Klappentext
„Was ist schon ein Held? - Das ist doch nur
ein Mensch der naiv oder besessen genug ist, nicht alle Folgen seines
Handelns zu bedenken. Das macht ihn so mutig.“
So gelingt es dem jungen Polen Romek im Jahre 1975, den Todesstreifen
zwischen der DDR und der Bundesrepublik zu überwinden. Mut und eine
erhebliche Portion Naivität machen ihn in der realen Welt zu einem jener
Helden, wie man sie sonst nur aus Wild-West-Filmen kennt. Einen Kontrast
zu ihm bildet Karl, ein typischer DDR-Bürger, der, von unüberwindbarer
Angst gepeinigt, zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und der
Geborgenheit der kleinen, ihm wohl vertrauten Welt hin und her schwankt.
Ein Leben am anderen Ende der Welt wählt der Held einer anderen
Geschichte. Als Jude von den Nazis zur Flucht aus Deutschland gezwungen,
reist er über die Schweiz nach Ceylon aus, wird dort buddhistischer
Mönch und schließlich hoher Priester.
Die Geschichten erzählen von Menschen, die den Härten und
Herausforderungen dieser Welt mutig trotzen und von solchen, die an
ihnen zerbrechen.
Kein Mensch ist verpflichtet, ein Held zu werden und so äußert sich der
Icherzähler: „Ohne Frage war Romek ein Held und ein vom Schicksal
Begnadeter. Ihm galt meine volle Bewunderung. Doch ich träumte von einer
Welt, in der solche Heldentaten ganz unnötig wären.“
Leseprobe
Der Schnorrer
Nach einer langen Pause besuchte ich wieder einmal den Kölner Klub „Ignis“ in
einer wunderschönen Gründerzeit-Villa in der Nähe des Rheinufers. Das Programm,
ein Zymbal-Konzert einer tschechischen Virtuosin, interessierte mich weniger,
als das vorwiegend polnische Publikum des Klubs. Vielleicht würde ich dort ein
paar Bekannte treffen oder einige interessante Menschen kennen lernen. Das
Konzert war zu Ende. Ich saß nun etwas gelangweilt an der Theke, umgeben von
einigen flüchtigen Bekannten.
„Guten Tag, ich bin Jósef Rosenzweig“, dröhnte jemand hinter mir in Polnisch.
Die Stimme strahlte ein natürliches Selbstbewusstsein aus, als sei es eine
grobe Bildungslücke, den Namen nicht zu kennen. Ich stellte mein Glas auf die
Theke, drehte mich um. Zwei Schritte hinter mir stand ein Mann von mehr als
seltsamer Erscheinung. Er war etwa Mitte fünfzig, hatte ungepflegte dunkle,
fast schwarze Haare, die in schütteren Strähnen bis zu den Schultern herab
hingen, und einen zotteligen Bart. Gekleidet war er in einen dunkelblauen
Mantel, der so stark zerschlissen war, dass man nur vermuten konnte, er habe
ursprünglich aus Flanell bestanden. Sein tief zerfurchtes Gesicht war von
einer fahlen, ins Grau gehenden Blässe, die auf ein sehr hartes Leben oder eine
schwere Krankheit schließen ließ.
Sobald er die überschwängliche Begrüßung seiner zahlreichen Bekannten
abgeschlossen hatte, schritt ich auf ihn zu. „Woher kommst du?“, fragte ich.
Mein an den Fremden gerichtetes „Du“ sollte eine Seelenverwandtschaft
signalisieren. „Ich komme aus Israel“, sagte er laut, wieder mit jener
natürlichen Selbstverständlichkeit, die mich schon vorhin verblüfft hatte. Als
er beim Sprechen seinen Mund öffnete, offenbarte sich mir eine fast zahnlose
schwarze Höhle, in der nur drei unregelmäßig verteilte dunkelbraune
Zahnstümpfe sichtbar wurden. Das hinderte ihn nicht daran, mit weit
geöffnetem Mund zu lachen. Wie konnte ein Mensch körperlich so verkommen?
