Ruth Weiss

 
Deborah
Historischer Roman, [= Edition Ruth Weiss, Bd. 6], 2009, engl. Broschur, 274 S., ISBN 978-3-89626-865-5, 14,80 EUR    

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Zusammenfassung



England im Juli des Jahres 1271. Es ereignen sich mehrere Vorfälle, die anscheinend nichts mit einander zu tun haben, aber doch zusammen hängen.
Die Jüdin DEBORAH, Nichte des Arztes Aron ben Gideon entdeckt am frühen Morgen eine Kindesleiche vor ihrem Haus. Es geling ihr, die Leiche verschwinden zu lassen, aber es ist ein böses Zeichen für die jüdische Gemeinde. Jemand will Unheil herauf beschwören. In der Tat wird das jüdische Viertel in London angegriffen, die Parnassim, die Führer der Gemeinde, werden gegen Lösegeld im Tower festgehalten.
Kurz zuvor war ein Bote nach London, Sohn eines jüdischen Geldhändlers verschwunden.
Zur selben Zeit bricht auch Unheil über Sir Leonard de Beuel aus, ein Ritter der Aron und Deborah bekannt ist. Er wird verdächtig für den Mord des Verwalters eines Hertford Gutes verantwortlich zu sein.
Deborah macht sich mit ihrem behinderten Vetter GAD nach Hertford auf und hilft den Mörder des jüdischen Boten sowie des Verwalters aufzudecken.
Die Geschichte ist ein Auftakt zur Vertreibung der Juden aus England im Jahr 1290 durch Edward I. Erst zu Oliver Cromwells Zeiten durften Juden wieder nach England zurückkehren.



Leseprobe

 


PROLOG
Hertfordshire, 2. Juli 1271

Es war noch nicht dunkel als der würdige Herr Derek Carstair, Bürger der Stadt London, Vorsitzender der Wollhändler Gilde, erfreut war, die ersten Häuser eines Dorfes zu sehen. In wenigen Minuten würde er in dem Kloster Halt machen können, in dem er und sein Gefolge auf dem Weg in den Norden übernachten hatten. Der würdige Herr und sein Gefolge ritt entlang einem Pfad an der Seite des Lea Flusses, der in die Themse mündete. Vor vier Jahrhundert waren hier die Dänen entlang gesegelt, waren aber nicht bis London gekommen. Vor der Ankunft des Eroberers Wilhelm I war hier die Grenze verlaufen zwischen Danelag und der angelsächsischen Grafschaft Wessex. Wilhelm hatte in Hertford eine Festung errichtet, aber diese war nicht das Ziel der Reisenden.
Der ehrbare Herr, einer der wohlhabendesten Bürger seiner Stadt, dachte auch nicht an die Vergangenheit sondern an die nahe Zukunft, in der er hoffte, sich in den Besucherräumen des nahen Benediktinerklosters erfrischen konnte. Gerade waren sie an einer Biegung des Flusses angekommen, in deren Nähe das Kloster lag. Nach sechs Stunden im Sattel in seinem Alter von über fünfzig Jahren und mit seinem wohlgenährten Leib, waren das mehrere Stunden zuviel. Er zog den breiten Rücken seines Pferdes einem bedeckten Wagen vor, so etwas hatte er nur einmal benutzt, wonach ihm trotz der Kissen und Decken jeder Knochen schmerzte. Vier schwer bewaffnete Diener ritten vor und hinter dem Herrn und seinem jüngsten Sohn, der ihn auf dieser Reise begleitete, gefolgt von zwei Packpferden sowie zwei Bauernkarren und einem Reiter, die sich dem Herrn angeschlossen hatten. Es war sicherer in Gesellschaft als allein zu reiten.
Unbewusst lockerte der Herr in Erwartung der Ruhe und Erfrischungen die Zügel und fiel in einen leichten Trab, die anderen ebenfalls. Sie bemerkten nicht, was hinter ihnen geschah.
Der Reiter am Ende des kleinen Zuges hatte noch nicht die Biegung umrundet und war noch außer Sicht der Gruppe, als plötzlich ein Mann aus dem Dickicht ausbrach, sich hinter ihm auf sein Pferd schwang, ihm geübt die Zügel entriss, ehe er sich wehren konnte. Der Reiter verlor das Gleichgewicht, stürzte vom Pferd und prallte zu Boden. Der Angreifer sprang herab, warf den bewusstlosen Mann über das schnaubende Tier, sich selbst in den Sattel und galoppierte in die entgegen gesetzte Richtung des ehrenwerten Bürgers und seinen Begleiter.
Am Kloster angekommen, stutzten zuerst die Bauern und fragten nach dem Verbleib des Reiters. Bis vor kurzem hätte er die Hufe des Pferdes gehört, versicherte einer. Sicher bis zur Biegung. War dort der Reiter gestürzt? Der Prior entsandt zwei der Laienbrüder, die unverrichteter Dinge zurückkamen. Sie hatten auf dem Pfad nichts entdeckt. Der Mann war verschwunden.
Der würdige Herr kannte dessen Namen und Geschäft. Niemand Wichtiges. Das konnte dem Sheriff gemeldet werden.


