Sylwia Werner (Hg.)


Der Betrachter ist im Text! Kunstrezeption in der deutsch­sprachigen Literatur nach 1945

 

[= Frankfurter Kulturwissenschaftliche Beiträge, Bd. 11], 2012, 342 S., ISBN 978-3-89626-856-3, 39,80 EUR


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Inhaltsverzeichnis

 


Inhalt
Einleitung 5

Minus mal minus. Negativität in Bildern und literarischer Bildrezeption 13
Florian Lippert

Der Leser als Betrachter. Zu Funktion von Bildern in Elias Canettis Werk 35
Sylwia Werner

Schriftsteller als Kunstvermittler – ein zeitgenössisches Revival? 51
Andrea Gnam

»Die Konkrete Poesie ist vielmehr eine Kunst als eine Literatur«. Eugen Gomringer und die Kunst 69
Annette Gilbert

Vor - Sicht und Durch - Sicht: Literarisches Schreiben über zeitgenössische Kunst. Michael Donhauser zu Irene und Christine Hohenbüchler und Richard Obermayr zu Peter Pommerer 99
Eva Maltrovsky

Kosmos, Mythos, Erhabenes: Christoph Ransmayr begegnet Anselm Kiefer 119
Carsten Lange

Im Clair-obscur der Lektüre. Suters Vallotton 139
Silke C. Schuck

Betrachtungen über Betrachter in Adolf Muschgs Roman Das Licht und der Schlüssel 167
Raffaele Louis

In Bildern Erzählen. Zum ekphrastischen Erzählverfahren in Josef Winklers »römischer Novelle« Natura morta 189
Frank Jasper Noll


»Ein weiteweiteres und unbearbeiteteres Feld«: Zum intermedialen Arbeiten Arno Schmidts im Spätwerk 209
Ina Cappelmann

Von echten und falschen Engeln. Die Rezeption von Giottos Fresken der Arena-Kapelle in W. G. Sebalds Schwindel. Gefühle 237
Nicola Brüder

Undurchschaubar und folgerichtig. Die Collagen zu Peter Weiss‘ Erzählung Abschied von den Eltern 257
Florian Radvan

»Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang.« Wirklichkeit und Gewalt im Spiegel der Kunstbeschreibungen von Elias Canetti und Peter Weiss 271
Anne Peiter

Kunstbetrachtungen: Paul Celan über den Surrealisten Edgar Jené 289
Kristin Rebien

Wie das Cover so der Text? Graphische und Typographische Umschlaggestaltung im amerikanischen und deutschen Taschenbuch 307
Elisabeth Kampmann/ Eva Morawietz


Angaben zu den Autorinnen und Autoren 337

 

 

