Berger, Gabriel:

Von Helden und Versagern

Erzählungen, 2009, Tb, 223 S., ISBN 978-3-89626-839-6, 13,80 EUR

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Klappentext

„Was ist schon ein Held? - Das ist doch nur ein Mensch der naiv oder besessen genug ist, nicht alle Folgen seines Handelns zu bedenken. Das macht ihn so mutig.“


So gelingt es dem jungen Polen Romek im Jahre 1975, den Todesstreifen zwischen der DDR und der Bundesrepublik zu überwinden. Mut und eine erhebliche Portion Naivität machen ihn in der realen Welt zu einem jener Helden, wie man sie sonst nur aus Wild-West-Filmen kennt. Einen Kontrast zu ihm bildet Karl, ein typischer DDR-Bürger, der, von unüberwindbarer Angst gepeinigt, zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und der Geborgenheit der kleinen, ihm wohl vertrauten Welt hin und her schwankt.
Ein Leben am anderen Ende der Welt wählt der Held einer anderen Geschichte. Als Jude von den Nazis zur Flucht aus Deutschland gezwungen, reist er über die Schweiz nach Ceylon aus, wird dort buddhistischer Mönch und schließlich hoher Priester.
Die Geschichten erzählen von Menschen, die den Härten und Herausforderungen dieser Welt mutig trotzen und von solchen, die an ihnen zerbrechen.
Kein Mensch ist verpflichtet, ein Held zu werden und so äußert sich der Icherzähler: „Ohne Frage war Romek ein Held und ein vom Schicksal Begnadeter. Ihm galt meine volle Bewunderung. Doch ich träumte von einer Welt, in der solche Heldentaten ganz unnötig wären.“

 

Leseprobe

 

Der Schnorrer


Nach einer langen Pause besuchte ich wieder einmal den Kölner Klub „Ignis“ in einer wunderschönen Gründerzeit-Villa in der Nähe des Rheinufers. Das Programm, ein Zymbal-Konzert einer tschechischen Virtuosin, interessierte mich weni­ger, als das vorwiegend polnische Publikum des Klubs. Vielleicht würde ich dort ein paar Bekannte treffen oder einige interessante Menschen kennen lernen. Das Konzert war zu Ende. Ich saß nun etwas gelangweilt an der Theke, umgeben von einigen flüchtigen Bekannten.
„Guten Tag, ich bin Jósef Rosenzweig“, dröhnte jemand hinter mir in Polnisch. Die Stimme strahlte ein natür­liches Selbstbewusstsein aus, als sei es eine grobe Bil­dungslücke, den Namen nicht zu kennen. Ich stellte mein Glas auf die Theke, dreh­te mich um. Zwei Schritte hinter mir stand ein Mann von mehr als seltsamer Er­schei­nung. Er war etwa Mitte fünfzig, hatte un­ge­pflegte dunk­le, fast schwarze Haare, die in schütteren Sträh­nen bis zu den Schultern herab hingen, und einen zotteligen Bart. Gekleidet war er in einen dunkel­blauen Mantel, der so stark zer­schlissen war, dass man nur ver­muten konnte, er habe ursprüng­lich aus Flanell bestanden. Sein tief zer­furchtes Ge­sicht war von einer fahlen, ins Grau gehenden Blässe, die auf ein sehr hartes Leben oder eine schwere Krankheit schließen ließ.
Sobald er die überschwängliche Begrüßung seiner zahlrei­chen Be­kannten abgeschlos­sen hatte, schritt ich auf ihn zu. „Woher kommst du?“, fragte ich. Mein an den Fremden gerichtetes „Du“ sollte eine Seelenverwandtschaft signalisieren. „Ich komme aus Israel“, sagte er laut, wieder mit jener natür­lichen Selbstverständlichkeit, die mich schon vorhin ver­blüfft hatte. Als er beim Sprechen seinen Mund öffnete, offen­bar­te sich mir eine fast zahnlose schwarze Höhle, in der nur drei unregel­mäßig verteilte dunkelbraune Zahn­stümpfe sichtbar wur­den. Das hinderte ihn nicht daran, mit weit geöff­netem Mund zu lachen. Wie konnte ein Mensch körperlich so verkom­men?