1. SCHOCK
London, 15. Juli 1271

Der gewohnte Gestank schlug der jungen Frau sofort entgegen, als sie durch die Hintertür trat. Schmutz und Unrat von Mensch und Tier lag überall dicht in den engen Gassen Londons, wie hier in der Gresham Street. Dienstmägde, zu faul um die Treppen hinab zu laufen, trugen zu dem Gestank bei, indem sie wie gewohnt die Nachttöpfe aus den oberen Stockwerken in die Rinnsäle entleerten. Die Rinnsäle, durch die Kloaken- und Regenwasser sowie Wasser aus den Pumpen und Quellen gurgelte, trennten die Straße von den Fußwegen entlang der eng an einander liegenden Häuser. Vom Fluss wehte ein leichter Wind den Geruch des gelandeten Fischfangs durch die gewundenen Gassen.
Die zierliche Frau, die auf den Namen Deborah hörte, war dankbar, dass um diese frühe Stunde kurz nach Sonnenaufgang nur wenige Karren durch London ratterten. Und keine vornehmen Sänfte oder Reiter. Sie trug einen Einkaufskorb, da sie wegen dem kommenden Fasttag vor allem Fisch kaufen wollte, für die erste Mahlzeit nach dem Fasten. Sie brauchte Zeit um zum Fluss zu laufen. Zwar würde sie nicht vor den Händlern ankommen, die sich um die eingelaufenen Boote mit ihren Fang drängten, aber die meisten Fischer bedienten gern Mägde aus den großen Häusern. Die kauften größere Mengen wie die Einwohner der vielen strohbedeckten Holzhäuser und zahlten, ohne lange zu feilschen wie die Händler, die später den Fisch mit ihren stinkigen Karren zur Fish Street schieben würden. Deborah wollte ihren Fisch selbst aussuchen. Sie wusste, man würde sie für eine Magd halten, in ihrem dunkelgrauen, ungegürtetem Kleid mit dem gleichfarbigen Umhang und der dunklen Haube, den einfachen Leisten unter derben Strümpfen. Das feine Leinen des Unterkleids war nicht zu sehen.
Der Nachtnebel lag noch über London, schimmerte über die niedrigen Dächer und umhüllte die Frühaufsteher, die fleißig wenn auch ermüdet ihren Geschäften nachgingen. Die ersten Rufe der Händler ertönten um ihre Ware anzupreisen, gedämpft durch den Hauch des Nebels. Deborah trug wie alle Damen und Herren einen Beutel mit süßriechenden Kräutern um den Hals, und hielt diesen an Mund und Nase. Deshalb stockte sie eine Sekunde vor der Tür, wodurch sie bemerkte, dass etwas auf der Straße lag. Ein toter Hund, dachte sie traurig, die herrenlose, hungrigen Tiere taten ihr Leid, obwohl sie selbst nie einen besessen hatte, ihr Onkel hielt sie für unrein. Nur Katzen ließ er zu, damit sie die Mäuse und Ratten in Schach hielten, wie er meinte. Onkel Aron! Wie immer wenn sie an ihren gütigen, gelehrten Onkel dachte, wurde es Deborah warm ums Herz. Er hatte ihr die Eltern ersetzt, mehr noch, er war ihr Lehrer geworden, hatte sie formell während der Kindheit unterrichtet. Noch immer lernte sie von ihm! In Aron ben Gabriels Gegenwart fühlte sie sich geborgen.
Leicht kurzsichtig blinzelte Deborah, beugte sich vorwärts. Erschreckt stieß sie einen leisen Klagelaut aus, fasste sich jedoch sofort. Vorsichtig blickte sie um sich, erleichtert, dass der Nebel sich anscheinend verdichtete. Resolut bückte sie sich, hob die kleine Last auf und warf sie in den Korb. Wie gut, dass sie ein Tuch dabei hatte um den Fisch zu bedecken, da sie noch einiges anderes besorgen wollte.
Sie spürte, wie Angst drohte ihr den Magen umzudrehen. Ihr Herz klopfte dermaßen, dass sie meinte, das müsste die Nachbarn aufwecken. Sie konnte nicht denken, lief ohne Überlegung zur Stadtmauer, an dem Aldersgate vorbei, eine der sieben Londoner Tore, die bei Sonnenaufgang geöffnet wurden. Sie achtete nicht darauf, dass sie von ihrem Weg abgekommen war. Schwer, ruhig zu sein, sagte sie sich, aber versuchen musst du es! Endlich gelang es ihr die zitternden Hände zu beruhigen und mit schnellen Schritten zum Fluss zu gehen, den sie erreichte, als längst Fischer und Händler sich laut im Gespräch befanden. Sie hatte Glück, ein alter Fischer, bei dem sie öfters gekauft hatte, sah sie und hielt lachend zwei große Fische in die Höhe, die sie sofort entgegen nahm und schnell die Münzen aushändigte. Sie vergaß nicht, zu lächeln so gut es ging und ihm zu zurufen: „Glück hat er! Ich bin in Eile, sonst wär er nicht so leicht mit dem Wucherpreis weg gekommen!“
„So so! In Eile? Wartet der Liebste auf Euch?“ Der Mann grinste breit. „Wenn Ihr ihn Leid seid, kann ich sorgen, dass Ihr nicht allein im Kalten liegt!“
Deborah rief über die Schulter, die Stimme gequält laut: „Ha! Ich mach mir wenig aus Fischgestank!“ und tauchte schnell in der Menge unter, zufrieden, dass der Fischer sich dem Nächsten zuwandte. Sie blickte vorsichtig um sich, spürte erneut die Angst, die ihr fast die Kehle zuschnürte. Sie kannte keinen der anwesenden Händler. Niemand beachtete sie. Keine Dienstmagd war zu sehen. Auch ihresgleichen nicht, sicher war ihnen der Nebel noch zu dicht.
Sie strebte dem Cripplegate zu, das wie die anderen Stadttore schon geöffnet war. Sie ging langsam, zwang sich nicht nach Wächtern oder deren Familien Ausschau zu halten, sondern ihren Weg zu gehen. Hinter dem Tor lag das Dorf Islington, in den Feldern die dorthin führten, vertrieben sich die jungen Männer der Stadt die Zeit mit ihren Spielen an freien Tage. Hier in der Nähe lag auch der Gute Ort, der jüdische Friedhof. Ihr gelehrter Onkel hatte ihr erzählt, dass Cripplegate das nördliche Tor einer römischen Festung war, aber daran dacht sie nicht.
Trotz ihrer Aufregung merkte sie, dass der Nachnebel sich noch nicht ganz erhoben hatte, es würde ein trüber Sommertag werden. Erfreut über den Schutz, der ihr der Nebel verlieh, der wohl selbst den Bewohnern der massiven Gebäude auf den Torseiten den Ausblick verwehrten, lief Deborah zu dem kleinen Tor, das bestimmt heute, einen Tag vor dem wichtigen Fasttag, nicht verschlossen sein würde. Morgen war nach Zeitrechnung ihres Volkes der 9. Aw. An diesem Tag im Jahr 586 vor der christlichen Zeitrechnung war Salomons Tempel von den Babylonier, dann 70 Jahre nach dieser Zeitrechnung, der zweite Tempel von den Römern zerstört worden.
Tisha b’Aw. Ein Unglückstag. Und ein Trauertag, an dem wie am Versöhnungstag man den Toten gedachte. Passend, dass sie den Guten Ort aufsuchte. Lag nicht ihre liebe Mutter selig, Rebekka bas Gideon dort? Und neben ihr, ihr Sohn, Deborahs Bruder Israel ben Samson, um nur an die nahen Verwandten zu denken. Nur der Vater war dort nicht bestattet. Es war für Frauen nicht üblich, den Friedhof zu besuchen, doch es würde niemand wundern, dass Deborah es tat, war sie doch unter ihren Leuten als eigenwillig bekannt. Hatte sie nicht damals bestanden, zu Mames Beerdigung zu gehen? Aron ben Gideon hatte es erlaubt, hatte sie aber abgehalten, danach den Friedhof wieder zu besuchen. Männer taten es mindestens einmal im Jahr am Versöhnungstag, es war nun mal ihre Aufgabe das Kaddish, das Totengebet zu sprechen. Das ist nicht deine Mame, die dort liegt, hatte der geliebte Onkel erklärt, das ist ihre sterbliche Hülle. Sie lebt bei uns, bei dir, in unseren Erinnerungen. Wenn der Messias kommt wird sie auferstehen.
