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Weiss, Ruth:

“Deborahs Lied”

Roman, [= Edition Ruth Weiss, Bd. 6], 2009, engl. Broschur, 274 S., ISBN 978-3-89626-865-5, 14,80 EUR

 

Leseprobe

London, 15. Juli 1271

Der gewohnte Gestank schlug der jungen Frau sofort entgegen, als sie durch die Hintertür trat. Schmutz und Unrat von Mensch und Tier lag überall dicht in den engen Gassen Londons, wie hier in der Gresham Street. Dienstmägde, zu faul um die Treppen hinab zu laufen, trugen zu dem Gestank bei, indem sie wie gewohnt die Nachttöpfe aus den oberen Stockwerken in die Rinnsäle entleerten. Die Rinnsäle, durch die Kloaken– und Regenwasser sowie Wasser aus den Pumpen und Quellen gurgelte, trennten die Straße von den Fußwegen entlang der eng aneinander liegenden Häuser. Vom Fluss wehte ein leichter Wind den Geruch des gelandeten Fischfangs durch die gewundenen Gassen.
Die zierliche Frau, die auf den Namen Deborah hörte, war dankbar, dass um diese frühe Stunde kurz nach Sonnenaufgang nur wenige Karren durch London ratterten. Und keine vornehmen Sänften oder Reiter. Sie trug einen Einkaufskorb, da sie wegen des kommenden Fasttages vor allem Fisch kaufen wollte, für die erste Mahlzeit nach dem Fasten. Sie brauchte Zeit, um zum Fluss zu laufen. Zwar würde sie nicht vor den Händlern ankommen, die sich um die eingelaufenen Boote mit ihrem Fang drängten, aber die meisten Fischer bedienten gern Mägde aus den großen Häusern. Die kauften größere Mengen als die Einwohner der vielen strohbedeckten Holzhäuser und zahlten, ohne lange zu feilschen wie die Händler, die später den Fisch mit ihren stinkigen Karren zur Fish Street schieben würden. Deborah wollte ihren Fisch selbst aussuchen. Sie wusste, man würde sie für eine Magd halten, in ihrem dunkelgrauen, ungegürteten Kleid mit dem gleichfarbigen Umhang und der dunklen Haube, den einfachen Leisten unter derben Strümpfen. Das feine Leinen des Unterkleids war nicht zu sehen.
Der Nachtnebel lag noch über London, schimmerte über die niedrigen Dächer und umhüllte die Frühaufsteher, die fleißig, wenn auch ermüdet, ihren Geschäften nachgingen. Die ersten Ware anpreisenden Rufe der Händler ertönten gedämpft durch den Hauch des Nebels. Deborah trug wie alle Damen und Herren einen Beutel mit süßriechenden Kräutern um den Hals und hielt diesen an Mund und Nase. Deshalb stockte sie eine Sekunde vor der Hintertür, wodurch sie bemerkte, dass etwas auf der Straße lag. Ein toter Hund, dachte sie traurig. Die herrenlose, hungrigen Tiere taten ihr leid, obwohl sie selbst nie einen besessen hatte. Ihr Onkel hielt sie für unrein. Nur Katzen ließ er zu, damit sie die Mäuse und Ratten in Schach hielten, wie er meinte. Onkel Aron! Wie immer wenn sie an ihren gütigen, gelehrten Onkel dachte, wurde es Deborah warm ums Herz. Er hatte ihr die Eltern ersetzt, mehr noch, er war ihr Lehrer geworden, hatte sie formell während der Kindheit unterrichtet. Noch immer lernte sie von ihm! In Aron ben Gabriels Gegenwart fühlte sie sich geborgen.
Leicht kurzsichtig blinzelte Deborah, beugte sich vorwärts. Erschreckt stieß sie einen leisen Klagelaut aus, fasste sich jedoch sofort. Vorsichtig blickte sie um sich, erleichtert, dass der Nebel sich anscheinend verdichtete. Resolut bückte sie sich, hob die kleine Last auf und legte sie in den Korb. Wie gut, dass sie ein Tuch dabei hatte, um den Fisch zu bedecken, da sie noch einiges anderes besorgen wollte.
Sie spürte, wie Angst drohte ihr den Magen umzudrehen. Ihr Herz klopfte dermaßen, dass sie meinte, das müsste die Nachbarn aufwecken. Sie konnte nicht denken, lief ohne Überlegung zur Stadtmauer, an dem Aldersgate vorbei, eines der sieben Londoner Tore, die bei Sonnenaufgang geöffnet wurden. Sie achtete nicht darauf, dass sie von ihrem Weg abgekommen war. Schwer, ruhig zu sein, sagte sie sich, aber versuchen musst du es! Endlich gelang es ihr die zitternden Hände zu beruhigen und mit schnellen Schritten zum Fluss zu gehen, den sie erreichte, als sich Fischer und Händler längst laut im Gespräch befanden. Sie hatte Glück, ein alter Fischer, bei dem sie öfter gekauft hatte, sah sie und hielt lachend zwei große Fische in die Höhe, die sie sofort entgegen nahm und schnell die Münzen aushändigte. Sie vergaß nicht, zu lächeln so gut es ging und ihm zu zurufen: »Glück hat er! Ich bin in Eile, sonst wär er nicht so leicht mit dem Wucherpreis weg gekommen!«
»So so! In Eile? Wartet der Liebste auf Euch?« Der Mann grinste breit. »Wenn Ihr ihn Leid seid, kann ich sorgen, dass Ihr nicht allein im Kalten liegt!«
Deborah rief über die Schulter, die Stimme gequält laut: »Ha! Ich mach mir wenig aus Fischgestank!«, und tauchte schnell in der Menge unter, zufrieden, dass der Fischer sich dem Nächsten zuwandte. Sie blickte vorsichtig um sich, spürte erneut die Angst, die ihr fast die Kehle zuschnürte. Sie kannte keinen der anwesenden Händler. Niemand beachtete sie. Keine Dienstmagd war zu sehen. Auch ihresgleichen nicht, sicher war ihnen der Nebel noch zu dicht.
Sie strebte dem Cripplegate zu, das wie die anderen Stadttore schon geöffnet war. Sie ging langsam, zwang sich, nicht nach Wächtern oder deren Familien Ausschau zu halten, sondern ihren Weg zu gehen. Hinter dem Tor lag das Dorf Islington, in den Feldern die dorthin führten, vertrieben sich die jungen Männer der Stadt an freien Tage die Zeit mit ihren Spielen. Hier in der Nähe lag auch der Gute Ort, der jüdische Friedhof.