„Auch ich komme gerade aus Israel“, sagte ich. „Ich habe dort Verwandte besucht und bin erst seit vier Tagen zu­rück. Und du?“
„Ich bin seit einem Monat hier, aber ich habe dort zwei Jahre gelebt.“
„Und jetzt“, fragte ich mit wohlwollender Neugier, „bleibst du hier?“
„Nein, ich fahre nach Polen zurück.“
„Du fährst zurück“, wunderte ich mich, „wer fährt denn heute freiwillig nach Polen zurück?“
„Das dauert zu lange, wenn ich dir das er­klären soll“, sagte Jósef. „Es ist eine langwierige Geschichte.“
„Ich höre sie mir gern an.“
„Dann ist es mindestens das zehnte Mal, dass ich sie er­zähle“, erwiderte er unwillig. „Hier habe ich dazu keine Lust. Aber ich schlage dir vor, fahre mit mir nach Hause, dann erzähle ich dir alles.“
„Ein­verstanden. Trinkst du noch ein Bier?“, fragte ich.
„Nein danke, ich trinke kein Bier.“
„Und etwas anderes?“
„Auch etwas anderes nicht.“
Ich trank mein Bier aus, zahlte und wir gingen.
Wir stiegen in mein Auto ein, und er dirigierte mich durch die nächtlichen Straßen Kölns. Unterwegs erzählte er mir seine Ge­schichte in Kurzfassung. Er sei 1985 mit seiner Frau und zwei Kindern aus Polen nach Israel emi­griert. Dort habe er aber nicht leben können, weshalb er sich entschlossen habe, nach Polen zu­rückzukehren. Das sei aber nicht so leicht. Der Papst habe sich für ihn bei der polnischen Regierung eingesetzt, weshalb er hof­fe, bald wieder in Polen zu sein. Eine verrückte Geschichte. Was hatte er denn als Jude mit dem Papst zu schaffen?
„Warum konntest du nicht in Israel leben?“, fragte ich, „haben dir die dortigen Verhältnisse nicht zugesagt?“
„Ach weißt du, es ist ganz einfach. Ich bin ein Dichter und dort hört mich niemand. Ich bin in Polen zu Hause. Meine Sprache ist Polnisch. Ich muss zurück.“
„Das verstehe ich“, erwiderte ich.
Ich erzählte ihm, auch mein Leben sei nicht ganz gewöhn­lich ver­laufen. Ich sei in Frankreich geboren und hätte schon in Belgien, Polen, der DDR und schließlich hier, in der Bundesre­publik ge­lebt.
„Eine sagenhafte Story“, schrie er begeis­tert auf. „Wie bist du aus der DDR herausgekommen?“
„Das war gar nicht so leicht“, begann ich zu erzählen. „Ich bin aus politischen Gründen im Gefängnis gelandet, als Staatsverleumder, und nach einem Jahr wurde ich in die Bundesrepublik ab­geschoben.“
„Mensch, Wahnsinn“, rief er mit kind­licher Begeisterung, „das musst du doch aufschrei­ben.“
„Das habe ich schon“, antwortete ich.
„Was“, rief er, „das muss ich unbedingt mal lesen.“
„Ich wohne in keinem Palast“, sagte er. „Erschrecke nicht. Es ist ein Asylantenheim.“
„Hast du um Asyl ersucht?“
„Ja, das habe ich, um hier vorläufig zu bleiben. Aber ich will nach Polen zurück. Ich hoffe, das dauert nicht mehr lange.“
Auf sein Zeichen hin hielt ich vor einem kasernenartigen Gebäude im Kölner Stadtviertel Mühlheim an. Sein Zimmer befand sich im ersten Stock. Er öffnete die Tür, schal­tete das Licht ein. Ich trat ein. Um mich herum herrschte das totale Chaos. Über einige Schuhe und leere Kartons hinweg stolperte ich auf den Stuhl zu, den mir der Gast­geber anbot, nachdem er von seiner Lehne hastig eine Hose heruntergenommen und sie auf ein Bett geworfen hatte, das völlig zerwühlt war und dessen Bettwäsche nicht den saubersten Eindruck mach­te. Der Stuhl stand vor einem Tisch, der ihm als Schreibtisch zu dienen Schien.
