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Haese, Ute:

So ehrbar. So mächtig. So tot.

 

2009, Kriminalroman, 312 S., ISBN 978-3-89626-842-6, 14,80 EUR

 

Klappentext

In Döhlin an der Diller ist der Teufel los: Zuerst wird der smarte Oberstaatsanwalt Moritz Wagner ermordet, dann erwischt es auch noch den Polizeipräsidenten. Das daraufhin extra zusammengestellte Team um die junge und ehrgeizige Kriminaloberkommissarin Victoria Boll sowie ihren erfahrenen Kollegen Robert Wiehmer soll deshalb besser gestern als heute herausfinden, wer zu dieser gnadenlosen Honoratiorenhatz bläst. Erste Spuren führen zu den örtlichen Freimaurern und in die lokale Neonazi-Szene. Aber schon der nächste prominente Tote gibt der Task Force neue Rätsel auf.

Leseprobe

1. KAPITEL

„… aber vor allen Dingen leitete mit Dr. Hans-Georg Schickler über Jahre ein bemerkenswert rechtschaffener und überaus honoriger Mann unsere Döhliner Polizei, für den Begriffe wie Verantwortungsbewusstsein, Unbestechlichkeit und gelebte Mitmenschlichkeit keine bloßen Worthülsen waren. Dafür sind wir, seine Kolleginnen und Kollegen, ihm zutiefst dankbar.“
Der Redner machte erneut eine Kunstpause, um auch diesen Teil seiner salbungsvollen Ausführungen in das Bewusstsein der zahlreichen Zuhörer sickern zu lassen, bevor er exakt im richtigen Moment mit seiner überaus wohlmodulierten Stimme fortfuhr:
„Diese Attribute mögen in unseren modernen Ohren altmodisch klingen, ja geradezu antiquiert, dessen bin ich mir durchaus im klaren. Nichtsdestotrotz beschreiben sie die herausragenden Qualitäten des von uns allen aufrichtig geschätzten, ja zum Teil sogar bewunderten Verstorbenen zweifellos am besten.“
Jetzt richtete der Sprecher, bislang in die Weite der eigens für diesen Anlass hergerichteten Präsidiumskantine deklamierend, seinen ebenso festen wie gefühlvollen Blick auf die in der ersten Reihe sitzende, fliederfarben gewandete Witwe des Toten.
„Ihr Gatte, verehrte gnädige Frau, war ein Menschenfreund im wahrsten Sinne des Wortes, dessen gewaltsamen Tod wir alle zutiefst bedauern. Als Polizeipräsident von Döhlin war er unser Vorgesetzter, als Hans-Georg Schickler jedoch war er so manchem von uns ein Freund, und ich darf Ihnen im Namen der hier Anwesenden versichern …“
Victoria Boll, vor fast genau drei Wochen von dem damals noch Lebenden zur Kriminaloberkommissarin befördert, konnte nicht anders: Sie gähnte verstohlen, was zur Folge hatte, dass ihr bei dem Versuch, die Kiefer aufeinander zu pressen, vor Anstrengung die Tränen in die Augen traten. Der Trauerredner, dessen nunmehr gänzlich umflorter Blick just in diesem Moment über die dritte Stuhlreihe glitt, hielt kurz inne und nickte ihr wohlwollend zu. Zweifellos, dachte Victoria belustigt, deutetet Bilbo ihre feuchten Augen als eine direkte Folge seiner schwallhanselnden Aneinanderreihung von Floskeln. Der Mann war einfach so – der Mittelpunkt des Universums und ein begnadeter Kriminalist, wenn man ihn um eine Selbsteinschätzung gebeten hätte. Nur andere hielten den Leitenden Kriminaldirektor Dr. sc. pol., Dr. jur. Heinz Renneisen für ein lächerliches, aufgeblasenes Männlein, das den Mund unentwegt öffnete und schloss und dabei Luftblasen produzierte wie die Guppys in seinem Aquarium. Seinen hausinternen Spitznamen hatte er denn auch wegen seiner geringen Körpergröße nach dem Tolkien’schen Hobbit Bilbo Beutlin erhalten.