Deborah huschte durch das Tor des Friedhofs und sah sich bebend um. Sie konnte nur den Umriss eines kleinen Gebäude sowie die ersten Steine am Rand erkennen, hier war der Nebel sehr dicht. Sie überlegte. Wo würde der Totengräber sein Werkzeug aufheben? Nicht in dem scheunenartigen Gebäude, dem Tahara Haus, wo die Toten gewaschen und für das Begräbnis vorbereitet wurden. Vielleicht daneben?
Den Korb noch immer fest an sich haltend, lief sie dorthin, sah zu ihrer Erleichterung eine Schaufel an einer Mauer vom Taharahaus angelehnt. Anscheinend hatte es kürzlich ein Begräbnis gegeben. Sie hatte zwar nicht gehört, dass jemand unter der etwa 300 starken Londoner Gemeinde gestorben war, aber es gab ja sehr lange nur diesen einzigen Ort, an dem Juden in England ihren letzten Ruheplatz finden durften und einige kleinen Gemeinden beerdigten noch immer ihre Toten in London. Der Zwang war lange schwer gewesen für die in den siebzehn anderen Städten, in denen Juden sich vor etwa zweihundert Jahren, also seit 1070 angesiedelt hatten.
Sie kamen auf Einladung des Siegers der Schlacht bei Hastings im Jahr 1066, also vier Jahre zuvor, des Normannen Herzog, der Eroberer Englands, der als William I den englischen Thron bestieg. Er hatte danach den Angel-Sachsen ihre Besitztümer entrissen, das Land unter seinen Getreuen aufgeteilt und so den Feudalismus eingeführt, mit seinen Lehen und Lehensmänner, Burgen und Ritter. Der König war Lehnsherr seiner Adligen, sie hatten das Sagen über ihre Domäne, das aus eigenen Land bestand sowie aus dem, das sie an freie Bauern verpachteten. Die mächtigsten der Herren in ihren Burgen, auch der andere Adel in ihren prächtigen Herrensitzen hatten das Sagen in ihren Domänen über Dörfer, Flur, Feldern und Wäldern. Dafür beschützten sie ihre Vasallen, die Hörigen, also die freien Bauer, cottagers - Tagelöhner, Leibeigene, die wiederum viele Pflichten gegenüber den Herren hatten. Vor allem mussten sie mit ihren Herren für den obersten Lehnsherr, den König, in den Krieg ziehen. Die Ritterschaft bestand aus dem niedrigen Adel oder aus jüngeren Söhne der noblen Familien, deren Erbe sich nicht mit dem des ältesten Sohnes messen konnten. Ritter dienten dem König und den mächtigen Baronen, sie suchten Ehre und Reichtum mit dem Schwert.
Den Juden die der Normannenkönig holte, war es gut gegangen, auch unter Williams Nachfolgern, von denen sein Sohn Henry I ihnen einen königlichen Charter ausstellte. Das erlaubte ihnen unter anderem, Grundstücke in den Städten zu kaufen und verkaufen, sich frei zu bewegen, ohne irgendwo Zoll zahlen zu müssen. Sie konnten ihren Oberrabbiner bestimmen sowie ihr eigenes Gericht, das Beth Din. Mit Genugtuung dachte Deborah, dass dieses gerechter war, wie die Gerichte der Christen. Und da der König die Juden als sein Eigentum betrachtete, galt der Eid eines Juden soviel wie der von zwölf Christen!
Aber – für Juden gab es stets ein ‚aber’ – sie waren nicht Teil des komplexen Lehensystem! Ihnen stand kein Land zu, also hatten sie keine Pflichten gegenüber einem Lehnsherr, trugen keine Waffen wie die Vasallen. Deswegen übernahm der König ihren Schutz und betrachtete sie als seine persönlichen Kammerdiener. Es war ihnen verboten zu handeln, nur mit Geldangelegenheiten sollten sie sich beschäftigen. Das war hart. Dieses Handelsverbot, das natürlich von den mächtigen Gilden der städtischen Händler zugute kam, beschränkte die Verdienstmöglichkeiten. Nur jüdische Metzger, Ärzte, Apotheker - oder Schriftgelehrte, die von ihren Familien unterstützt wurden – gingen einer Tätigkeit anders als Geldhandel nach.
Trotzdem gab es damals große Hoffnungen! Juden siedelten in verschiedenen Orten an, wo sie sich ihre Häuser bauten, nicht nur in der Hauptstadt London. Der gehasste und teure Schutzbrief, das Geleit, dass Behörden auf dem Kontinent Juden ausstellten und ihnen damit erlaubten, sich anzusiedeln, wurde in England nicht eingeführt. Wenn sie es richtig überlegte, schien es, als ob Juden, da sie nicht in die strikte Gesellschaftsordnung eingebunden waren, in vieler Hinsicht besser gestellt waren wie die unteren Stände der Hörigen, also der freien Bauern, Leibeigenen oder Tagelöhner. Die Bauern waren nicht ganz frei, sie mussten auf dem Land der Lehnsherren drei Tage die Woche arbeiten, abgesehen von anderen Pflichten, die Tagelöhner in ihren armseligen Hütten mussten sehen, wie sie zurecht kamen und über Leibeigene verfügte der Lehnsherr sowieso. Er beschloss, welche Arbeit sie auf seinem Land oder in seinem Haushalt verrichten sollten.
Die Juden trauerten seit langem den ersten Normannenkönigen nach. Seitdem hat sich unsere Lage sehr verschlechtert, dachte Deborah betrübt. Man besteuert uns hart und versucht uns in jeder Hinsicht einzuschränken, dazu kommt die Feindseligkeit der Kirche, die lehrt, dass wir Jesusmörder sind. Die Kreuzzüge haben viel Unheil über uns gebracht, auf dem Festland und auch hier in England! Das Volk das nicht lesen oder schreiben kann, ist so leicht zu beeinflussen! Immer wieder tauchen dieselbe Beschuldigungen auf, nicht nur, wegen der Kreuzigung ihres Heilands – obwohl das auch widersprüchlich ist, wie Onkel Aron meint. Er sagt, auf der einen Seite lehren die Kirchenmänne, dass der Tod des Erlösers notwendig war um zur Erlösung zu führen – auf der anderen klagen sie uns an und verdammen uns in alle Ewigkeit, weil sie uns für den Tod verantwortlich machen!
Immer wieder plündern und berauben sie uns! Eigentlich soll der König durch seine Amtsmänner uns beschützen. Aber - wer möchte Juden wirklich beschützen? Nicht der jetzige Anjou-Plantaganet König Henry III. Der wurde schon als Neunjähriger gekrönt, im Jahr 1216, zehn Jahre vor der Geburt von Deborahs Vater, den sie nicht kannte, sie war zwei Jahre alt, als er starb. Der König saß noch immer Jahre auf dem Thron, hatte bis jetzt 55 Jahre regiert. Ein Herrscher, der nicht gerade für seine Judenfreundschaft bekannt war! Unbewusst berührte Deborah die Stelle an ihrem Kleid unter dem Umhang, an dem das kleine Abzeichen mit den zwei Torarollen angebracht sein sollte, das sie aber auf diesem unscheinbaren Rock nie trug. Es war eins der Judendekreten dieses Königs, das diesen Schandfleck verordnet hatte. Wenn sie plante, länger unterwegs zu sein, trennte sie das kleine Stück Stoff ab, auch wenn es streng verboten war.
Deborah überlegte, wo das Grab der Mutter lag. Dort konnte sie sicher sein, niemand würde das Grab besuchen, also würde niemand merken, wenn sie dort die Ruhe der Toten störten würde. Aber es war fast sieben Jahre her. Sie war damals noch nicht zwölf, fast noch ein Kind gewesen. Nein, nein, kein Kind mehr, mit zwölf galten Mädchen als erwachsen! Aber seitdem waren viele neue Gräber dazu gekommen. Sie konnte sich nicht erinnern wo sie es finden würde.