„Trinkst du ein Glas Tee?“, fragte er. Ich nahm sein Angebot dankend an. Er ging für einige Minuten in die Gemeinschaftsküche. Ich schaute mir sein Zimmer genauer an.
Auf dem Tisch lagen wild verstreut und übereinan­der die unter­schiedlichsten Gegenstände: Schreibhefte, Bücher, gebrauchtes Geschirr, Schreibgeräte, Wäschestücke, Ton­kassetten, Fotos, ein voller Aschenbecher, Pfeifentabak, diverse Pfeifen, Briefe. Auf einem Schränkchen stand ein riesiges tragbares Stereo­radio. Der Fußboden war mit Büchern, schmutzigen Socken, Unterhosen und Schuhen über­sät. Und alles war mit einer dicken Staubschicht be­deckt. In dem kleinen Zimmer konnte man sich kaum drehen. Es machte auf mich einen deprimierenden Eindruck, und das weniger wegen seiner Größe, nicht ein­mal wegen der chaotischen Unordnung. Der allgegenwärtige Schmutz war es, der den Raum zu einem menschenunwürdigen Loch machte.
Der Gastgeber trat in das Zimmer mit zwei dampfenden Gläsern voll Tee. Jetzt fiel mir auf, dass die Finger seiner beiden Hände denen eines Bauarbeiters glichen, der soeben seine Arbeit beendet hatte. Die Fingernägel starrten vor Schmutz. Ich zwang mich, alle unangenehmen Äußerlichkeiten zu igno­rieren und in ihm nur den interessanten, vom Leben schwer geprüften Menschen zu sehen.
„Das ist mein Werk“, sagte er stolz und drückte mir einige dünne Bro­schüren in die Hand. Sie waren stark abgegriffen und an­ge­schmutzt. Mich ergriff ein Ekelgefühl. Widerwillig blät­terte ich darin, es waren Gedichtbände in polnischer Sprache. Der Er­scheinungsort der Broschüren war Tel Aviv. Ich las einige Verse, ohne mich sonderlich zu vertiefen. Sie schienen nicht schlecht zu sein, aber nach allem was ich bis jetzt gesehen hatte, misstraute ich ihrem Autor.
„Hast du die Gedichte auch in Hebräisch veröffentlicht?“, fragte ich.
„Nur wenige, die meisten nur in Polnisch“, antwortete er.
„Leben konntest du wohl kaum davon“, bemerkte ich.
„Das ist es ja. Es war ein hartes Leben für uns in Isra­el, für mich und für meine Familie. Sag mal, bis wann hast du in Polen gewohnt?“, fragte er mich unvermittelt.
„Bis 1957.“
„Und wo hast du dort gewohnt?“
„In Wrocław.“
„Ich komme auch aus Wrocław“, sagte er, „in welcher Straße hast du ge­wohnt?“
„In der Ulica Trzebnicka, direkt am Engels Platz“, antwortete ich.
„Dann hast du vielleicht das achte Lyzeum besucht?“, hakte er nach.
„Ja natürlich, wie kommst du darauf“, wunderte ich mich.
„Ich bin doch in die gleiche Schule gegangen“, sagte er und sein Gesicht strahlte.
„Das ist ja völlig verrückt“, rief ich begeistert. „Welcher Jahrgang bist du?“
„1941“, sagte er. Er war ganze drei Jahre älter als ich. Und ich hatte gedacht er wäre mindestens zehn Jahre älter. So sehr hatte ihn das Leben gezeichnet.
