Weiss, Ruth

Miss Moores Hausparty

[= Edition Ruth Weiss], ISBN 978-3-89626-866-2 ,Roman, 228 S., 2010, 13,80 EUR
 

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Miss Moore war erstaunt, von Lady Denning zu einer sogenannten Hausparty eingeladen zu werden, also zu einem kurzen Aufenthalt im Landhaus des Industriellen Sir Herbert Denning im New Forest.

Sie erfuhr dann sehr schnell, dass Lady Denning, eine begeisterte Hundezüchterin, Hilfe benötigte. Sir Herberts Lieblingshund war entführt worden, während der Hausherr auf Reisen war. Lady Denning mochte deswegen nicht zur Polizei gehen, sie befürchtete jedoch, dass jemand versuchte, ihrem Mann zu schaden. Er hatte auch mehrere Drohbriefe bekommen, die er aber nicht ernst genug nahm. Da Sir Herberts Feinde womöglich seiner engsten Familie entstammen könnten, vielleicht sogar unter seinen ehemaligen Ehefrauen und Kindern zu finden wären, soll Miss Moore herausbekommen, wer hinter der Entführung und den Briefen stecken könnte.

Im Lauf der Party geschieht jedoch ein Mord, so dass die Polizei doch eingeschaltet werden muss und mit Miss Moores Hilfe gelingt es am Ende, die Entführung aufzuklären und den Mörder zu stellen.

 

 

Leseprobe

 

AFRIKA

Der Minister für Industrie freute sich über den wichtigen Besucher aus Europa. Dieser schmächtige Mann, Finanzdirektor eines internationalen Multis, kannte sich gut in Afrika aus. Eine der Tochtergesellschaften seiner Firma investierte in afrikanische Bergwerke und Schürfrechte. Diesmal gehe es nicht um Investitionen, erklärte der Finanzier dem massiv gebauten Minister bei einem privaten Essen in seiner Hotelsuite im »Intercontinental« der Hauptstadt. Der alte Kontinent sei längst überfordert, meinte er, es gäbe wenig Platz, um veraltete Chemikalien zu lagern. Afrika hingegen sei groß, die weiten Flächen und der Busch immens.

Oh ja, stimmte ihm der Minister zu, während er sich etwas von der Fleischplatte nahm: »Afrika hat viel Land.«

Eben. Deswegen könnte man dort so einige überflüssige Ware wunderbar ablagern. Fachgemäß, versteht sich. Das würde organisiert werden. Schweizer Bankkonten könnten ebenfalls organisiert werden. Man – also Alt-Europa – würde sich dabei nicht lumpen lassen.

So kam es, dass eines Tages eine riesige Schiffsladung im Hafen auf Containerlastwagen geladen und ins Landesinnere gebracht wurde. Keiner der beiden Herren war jemals in der Nähe des Ortes im Busch gewesen, die der Minister für Agrarangelegenheiten ihnen zugewiesen hatte und wo eine Lagerstelle für viele Tausend Tonnen alter Pestizide ausgehoben wurde. Die beiden Großfarmer und die Dorfbewohner, die dort am Rande des Buschs lebten, beobachteten die Ausgrabung mit Interesse und benutzten die Stelle auch für ihren Müll. Über Jahre.

Mysteriöse Krankheiten traten in dem Gebiet auf, akute sowie schleichende Erkrankungen. Der Ort schien wie verhext, viele Menschen verließen das Dorf mit den Gebeinen der Ahnen und flohen in die Stadt oder rodeten erneut den Busch an einem anderen Platz.

Nach und nach verschwand alles Leben. Wo einst Dorfbewohner Hirse und Mais ernteten, Viehherden im Busch weideten und am Fluss tränkten, ist die Erde verpestet, die Saat verkümmert, der Fluss ausgetrocknet.

Manchmal landen Experten in lauten Hubschraubern, tragen saubere Gesichtsmasken, holen Erdklumpen mit Plastikhandschuhen zu Laboruntersuchungen. Die Experimente ergeben wenig. Das ist auch nicht überraschend. Die Natur, nicht der Mensch, kann allein das verlorene Land erneut zum Leben erwecken.