Dabei hatte er mit Schickler gar nicht so Unrecht, überlegte Victoria weiter, während ihr Blick über die Kollegenköpfe schweifte und unwillkürlich an der ehemals mausbraunen, aber seit neuestem gesträhnten und gestylten Hinteransicht des Döhliner Cybercops, der Computerspezialistin Stefanie Zwahle, hängen blieb. Er war schon in Ordnung gewesen. Sie selbst hatte ihn zwar nicht gerade gut gekannt – dafür lagen dienstgradmäßig Lichtjahre zwischen ihnen –, doch was sie im Laufe der Zeit selbst mitbekommen oder durch Kollegentratsch erfahren und nicht zuletzt von ihrem Vater gehört hatte, war schon okay gewesen.
Victoria verscheuchte unauffällig eine Fliege, die sich auf ihrer Ohrmuschel niederlassen wollte. Es wurde unzweifelhaft Sommer in Döhlin. Auf jeden Fall hatte er einen derartigen Tod nicht verdient. Entschlossen wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Redner zu.
„… eine Stütze der Gesellschaft … ein Mann, der seine Pflichten ohne zu murren annahm und ihnen mit Sorgfalt nachging … einem hohen Ethos verpflichtet …“
Blablabla, dachte Victoria angeödet und ließ ihren Gedanken erneut freien Lauf. Dermaßen grundgut und tadellos war nun wirklich niemand, denn sonst müsste Schickler ein Heiliger gewesen sein. Und das traf nun doch nicht zu. Dafür hatte er zu laut und zu heftig brüllen können. Plötzlich erinnerte sie sich wieder ganz deutlich, wie er als Hauptkommissar einen armen Anwärter zusammengeschrieen hatte. Knallrot angelaufen war sein Gesicht dabei, und seine Halsschlagadern waren bedenklich hervorgetreten. In jenem Moment hatte sie ihn ziemlich furchteinflößend gefunden. Nein, man sollte es mit der nekrologen Lobhudelei wirklich nicht übertreiben, sonst verkehrte sich das Ganze noch ins Gegenteil. Wie bei dieser Schauspielerin, die zwar noch lebte, jedoch in ihren Filmen dermaßen grundgütig agierte, dass man als Zuschauer automatisch Lust auf eine ordentliche Prügelei und abgrundtief fieses Verhalten verspürte. Wie hieß die doch gleich?
In der hinteren Reihe schrammte jemand mit seinem Stuhl zurück und schlich mit quietschenden Schuhen zum Fenster. Es klapperte, als er es öffnete. Bilbo unterbrach indigniert seine Ansprache, doch als gleich darauf ein Schwall angenehm frischer Frühsommerluft den Raum erfüllte, nickte er dem Täter so wohlwollend zu, als sei diese belebende Maßnahme seine Idee gewesen.
Victoria nahm das alles lediglich am Rande wahr. Wie hieß diese verdammte Schauspielerin bloß noch? Genau: Marianne Sägebrecht. Die hatte sie vor Monaten in irgend so einem rührseligen TV-Weihnachtsstück mit viel Kind und noch mehr Einsamkeit gesehen und ihr die ganze Zeit Terence Hill und Bud Spencer an den Hals und deren vier Fäuste auf den Kopf gewünscht.
