrepublik gesondert darzustellen, war unter der Herausgeberschaft von Dieter Lattmann 1973 in der BRD ein erster Versuch vorangegangen, wesentliche Entwicklungszüge der westdeutschen Literaturentwicklung zu beschreiben. Hier war sicherlich weniger als von uns an einer gemeinsamen Konzeption gearbeitet worden; in jeweils abgeschlossenen Kapiteln stellte Dieter Lattmann einleitend Stationen einer literarischen Republik vor, Heinrich Vormweg Entwicklungstendenzen in der Prosa, Karl Krolow schrieb über Lyriker und Hellmuth Karasek über die Tendenzen in der Dramatik. So wie diese Veröffentlichung stellt sich auch unser Band mit allen zeitbedingten und unserer begrenzten Einsicht geschuldeten Problemen dar. Literaturgeschichtsschreibung so nahe an der Gegenwart bleibt ein kühnes Unterfangen mit vielen Risiken, sich zu blamieren, denn man hat es mit einem unabgeschlossenen, nach vorn offenen Prozeß zu tun. Für ihn Festlegungen und einsehbare Gliederungskriterien zu finden bleibt ein Wagnis. Weiterführend an unserem Band erscheint mir noch aus dem Rückblick die Tatsache, daß wir dem Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in vielen Aspekten nachgegangen, ihm in der Darstellung erheblichen Raum gegeben und mit einem sehr weiten Literaturbegriff gearbeitet haben. Die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen des Literaturprozesses, seine verlegerischen Voraussetzungen und die Stellung der Autoren in der Öffentlichkeit einzubeziehen, wurde ein Verfahren, dem später erschienene Darstellungen in vielem folgten. Unser Literaturbegriff schloß nicht nur die traditionellen Gattungen ein, sondern auch die literarische und politische Publizistik der Autoren. Darüber hinaus behandelten wir triviale Massenliteratur, stellten ihre sich verändernden Grundzüge dar, wie sie sich von Beginn an für den westdeutschen Literaturbetrieb herausgebildet hatten. Auch bezogen wir Kinder- und Jugendliteratur sowie die für die Literaturentwicklung in der Bundesrepublik so wesentliche Geschichte des Hörspiels in die Darstellung ein. Problematisch erscheint mir im Rückblick die strikte Anlehnung des zeitlichen Gliederungsschemas an das der allgemeinen Geschichtsschreibung. Bei größerer Übersicht hätten sich gewiß stärker innerliterarische Gliederungskriterien für die Darstellung finden lassen. Auch die Fixierung der Gliederung auf die Entwicklungen der Gattungen, Epik, Lyrik, Dramatik wäre wahrscheinlich stärker zu durchbrechen gewesen, um dem lebendigen Literaturprozeß näher zu kommen. Mitunter wäre es auch besser gewesen, mehr oder anderen Autoren Einzeldarstellungen zu widmen, um dafür andere in Übersichtskapiteln unterzubringen. Die Gewichtung erscheint aus späterer Sicht manchmal unzutreffend und wenig einsehbar. Aber das sind Fragen, für deren Lösung die jeweils konkreten Kontexte ausschlaggebend und die im nachhinein schwerlich gerecht zu beurteilen sind. Einen gewissen Inhaltismus bescheinigte uns beim Erscheinen des Bandes Walter Jens in einer Fernsehkritik, in der er dem Band insgesamt manches Verdienst zusprach.
Für meinen Anteil an den Problemen dieses Bandes veranschlage ich im Rückblick mehrere Defizite. Weil die Voraussetzungen, mit denen wir Geschichtsschreiber zu Werke gingen, sehr unterschiedlich waren, will ich mich vor Verallgemeinerungen in jedem Fall hüten. Für mich kann ich sagen, daß ich noch immer mit einem verengten, zu stark politisierten Literaturbegriff arbeitete, der dem Zeitkontext der sechziger Jahre entnommen war, mit dem ich mich zu beschäftigen und mit dem ich auch meinen Einstieg ins literarische Fach begonnen hatte. Darüber will ich mich an dieser Stelle nicht weiter verbreiten, weil Belege dafür sich auch in den hier geschilderten Begegnungen finden.