„Auch ich komme gerade aus Israel“, sagte ich. „Ich habe dort Verwandte besucht
und bin erst seit vier Tagen zurück. Und du?“
„Ich bin seit einem Monat hier, aber ich habe dort zwei Jahre gelebt.“
„Und jetzt“, fragte ich mit wohlwollender Neugier, „bleibst du hier?“
„Nein, ich fahre nach Polen zurück.“
„Du fährst zurück“, wunderte ich mich, „wer fährt denn heute freiwillig nach
Polen zurück?“
„Das dauert zu lange, wenn ich dir das erklären soll“, sagte Jósef. „Es ist
eine langwierige Geschichte.“
„Ich höre sie mir gern an.“
„Dann ist es mindestens das zehnte Mal, dass ich sie erzähle“, erwiderte er
unwillig. „Hier habe ich dazu keine Lust. Aber ich schlage dir vor, fahre mit
mir nach Hause, dann erzähle ich dir alles.“
„Einverstanden. Trinkst du noch ein Bier?“, fragte ich.
„Nein danke, ich trinke kein Bier.“
„Und etwas anderes?“
„Auch etwas anderes nicht.“
Ich trank mein Bier aus, zahlte und wir gingen.
Wir stiegen in mein Auto ein, und er dirigierte mich durch die nächtlichen
Straßen Kölns. Unterwegs erzählte er mir seine Geschichte in Kurzfassung. Er
sei 1985 mit seiner Frau und zwei Kindern aus Polen nach Israel emigriert. Dort
habe er aber nicht leben können, weshalb er sich entschlossen habe, nach Polen
zurückzukehren. Das sei aber nicht so leicht. Der Papst habe sich für ihn bei
der polnischen Regierung eingesetzt, weshalb er hoffe, bald wieder in Polen zu
sein. Eine verrückte Geschichte. Was hatte er denn als Jude mit dem Papst zu
schaffen?
„Warum konntest du nicht in Israel leben?“, fragte ich, „haben dir die dortigen
Verhältnisse nicht zugesagt?“
„Ach weißt du, es ist ganz einfach. Ich bin ein Dichter und dort hört mich
niemand. Ich bin in Polen zu Hause. Meine Sprache ist Polnisch. Ich muss
zurück.“
„Das verstehe ich“, erwiderte ich.
Ich erzählte ihm, auch mein Leben sei nicht ganz gewöhnlich verlaufen. Ich sei
in Frankreich geboren und hätte schon in Belgien, Polen, der DDR und schließlich
hier, in der Bundesrepublik gelebt.
„Eine sagenhafte Story“, schrie er begeistert auf. „Wie bist du aus der DDR
herausgekommen?“
„Das war gar nicht so leicht“, begann ich zu erzählen. „Ich bin aus politischen
Gründen im Gefängnis gelandet, als Staatsverleumder, und nach einem Jahr wurde
ich in die Bundesrepublik abgeschoben.“
„Mensch, Wahnsinn“, rief er mit kindlicher Begeisterung, „das musst du doch
aufschreiben.“
„Das habe ich schon“, antwortete ich.
„Was“, rief er, „das muss ich unbedingt mal lesen.“
„Ich wohne in keinem Palast“, sagte er. „Erschrecke nicht. Es ist ein
Asylantenheim.“
„Hast du um Asyl ersucht?“
„Ja, das habe ich, um hier vorläufig zu bleiben. Aber ich will nach Polen
zurück. Ich hoffe, das dauert nicht mehr lange.“
Auf sein Zeichen hin hielt ich vor einem kasernenartigen Gebäude im Kölner
Stadtviertel Mühlheim an. Sein Zimmer befand sich im ersten Stock. Er öffnete
die Tür, schaltete das Licht ein. Ich trat ein. Um mich herum herrschte das
totale Chaos. Über einige Schuhe und leere Kartons hinweg stolperte ich auf den
Stuhl zu, den mir der Gastgeber anbot, nachdem er von seiner Lehne hastig eine
Hose heruntergenommen und sie auf ein Bett geworfen hatte, das völlig zerwühlt
war und dessen Bettwäsche nicht den saubersten Eindruck machte. Der Stuhl stand
vor einem Tisch, der ihm als Schreibtisch zu dienen Schien.