Einleitung


Die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Bildenden Kunst und der Literatur wurde schon oft gestellt. Selten gerät dabei jedoch die konkrete Rezeption von bestimmten Kunstwerken in der Dichtung sowie deren Funktion für die jeweilige Poetik in den Blickpunkt der Forschung. Der vorliegende Band widmet sich genau diesen Fällen und versammelt Beiträge, die anhand von Fallbeispielen aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur verschiedene Aspekte der Kunstbeschreibung in der Literatur und ihre Rolle für das Verständnis bzw. Interpretation des Textes herausarbeiten. Für alle Beiträge leitend war die Frage, inwiefern man hierfür ein neues rezeptionsästhetisches Konzept eines ›im Text impliziten Betrachters‹ entwerfen könne? Bekanntlich hat Wolfgang Kemp mit seiner Theorie, dass jedes Kunstwerk bereits adressiert sei, d. h. einen Betrachter mit einschließt, zentrale Einsichten der Rezeptionsästhetik Wolfgang Isers für die Kunstgeschichte fruchtbar gemacht. Wenn indes der Betrachter im Bild und der Leser im Text von vornhinein mitgedacht werden, stellt sich die Frage, ob nun einem literarischen Text nicht zugleich auch eine visuelle Dimension eingeschrieben sein könnte, die einen Betrachter evoziert? Anders formuliert: Implizieren nicht nur die Bilder, sondern auch literarische Texte zuweilen einen Betrachter?
Wenn dem so ist, dann gilt es nun, den Weg wieder zurück einzuschlagen, und das heuristische Prinzip zu formulieren, dass nicht nur wie bei Kemp ein Betrachter im Bild oder wie bei Iser ein Leser im Text als bereits implizit vorhanden anzunehmen sind, auf deren Rezeption hin das Kunstwerk komponiert sei, sondern dass der Text auch viele visuelle Dimensionen aufweist, durch die der implizite Leser zu einem impliziten Betrachter sich wandelt: Der Betrachter ist im Text! Hinzu kommt, dass man mit Rainer Warning nach den im Text selbst vorhandenen rezeptionslenkenden Faktoren fahnden und dabei just auch offene und verborgene Referenzen auf Kunstwerke in Blick nehmen und funktional analysieren kann, inwiefern diese die Lektüre steuern und dem Leser eine Betrachterrolle zuweisen. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge widmen sich just dieser Frage, sub specie derer sie konkret an Beispielen der deutschsprachigen Literatur nach 1945 rezente und klassische Theorien der Intermedialität, der Wirkungsästhetik Isers sowie der Rezeptionsästhetik Kemps einer Revision unterziehen.