Sie fühlte wie Panik sie packte. Wieder sagte sie sich, dass sie sich beruhigen sollte. Sie musste etwas tun, schnell tun. Es war Sommer, der Nebel würde sich bald lichten! Sie hatte keine Minute zu verlieren! Warum war sie nicht sofort, vor dem Fischmarkt, hierher gekommen! Sie begann zwischen den Gräbern zu rennen, sie brauchte ein Grab, das abseits lag, das...Sie hielt inne. Atmete mehrmals tief ein und aus um sich zu beruhigen. Sie hatte etwas gesehen. Einen Haufen mit Erde! Das frische Grab. Sie brauchte nicht weiter zu suchen.
Einen Dankessegen sprechend, sah sie sich wieder hastig um. Nachdem sie das Grab erreicht hat, wusste sie, warum der Spaten noch an der Wand gelehnt hatte: das Grab war noch nicht richtig gefüllt. Der Leichenzug mit dem oder der Verstorbenen war wohl spät angekommen, kein Wunder nach einer langen Reise. Der Leichnam in seinem Totenhemd und Leichentuch war zwar mit Erde bedeckt, aber der Totengräber hatte nach dem Begräbnis das Loch nicht gefüllt. Tränen der Dankbarkeit liefen über ihr Gesicht, während sie das Fischtuch mit seinem grausigem Inhalt aus dem Korb hob, sich flach hinlegte um dieses hinunter gleiten zu lassen. Dann begann sie zu arbeiten, schüttete genug Erde hinab um beides fest zu bedecken, die rechtmäßige Leiche sowie das andere, Unerwartete. Der Totengräber würde sich wenig Gedanken machen. Sie würde längst verschwunden sein, wenn er kam um seine Arbeit zu beenden.
Sie musste mehrmals Luft holen, ehe sie bereit war, sich auf den Rückweg zu begeben. Inzwischen war die Stadt erwacht, mehrmals musste sie an die Seite gehen um einen Karren auszuweichen. Sie ging nicht direkt nachhause, sondern wandte sich der Bread Street zu um Wecken und Brot zu holen, ehe sie zur Milk Street ging, wo sie sich ihren Topf mit Milch füllen ließ. Versunken in ihre Gedanken, beachtete sie die Umgegend nicht und ließ fast den Krug fallen, als jemand sie am Rock zog. Sie drehte den Kopf, sah ein schmales, verhärmtes Gesicht, ängstliche Augen unter einem Tuch, das die braunen Haare fast ganz verdeckte. Eine Bettlerin schon so früh am Morgen?
„Bitte, die Dame – ich suche Arbeit. Ich tue alles, nichts ist mir zuviel!“
Deborah blieb stehen. Die Person war jung, der Schal um die dünnen Schultern schützte sie kaum vor der herben Morgenluft. „Ihr kommt vom Land?“ fragte sie mitleidig, Sie hatte gehört, dass immer mehr Hörige – Leibeigene und freie Bauern – versuchten, sich in den Städten anzusiedeln. Wenn sie schafften, ein Jahr durchzuhalten, galten sie als frei, ihre Herren konnten sie nicht zur Rückkehr zwingen.
Eine junge Frau ohne Empfehlung würde es schwer haben, Arbeit in einem Haushalt zu finden. Und in jüdischen Familien wurden die armen Verwandten eingestellt! Impulsiv nahm Deborah einige Wecken aus dem Korb, die sie der Frau in die zitternden Hände mit einigen Kupfermünzen gab und sagte: „Arbeit hab ich nicht, es tut mir Leid. Auch nur diese Münzen!“
Sie schritt weiter. sah nicht mehr, wie die Bäuerin mit dem Namen Kate Cooper hungrig in das Brot biss und ihr ein leises „Vergelts Gott“ nachrief. Das Geld würde ihr ein Nachtlager verschaffen. Nun konnte sie den Tag damit verbringen, weiter bei den größeren Häusern nach Arbeit zu suchen, vielleicht würde jemand sie den Küchenmägden oder Wäscherinnen helfen lassen. Sie hatte nicht erwartet, dass es so schwer sein würde!
Kate war bereits mehrere Tage in der Stadt. Wie konnte sie weiter im Dorf bleiben? Kate war ein lebenslustiges Mädchen, das hübscheste im Dorf. Seit einem Jahr war sie dem George versprochen, ein Nachbarsohn. Er war ohne Erlaubnis des Herrn nach Cornwall gegangen, er wollte in den Zinn Bergwerken Geld verdienen und Kate nachholen. Vor einer Woche war sie am Nachmittag vom Feld gekommen, als der Verwalter des Herrn mit zwei seiner Männer durch das Dorf ritt. Die waren sicher beim Vater gewesen, hatte sie gedacht, haben irgendwelche neue Ansprüche gestellt. Der Vater war der beste Bauer im Dorf, aber auch er konnte nicht alles erwirtschaften, das der Herr verlangte, ohne die eigene Familie hungern zu lassen! Immer wieder kamen sie mit ihren Forderungen! An diesem Tag hielt der Reiter an, er hatte die hübsche Bäuerin gesehen. Er kannte sie, wusste, dass sie auf George wartete. Er maß sie mit einem Blick, der sie schaudern ließ, ehe er sie ansprach.
„Sind Eure Nächte kalt, wenn Ihr neben den kleinen Brüdern liegt, Kate?“ fragte er hämisch. Sie konnte riechen, dass er getrunken hatte, knickste ohne zu antworten und wollte weiter laufen, als er vom Pferd glitt und sie festhielt. „Kate! Warum so eilig? Die Mutter hat die Suppe noch nicht bereit!“ Er schlang die Arme um das Mädchen, sie sträubte sich heftig und versetzte ihm einen Fußtritt. Das versetzte ihn nicht so sehr in Rage, als es ihn reizte, er nahm gerne Weiber, die unwillig waren. Er hielt Kate fest, zwang sie zu Boden und warf sich auf sie.
Als er fertig war, taten es ihm seine Untergebenen nach.
Der Bauer zeigte wenig Mitgefühl, als die Tochter blutend, mit zerrissenem Kleid in die Hütte torkelte. Während die Mutter entsetzt sich um die Tochter kümmerte, brummte der Vater, dass Weiber oft selbst Schuld daran waren, wenn Männer sie – begehrten. Er drehte den Frauen den Rücken zu und ging aus dem Raum. Wenige Minuten später hörten sie, wie er Holz hackte.
Er ist wütend, flüsterte die Mutter. Er fühlt sich hilflos, dem Herrn gegenüber...Kate hörte nicht zu. Sie konnte nicht einmal weinen. Die Männer hatten sie verletzt, sie konnte das Blut kaum stillen, während die Mutter weiter jammerte. Sie hatte nur einen Gedanken: jeder im Dorf wird wissen, was geschehen war. George würde sie nicht mehr zur Frau nehmen wollen. Nein, hier konnte sie nicht länger bleiben.
In der Nacht schlüpfte sie aus der Hütte mit ihren wenigen Habseligkeiten, ein zweiter Unterrock, ein Blechteller und Becher, ein Silberpfennig, den ihr George gegeben hatte. In der Stadt würde sie Arbeit finden, dachte sie.
Kate sah wie die Dame in die Gresham Street einbog und wollte weitergehen, als sie merkte, wie jemand anders ebenfalls die Dame beobachtete. Ein Reiter hatte an der Ecke angehalten, nicht nur das Reitpferd, auch der Seidenumhang verkündete seinen Rang. Er sah auf die Bäuerin herab und fragte: „Die Jüdin ist Euch bekannt? Seid Ihr deshalb im Judenviertel?“
Judenviertel, Jüdin? Kate kannte das Wort ‚Jude’, doch bis jetzt hatte sie keinen Juden gesehen. „Oh nein Herr.“ Kate kaute noch an ihrem Brot und schluckte den Bissen herunter. „Ich...ich bat die Dame um Arbeit. Ich bin in London...ich suche ein Stelle in einem Haus! Sie sagte...sie gab mir Brot und Kupfermünzen.“
Das Pferd wurde unruhig, als ein Wagen durch eine Pfütze fuhr und schmutziges Wasser verspritzte, auch über Kates Kleid. Sie blickte bestürzt auf den Fleck, als der Herr den Nacken des Pferdes streichelte, sich beugte und ihr ebenfalls einige Münzen gab. Dann spornte er sein Pferd an und trabte um die Ecke, auf Aldersgate zu, während die Frau ihm nachstarrte.
In der Stadt war sie angespukt, angeschrieen und verflucht worden. Nur heute hatte sie so etwas wie Güte empfangen. Dazu zweimal. Erst von einer Jüdin, dann von einem Ritter, der diese Jüdin kannte.