„Trinkst du ein Glas Tee?“, fragte er. Ich nahm sein Angebot dankend an. Er ging
für einige Minuten in die Gemeinschaftsküche. Ich schaute mir sein Zimmer
genauer an.
Auf dem Tisch lagen wild verstreut und übereinander die unterschiedlichsten
Gegenstände: Schreibhefte, Bücher, gebrauchtes Geschirr, Schreibgeräte,
Wäschestücke, Tonkassetten, Fotos, ein voller Aschenbecher, Pfeifentabak,
diverse Pfeifen, Briefe. Auf einem Schränkchen stand ein riesiges tragbares
Stereoradio. Der Fußboden war mit Büchern, schmutzigen Socken, Unterhosen und
Schuhen übersät. Und alles war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. In dem
kleinen Zimmer konnte man sich kaum drehen. Es machte auf mich einen
deprimierenden Eindruck, und das weniger wegen seiner Größe, nicht einmal wegen
der chaotischen Unordnung. Der allgegenwärtige Schmutz war es, der den Raum zu
einem menschenunwürdigen Loch machte.
Der Gastgeber trat in das Zimmer mit zwei dampfenden Gläsern voll Tee. Jetzt
fiel mir auf, dass die Finger seiner beiden Hände denen eines Bauarbeiters
glichen, der soeben seine Arbeit beendet hatte. Die Fingernägel starrten vor
Schmutz. Ich zwang mich, alle unangenehmen Äußerlichkeiten zu ignorieren und in
ihm nur den interessanten, vom Leben schwer geprüften Menschen zu sehen.
„Das ist mein Werk“, sagte er stolz und drückte mir einige dünne Broschüren in
die Hand. Sie waren stark abgegriffen und angeschmutzt. Mich ergriff ein
Ekelgefühl. Widerwillig blätterte ich darin, es waren Gedichtbände in
polnischer Sprache. Der Erscheinungsort der Broschüren war Tel Aviv. Ich las
einige Verse, ohne mich sonderlich zu vertiefen. Sie schienen nicht schlecht zu
sein, aber nach allem was ich bis jetzt gesehen hatte, misstraute ich ihrem
Autor.
„Hast du die Gedichte auch in Hebräisch veröffentlicht?“, fragte ich.
„Nur wenige, die meisten nur in Polnisch“, antwortete er.
„Leben konntest du wohl kaum davon“, bemerkte ich.
„Das ist es ja. Es war ein hartes Leben für uns in Israel, für mich und für
meine Familie. Sag mal, bis wann hast du in Polen gewohnt?“, fragte er mich
unvermittelt.
„Bis 1957.“
„Und wo hast du dort gewohnt?“
„In Wrocław.“
„Ich komme auch aus Wrocław“, sagte er, „in welcher Straße hast du gewohnt?“
„In der Ulica Trzebnicka, direkt am Engels Platz“, antwortete ich.
„Dann hast du vielleicht das achte Lyzeum besucht?“, hakte er nach.
„Ja natürlich, wie kommst du darauf“, wunderte ich mich.
„Ich bin doch in die gleiche Schule gegangen“, sagte er und sein Gesicht
strahlte.
„Das ist ja völlig verrückt“, rief ich begeistert. „Welcher Jahrgang bist du?“
„1941“, sagte er. Er war ganze drei Jahre älter als ich. Und ich hatte gedacht
er wäre mindestens zehn Jahre älter. So sehr hatte ihn das Leben gezeichnet.
„Dann bist du vielleicht mit meiner Schwester in eine Klasse gegangen“, meinte
ich. „Sie war zwei Jahrgänge über mir.“
„Ganz sicher nicht“, erwiderte er, „denn ich bin zweimal sitzen geblieben.“
„Dann musst du doch in meiner Parallelklasse gewesen sein“, gab ich zu bedenken.