Aber Schickler hatte jemand nicht nur gehörig verdroschen, sondern umgebracht. Und es stand zu vermuten, dass der Mörder den Döhliner Polizeipräsidenten keineswegs für grundgut gehalten hatte, denn er hatte ihn regelrecht hingerichtet. Und mit seinem anderen Opfer war er genauso verfahren.
Victoria horchte auf. Etwas in Bilbos Stimme hatte sich verändert. Sie klang jetzt härter, entschlossener.
„… dessen charakterliche Integrität ebenfalls ohne Zweifel … als Oberstaatsanwalt … und zumal so junger … seinen Dienst mit enormer Sorgfalt nachgegangen … nie etwas zu viel … immer ansprechbar für seine Kollegen …“
Aha. Auch Bilbo war mittlerweile bei Opfer Nummer Zwei angelangt. Dies ließ hoffen, dass er bald zum Ende kam. Und so war es auch. Interessiert beobachtete Victoria wenige Minuten später, wie ihr Vorgesetzter seine staatstragende Miene aufsetzte, einmal leicht schnaufte – für Eingeweihte ein untrügliches Zeichen, dass nun etwas Wichtiges folgen würde – und prompt mit Verve in der Stimme ankündigte, dass er sich angesichts der beiden Todesfälle in der Stadt entschlossen habe, eine Task Force einzusetzen, die „mit Hochdruck!“ an deren Aufklärung arbeiten werde. Damit Döhlins Bürger bald wieder unbesorgt in ihre Betten sinken und sich dem Schlaf der Gerechten hingeben könnten. Bilbo war ein entschiedener Anhänger des Konzeptes der gefühlten Sicherheit seiner Bürger.
„Frau Boll, kommen Sie doch bitte anschließend gleich zu mir ins Büro, ja! Damit wir alles Weitere besprechen können.“
Victoria blinzelte, nickte mechanisch wie ein Roboter, verschluckte sich anschließend vor lauter Schreck, bekam einen knallroten Kopf und besaß dadurch kurzzeitig Ähnlichkeit mit einem gekochten Flusskrebs, dessen Artgenossen im Rohzustand seit kurzem wieder die Diller bevölkerten, wie der Courier in der letzten Woche geradezu marktschreierisch berichtet hatte.
„Ich bin so stolz auf dich, Vicky!“, hörte sie trotz des einsetzenden dezenten Geraunes ihren direkt hinter ihr sitzenden Vater flüstern. „Du hast es geschafft. Renneisen überträgt dir die Leitung dieser Task Force. Er vertraut dir. Jetzt kannst du endlich zeigen, was in dir steckt! Das ist ein außerordentlich wichtiger Schritt für deine Karriere!“
Natürlich war es das. Das wusste sie selbst. Trotzdem freute sie sein Lob, obwohl sie es hasste, wenn er sie „Vicky“ nannte. Jeden anderen hätte sie dafür barsch zurechtgewiesen. Ihn nicht. Väter besaßen halt doch gewisse Sonderrechte.
„Ja“, erwiderte sie deshalb nur, während sie gleichzeitig fieberhaft überlegte, ob nun etwa von ihr erwartet wurde, aufzustehen und sich wenigstens andeutungsweise zu verbeugen. Sie verwarf den Gedanken jedoch augenblicklich wieder. Dies war schließlich eine Trauerfeier, kein Beförderungsseminar an der Polizei-Fachhochschule, und außerdem wäre eine derartige, letztlich doch höchst emotionale Reaktion äußerst unprofessionell gewesen. Und Unprofessionalität gehörte in Victoria Bolls Augen keinesfalls zu den lässlichen Sünden.

