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Rothärmel, Katharina

SchattenSpiele 
oder Rückblick auf eine Vergangenheit, die keine Zukunft gefunden hat

Erzählung, trafo verlag 2012, 2te Auflage, 135 S., ISBN 978-3-89626-858-7, 9,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis

Prolog 7

Zu Kindern sind sie nett 13

»Lernen, lernen, nochmals lernen!« 26

Der Genosse Schön 51

Eine nicht genehmigte Reise 56

BERLIN, die Hauptstadt 88

Die Fahrt nach Dessau 93

Das zarte Geigenspiel 100

Der Einbruch 104

Auf in den Kampf 108

Epilog 111

Joschka Lugowski im Zug nach Dessau 113

ngeklärte, überraschend frühe Tod der 
Der ungeklärte, überraschend frühe Tod der Schauspielerin Julia R. im Februar 1979 in Berlin-Marzahn hatte bei Freunden und Kollegen Verwirrung ausgelöst. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands versucht der Jugendfreund Joschka L. den wahren Ursachen ihres Todes auf die Spur zu kommen. Die erhalten gebliebenen Aufzeichnungen der Schauspielerin bewegen den Jugendfreund dazu, Jahre nach ihrem Tod mit Freunden aus Ost und West an ihrem Grab auf dem Friedhof in Dessau noch einmal Abschied zu nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Leseprobe

Der Februar 1979 war frostig; Schneeflocken fielen aus dem Himmel über Berlin, der geteilten Stadt.

Karl Damm, Frührentner, wohnhaft in Wittenberg an der Elbe, hatte die Grenzkontrolle im Bahnhof Friedrichstraße Richtung Westen ohne Hindernisse passiert. Zügig verließ er die Tränenhalle, ging hoch zur S-Bahn, blieb kurz stehen, sah nach rechts, dann nach links, hob eine Hand und winkte. Sein Freund Martin lief auf ihn zu, die beiden Männer umarmten sich und warteten auf die S-Bahn Richtung Wannsee.

Eigentlich war sein Besuch bereits viel früher geplant gewesen und er hatte auch schon die Genehmigung der DDR-Behörden in der Tasche gehabt. Dann jedoch war etwas eingetreten, was ihn veranlaßte diesen Besuch aufzuschieben.

 

»Sieh doch mal nach«, hatte seine Frau Li, Schauspielerin in Wittenberg, gesagt, »Julia hat schon seit Wochen nichts von sich hören lassen.«

Julia Rauch war die Untermieterin der Wohnung in Berlin-Marzahn, die Karl Damm mit Genehmigung des Staatsapparates gemietet hatte. Die 1-Raumwohnung hatte einen Balkon, eine kleine Küche mit Fenster und ein kleines Bad ohne Fenster. Bevor Karl Damm die Grenze nach West-Berlin passieren wollte, fuhr er also dorthin um Julia einen Besuch abzustatten. Erst klingelte er wie vereinbart, dann nahm er seinen Zweitschlüssel und öffnete die Tür. »Julia?« Nicht zu Hause, dachte er und ging in das Zimmer. Julia lag auf dem Fußboden, neben sich ein Stapel mit handschriftlichen Blättern, ein Kugelschreiber klemmte in ihrer rechten Hand.

Karl riß das Fenster auf und versuchte Julia gerade hinzulegen. Es ging nicht, sie war bereits tot. Er drückte ihr die Augen zu und setzte sich neben sie. Lautes Schluchzen ließ seine Schultern zucken. Seine Hände begannen zu zittern. Er versuchte, den steifen Körper anzuheben um ihn in den Arm zu nehmen, aber auch das gelang nicht. Vorsichtig legte er die tote Julia wieder auf den Fußboden. Er wunderte sich, daß der Schlüssel nicht in der Tür steckte. Sie hatten abgesprochen, daß Julia den Schlüssel stecken ließ, wenn sie daheim war. Wo war der Schlüssel? Karl fand ihn unter dem Tisch liegend und hob ihn auf.

Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür. Karl raffte sich auf und öffnete. Der Hausmeister Krause stand draußen und freute sich. »Schön, Sie och mal wiederzusehen. Is wat?«

»Ja, Krause. Es ist etwas Schreckliches passiert. Wir müssen die Polizei holen.«

»Is wat mit Frau Rauch? Die hat ihren Wohnungsschlüssel nachmachen lassen und ihn mir jejeben, vorgestern. Sie hat gesagt, dat ihr öfters schwindlig wird und sie sich schwach fühlt. Die Ärztin hat ihr jeraten, viel zu loofen und frische Luft zu schnappen. Medikamente hat se nich bekommen, sagte Frau Rauch und dat se dit janich versteht. Ick sollte immer mal klingeln. Wo is se denn, die Frau?«

»Tot. Julia Rauch ist tot. Verständigen Sie die Volkspolizei, bitte. Der Telefonanschluß ist immer noch nicht genehmigt worden. Ich warte hier.«

Bevor die Volkspolizei eintraf, steckte Karl Damm den Stapel mit den Aufzeichnungen in seine Tasche. Er wollte nicht, daß diese in die Hände seiner Genossen kamen. Es konnte ja sein, daß Julia auch über ihn etwas aufgeschrieben hatte, was die nicht wissen sollen.