Ich bete um Vergeltung an den Tätern.

 

 

1.

Miss Emily Moore war nie gelangweilt. Nicht einmal im Ruhestand. Seitdem sie nach Little Benton On Sea an der Südküste Englands gezogen war, hatte sie stets etwas zu tun. Und wenn es nur Arbeit im Rosengarten zusammen mit Jim, dem brummigen Gärtner war. Oder ein Besuch im nahen Badeort Brighton, dessen buntes Leben sie schätzte. Miss Moore, eine eingefleischte Monarchistin, dankte dem dicken George IV., dass er seinen königlichen Pavillon in Brighton damals im 18. Jahrhundert erbauen ließ, als er noch Prinz Regent war und für seinen Herrn Vater, den dritten George, einspringen musste, wenn dieser wieder einmal im Wahnsinn versunken war. Miss Moore setzte sich stets in den Garten des Pavillons, um sich an den verzierten Kuppeln und schmalen indischen Türmen zu ergötzen, während sie ihren starken Tee mit Milch und einem Löffel Zucker genoss.

Dort saß sie an einem freundlichen Herbstnachmittag, ohne diesmal die Kuppeln und Türme zu beachten. Wie immer war sie angemessen doch modern für ihr Alter gekleidet, und zwar in einem gut geschnittenen, dunkelblauen Hosenanzug. Sie hatte ihren 80. Geburtstag nun hinter sich, aber ihre Augen, wenn auch nicht mehr so gut wie früher, sahen aufmerksam um sich. Natürlich hatte sie Falten um den Mund und auf der Stirn, auch einige Altersflecken, aber insgesamt war sie rüstig. Vor allem waren ihre geistigen Fähigkeiten ungemindert und dafür war sie ihrem Gott recht dankbar.

Während sie ihren Tee genoss, dachte sie nach. Über eine Einladung, die sie erreicht hatte, als sie gerade in ihr Auto steigen wollte, um nach Brighton zum Einkaufen zu fahren. Erst, nachdem sie alles erledigt hatte und es sich im Pavillon Garten an einem Tisch bequem gemacht hatte, öffnete sie ihre Briefe. Darunter war eben jene formelle Einladung.

Sir Herbert und Lady Denning baten Miss Emily Moore an einer Hausparty in »Rufus Priory«, ihrem Haus im New Forest, Hampshire, teilzunehmen. Und zwar bereits am kommenden Wochenende. Jemand namens Janice hatte in einer handgeschriebenen Notiz am Rand erklärt, sie hätte Miss Moores neue Adresse erst jetzt in Erfahrung bringen können, obwohl die Party sowie diese Einladung schon seit einiger Zeit geplant seien. Die Adresse, die Einladung, sowie die geschriebenen Worte waren an ›Miss Moore‹ gerichtet, nicht an Baroness Moore, der Titel den Ihre Königliche Hoheit Miss Moore zu deren Freude verliehen hatte und den sie selten benutzte, da sie so etwas zu hochtrabend für ihre Person hielt. Vor allem den Titel Baroness Moore von Fairview gab sie nie an, denn es war ihr kein anderer Name eingefallen als der Name der Farm, auf der sie geboren wurde. Trotzdem: Bei einer formellen Einladung wäre die Anrede passend und richtig gewesen. Miss Moore musste also annehmen, dass Lady Denning – wenn sie diese Janice war – nichts von ihrem Titel wusste. Was bedeutete, dass es sich hier um jemanden handelte, der Miss Moore nicht aus ihrer Dienstzeit und auch nicht als Präsidentin des Cambridge College für Frauen kannte, eine Stellung, die sie vor ihrem Umzug nach Little Benton mehrere Jahre ausgeübt hatte. Mit Sicherheit, wie ihre Freunde bezeugt hätten. Das also warf zwei Fragen auf: Wer war Lady Denning? Und was wollte sie von Miss Moore?