Eine anderer Sachverhalt macht mir mehr zu schaffen, bereitet mir aus heutiger Sicht einige Pein. Dabei weiß ich nicht, wie meine Kollegen im einzelnen damit umgegangen sind und heute damit umgehen. Es handelt sich dabei um das „Problem der Unpersonen“, wie ich es nennen möchte. Auf diese Erscheinung trafen wir in der DDR häufig. In Geschichtsdarstellungen, vor allem auch im Rahmen der Geschichte der kommunistischen Bewegung und in ähnlichen Zusammenhängen stieß man allenthalben darauf. Das erstemal begegnete ich diesem Tabu in meiner Tätigkeit als Bibliographin, bei der Mitarbeit an einer großräumig angelegten „Bibliographie zur Geschichte der Kommunistischen und Arbeiterparteien“, die an der Bibliothek des Instituts für Gesellschaftswissenschaften unter der Regie ihres Leiters erarbeitet wurde. Nachdem der 1. Band der Bibliographie im Manuskriptdruck vorlag, wurde die Arbeit plötzlich gestoppt, der Leiter Eberhard Kabus zur Verantwortung gezogen. Der Grund: Es hätten sich Parteifeinde in das Gedruckte eingeschlichen, so hieß es. Wir hatten, unserem bibliographischen Gewissen entsprechend, Artikel und Aufsätze von Personen in das Verzeichnis aufgenommen, die schon nicht mehr zur Partei gehörten, ausgeschlossen worden waren oder längst im Westen lebten und nun als Renegaten oder Verräter galten. Unpersonen waren sie nun geworden, durften nicht mehr genannt werden. Unser Chef bekam dafür ein Parteiverfahren, wurde als Leiter der Bibliothek und des Vorhabens abgelöst. Zuvor waren wir monatelang damit beschäftigt, die Stellen zu schwärzen, auf denen die Namen dieser Unpersonen verzeichnet waren. Erst versuchten wir, die unerwünschten Eintragungen zu überkleben, aber die Namen waren gegen das Licht noch immer zu lesen, nur das Schwärzen brachte den gewünschten Effekt, wie sich zeigte. Noch heute sehe ich uns mit den Bücherstapeln vor den Tischen des Lesesaals in der Taubenstraße stehen, um die Maßgaben von höheren Orts ins Werk zu setzen. Ein solches Erlebnis hinterließ einen tiefen Eindruck. So etwas wollte ich natürlich nicht noch einmal erleben und hielt mich daher, so gut ich es verstand, an das Tabu. Bei der Darstellung der westdeutschen Literatur handelte es sich zumeist um Personen, die die DDR aus politischen Gründen verlassen und sich in der Folgezeit als ihre Kritiker einen Namen gemacht hatten. Manfred Bieler, Horst Bienek, Walter Kempowski, Gerhard Zwerenz gehörten z.B. dazu. Wir hatten natürlich nicht die Absicht, sie völlig zu übergehen, sie zum Verschwinden zu bringen. Nein, wir wollten schon so weitgehend wie möglich unserer Chronistenpflicht nachkommen. Aber wie damit umgehen? Nicht nur bei mir bestand Unsicherheit darüber, wie mit diesen Autoren zu verfahren sei. Welcher Platz sollte ihnen eingeräumt werden? Unsicherheit und die Furcht, etwas falsch zu machen, führten dazu, daß solchen Schriftstellern mit ihrem Werk kein angemessener Raum gegeben wurde. Das geschah eher unbewußt, denn an eine ausdrückliche Verständigung über solche Fragen kann ich mich nicht erinnern. Dieses Vorgehen wird mir im Rückblick bewußter, als ich es damals erlebt habe. Offensichtlich folgte ich darin der seit langem geübten Praxis in der Geschichte der kommunistischen Bewegung, in der es von Unpersonen nur so wimmelte. Erst später bemerkte ich, welcher unbewußte Mechanismus da in mir wirkte. Peinlich, peinlich ist mir das heute, ich muß es offen sagen. Walter Kempowski hat mit seiner Kritik an dieser Praxis, die auch seinen Namen betraf, vollkommen recht. Er hat sie in seinem Rostocker Tagebuch von 1990 mit Namen und Adresse öffentlich gemacht. Es stimmt, daß sein Werk in dieser Literaturgeschichte keine angemessene Würdigung findet und daß es unentschuldbar ist.
Bei der Arbeit damals nahm niemand von meinen Kollegen Anstoß an meinen geringen Voraussetzungen. Wahrscheinlich war es so, daß keiner von ihnen eine genaue Vorstellung von meinen dürftigen Vorkenntnissen hatte. Denn alle anderen waren bereits gestandene Wissenschaftler, bei ihnen sah das jedenfalls durchaus anders aus als bei mir. Immerhin war Klaus Pezold ein Schüler Hans Mayers in Leipzig gewesen, hatte dort früh mit einer Arbeit über Martin Walsers Romanwerk promoviert. Das Thema der Dissertation ging noch auf den verehrten Lehrer zurück, und sie lag bereits veröffentlicht vor. Auch von Klaus Schumann, Spezialist für die Lyrik, gab es bereits Veröffentlichungen. Er hatte über Brechts Lyrik promoviert. Hans Joachim Bernhard hatte eine Habilschrift über die Romane von Heinrich Böll verfaßt, auch deren Ergebnisse lagen gedruckt vor. Außerdem hatte er über die Kriegsbücher von Ernst Jüngers gearbeitet und publiziert. Ich kannte seine Arbeiten aus meiner Studentenzeit. Mich beeindruckte der Kenntnisreichtum der Kollegen, aber ich war erleichtert, daß sie mich ohne Vorurteile in ihren Kreis aufnahmen. Denn ich war mir meiner geringen Voraussetzungen bewußt, war unsicher, aber eifrig bemüht, meine Lücken zu schließen, um an einer so wichtigen Arbeit, wie es eine Literaturgeschichte war, erfolgreich mitschreiben zu können. Viel Eifer und Fleiß brachte ich mit, die Arbeit machte mir Spaß, obwohl mich niemals das Gefühl von Überforderung verließ, das mich im übrigen auf meinem gesamten Weg als Wissenschaftlerin begleitet hat.

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