2. ARON BEN GIDEON

Deborah atmete auf als sie endlich zuhause in der Gresham Street angekommen war. Inzwischen hatte der Tag auch für andere begonnen. Sie spürte, das ihr der Schweiß aus allen Poren gebrochen war, wusste, dass das nicht am Wetter lag, im Gegenteil, es würde kein warmer Tag werden.
Die geschnitzte Vordertür des Arzthauses stand offen, eins der wenigen schieferbedeckten Steinhäusern mit Glastfenster, die Mehrheit der Häuser in London waren Flechtwerkhäusern mit Strohdächern. Leise schlich sie sich die Treppen hinauf. In der Eingangshalle, über deren schön gestaltetes Mosaik sich die breite Treppe nach oben schwang, lehnte sie sich gegen die Wand. Zu ihrer Befriedigung hörte sie aus dem Essraum erst das Brummen des Onkels, er war früh morgens nicht sehr gesprächig, dann Sarah, wie sie Gad ansprach, dessen schleppende Stimme antwortete. Gut, sie frühstückten. Wieder stieß sie einen Segenspruch aus, lief in die Küche, wo sie Wasser holte um die erdigen Hände zu waschen, stellte Milch und Brot an ihre Plätze und begann sich mit dem Fisch zu beschäftigen.
Es war eine freundliche Küche, wenn auch rußig, wie alle Küchen, das war nicht zu vermeiden. Der Riesentopf der über dem Ofen hing, in dem Suppen und Eintopfgerichte zubereitet wurden, war noch leer. Ein langer Tisch mit Bänken verlieh dem Raum einen gemütlichen Charakter. Es war Deborah die auf einen großen Tisch bestanden hatte, als sie das Kommando übernahm, sie hatte erkannt, dass nur zu oft die armen Patienten des Onkels nichts so gut kurieren konnte, wie eine anständige Suppe. Nicht jeder wollte nach Southwark zu dem Krankenhaus gehen, das von Augustiner Mönche und Nonnen für Arme, Kranke und Obdachlose in St. Mary Overie Priorei geführt wurde. Aron hatte Deborak erklärt, dass unweit der steinernen London Brücke, die vor etwa einhundert Jahre gebaut wurde, eine Fähre die Menschen von einem zum anderen Ufer des breiten Flusses fuhr. Als der alte Bootsmann John Ovarie starb, errichtete seine Tochter Mary ein Kloster in der Nähe der Brücke.
Die junge Bäuerin fiel Deborah ein. Wusste sie, dass sie in St. Mary versorgt würde, jedenfalls würde man ihr etwas zu essen geben! Christen wurden von den Klosterbrüdern- und Schwestern versorgt, die Juden von den eigenen Glaubensgenossen. Aber arme Kranke hatten sich stets vor Aron ben Gideon Haus ungefragt versammelt, sodass er seit einiger Zeit einmal in der Woche Patienten behandelte, die nichts zahlen konnten. Trotz der Meinung unter dem Volk, dass alle Juden reich waren, gab es auch viele arme Juden, die regelmäßig bei Reichen aßen. Erschienen sie zwischen den Mahlzeiten, wurden sie in Deborahs gastfreundlicher Küche versorgt. Wenn man ihnen nur die Möglichkeit geben würde, als Handwerker zu arbeiten! Aber die Handwerkergilden und Zünfte waren genau so unerbittlich Juden gegenüber, wie die der Händler. Lediglich Bäcker und Metzger durften angesichts der religiösen Vorschriften für die jüdischen Gemeinden sorgen. Ärzte wie Aron hatte ihre Lizenz schwer erkämpft, ebenso die Apotheker. Dazu war nicht jeder im Geldgeschäft ein reicher Mann, sonder quälte sich mit kleinen Anleihen gegen armselige Pfände, die er nur nach einer bestimmten Zeit bei Nicht-Zahlung verkaufen durfte. Wohlhabende wie Aron ben Gideon und sein Schwager Ruben ben Solomon, konnten armen Verwandten vor allem helfen, indem sie ihnen Stellungen in ihren Haushalten ermöglichten.
Deborah überlegte, was sie heute morgen benötigte. Sie sah sich in der Küche um. Zwiebelstränge baumelten an einem Nagel, unter der Decke hingen getrocknete Kräuter, am Fenster standen Töpfe in denen verschiedene Kräuter gepflanzt waren, auf den Regalen stand ein großer Honigtopf, auch Körbchen mit Gewürze, getrocknetem Gemüse, Äpfel und Birnen. Alles war streng geteilt für Fleisch- und Milchgerichte nach den religiösen Vorschriften, ,die blitzend sauberen Kannen, Pfannen und Töpfe an den Wänden, sowie die Holz- und Keramikteller und Metall Becher und Schüsseln, die in getrennten Regalen aufbewahrt waren. Oben auf dem Boden standen nochmals sortierte Geräte für Pessach, denn für die acht Tage des Festes musste alles ausgewechselt werden, denn in dieser Zeit, in der man den Auszug aus Ägypten und das Ende der Sklaverei feierte, durfte kein Brot verzehrt werden.
Die junge Frau lauschte auf die Schritte der Haushälterin im Gang und rief ihr zu, ehe sie die Tür aufmachen konnte: „Guten Morgen Sarah! Geh bitte hinauf und fange mit den Schlafkammern an! Heute gibt es viel zu tun!“
Es schallte „guten Morgen“ zurück, dann verhallten die Schritte. Sarah kannte ihre Herrin gut. Wenn sie ihr durch die fast geschlossene Tür etwas anbefahl, bedeutete es, dass sie keine Gesellschaft haben wollte.
Deborah verzog leicht das Gesicht. Sie spielte ungern Theater, aber es war nicht zu vermeiden. Bis Sarah im oberen Geschoss mit den Dienstmädchen fertig war, würde der Ofen an, der Fisch zerstückelt, gebraten und weg gestellt sein. Sie hoffte, die Haushälterin würde denken, sie sei eben erst aufgestanden war. Sie holte ihren schweren Schlüsselbund um in die Vorratskammer zu gehen. Es würde in der Tat viel zu tun geben. So viel, dass die behäbige Sarah, eine weitläufige Verwandte des Onkels, keine Zeit hatte, weder für Fragen noch für ein Gespräch. Die anderen Dienstboten, die junge Hagar und Dinah, eine leicht behinderte Frau, der nur leichte Arbeit möglich war, die Wäscherin Julia und der Hausknecht Benjamin, der die schweren Aufgaben verrichtete, würden sich keine Gedanken über die Herrschaft machen.
Nachdem der dritte Patient das Haus verlassen hatte, klopfte Deborah a der Tür des Arbeitsraums ihres Onkels an. Er sah freundlich von der Wachstafel auf, auf der er sich Notizen gemacht hatte und legte den Griffel beiseite. „Du warst heute früh auf, Nichte? Warst länger als gewöhnlich einkaufen. Haben die Fische nicht angebissen?“
Deborah lächelte, schritt um den großen Eichenholztisch um den Onkel einen leichten Kuss auf die Wange zu hauchen. Der Arbeitsraum mit seiner hohen Decke, den Bücherregalen und vielen Leuchtern, war ihr Lieblingsraum. Nebenan war Arons Sprechraum mit der Liege zum Untersuchen der Kranken, dem Schrank mit seinen wertvollen Geräten. Auch dort hatte sie manche Stunde verbracht, bei schwierigen Fällen assistierte sie. Es erstaunte sie immer wieder, wie gut Aron ben Gideon Bescheid wusste, auch wenn sein of geistesabwesender Blick den Anschein gab, dass ihn die banalen Dinge des täglichen Lebens nicht interessierten.
Der grauhaarige, kleine Mann, der seine zierliche Nichte kaum um einen Kopf überragte, war ein begnadeter Arzt, er hatte in seiner Jugend im Orient gelernt und hatte eine Braut zur Freude seiner Eltern nachhause gebracht. Judith, eine spanische Schönheit aus Toledo war zwei Jahre später im Kindsbett gestorben und hatte ihrem trauernden Mann, der nicht wieder heiratete, einen behinderten Sohn hinterlassen. Gad hatte während der schweren Geburt gelitten und war, wie Deborah es ausdrückte, ‚langsam’ in allem geblieben, im denken sowie im sprechen und laufen. Ein groß gewachsener, starker Mann, war Gad äußerst liebenswert, nie schlecht gelaunt und von allen im Haus herzlichst geliebt. Außerdem trug er ebenfalls zum Wohl der Familie bei. So war Gad öfters mit Ruben, Arons Schwager unterwegs, der ihn gern als Begleitung und Beschützer auf seinen Reisen dabei hatte. Rubens Sohn Asaf, der zusammen mit ihm im Geldhandel tätig war, war ein kleiner, schmächtiger Mann, der zwar ebenfalls mit ihm reiste, aber nicht denselben Schutz verleihen konnte wie Gad. Die Vettern waren zusammen aufgewachsen und verstanden sich gut, auch wenn einer gern in den heiligen Büchern lernte und der andere vor allem Pferde verstand und den Hengst liebte, den ihn sein Vater geschenkt hatte. Asaf hatte es geschafft, Gad den Segensspruch zu lehren, den er sprechen musste, als er an seinem dreizehnten Geburtstag zum Thoralesen aufgerufen und dadurch als Mann anerkannt wurde. Den Rest des Absatzes las Asaf für ihn. Die ganze Kehille, die Gemeinde, freute sich und feierte Gad gebührend.
Deborah sagte: „Ich war früh auf. Aber ich verließ das Haus nicht.“ Aron blickte Deborah stirnrunzelnd an, er verstand nicht, warum sie anlügen wollte, es war nicht ihre Art. Sie fuhr unbeirrt fort. „Erwartest du noch viele Patienten?“
„Nein. Meine Sprechstunde für Arme ist übermorgen. Ich habe einen Fall, über den ich nachdenken muss...Heute – und morgen nach dem Morgen Gottesdienst – wollte ich einiges in Galen nachlesen.“ Er seufzte und griff sich in den grau melierten Bart. „Ich hadere noch immer mit vielen seiner Thesen, wie du weißt...“
Aron unterhielt sich offen mit Deborah über Medizin, wie er sagte, war sie praktisch selbst ein Arzt. Auch sie kannte die Werke des griechischen Arztes Galen von Pergamon, der im zweiten Jahrhundert der jetzigen Zeitrechnung gelebt und seine Lehre die darauffolgenden Jahrhunderte beeinflusst hatte. Nicht nur hatte sie viel von ihrem gelehrten Onkel gelernt und auch seine medizinische Bücher gelesen, sondern sie kannte sich auch mit Heilkräutern aus, da sie ihre Kindheit in den Räumen ihres Großvaters, dem Apotheker Salomon, in Guildford verbracht hatte.
Aron unterbrach sich selbst und fragte, noch immer über ihre Lüge verwundert: „Nun Kleine, warum die frühe Stunde? Was hast du getan, bevor ich dich in der Küche rumoren hörte.?
Seine Nichte legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen. Beide wussten, dass Worte durch diese Zimmerdecke in oberen Geschoss zu hören waren. Arons Schwester Miriam war keine Frau, der man ein Geheimnis anvertrauen konnte. Deborah sagte lächelnd: „Ich hatte nur wenig für morgen vorzubereiten. Für heute ist alles gerichtet. Sara und ich waren seit Tagen beschäftigt. Nun haben wir genug für mehrere Gäste!“
Er wurde hellhörig. Von Gästen war bisher keine Rede gewesen. „Für Gäste. An wen denkst du?“
Ihre Antwort klang scharf, da sie so schnell erfolgte. „Die Parnassim. Ich meine...es wäre vielleicht ein angemessenes Zusammensein vor dem Fasttag.“
Aron setzte sich in seinem hohen Stuhl zurück und betrachtete seine Nichte besorgt. Deborah war nicht das, was man als Schönheit bezeichnete, dafür war sie zu klein, ihre Hüften zu breit, das Gesicht zu rund. Aber das herrliche üppige Haar, das sie geschickt wie eine Krone um den schmalen Kopf trug, die hohe, klare Stirn, hübsche Lippen und vor allem die Intelligenz die aus ihren dunklen Augen strahlte, verlieh ihr Charme und große Anziehungskraft.
Der Arzt hatte sich oft gesagt, dass es das Klügste war, das er je getan hatte, als er ihre verwitwete Mutter und ihr Kleinkind zu sich holte. Deborah war ihm ans Herz gewachsen, sie war nicht nur die Tochter, die Judith ihm nicht mehr geben konnte, sie war auch seine Vertraute geworden, war viel mehr als die eigentliche Haushälterin und Gads liebe Schwester. Oft dachte er, dass er sie energischer überreden sollte, zu heiraten, sie war die ideale Gattin für einen jungen Mann und außerdem nicht ohne Mitgift. Sie wirkte mit ihrem ausgeglichenen Wesen jung, sogar jugendlich und rüstig, aber – 27 war nicht mehr ganz jung und ein Alter, in der die meisten Frauen Kinder von fast zehn Jahren hatte. Aber Deborah war keine Frau, die leicht zu überreden war. Sie hatte ihre eigenen Ideen und keine Angst, diese auszusprechen. Er, ihr Onkel und Vormund hatte es nicht nur geduldet sondern gefördert! Nun konnte er ihr kaum einen Vorwurf daraus machen.
Deborah behauptete, bislang wäre sie noch keinem Mann begegnet, für den sie ihre Freiheit und liebe Familie aufgeben wollte. Aaron meinte, sie hätte Angst, einem Mann untertan zu sein. Es stimmte, dass sie ungewöhnlich viel Freiheit besaß. Jüdische Frauen waren stets der Obhut eines Mannes anvertraut, dem Vater, Bruder oder Gatte, so wie christliche Frauen der Munt eines Mannes unterworfen waren. Aber die Munt, die Unterwerfung an eine Obrigkeit, die das Leben jedes Christen bestimmte, vom Hörigen zu den Räten des Königs, galt nicht für Juden, die waren nicht in die feudale Ordnung einbezogen. Die jüdische Frau genoss oft mehr Freiheit wie andere, rückten zum Status oft zur Martriarchin auf, die über der Familie das Sagen hatte. Oder, wie Deborah, war als selbstständige Person anerkannt. Das galt vor allem für Frauen, die mit ihren Männern im Pfandgeschäft tätig waren und sich als tüchtige Geschäftsfrauen bewährten.
Derartige Ideen waren in diesem Augenblick weit von Arons Gedankengang entfernt. Die kreisten um Deborahs Worte. Sie wollte, dass er die Parnassim, die Vorsitzenden der Gemeinde, einlud? Warum? Ohne Grund schlug sie das kaum vor. Etwas war vorgefallen. Etwas Schlimmes. Er bemerkte die verquollenen Lider, das Kind hatte geweint, dachte er. Ein weiterer Blick verriet, dass Deborah erregt war, ihr schlanker Hals war errötet, er sah wie eine Ader pulsierte, ihre Backen glühten. Seine Gedanken glitten einige Sekunden von Deborah ab. Was war die Verbindung zwischen Aufregung und pulsierenden Adern? Wie wurde Blut aufgepeitscht? Wenn es nur nicht gegen das strenge Gesetz wäre, Tote zu sezieren, dann könnte man...
Er schüttelte den Kopf, war über sich selbst und seiner ewiger Beschäftigung mit medizinischen Fragen verärgert und fragte: „Vielleicht sollte ich Gad und Ben mit einer Einladung aussenden? Sagen wir - damit sie Mittags mit uns speisen, sodass sie Abends zuhause bei ihren Familien sind?“
Er sah erleichtert, wie sie sich entspannte, nun da er ihr Anliegen verstanden hatte. „Danke, liebster Onkel! Ich werde es ihnen ausrichten, während du etwas schreibst, das Benjamin jedem zeigen kann. Ich meine, eine Einladung, die allen erklärt, dass es wichtig ist zu kommen.“