»Rufus Priory« überlegte Miss Moore, ja, das war passend für den New Forest, dieser schöne Wald, den der Normannenkönig Wilhelm der Eroberer etwa 13 Jahre nachdem er die Engländer 1066 bei Hastings besiegt hatte als königliches Jagdrevier anlegen ließ. Und der noch immer der Krone gehörte, wobei die »Commoner«, die einfachen Bürger, ihre Tiere gemeinsam dort weiden konnten, auch wenn kaum einer das noch tat. Der Eroberer hatte ein merkwürdiges Testament aufgezeichnet, sodass bitteres Blut zwischen den Brüdern entstanden war. Robert erhielt die Normandie; seinem Sohn Wilhelm mit dem Beinamen »Rufus der Rote« vermachte er England; dem Jüngsten, Henry hinterließ er 5000 silberne Pfund. Rufus starb kinderlos, sodass Henry sein Nachfolger wurde. Nur gut, dass später die königliche Nachfolge besser geregelt war. Was trotzdem auch nicht immer ohne Blutvergießen vor sich ging. Was sollte »Priory«, also »Kloster«, bedeuten? Wilhelm II. war nicht bekannt als besonders fromm. Wahrscheinlich hatte vor der Enteignung vieler Abteien und Kirchen im 16. Jahrhundert durch den formidablen achten Henry, irgendein Abt oder anderer kirchlicher Würdenträger den Namen Rufus getragen …

Ach, was plagte sie sich mit uralter Geschichte herum! Verärgert über sich selbst, konzentrierte sich Emily Moore wieder auf die Einladung. Sie wusste, dass ihr Gedächtnis sie selten im Stich ließ. Ein ungewöhnliches Gedächtnis, für das sie sehr dankbar war: Noch immer konnte sie etwas lesen und es wortgetreu zitieren. Eine Gabe, die ihr sehr geholfen hatte.

An eine Janice, mit oder ohne »Lady«, konnte sie sich nicht erinnern. »Sir Herbert« war ebenfalls kein Begriff. Sollte sie diese unerwartete Einladung annehmen? Eine Hausparty: Das klang wie etwas aus den 20er oder 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es erinnerte an Agatha Christie und ihre typischen Geschichten mit Leichen, die immer in der Bibliothek gefunden wurden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es derartige Partys in bestimmten Kreisen gegeben, doch zu dieser Zeit war Emily Moore zu beschäftigt – und oft außer Landes – gewesen, um sich für so etwas zu interessieren oder daran teilzunehmen.

Ein ganzes Wochenende von Freitagnachmittag bis Montag früh oder noch länger – die Einladung hieß nicht »Wochenendparty«, sondern es stand ausdrücklich: »Party beginnend am Freitag dem 30. September …« – mit fremden Menschen zu verbringen, war nicht gerade eine verlockende Vorstellung. Vor allem, da sie sich nicht langweilte: Da war ein Beitrag zu einer wissenschaftlichen Zeitschrift, um den man sie gebeten, aber den sie noch nicht in Angriff genommen hatte, dazu das kommende Treffen der ehemaligen Studentinnen ihres College, für das sie sich eine kleine Rede überlegen musste, sowie das Geburtstagsfest des Enkels ihrer Haushälterin Mrs. Williams, zu der sie herzlichst eingeladen war. Trotzdem war die Einladung nach Rufus Priory verlockend. Denn auf der Rückseite hatte sie eine zweite, mit Bleistift geschriebene, fast unleserliche Notiz entdeckt, wahrscheinlich ebenfalls von dieser Janice: »Bitte – wir brauchen Sie«. Hm.

Resolut wie immer stand Miss Moore auf, klopfte den Rock ab, damit die Krümel des Kekses, den sie gerade gegessen hatte, auf das Gras fielen, stapfte zuerst in das nächste Internetcafé und – eine halbe Stunde danach – zum Brightoner Postamt.

...

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