„Vielleicht haben wir einige gemeinsame Bekannte.“
„Bei mir in der Klasse war zum Beispiel der Szenkier, der Olek, der Szubert, der
Dawiskiba“, erinnerte er sich, „und die Schönste in der Klasse war Rita
Finkelstein. Sie war sagenhaft hübsch. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in New
York.“
„Was“, rief ich, „das ist doch genau die Klasse, in die ich auch gegangen bin.
Witek Szenkier und Rita Finkelstein habe ich zum letzten Mal Mitte der Sechziger
Jahre in Wrocław gesehen. Und mit Jurek Olek war ich bis vor einigen Jahren sehr
eng befreundet. Ach ja, dann war doch auch Czarek in eurer Klasse.“
„Ja, ja, der war auch bei uns.“
„Aber sag mal“, fragte ich, „warum kennen wir uns eigentlich nicht?“
„Ich habe das achte Lyzeum seit 1957 besucht“, erzählte Jósef. „Dort bin ich in
das Gymnasium gegangen.“
„Seit 1957“, sagte ich enttäuscht. „So ein Zufall. Genau 1957, in der letzten
Klasse der Grundschule, übersiedelte ich mit meinen Eltern in die DDR. Das war
damals, als so viele aus unserer Schule nach Israel gegangen sind. Mein Vater
wollte als Kommunist nicht nach Israel. Er entschloss sich stattdessen, in die
DDR zu gehen. Dort hat er sozusagen um Asyl ersucht und es auch bekommen.“
„Das ist ja eine völlig verrückte Geschichte“, rief Jósef mit kindlicher
Begeisterung. „Das habe ich noch nicht gehört, dass jemand aus Polen in der DDR
um Asyl bittet.“
„So verrückt war eben mein Leben“, erwiderte ich, „aber dein Leben ist nicht
weniger verrückt. Und um ein Haar wären wir Klassenkammeraden gewesen. Sag mal,
weißt du etwas von Witek Szenkier? Ich habe Gerüchte gehört, er wäre im
Sechstagekrieg in Israel gefallen.“
„Ach was, er lebt, und ist in Israel ein ganz großes Tier.“
„Ja wirklich? Was macht er dort?“
„Der ist eine ganz geheime Person“, sagte Jósef im gedämpften Ton, „an den kommt
man gar nicht heran. Er ist General in der israelischen Armee und an
irgendeiner ganz wichtigen Forschung beteiligt.“
„Sieh mal einer an“, sagte ich anerkennend. „Dass er einmal etwas Großes wird,
hat man schon in der Schule geahnt.“
„Das ist ja wirklich ein Ding“, bemerkte ich, „dass wir uns hier so zufällig
treffen und so vieles Gemeinsames haben. Aber eigentlich wolltest du mir deine
Geschichte erzählen. Deshalb sind wir hier. Dazu bist du aber noch gar nicht
gekommen.“
„Also, mal langsam“, bremste er meine Neugier, „alles hintereinander. Ich konnte
dort, in Israel, nicht mehr leben, ich musste wieder zurück nach Polen, in
meine Heimat. Es war für mich alles ganz fremd dort, eine ganz andere Welt.
Außerdem bin ich ein Katholik geworden, und da passte ich gar nicht mehr
dorthin.“
„Entschuldige die dumme Zwischenfrage“, unterbrach ich ihn, „du bist ein
Katholik?“
„Ja, genauso wie meine zweite Frau und meine Kinder. Ich wollte nach Polen
zurück, aber ich wusste, wie schwer das ist, nach Polen zurückzukehren. Also bin
ich nach Rom zum Papst gefahren, um ihn um Hilfe zu bitten.“
Seine Geschichte wurde nun so verworren, dass ich ernsthaft an ihre
Glaubwürdigkeit zu zweifeln begann. Diese Reaktion schien er schon gewohnt zu
sein, denn er nahm ein gerahmtes Bild vom Schränkchen herunter und überreichte
es mir. Darauf sah man Jósef mal ganz anders, nämlich im dunklen Anzug und
Schlips, vor dem Pontifex Maximus Wojtyła knien. „Das Bild wurde bei der
Audienz von dem päpstlichen Fotografen aufgenommen“, kommentierte er das Foto.