3. DIE PARNASSIM

Aron war nicht überrascht, dass Deborah in der kurzen Zeit ein wahres Festessen auf den Tisch des holzgetäfelten Essraumes stellte. Miriam, die mit ihrem kränklichen Gatten Ruben, Arons älterer Bruder, dessen Kontor für seine Geldgeschäfte sich ebenfalls im Haus befanden, herzhaft zugriff, war ebenfalls nicht erstaunt, denn den Parnassim stand alles Gute zu. Da sie und Ruben täglich an Arons Tafel teilnahmen und sie sich das Kochen mit Deborah und Sarah friedlich teilte – für den Frieden sorgte vor allem Deborah - wusste sie, dass vieles aus der Vorratskammer stammte. Dazu gehörten die Zutaten für Deborahs herzhafte Suppe, die Stunden in dem Topf über dem Feuer in der Küche gebrodelt hatte, sowie für die schmackhaften Pasteten, die Sarah kurz vor dem Essen gebacken hatte, die dicken Würste und natürlich der Wein. Das Gemüse, Selerie und Kohl, hatte Deborah von einer Straßenhändlerin gekauft. Als Nachtisch gab es eine Nusstorte, die Miriam am Tag zuvor gebacken hatte und die zu ihrer Zufriedenheit jedem schmeckte.
Sie waren alle gekommen. Der Oberrabbiner Abraham ben Josef, ein hoch geschätzter Gelehrter, zu dem Aron selbst mit der Einladung gegangen war, hatte Rabbi Eliezer entsandt. Auch die fünf Parnassim, der Geldhändler Manuel Lopes, Chasan ben Samuel, der Kantor, der koschere Metzger Isaac Rouen – der als Gabbai für die Gemeindefinanzen verantwortlich war - der Pfandhändler Noah ben Simon, der Apotheker Schmul ben Jakobs. Aron war der sechste Parnass und der Vorsitzende. Deborah betrachtete die bärtigen Männer in ihren einfachen Gewändern mit Interesse und entschied, dass jede Gemeinschaft stolz sein könnte, derartig würdige Führer zu haben. Jeder genoss einen guten Ruf, lebte in einer zufriedenen Großfamilie und hatte nie gegen ein Gesetz verstoßen. Alle trugen den Schandfleck als ob sie diesen nicht als solchen betrachteten. Wie konnten sie auch, hatte der Herr nicht Moses die Gesetztafeln übergeben? Ironie der Geschichte: Juden, die eine Gesetzgebung der Welt geschenkt hatten, galten als gesetzlose Geschöpfe, weil sie nicht in die lehnspflichtige Ordnung passten, die auf Land basiert war. Da Juden kein Land besitzen durften, fielen sie aus dem Rahmen, sodass der Kaiser auf dem Festland und hier der König, den Besitztum der Juden beanspruchte. Königliche Kammerknechte waren sie angeblich, ohne Recht auf eigenen Besitz. Knechte! Bah!
Während des Essens wurde wenig gesprochen. Deborah gelang es, sich Gad zuzuwenden und ihm eine Wurst auf den Teller zu legen, „Iss nur, Lieber“, flüsterte sie: „Morgen musst du fasten, wie wir alle.“ Manchmal war es schwer, Gad etwas zu erklären, er hatte Probleme, alles zu behalten. Sein Gedächtnis konnte sich fast nur auf einen Tag beschränken. Am Tag zuvor war er mit Ruben und Asaf aus Chester zurückgekommen, wo Ruben wertvollen Schmuck, den er über zwei Jahre als Pfand hatte, an einen Goldschmied verkauft und abgeliefert hatte. Gleichzeitig hatten sie bei Verwandten Besuch machen können.
Der Rabbi berichtete, dass am Tag zuvor ein Leichenzug aus Cambridge gekommen war, drei Angehörigen wohnten bei Verwandten in Poultry, einer, ein junger Arzt, bei ihm. Der Tote, Chajm ben Jossel, wie Iaac Rouen ein koscherer Metzger, war ein älterer Mann, der schon einige Zeit krank gewesen war.
Nach dem Essen, als Ruben gefolgt von Asaf sich zurückzog, murmelnd, dass er sich etwas ausruhen wollte und auch Gad mit Miriam den Raum verließ, bat Deborah die anderen Männer nebenan Platz zu nehmen. Sie folgten ihn in den Wohnraum, holzgetäfelt wie alle gemeinsamen Räume, mit sauberen Dielen und gut gepolsterten Sesseln und Bänken. Aron hielt wenig von der Gewohnheit der unteren Stände, Binsen auf Böden zu streuen. Es war schmutzig, sagte er, weil sie nur selten erneuert wurden, deshalb sammelte sich viel Dreck, auch von Tieren und verbreitete schlimmen Gestank. Auf einem schön verzierten Schrank in dem goldene und silberne Geräte geborgen waren, stand eine große siebenarmige Menorah, der Leuchter, das Symbol des Judentums. Auf einem kleineren Tisch standen weitere Leuchter mit Wachskerzen, die noch nicht entzündet waren. Das schlichte Äußere der Judenhäuser, die sich nicht von denen der Nachbarn unterschieden, verbarg sich öfters ein gut ausgestattete Innere. Aber das geht auf bessere Zeiten heute zurück, seufzte Deborah innerlich, seitdem die Obrigkeit – der König - immer wieder neue Abgaben gefordert hatte, waren reiche Juden ärmer geworden, andere verarmt.
Aron bat den Rabbiner den Ehrenplatz einzunehmen, die Männer gruppierten sich um ihn. Alle wussten, dass sie nicht wegen einer Mahlzeit zu Aron gekommen waren, sonst wäre die Einladung nicht so abrupt, dazu mit dem Hinweis erfolgt, dass die anderen Parnassim ebenfalls, aber ohne Gemahlinnen, kommen würden. Nun blickten sie gespannt auf den Rabbiner, ein Mann Mitte Vierzig, der erst seit zwei Jahren unter ihnen weilte um dem Oberrabbiner zu assistieren. Rabbi Eliezer rückte verlegen das schwarze Käppchen auf seinen dünnen Haaren und wies fragend auf den Arzt, der sich räusperte, ebenfalls verlegen.
Er sagte: „Meine Herren – es ist – na, meine liebe Nichte hat etwas zu sagen.“
Alle Augen richteten sich auf die schmale Gestalt, die an der Tür stehen geblieben war. Deborahs Ruf als kluge Frau, auf deren Rat der geschätzte Arzt hörte, war bekannt. Trotzdem umspielte ein abschätzendes Lächeln den Mund des hageren Manuel Lopes, dessen Frau Eva für ihr bissiges Mundwerk bekannt war. Auch Chasan ben Samuel stutzte, er hielt wenig von starken Frauen, die er als herrschsüchtig betrachtete, sein eigenes Weib war sanft und nachgiebig. Hingegen blickten Isaac Rouen sowie der Pfandhändler Noah und Schmul der Apotheker gespannt auf Deborah. Isaac hatte ihr auf Bitten ihres Onkels französische Stunden gegeben, während der Apotheker ihre Kenntnisse über Kräuter hoch schätzte. Der Pfandhändler kannte die Nichte des Arztes nicht gut, aber seine eigene Gattin war zum großen Teil verantwortlich für den Erfolg seines Geschäftes, sodass er nichts gegen tüchtige Weiber hatte.
„Es wäre vielleicht zu überlegen, ob jeder heute sowie morgen jeder zuhause blieb und kein Gottesdienst abgehalten wird, verehrter Rabbi“, sagte Deborah, den Rabbiner anblickend. „Etwas wird gegen uns geplant.“
Die Männer bewegten sich unruhig. Lopes fragte spöttisch: „Könnt Ihr Euch genauer ausdrücken, Fräulein Deborah? Gibt es – Fakten? Oder habt Ihr Euch zur Prophetin wie Eure große biblische Namensvetterin aufgeschwungen?“
Deborahs Ton klang freundlich, zu Arons Erleichterung, der ihren Jähzorn kannte. „Ja, es gibt Fakten, Herr Lopes. Ob es gut ist, die zu besprechen, das weiß ich nicht. Ich denke, je weniger jedem bekannt ist...Wissen kann gefährlich sein.“ Sie wandte sich an die anderen: „Hat niemand etwas bemerkt? Haben sich vielleicht einige Kunden in den letzten Tagen etwas anders wie gewöhnlich verhalten?“ Sie sah sofort, dass sie richtig geraten hatte. Lopes wendete den Kopf zum Fenster, während Chasan ein leiser Ausruf entschlüpfte.