Die Trauerfeier war mit einem Blues, an dem sich ausgewählte Kräfte des Döhliner Polizeiorchesters versuchten, zu Ende gegangen. Hans-Georg Schicklers Witwe hatte es sich so gewünscht. Danach hatte Bilbo sie unter anteilnehmender Stille der Kollegen hinausbegleitet. Und sofort war der Alltag im Präsidium wieder eingekehrt. Das Böse lauerte schließlich immer und überall. Auch in einer eher beschaulichen mittelgroßen Kleinstadt wie Döhlin, wie die beiden Morde eindrucksvoll belegten.

Renneisen hatte hinter seinem Schreibtisch gethront, als Victoria kurz darauf in seinem Büro erschienen war, und mit gerunzelter Stirn in einer Akte gelesen. Bei ihrem Eintritt sah er nicht auf, stattdessen wedelte er lediglich mit der Rechten in Richtung Stuhl, und Victoria hatte sich schweigend gesetzt.
Das Büro spiegelte voll und ganz nicht nur den Geschmack seines gegenwärtigen Besitzers wider, sondern verriet auch einiges über dessen Persönlichkeit, was dieser sicher lieber für sich behalten hätte.
Der Schreibtisch besaß die Größe einer Tischtennisplatte und war aus schwerem, dunklen Holz gearbeitet. Solide, wuchtig, wichtig signalisierte das Möbelstück, mit locker-flockigem Wohngefühl à la IKEA hatte es ausgesprochen wenig zu tun. Aber dieser bombastische Anspruch passte ebenso zu Bilbo wie dieses überdimensionale Aquarium, in dem die Guppys schwammen. Victoria hatte weiter keine Ahnung von Fischen. Sie wusste nicht einmal, ob das Salz- oder Süß-, Kalt- oder Warmwasserviecher waren. Bunt schillerten sie jedenfalls, einige von ihnen leuchteten regelrecht, und sie fand sie ganz hübsch, auch wenn ihr Blick völlig ausdruckslos war. Ob Bilbo sich vielleicht an ihnen orientierte? Manchmal schien er nämlich geradezu durch einen hindurchzusehen, wenn er mit einem sprach. Als ob man ein Geist sei. Das war ziemlich unangenehm – wie die Schuppen auf seinem Jackett. Bei den Fischen gehörten die dazu, bildeten deren Haut, schützten den Körper, glänzten und schimmerten in den unterschiedlichsten Farbschattierungen. Auf Bilbos Schultern erinnerten sie Victoria hingegen immer an kleine weiße tote Maden.
„Sie wissen, weshalb ich Sie zu mir gebeten habe, meine Liebe?“, hatte Bilbo ihre Gedanken schließlich jovial unterbrochen, sie dabei jedoch angeschaut, als überprüfe er seine Wahl in diesem Moment noch einmal ernsthaft. Sie hatte sich äußert unwohl gefühlt und gewusst, dass man ihr das ansah.