Der vorliegende Band wird mit dem Beitrag von Florian Lippert (»Minus mal minus. Negativität in Bildern und literarischer Bildrezeption«) eröffnet, welcher in die Problemstellung einführt und eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen Isers und Kemps Modellen des ›impliziten Lesers‹ bzw. ›Betrachters‹ zur Beschreibung der Wirkungssignale im Text bzw. Bild bietet. Lippert weitet Isers Begriff der ›Leerstelle‹ auf andere Medien aus und geht von Kunstwerken aus, die nicht als bloße Beschreibungsobjekte, sondern viel mehr als konstruktive Leerstellen im Text fungieren. Als Beispiel für ein die ›Lücke‹ füllendes Komplement führt er u. a. Elias Canettis Beschreibung von Rembrands Gemälde Die Blendung Simsons an, dessen strukturelle und inhaltliche Korrespondenzen zum Roman Die Blendung sowie zum Drama Hochzeit im darauf folgenden Aufsatz der Herausgeberin im Einzelnen vorgeführt und ausdifferenziert werden (»Der Leser als Betrachter. Zur Funktion von Bildern in Elias Canettis Werk«). Dieser Beitrag verfolgt das Ziel, die verschiedenen Bildbezüge in Canettis Schriften zu typologisieren und auf ihr Zusammenspiel mit Metaphern-, Motiv- sowie Figurenkonstellationen zu befragen. Im Lichte der Bildreferenzen wird schließlich auch Canettis Schreibtechnik untersucht und dabei seine Charakter- und Figurenzeichnung sowie der Gebrauch von Farbworten beleuchtet.
Von einer anderen Betrachterperspektive wird neben Peter Weiss wiederum Canetti von Anne Peiter in den Blick genommen (»›Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang‹. Wirklichkeit und Gewalt im Spiegel der Kunstbeschreibungen von Elias Canetti und Peter Weiss«). Nun werden die Bildbeschreibungen Canettis sowie Peter Weiss’ für eine politisch-historische Deutung fruchtbar gemacht, in deren Licht die jeweiligen Kunstwerke als Ausdruck des Schreckens des Krieges gedeutet werden können.
Das Verhältnis von Bild und Schrecken thematisiert auch Kristin Rebien mit ihrem Beitrag zu Paul Celan und dessen Auseinandersetzung mit der surrealistischen Kunst (»Kunstbetrachtungen. Paul Celan über den Surrealisten Edgar Jené«). Vor dem Hintergrund von einer von Rebien herausgearbeiteten Theorie des Betrachtens bei Celan, der zufolge bei jeder Betrachtung historische Erfahrungen bzw. historisches Wissen mitzubedenken sind, zeigt sie, wie Celan Jenés Bild Das rote Meer geht über Land im Kontext des Krieges verankert und zum Beispiel mit der Umbenennung des Titels in Das Blutmeer geht über Land in konkrete historische Zusammenhänge rückt.
Die Leitthese des Bandes, nämlich dass ein Text nicht allein durch den Leser im Akt des Lesens zu existieren beginnt, sondern auch durch den im Leseprozess auf Werke der Bildenden Kunst gelenkten Betrachterblick zum Leben erwacht, wird im Beitrag von Andrea Gnam (»Schriftsteller als Kunstvermittler – ein zeitgenössisches Revival?«) produktiv umgekehrt, in dem sie die besondere Rolle, die zeitgenössische Schriftsteller bei der Vermittlung bzw. der Rezeption von Kunst im gegenwärtigen Kunstdiskurs spielen, vorführt. Es sind literarische Bildbeschreibungen, die jenseits der traditionellen kunsthistorischen Auseinandersetzung, die Rezeption der Bilder über Geschichten steuern, Zugänge schaffen, Bilder für das Museumspublikum anders erfahrbar machen und die Blicke der Betrachter lenken.
Mit welchen Mitteln dies konkret geschehen kann, zeigen insbesondere Eva Maltrovsky (»Vor - Sicht und Durch - Sicht: Literarisches Schreiben über zeitgenössische Kunst. Michael Donhauser zu Irene und Christine Hohenbüchler und Richard Obermayr zu Peter Pommerer«) und Annette Gilbert (»›Die Konkrete Poesie ist vielmehr eine Kunst als eine Literatur‹. Eugen Gomringer und die Kunst«), indem sie anhand von zeitgenössischer Prosa sowie Beispielen Konkreter Poesie Beziehungen zu Werken zeitgenössischer Künstler und solcher aus der Moderne aufzeigen bzw. herstellen, und dabei Wechselwirkungen und Annäherungswege zwischen den jeweiligen Schreib- und Darstellungsverfahren herausarbeiten. Während Maltrovsky fragt, wie man mit nicht narrativen Bildern in einem literarischen Text umgeht, zeigt Gilbert anhand von Konkreter Kunst, wie die Prozesse und Verfahren der Versprachlichung von Bildelementen ablaufen und vice versa, wie in der Konkreten Poesie Texte sich zu Sehbildern entwickeln. Dies sind offensichtliche Beispiele für literarische Werke, denen nicht nur eine Leser-, sondern konkret auch eine Betrachterrolle eingeschrieben ist.