„Dann bist du vielleicht mit meiner Schwester in eine Klasse gegangen“, meinte ich. „Sie war zwei Jahrgänge über mir.“
„Ganz sicher nicht“, erwiderte er, „denn ich bin zweimal sitzen geblie­ben.“
„Dann musst du doch in meiner Parallelklasse gewesen sein“, gab ich zu bedenken. „Vielleicht haben wir einige gemeinsame Bekannte.“
„Bei mir in der Klasse war zum Beispiel der Szenkier, der Olek, der Szubert, der Dawiskiba“, erinnerte er sich, „und die Schönste in der Klasse war Rita Finkel­stein. Sie war sagenhaft hübsch. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in New York.“
„Was“, rief ich, „das ist doch genau die Klasse, in die ich auch gegangen bin. Witek Szenkier und Rita Finkelstein habe ich zum letzten Mal Mitte der Sechziger Jahre in Wrocław gesehen. Und mit Jurek Olek war ich bis vor einigen Jahren sehr eng befreundet. Ach ja, dann war doch auch Czarek in eurer Klasse.“
„Ja, ja, der war auch bei uns.“
„Aber sag mal“, fragte ich, „warum kennen wir uns ei­gentlich nicht?“
„Ich habe das achte Lyzeum seit 1957 besucht“, erzählte Jósef. „Dort bin ich in das Gymnasium gegangen.“
„Seit 1957“, sagte ich enttäuscht. „So ein Zufall. Genau 1957, in der letzten Klasse der Grundschule, übersie­delte ich mit meinen Eltern in die DDR. Das war damals, als so viele aus unserer Schule nach Israel gegangen sind. Mein Vater wollte als Kommunist nicht nach Israel. Er entschloss sich stattdessen, in die DDR zu gehen. Dort hat er sozusagen um Asyl ersucht und es auch bekommen.“
„Das ist ja eine völlig verrückte Geschichte“, rief Jósef mit kindlicher Begeisterung. „Das habe ich noch nicht gehört, dass jemand aus Polen in der DDR um Asyl bittet.“
„So verrückt war eben mein Leben“, erwiderte ich, „aber dein Leben ist nicht weniger verrückt. Und um ein Haar wären wir Klassenkammeraden gewe­sen. Sag mal, weißt du etwas von Witek Szenkier? Ich habe Gerüchte gehört, er wäre im Sechs­tagekrieg in Israel gefallen.“
„Ach was, er lebt, und ist in Israel ein ganz großes Tier.“
„Ja wirklich? Was macht er dort?“
„Der ist eine ganz geheime Person“, sagte Jósef im gedämpften Ton, „an den kommt man gar nicht heran. Er ist General in der israelischen Armee und an irgend­einer ganz wichtigen Forschung beteiligt.“
„Sieh mal einer an“, sagte ich anerkennend. „Dass er einmal etwas Großes wird, hat man schon in der Schule geahnt.“
„Das ist ja wirklich ein Ding“, bemerkte ich, „dass wir uns hier so zufällig treffen und so vieles Gemeinsames haben. Aber eigentlich wolltest du mir deine Geschichte erzäh­len. Deshalb sind wir hier. Dazu bist du aber noch gar nicht gekommen.“
„Also, mal langsam“, bremste er meine Neugier, „alles hintereinander. Ich konnte dort, in Israel, nicht mehr le­ben, ich musste wieder zurück nach Po­len, in meine Heimat. Es war für mich alles ganz fremd dort, eine ganz andere Welt. Außerdem bin ich ein Katho­lik geworden, und da passte ich gar nicht mehr dorthin.“
„Entschuldige die dumme Zwischenfrage“, unterbrach ich ihn, „du bist ein Katho­lik?“
„Ja, genauso wie meine zweite Frau und meine Kinder. Ich wollte nach Polen zurück, aber ich wusste, wie schwer das ist, nach Polen zurückzukehren. Also bin ich nach Rom zum Papst gefahren, um ihn um Hilfe zu bitten.“
Seine Geschichte wurde nun so verworren, dass ich ernst­haft an ihre Glaubwürdigkeit zu zweifeln begann. Diese Reaktion schien er schon gewohnt zu sein, denn er nahm ein gerahm­tes Bild vom Schränkchen herunter und überreichte es mir. Darauf sah man Jósef mal ganz anders, nämlich im dunk­len Anzug und Schlips, vor dem Ponti­fex Maximus Wojtyła knien. „Das Bild wurde bei der Audienz von dem päpstlichen Foto­grafen aufgenommen“, kommentierte er das Foto.