So wie jetzt im großen Konferenzzimmer des Döhliner Polizeipräsidiums, in dem sie das erste Mal in ihrem dreiunddreißigjährigen Leben vorn am Kopfende präsidierte wie eine Lehrerin, die sich in Frontalunterricht übt.
„Ja also, wie ihr wisst, hat Dr. Renneisen mich mit der Leitung der Task Force betraut“, fing sie zaghaft an und verfluchte sich selbst dafür. Führung sah anders aus.
Kriminaloberkommissar Robert Wiehmer gähnte und versuchte auch gar nicht, dies zu kaschieren. Er war todmüde. Sein Vater hatte in der letzten Nacht noch mehr gequengelt als sonst und war erst gegen halb drei zur Ruhe gekommen.
„Was sind die Fakten?“, fuhr Victoria, ihn demonstrativ ignorierend, fort, „wo stehen wir mit unseren Ermittlungen? Wir werden sicherlich noch einmal ganz am Anfang beginnen müssen, da der zweite Mord und die Verbindung zwischen den Fällen ein ganz neues Licht auf beide wirft.“
Ihr gesamter Körper wirkte angespannt, die Hände lagen ineinander verschränkt auf dem Resopaltisch, und der Oberkörper war nicht nur leicht nach vorn gebeugt, sondern glich einer zu straffen Bogensehne, die jeden Moment zu reißen drohte.
Nun entspann dich mal, Mädchen, hätte Robert ihr am liebsten zugerufen. Du stehst hier keiner Grundschulklasse vor, die sich auf ihren ersten Ausflug vorbereitet. Wir sind alles erwachsene Menschen, die zudem noch etwas von ihrem Job verstehen.
Auch Victoria schien das plötzlich klar geworden zu sein. Sie lehnte sich entschlossen zurück, entknotete nur mit Mühe ihre Finger und blickte voller Dynamik zu dem jungen Kriminalkommissar Serge Becker und seinem Partner Kriminalhauptmeister Georg Stollmeier hinüber, die als einzige nebeneinander saßen.
„Ihr ward an dem ersten Fall dran, nicht wahr?“
„Ja“, bestätigte Serge eine Spur zu hastig, „Dr. Moritz Wagner heißt das Opfer.“
„Der war als Oberstaatsanwalt einer von der harten Sorte. Kein Weichei“, ergänzte Georg knurrig. Das fing ja gut an!
„Und wie dürfen wir das jetzt verstehen?“, erkundigte sich Victoria bissig und beugte sich erneut vor.
„Er war halt ein ziemlich scharfer Hund“, erklärte Georg seelenruhig, ohne damit eigentlich etwas zu erklären. In seinem Tonfall schien allerdings so etwas wie Bewunderung zu liegen.
„Aha. Aber können wir uns nicht vielleicht an die üblichen Gepflogenheiten der Berichterstattung halten“, fuhr Victoria ihn an. „Das heißt, falls du es vergessen haben solltest: Fakten besitzen in unserem Job Priorität, und dann erst folgen persönliche Einschätzungen. Damit fahren wir alle besser, weil die anderen sich auf diese Weise selbst ein Bild von den Vorgängen machen können.“ Es klang wie auswendig zitierter Lehrstoff, sie hörte es selbst. Doch wie anders hätte sie auf diese Provokation reagieren sollen? „Also los, Georg!“
Setzen, fünf, dachte Robert amüsiert. Das gibt Ärger, denn Schorsch war schließlich ein gestandener Endfünfziger, ein im Dienst ergrauter Praktiker ohne allzu viele Illusionen und ohne allzu viel Respekt vor irgendwem.
Doch in Georg Stollmeiers Bulldoggengesicht bewegte sich keine Falte. Alles hing an diesem Mann, die Augenlider, die Tränensäcke von Derrick’schem Format, selbst die Truthahnhaut am Hals gehorchte unübersehbar den Gesetzen der Schwerkraft. Seine blauen Augen blickten, wie auch jetzt, meist trügerisch sanft. Aber das konnte, wie vielleicht auch jetzt, nicht selten eine Täuschung sein.
„Dr. Moritz Wagner“, fing er endlich schwerfällig an, „sechsunddreißig Jahre alt. Wurde am Abend des 26. April gegen dreiundzwanzig Uhr in seiner Wohnung erschossen. Adresse: Drosselsteig 7a. Der Mordtag war ein Donnerstag. Bei der Tatwaffe handelt es sich um eine Ceska 83, Kaliber 7.65. Zwei Schüsse wurden aus nächster Nähe in den Hinterkopf des Getöteten abgefeuert.“
Pause. Serge ruckelte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. So ging das doch nicht. Schorsch benahm sich ja geradezu kindisch. Er würde ein ernstes Wörtchen mit seinem Partner reden müssen, um ihn von dieser Chauvi-Tour abzubringen. Er schadete doch nur sich selbst, sah er das denn nicht?
„Wer hat Wagner gefunden? Und wo genau?“, fragte Victoria gereizt, während sie gleichzeitig aufstand, um ein Fenster zu öffnen. Die Luft war mittlerweile selbst in diesem großen Raum stickig und verbraucht. Sofort drang der Lärm der Döhliner Umgehungsstraße zu ihnen hinauf. Sie war sechsspurig, und es hatte um ihren Ausbau heiße Debatten im Courier gegeben. Doch die parteienübergreifende realistische Fraktion im Rathaus, wie sie sich selbst nannte, hatte sich schließlich durchgesetzt.
„Seine Frau. Im Arbeitszimmer“, entgegnete Georg, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihm begann die Sache langsam richtig Spaß zu machen.
„Weiter!“
Ihr offensichtlich nicht.
„Wir haben die üblichen Befragungen durchgeführt. Gattin“, er spuckte das Wort aus, als bezeichne es etwas Unanständiges, „Putzfrau, Nachbarn. Nichts. Niemand bemerkte etwas, niemand hörte oder sah etwas. Niemandem fiel an dem Abend etwas Ungewöhnliches auf. Es war alles wie immer. Wir wissen nur, dass der Täter sich keinen gewaltsamen Zugang zur Wohnung verschaffte. Wagner muss ihn hereingelassen haben, ihm ergo vertraut oder ihn zumindest gekannt haben. Ansonsten ist der Mörder ermittlungstechnisch quasi vom Himmel gefallen.“
„Oder die Mörderin“, korrigierte Kriminalkommissarin Stefanie Zwahle ihn liebenswürdig.

...