„Und hat der Papst dir geholfen?“, fragte ich ungläubig.
„Und wie, bald kann ich wieder nach Polen fahren.“
„Das ist ja unfassbar“, wunderte ich mich.
„Einen Vorteil hat für mich das Leben in Israel gehabt“, sagte Jósef, „ich habe
dort einen Beruf erlernt. Ich bin jetzt Übersetzer für die hebräische Sprache.
Vorher hatte ich gar keinen Beruf, ich konnte nur Gedichte schreiben.“
„Und was kannst du jetzt mit Hebräisch anfangen?“, fragte ich.
„Sehr viel. Mir ist schon in Lublin an der katholischen Universität eine Stelle
als Bibelübersetzer sicher. Fünfzigtausend Zloty im Monat werde ich bekommen.“
Ob ich ihm alles glauben sollte, wusste ich nach wie vor nicht. Tatsache war
aber, dass er alle meine ehemaligen Klassenkammeraden kannte, und es war eine
Tatsache, dass er beim Papst in Rom gewesen ist. Dann war doch alles andere auch
möglich.
Wir verabschiedeten uns mit überschwänglicher Herzlichkeit. Ich gab ihm meine
Bonner Telefonnummer und bat ihn, mich möglichst bald wieder anzurufen. Etwa
eine Woche später rief er mich am Abend an. „Ich mache heute im Ignis eine
Lesung“, sagte er, „du bist herzlich eingeladen. Es ist mein Abschiedsabend,
denn morgen fahre ich endgültig zurück nach Polen. Ich habe alle Freunde
eingeladen.“
„Vielen Dank. Wann geht es los?“
„So gegen sieben. Ich werde mit dem Beginn auf dich warten.“
Ich setzte mich ins Auto, nahm unterwegs meine polnische Bekannte Irene mit, und
fuhr mit ihr auf die Autobahn Richtung Köln. Viel hatte ich, ehrlich gesagt,
nicht erwartet. „Wahrscheinlich wird es die typische Graphomanie von
Möchtegern-Dichtern sein“, sagte ich zu Irene. „Jeder zweite, der aus dem Osten
kommt, will ein großer Dichter oder Literat sein. Aber vielleicht wird es
trotzdem ein netter Abend.“ Und dann, nach einigen Minuten Autobahnfahrt, kam
mir plötzlich die Idee, warum mich Jósef heute so dringend sehen wollte. „Weißt
du was, vielleicht wirst du mich jetzt für verrückt halten, aber ich ahne, warum
er mich eingeladen hat.“
„Warum?“, fragte Irene
„Er wird mich anpumpen wollen“, sagte ich. „Ich bin mir sicher. So wie er sehen
Leute aus, die von einem Geld haben wollen. Wahrscheinlich lebt er nur vom
gepumpten Geld, und mich betrachtet er als reich, weil ich eine feste Arbeit
habe. Und natürlich gibt er das gepumpte Geld nie wieder zurück. Leute wie er
meinen, als arme Künstler ein Recht auf das Geld der anderen zu haben.“
„Du bist wirklich verrückt“, sagte Irene. „Wieso weißt du, dass er von dir Geld
haben will?“
„Solche Leute rieche ich. Und weißt du, natürlich ist er arm wie eine
Kirchenmaus. Was kann er sich schon von dem bisschen Sozialhilfe und dem Geld,
das er vermutlich von anderen Leuten bekommen hat, leisten? Dafür hat er sicher
für seine Verwandten irgendwelche Klamotten eingekauft. Aber es ist mir
furchtbar peinlich, wenn jemand Geld von mir haben will und ich genau weiß, dass
ich es nie wieder zurückbekomme.“
„Du tust so, als hätte er dich schon angepumpt. Vielleicht ist es nur deine
Phantasie.“
„Nein, nein. So etwas weiß ich schon im Voraus. Aber mir fällt ein, ich habe
heute nur zehn Mark, weil ich vergessen habe, bei der Bank Geld abzuheben. Gott
sei Dank werde ich ihm nichts geben können.“
Ich hatte mit mindestens fünfzig Gästen gerechnet, die sich zu der Lesung im
Klub „Ignis“ einfinden würden, doch wir betraten einen gähnend leeren Saal.