Dass Kunstwerke als Themenfundus und als heuristische Modelle für literarische Schreibprozesse zu dienen vermögen, zeigt Carsten Lange anhand von Christoph Ransmayrs literarischen Adaptionen von Werken Anselm Kiefers auf. (»Kosmos, Mythos, Erhabenes: Christoph Ransmayr begegnet Anselm Kiefer«). Aber auch Arno Schmidt, dessen Makro-Roman Zettels Traum im Kontext der Fotographie von Ina Cappelmann (»›Ein weiteweiteres und unbearbeiteteres Feld‹: Zum intermedialen Arbeiten Arno Schmidts im Spätwerk«) untersucht wird, erweitert seine exzessiv intertextuelle Textkomposition um intermediale Bezüge, durch die die Lektüre auf ein zusätzliches visuelles Gleis gesetzt wird.
Auf eine andere Weise macht sich Josef Winkler, wie Frank Noll aufzeigt (»In Bildern Erzählen. Zum ekphrastischen Erzählverfahren in Josef Winklers ›römischer Novelle‹ Natura morta«), das Modell der Bildenden Kunst literarisch zu Nutze, nämlich durch ein Erzählverfahren, das die Stillebenmalerei verbal imitiert. Winkler beschreibe also keine konkret existierenden Bilder, vielmehr werde durch seine ekphrastische Erzähltechnik die dargestellte Geschichte selbst zu einem »lebenden Bild«. Der Betrachter ist somit auch dann im Text implizit, wenn sich der Text qua seiner Form mimetisch auf eine bestimmbare Gattung der Bildenden Kunst bezieht, es bedarf nicht der Referenz auf ein einzelnes Werk.
Bilder können auch zum Ausgangspunkt einer Erzählung und in dieser metareflexiv der Akt des Betrachtens thematisch werden und auf diese Weise die Lektüre von Anbeginn lenken. Solche Texte untersuchen die Beiträge von Raffaele Louis (»Betrachtungen über Betrachter in Adolf Muschgs Roman Das Licht und der Schlüssel«) und Silke Schuck (»Im Clair-obscur der Lektüre. Suters Vallotton«). In den von ihnen diskutierten Lektüren steht das Bild im Mittelpunkt des Erzählplots, um es rankt sich die Handlung, aus ihm entspannt sich eine Krimigeschichte. Zugleich ist das Kunstwerk der Schlüssel, mit dem das Gesamtbild der literarischen Fiktion begreiflich wird.
Um wiederum anders gelagerte Fälle des impliziten Betrachters handelt es sich, wenn in den literarischen Text konkrete Bildzitate hineinmontiert oder zu Texten Bilder hinzugefügt werden. Wie die Beiträge von Nicola Brüder (»Von echten und falschen Engeln. Die Rezeption von Giottos Fresken der Arena-Kapelle in W. G. Sebalds Schwindel. Gefühle.«) und Florian Radvan (»Undurchschaubar und folgerichtig. Die Collagen zu Peter Weiss‘ Erzählung Abschied von den Eltern«) zeigen, wird in den dem Text beigefügten Illustrationen eine zweite Geschichte erzählt, weshalb dem jeweiligen Roman nicht nur die Betrachterrolle im Text, sondern auch die Leserrolle im Bild zukommt.
Ein weiteres und bislang kaum in der Forschung beachtetes Feld der Text-Bild-Beziehungen sondieren in ihrem dem Bild als Paratext gewidmeten Aufsatz Elisabeth Kampmann und Eva Morawietz (»Wie das Cover so der Text? Graphische und Typographische Umschlaggestaltung im amerikanischen und deutschen Taschenbuch«). Insbesondere wird anhand des Vergleichs von deutschen und amerikanischen Buchcoverillustrationen, deren Relevanz für die in der jeweiligen Adressatenkultur folgende Rezeption erörtert. Der Betrachter ist bereits vor dem Text (und bevor er zum Leser wird) mit einem Bild konfrontiert, das bestimmte Erwartungshaltungen erzeugt, und durch die zeit- und kulturspezifische Ästhetik des jeweiligen Buchcovers ihn auf eine bestimmte Lektüre ausrichtet.

Mit den im vorliegenden Band präsentierten Aufsätze sollen somit zum einen ein Überblick über verschiedene Facetten und Funktionen von Kunst-Bildern in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 gegeben werden, zum anderen auch unterschiedliche Konzeptualisierungsmöglichkeiten für das Einbeziehen von Betrachterperspektiven erarbeitet werden. Grundsätzlich vereint die Beiträge die Erkenntnis, dass es Verweise von Texten auf Bilder gibt, deren Gehalte nicht über die Sprache allein transportiert werden können, sondern nur auf der visuellen Ebene erfahrbar sind. Bezieht man die Bilder bei der Analyse des jeweiligen Textes mit ein, eröffnet sich damit zusätzlich eine visuelle Dimension, die die Lektüre verändert und auf sehr konkrete Weise prägt. Den Bildbezügen kommt eine Schlüsselfunktion für das Verständnis der Organisation und Komposition von literarischen Texten zu.