„Und hat der Papst dir geholfen?“, fragte ich ungläubig.
„Und wie, bald kann ich wieder nach Polen fahren.“
„Das ist ja unfassbar“, wunderte ich mich.
„Einen Vorteil hat für mich das Leben in Israel gehabt“, sagte Jósef, „ich habe dort einen Beruf erlernt. Ich bin jetzt Über­setzer für die hebräische Sprache. Vorher hatte ich gar keinen Beruf, ich konnte nur Gedichte schreiben.“
„Und was kannst du jetzt mit Hebräisch anfangen?“, fragte ich.
„Sehr viel. Mir ist schon in Lublin an der katholischen Universi­tät eine Stelle als Bibelübersetzer sicher. Fünfzigtausend Zloty im Monat werde ich bekommen.“
Ob ich ihm alles glauben sollte, wusste ich nach wie vor nicht. Tatsache war aber, dass er alle meine ehemaligen Klassenkammeraden kannte, und es war eine Tatsache, dass er beim Papst in Rom gewesen ist. Dann war doch alles andere auch möglich.
Wir verabschiedeten uns mit überschwänglicher Herzlich­keit. Ich gab ihm meine Bonner Telefonnummer und bat ihn, mich möglichst bald wieder anzurufen. Etwa eine Woche später rief er mich am Abend an. „Ich mache heute im Ignis eine Lesung“, sagte er, „du bist herzlich einge­laden. Es ist mein Abschiedsabend, denn morgen fahre ich endgültig zurück nach Polen. Ich habe alle Freunde eingeladen.“
„Vielen Dank. Wann geht es los?“
„So gegen sieben. Ich werde mit dem Beginn auf dich warten.“
Ich setzte mich ins Auto, nahm unterwegs meine polnische Bekannte Irene mit, und fuhr mit ihr auf die Autobahn Richtung Köln. Viel hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. „Wahrscheinlich wird es die typische Graphomanie von Möchtegern-Dichtern sein“, sagte ich zu Irene. „Jeder zweite, der aus dem Osten kommt, will ein großer Dichter oder Literat sein. Aber vielleicht wird es trotzdem ein netter Abend.“ Und dann, nach einigen Minuten Autobahn­fahrt, kam mir plötzlich die Idee, warum mich Jósef heute so dringend sehen wollte. „Weißt du was, vielleicht wirst du mich jetzt für verrückt halten, aber ich ahne, warum er mich eingeladen hat.“
„Warum?“, fragte Irene
„Er wird mich anpumpen wollen“, sagte ich. „Ich bin mir sicher. So wie er sehen Leute aus, die von einem Geld haben wollen. Wahr­scheinlich lebt er nur vom gepumpten Geld, und mich be­trachtet er als reich, weil ich eine feste Arbeit habe. Und natürlich gibt er das gepumpte Geld nie wieder zu­rück. Leute wie er meinen, als arme Künstler ein Recht auf das Geld der anderen zu haben.“
„Du bist wirklich verrückt“, sagte Irene. „Wieso weißt du, dass er von dir Geld haben will?“
„Solche Leute rieche ich. Und weißt du, natürlich ist er arm wie eine Kirchenmaus. Was kann er sich schon von dem bisschen So­zialhilfe und dem Geld, das er vermutlich von anderen Leuten bekommen hat, leisten? Dafür hat er sicher für seine Verwandten irgendwelche Klamotten ein­gekauft. Aber es ist mir furchtbar peinlich, wenn jemand Geld von mir haben will und ich genau weiß, dass ich es nie wieder zurückbekomme.“
„Du tust so, als hätte er dich schon angepumpt. Viel­leicht ist es nur deine Phantasie.“
„Nein, nein. So etwas weiß ich schon im Voraus. Aber mir fällt ein, ich habe heute nur zehn Mark, weil ich vergessen habe, bei der Bank Geld abzuheben. Gott sei Dank werde ich ihm nichts geben können.“
Ich hatte mit mindestens fünfzig Gästen gerechnet, die sich zu der Lesung im Klub „Ignis“ einfinden würden, doch wir betraten einen gähnend leeren Saal. Außer uns waren nur drei Leute von der Klubleitung sowie fünf zufällige Klubbesucher anwesend, und na­türlich der Star des Abends, Jósef.
„Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte er mich und stellte sich Irene vor. „Wir warten noch etwas. Es müssen noch Leute kommen.“ Er näherte sich mir und flüsterte mir ins Ohr: „Ich habe mit dir nachher eine besondere Sache zu besprechen.“ „Eine besondere Sache“, schoss es mir durch den Kopf. Was konnte es anderes sein als Geld. Ein dummes Gefühl stellte sich bei mir ein. Ich war also für ihn weniger ein interessanter Mensch oder Freund, als ein potentiel­ler Geldgeber. Das machte mich in seinen Augen interessant. Etwa eine Viertelstunde später setzte er sich neben mich und stellte mir mit gedämpfter Stimme die erwartete Frage: „Kannst du mir etwas Geld geben, für ein paar Spielsachen für meine Kinder. Dafür hat mein Geld nicht mehr gereicht.“ Also hatte ich Recht mit meiner Befürchtung.
„Weißt du“, sagte ich, „ich würde dir gern etwas geben, aber ausgerechnet heute habe ich vergessen, Geld von der Bank abzuheben. Ich habe nur knapp zehn Mark mit.“ Ich war erlöst, doch ich wusste, dass Jósef mir nicht so recht glaubte.
Etwa eine Dreiviertelstunde warteten wir vergeblich auf weitere Gäste. Die Lesung war nicht vorher angekündigt worden, und so spontan ließ sich außer mir niemand von Jósef anlocken. Ob sie wohl alle ähnliche Erfah­rungen wie ich mit ihm gemacht hatten?
Er setzte sich auf der kleinen Bühne des Klubs auf einen Stuhl und begann vor der Handvoll Leute seine Gedichte vorzulesen. Und da geschah etwas, was ich als notorischer Skeptiker nie erwartet hätte. Seine Gedichte rissen mich von der ersten Zeile an mit. Sie drangen tief in meine Seele. Ohne jedes Pathos setzten sie den polnischen Ju­den, die 1968 von der Staatsmacht aus ihrer Heimat vertrieben wur­den, ein Denkmal. Sie waren ein stiller, aber eindringlicher Schrei, ein Appell an das Gewissen der Gewissenlosen, ein ver­zweifeltes Aufbäumen der Menschlichkeit. Nur selten hatten mich Gedichte so ergriffen. Doch nicht nur ich war ganz fassungslos. Auch Irene war von dem Feuer­werk der Emotionen und des Intellekts völlig hingerissen. Sie schrieb mir etwas auf einen Zettel und schob ihn unauffällig zu mir: „Er ist sehr gut. Gib ihm etwas.“
Nach der Lesung ging ich zur Bar und ließ mir auf einen Scheck 100 Mark auszahlen. Ich trank ein Glas Bier und ging mit Irene und Jósef zum Auto. Vor dem Asylanten­heim überreichte ich ihm 100 DM. „Das ist für deine Kinder. Nur eines wünsche ich mir dafür: Schicke mir deinen Ge­dicht­band über 1968 zu.“
Er bedankte sich, schob den Geldschein in die Mantel­tasche und verschwand ohne sich umzudrehen in der Ein­gangstür des Asylantenheimes. Ich habe nie wieder von ihm gehört.