Isaac Rouen, der älteste der Räte, hob erstaunt die schweren, weißen Augenbrauen. „Warum sollten sie sich anders benehmen als die überhebliche hoffärtigen Männer die sie nun mal sind?“ Er wedelte mit den Händen und brummte weiter: „Gut, gut, in letzter Zeit hat der eine oder andere edle Herr seine Termine nicht eingehalten...nach Tisha b’Aw wollte ich sie ermahnen...“
Chasan ben Samuel reckte den dünnen Hals und flüsterte: „Wenn man an Hexen glaubte wie die Gojim, würde ich denken Eure Deborah ist eine, lieber Herr Aron! Deborah, Ihr habt bei mir einen wunden Punkt berührt! Der...hm, mein einflussreichster Klient...er hat zum ersten Mal eine Zahlung versäumt.“
Einflussreich? Jemand am Hof? Ein mächtiger Baron? Jeder schien in seine eigenen Gedanken versunken, bis der Rabbiner mit zitternder Stimme es aussprach: „Vielleicht zahlen sie nicht - weil sie vermuten – bald brauchen sie nicht zu zahlen.“
Es herrschte eisige Stille. Jeder wusste, was in der Vergangenheit in dem Inselreich geschehen war. Hier war es, wo in Norwich zum ersten Mal im Jahr 1144 Juden verleumdet wurden, das Blut eines christlichen Kindes für das Backen der Mazoth, dem ungesäuerten Brot zu Pessach, benutzt zu haben. Sofort hatte es schlimme Aufstände gegen Juden gegeben – viele wurden getötet. Diese Blutlüge hatte Schule gemacht, hatte sich auf dem Kontinent mit schweren Folgen verbreitet. Und in England hatte die Hetzerei nie aufgehört. Sie schauderten in Erinnerung an das Ereignis in York 46 Jahre später. Im Jahr 1190, suchten die Juden vor einer wütenden Menge im Clifford Turm Schutz. Als Entkommen aussichtslos war, nahmen sie sich gemeinsam das Leben. Männer töteten ihre Frauen und Kinder, ehe sie sich selbst das Leben nahmen. Über 150 Juden starben im Clifford Turm.
Lopes, der Tränen unterdrückt hatte, sprach endlich. „Sie kann Recht haben. Schließlich ist die Renovierung vom Westminster Abbey seit zwei Jahren beendet, wofür man uns immer wieder erpresste. Nun brauchen sie einen neuen Anlass, uns zahlen zu lassen. Sie werden feststellen, das wenig übrig ist zum holen. Und was dann? Dann wird Chancery Lane neue Insassen erhalten!“ Sie sahen sich nicht an, sie wussten, wovon der Geldhändler sprach. In der engen Chancery Lane stand das sogenannte Haus der Konversion, dort brachte man Juden unter, die sich unter Druck bereit erklärt hatten, zu konvertieren. Lopes blickte in die Runde, dann fügte er traurig hinzu: „Ich erhielt ein Schreiben von meinem Schwager Moses Baruch. Er teilte mir mit, dass er am 26. Juni Schuldscheine mit einem Kurier senden würde, die sollte ich einlösen.“ Er blickte in die erwartungsvollen Gesichter, jeder verstand, dass Schuldscheine für weniger als die Schuldsumme von einem anderen Händler eingelöst werden konnten, das gehörte zum Geldgeschäft. Lopes fuhr fort: „Der erwartete Bote traf nicht ein.“ Er räusperte sich. „Heute erfuhr ich – dass er in der Nähe von einem Kloster in Hertfordshire am 2. Juli verschwunden ist.“
Er brauchte nicht zu sagen, wie beunruhigend das war. Viele Teile des Landes waren unsicher, nicht jeder Herr konnte sein Land gegen schützen. In den Wäldern hausten Gesetzlose, die große Strecken und Landstraßen verunsicherten. Lopes fuhr fort. „Es war Saul, der Sohn von Moses. Er reiste mit einer kleinen Gruppe eines angesehenen Londoner Bürger, der meldete, dass der Jude unerklärlich unterwegs verschwand. Dem Sheriff von Hertfordshire wurde Meldung gemacht, so erfuhr Moses vom Schicksal seines Sohnes.“ Er seufzte. „Der Verlust durch die verlorenen Schuldscheine ist erheblich.“
Wieder trat Stille ein bis Aron flüsterte: „Ein Überfall auf einen Juden, das ist schlimm, mein Herz blutet für deine Familie, Manuel. Doch - dass muss nichts bedeuten. Überfälle gehören zu Reise, wie Hashem weiß! Trotzdem. Ein weiterer Schicksalsschlag gegen unserem Volk! Zusammen mit dem, das uns Deborah mitteilt – und die überfälligen Zahlungen – ich denke, wir sollten alles sehr ernst nehmen. Nur, wir können nicht viel unternehmen. Gut, wir sollten uns am besten zuhause aufhalten, das tun wir sowieso, aber – wenn sie uns angreifen...dann nützt das wenig. Ihr erinnert Euch...“ Er brach ab, verstand das Nicken. Natürlich erinnerten sie sich. Juden waren im vergangenem Jahrhundert zur Zeit der Krönung von Richard dem Löwenherz geschlagen und ermordet, zuletzt in ihren Häusern verbrannt worden. Aber derartige Vorfälle waren selten geplant. Was sie befürchteten, war weitaus schlimmer, nämlich eine Verschwörung gegen die gesamte Gemeinde.
Aron nahm das Wort wieder auf. „Wir sollten dem Constable von London melden, dass der Bote aus Norwich vermisst ist.“ Die Juden unterstanden dem Constable des Tower von London, ein mächtiger Mann im Königreich, der für ihren Schutz verantwortlich war. Die Gebäude, die als Turm von London bekannt waren, wurden von William I als königlicher Palast erbaut und als solcher noch zum Teil benutzt. Der Tower diente auch als Kerker für adlige Gefangene sowie als Waffenlager und Festung.
Aaron blickte in die Runde, er sah zu seiner Genugtuung, dass sie ihm zustimmten.
Lopes sagte bestätigend: „Natürlich müssen wir den Constable informieren! Wir sollten eine Delegation senden. Aber ob er sich unsere Befürchtungen anhört bezweifele ich, er würde Beweise verlangen. Die haben wir nicht.“ Er blickte Deborah strafend an, als ob sie an allem schuld war, doch er konnte sie nicht aus der Fassung bringen. Hätten sie dem Constable das gebracht, das sie vor der Tür des Arztes gefunden hatten, so hätte er sie wahrscheinlich alle sofort festgenommen! Nein, Lopes war nur wie die anderen in Angst. Wie sie selbst.
Sie funkelte Lopes an. Auch wenn sie verstand, dass er sich über das Schicksal seines Verwandten grämte und sich Sorgen über den Geldverlust machte, meinte sie, er sollte seine schlechte Laune nicht an ihr auslassen. „Aber wenn Ihr Recht habt, Herr Lopes und es geht ihnen darum, ihre Schulden ohne Zahlung zu tilgen, lassen sie sich vielleicht wieder etwas einfallen, wie etwa Zähneziehen oder so.“ Das löste ein Murmeln aus. Jeder erinnerte sich an die Folter, die einem Geldhändler namens Abraham in Bristol im Jahr 1205 angetan wurde, als er sich dummerweise weigerte, die ihm aufgelegte Summe von 10 000 Mark von der gesamten Steuer in Höhe von 66 000, die er von der gesamten jüdischen Gemeinde gefordert hatte. Nach dem siebten Zahn war Abraham bereit zu zahlen.
Manuel Lopes stellte erbittert rhetorische Fragen. „Wie sollen wir Geld aufbringen? Eine einzelne Mark bedeutet schon ein Gewicht in Silber von acht Unzen! Wenn sie uns das Letzte nehmen, wie sollen wir leben? Sie zwingen uns durch ihre Päbste, ihre Finanzgeschäfte zu übernehmen – und verurteilen uns deswegen! Immer wieder verlangen sie Geld von uns. Und geht das nicht stets mit Verlust von Leben vor sich?“ Seine Wut wandte sich gegen Deborah, die er nun böse anblickte: “Ich möchte wissen, was Euch zu Euren Überlegungen veranlasst! Dann können wir uns vielleicht schützen.“
Chasan lachte heiser. „Schützen? Seit wann können wir uns schützen? Ohne Waffen?“
Rabbi Eliezer seufzte und sagte zu der jungen Frau. „Deborah! Setz dich. Auch wenn Wissen gefährlich ist und wir zu Mitwissern werden –so sagt uns, was dich zu diesen Überlegungen geführt hat!“