Außer uns waren nur drei Leute von der Klubleitung sowie fünf zufällige
Klubbesucher anwesend, und natürlich der Star des Abends, Jósef.
„Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte er mich und stellte sich Irene vor.
„Wir warten noch etwas. Es müssen noch Leute kommen.“ Er näherte sich mir und
flüsterte mir ins Ohr: „Ich habe mit dir nachher eine besondere Sache zu
besprechen.“ „Eine besondere Sache“, schoss es mir durch den Kopf. Was konnte es
anderes sein als Geld. Ein dummes Gefühl stellte sich bei mir ein. Ich war also
für ihn weniger ein interessanter Mensch oder Freund, als ein potentieller
Geldgeber. Das machte mich in seinen Augen interessant. Etwa eine Viertelstunde
später setzte er sich neben mich und stellte mir mit gedämpfter Stimme die
erwartete Frage: „Kannst du mir etwas Geld geben, für ein paar Spielsachen für
meine Kinder. Dafür hat mein Geld nicht mehr gereicht.“ Also hatte ich Recht mit
meiner Befürchtung.
„Weißt du“, sagte ich, „ich würde dir gern etwas geben, aber ausgerechnet heute
habe ich vergessen, Geld von der Bank abzuheben. Ich habe nur knapp zehn Mark
mit.“ Ich war erlöst, doch ich wusste, dass Jósef mir nicht so recht glaubte.
Etwa eine Dreiviertelstunde warteten wir vergeblich auf weitere Gäste. Die
Lesung war nicht vorher angekündigt worden, und so spontan ließ sich außer mir
niemand von Jósef anlocken. Ob sie wohl alle ähnliche Erfahrungen wie ich mit
ihm gemacht hatten?
Er setzte sich auf der kleinen Bühne des Klubs auf einen Stuhl und begann vor
der Handvoll Leute seine Gedichte vorzulesen. Und da geschah etwas, was ich als
notorischer Skeptiker nie erwartet hätte. Seine Gedichte rissen mich von der
ersten Zeile an mit. Sie drangen tief in meine Seele. Ohne jedes Pathos setzten
sie den polnischen Juden, die 1968 von der Staatsmacht aus ihrer Heimat
vertrieben wurden, ein Denkmal. Sie waren ein stiller, aber eindringlicher
Schrei, ein Appell an das Gewissen der Gewissenlosen, ein verzweifeltes
Aufbäumen der Menschlichkeit. Nur selten hatten mich Gedichte so ergriffen. Doch
nicht nur ich war ganz fassungslos. Auch Irene war von dem Feuerwerk der
Emotionen und des Intellekts völlig hingerissen. Sie schrieb mir etwas auf einen
Zettel und schob ihn unauffällig zu mir: „Er ist sehr gut. Gib ihm etwas.“
Nach der Lesung ging ich zur Bar und ließ mir auf einen Scheck 100 Mark
auszahlen. Ich trank ein Glas Bier und ging mit Irene und Jósef zum Auto. Vor
dem Asylantenheim überreichte ich ihm 100 DM. „Das ist für deine Kinder. Nur
eines wünsche ich mir dafür: Schicke mir deinen Gedichtband über 1968 zu.“
Er bedankte sich, schob den Geldschein in die Manteltasche und verschwand ohne
sich umzudrehen in der Eingangstür des Asylantenheimes. Ich habe nie wieder von
ihm gehört.
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