Er setzte sich auf einen Stuhl. Tränen liefen über sein Gesicht und er preßte die Hände vor den Mund, um nicht laut zu schluchzen. Als die Volkspolizei eintraf, hatte Karl Damm sich beruhigt.

Als Todesursache wurde Herzversagen festgestellt. Der genaue Todeszeitpunkt konnte nicht ermittelt werden.

Martin war ein gut aussehender Mann im mittleren Lebensalter und er war im zurückliegenden Jahr in den westlichen Teil von Berlin übergesiedelt. In seinem Ausreiseantrag bei den Behörden der DDR argumentierte er mit Familienzusammenführung, der plausibelste Grund, da er keine politischen Hintergründe vermuten ließ. Er war eine Scheinehe eingegangen mit einer Kollegin von Siemens, die er noch aus seiner Studienzeit in West-Berlin kannte. Das West-Diplom als Chemiker wurde nach dem Mauerbau im Osten nicht anerkannt und er war froh gewesen im Gummiwerk Piesteritz bei Wittenberg eine Arbeitsstelle als Laborant zu bekommen. Seine Studienkollegin Isabella machte ihn Ende der sechziger Jahre ausfindig und schwor, ihn aus dem Osten herauszuholen. Sie knüpfte ihre Kontakte über Amnesty International, heiratete Martin und verschaffte ihm bei Siemens einen Job. Nicht in der Forschung, wieder im Labor, aber in leitender Funktion.

Isabella hielt sich an die Absprachen. Nach Martins Übersiedelung wurde die Ehe geschieden, schließlich wußte sie, daß er homosexuell war und einen Freund hatte, der ihm viel bedeutete. Das war Karl Damm.

Die beiden Männer waren bis Charlottenburg gefahren und liefen untergehakt die Wilmersdorfer Straße entlang, bis zur Hausnummer 54. Sie gingen zwei Treppen hoch und landeten, erleichtert, daß es endlich geklappt hatte mit dem Wiedersehen, am gedeckten Tisch. Die Stimmung war nicht so freudig und gelöst wie sonst bei ihren Zusammentreffen. Karl hatte ein Heft auf den Tisch gelegt.

»Ich bin froh, daß ich die Aufzeichnungen von Julia durch die Kontrolle bekommen habe.«

»Ein Glück, daß du sie gefunden hast. Hat sie Selbstmord begangen?«

»Nein, ihr Herz hat versagt, die medizinische Versorgung ist wohl nicht ausreichend gewesen.«

Martin stand auf, ging zum Bücherregal und holte ein Bild, das mit Ölfarben gemalt war. »Na, wer ist das?«

Karl lehnte sich erschrocken in seinem Sessel zurück »Mein Gott, das ist sie, Julia.« Er seufzte und hustete um nicht schluchzen zu müssen. »Was machen wir nur? Ich hätte mich raushalten sollen. Nun hat Isabella den Joschka Lugowski ausfindig gemacht und Julia gibt es nicht mehr.«

Martin versucht seinen Freund zu beruhigen. »Wir versuchen das Bild für den Stiefbruder über die Grenze zu bringen. Joschka schreibt: ›Seit ich weiß, daß meine Jugendfreundin Schauspielerin geworden ist, bin ich neugierig sie zu sehen, zumal ich ein schlechtes Gewissen habe, daß ich damals einfach abgehauen bin. Ich mußte weg aus Europa, bin über den Teich bis nach Kanada gefahren und lebe jetzt auf einer Farm. Hier male ich meine Erinnerungen, auch die an Julia. Oft sehe ich ihr Gesicht vor mir, ihre hellen Augen, wenn sie vor Freude glänzten oder im Zorn eng und gelb wurden. Meinen Bruder habe ich nicht gefunden, auch nicht in Israel. Vielleicht findet Isabella eine Möglichkeit das Bild über die Grenze zu bringen. Auf jeden Fall komme ich im Sommer nach Deutschland.‹«

Martin legte den Brief auf den Tisch.

Karl goß sich einen Rum ein. »Isabella wird dafür sorgen, daß er zur Beerdigung kommt und dann geben wir ihm Julias Erinnerungen.«

 

* * *