Deborah sah, dass auch Aron nickte. Sie spürte seinen ängstlichen Blick und wusste, was er dachte: dass sie etwas von jemand erfahren hatte, den sie versprochen hatte, nicht mehr zu treffen. Im vorigen Monat, am Abend des 8. Mai, eine kleine Truppe Reiter vor dem Haus des jüdischen Arztes gehalten. Ihr Führer, Sir Leonard de Beuel, war zu Aron gekommen um ihn zu bitten, mit den Leibärzten des Königs zu konferieren. Ein Günstling des Königs war schwer erkrankt. Die bisherige Behandlung hatte nicht geholfen. Nun wollten sie den Juden zu Rate ziehen, von dem sie gehört hatten, dass er bereits Kranke mit Atemnöten geholfen hatte.
Aron ben Gideon wies dem Ritter an, im Nebenraum zu warten, während er sich vorbereitete, um ihn zum Westminster Palast zu begleiten. Diese Hauptresidenz des Königs lag außerhalb der Stadtmauer auf der Insel Thorney des Themse Flusses. Zufällig hatte sich Deborah in Arons Arbeitraum aufgehalten um eins seiner lateinischen Bücher zu lesen, das auf einem Lesepult ruhte. Verwundert und interessiert hatten sie sich gegenseitig betrachtet. Sie waren Gegensätze - der schlanke, rothaarige Ritter in seinem bunten, vornehmen Gewand, dem Schafspelz gegen die Kälte um den Schultern, die kleine Deborah in ihrem einfachen Hauskleid und einer Frisur, die dem Band entsprungen war, das sie um ihr langes Haar gewunden hatte.
Er begrüßte sie in der höfischen Art, die ihr Unbehagen machte, sie war es nicht gewohnt, derartig formell behandelt zu werden. Doch dann lockerte sich die Spannung, da er auf das Buch wies fragte, ob sie sich für Aristoteles Physik interessiere, weil ihr Vater Arzt war.
Sie war erstaunt, dass er lesen konnte, Aron hatte gemeint die meisten Ritter verfügten nur über ein Elementarwissen. „Mich interessiert das breit gefächerte Wissen des Philosophen“, antwortete sie, auf den ausführlichen Titel ‚Mit Informationen zu Naturwissenschaftlichen Arbeiten über Astronomie, Meterologie, Pflanzen und Tier’ hinweisend: „Vor allem seine Beobachtungen des Verhaltens von Tieren darunter Menschen. Merkwürdig eigentlich, da er den Körper für die Materie der Seele hält“, und fügte hinzu, dass Aron ihr lieber Onkel sei, ihr Vater sei vor langer Zeit in Cornwall gestorben.
Er stutzte. „Cornwall?“
Sie hielt sie Augen auf sein Gesicht gerichtet und antwortete ruhig. „Ja. Er war einer der Juden, die der König umschulen wollte und zwang, in den Bergwerken zu arbeiten. Er kam in einem Unfall in einer Grube um.“ Ob der Ritter wusste, unter welchen schlimmen Umständen die Arbeiter in diesen Bergwerken lebten? Ihr Onkel, die Quelle ihres Wissens, hatte es ihr erklärt. Auch, wie schwer es vor allem die ungelernten jüdischen Zwangsarbeiter hatten. Fünf Jahre hatte das schreckliche Experiment gedauert, das ihrem Vater das Leben, sie der Vater geraubt hatten.
Der Ritter sagte nichts, worauf sie fragte, ob der Herr dieses Werk des griechischen Gelehrten vielleicht studiert hatte.
„Mein Lehrer legte vor allem Wert auf die Rhetorik, die Aristoteles bei seinem Lehrer Plato gelernt und verfeinert hat“, antwortete Sir Leonard, was Deborah zu dem erstaunten Ausruf verleitete, dass sie dachte, Ritter würden sich mit derartigen Themen nicht abgeben.
Er lachte. Es freute ihn nun, das er zufällig in der Nähe war, als der Hofmeister jemand beauftragen wollte, um die Bitte des Leibarzt des Königs auszuführen und den Juden zu holen. Gewöhnlicherweis hielt er sich nicht im Vorsaal des Palastes auf. „Stimmt. Aber - habt Ihr Euch je gefragt was ein Ritter ist?“ Hellbraune Augen funkelten freundlich. Sir Leonard hatte kein derartiges Vergnügen erwartet, mit einer Frau ein ernstes Gespräch zu führen.
Deborah überlegte. „Ein Ritter ist ein adliger Herr, ein Grundbesitzer mit seinen Vasallen, mit denen er auf Befehl des Königs in den Krieg zieht ...“ sie begann zu stottern. Was war ein Ritter wirklich, anders als ein Kämpfer? Ein Soldat? Sie fuhr tapfer fort: „Er nimmt an Turnieren teil und hilft, das Landes zu schützen.“
Sir Leonard lachte. „Das ist das Ideal: der Ritter verleiht seinen Schutz den Schwachen und Unterdrückten, sorgt für Gerechtigkeit und Frieden. Ja, Ihr habt Recht, er ist als Kämpfer ausgebildet! Aber wisst Ihr, dieser vorbildliche Mann der auf diese edle Art lebt, mehr in den Balladen und Erzählungen zu finden ist, als im alltäglichen Leben. Ich denke...“
Deborah erfuhr nie, was der edle Herr dachte, denn der Arzt betrat den Raum, leicht bestürzt, seine Nicht allein mit den Ritter zu finden. Wenige Minuten danach war Deborah allein mit ihren Gedanken an eine hochgewachsene Gestalt in wallendem Mantel, roten Haaren, Sommersprossen auf der hellen Haut und lachenden Augen.
Dem Arzt musste sie natürlich von einem zweiten Besuch und Unterhaltung in seiner Abwesenheit berichten, als der Ritter zwei Tage später Deborah au der Straße begegnet war, sie ihn ins Haus gebeten und bewirtet hatte. Bekümmert, fragte Aron seine Nichte was genau gesagt wurde. „Jedes Wort, das eine Jüdin mit einem Adligen wechselt ist gefährlich“, seufzte er und bat sie, ihm zu versprechen sich nie wieder mit Sir Leonard zu treffen. Deborah schämte sich. Natürlich erkannte sie, dass sie nicht nur sich selbst, sondern die Familie, wenn nicht die ganze Kehille gefährdet hatte.
Als das prächtig gesattelte Pferd sich einen Monat später Sir Leonhard dem Haus des Aron ben Gideon zum dritten Mal näherte, fand der Ritter die Nichte des Arztes abwesend. Dazu machte dieser deutlich, dass sie für Sir Leonard stets abwesend sein würde. Es war eine Entscheidung, der sich der Herr beugte. Vor allem, weil er, genau wie Deborah, verstand, dass sie vernünftig war.
Deborah setzte sich neben ihren Onkel und ergriff seine Hand. Sie wollte ihm zu verstehen geben, dass sie ihrem Versprechen treu geblieben war. „Heute morgen, als ich das Haus verließ fand ich...man ein totes Kind das noch nicht ganz im Mutterleib geformt und zu früh aus diesem ausgestoßen wurde, vor unser Haus gelegt. Ich denke...man möchte glaubhaft machen, wir sind an diesem Missgeschick Schuld.“ Sie hatte stundenlang nachgedacht, ob man sie anklagen wollte, für teuflische Zwecke den unfertigen Körper aus dem Mutterleib entfernt zu haben. Eine neue Lüge? Bislang hatten sie ich nur einfallen lassen, Juden zu beschuldigen, das Blut von Kleinkindern für das Mazoth Backen zu benutzen.
Der Rabbi sprang auf, rief: „Hashem – der Allmächtige – beschütze uns!“
Alle redeten wild und erregt durch einander. Eine Frühgeburt vor dem Haus des Arztes, dem angesehenem Mann, der sogar von den Leibärzten des Königs konsultiert wurde! Auch wenn es irgendein verrückter Racheakt gegen ihn persönlich darstellte, würde es niemals nur ihn angehen. Nein, das bedeutete ein schwerer Schlag, den jemand oder mehrere gegen die Juden geplant hatte.
Der Rabbiner fragte mit zitternden Stimme: „Deborah, was hast du getan, was hast du mit dem...“ Er fand nicht die richtigen Worte. Was sagte man zu einem Wesen, dem noch kein richtiges Leben von Hashem eingehaucht wurde? „Was hast du getan?“
Deborah antwortete ruhig, die Hand ihres Onkels drückend: „Das liegt vergraben. Im Grab des Schochets – des Metzgers - aus Cambridge.“

 

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