Roman, [= edition obst & ohlerich, Bd. 6], 2009, 307 S., ISBN 978-3-89626-831-0, 16,80 EUR
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Tina Montez sucht Erfüllung. Doch wie im Leben so oft, überrascht sie das tragische Unglück ihres Freundes. Sie flieht zu ihrem Onkel auf die Finka in die Einsamkeit. Hier spürt sie das Feuer der spanischen Gitarre. Auf der Suche nach dem Glück erfährt sie Freud und Leid einer verrückten Welt: Mit London, Köln und Los Angeles beginnt der Siegeszug einer Stimme. Let’s Rock’n Roll. Die Autorin Katja Rübsaat versteht es, mit Gefühl und Rhythmus eine Fabel von Freundschaft, Liebe und Erfolg zu erzählen. Katja Rübsaat, Jahrgang 1971, arbeitet als Sozialpädagogin und lebt mit ihren Katzen und zwei Hunden im Main-Tauber-Kreis.
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Prolog
Jeder Zen-Meister wäre stolz auf mich gewesen. Seit einer halben Stunde wurde
mein Denken und Handeln von nur einem Gedanken beherrscht. Es war noch nicht mal
ein Gedanke, es war nur ein Wort. Es war: weg!!
Ich stand im Schlafzimmer, hatte meinen Rucksack aus dem Schrank gezerrt und
stopfte wahllos hinein, was ich von meinen Sachen finden konnte. Die Schmerzen
ignorierte ich, soweit es möglich war. Eigentlich spürte ich sie gar nicht mehr.
Genau genommen spürte ich überhaupt nichts. Ein schneller Blick aus dem Fenster
– das Taxi war immer noch nicht da. Dann lief ich die Treppe hinunter ins
Wohnzimmer, packte die Gitarre in den Koffer und zögerte einen Augenblick, als
mir einfiel, dass sie bis gestern noch im Proberaum gelegen hatte und es
eigentlich nur durch ein Missverständnis dazu gekommen war, dass Simon sie mit
hierher genommen hatte. Aber ich wischte diesen Gedanken beiseite, mir fehlte
wirklich die Zeit, um über Schicksalsschläge und Fügungen zu philosophieren. Ein
kurzer Blick auf die Uhr. Halb drei. Um kurz nach zwei war er gefahren. Wollte
in zwei Stunden wieder da sein. »Lass uns dann einen neuen Anfang machen«, hatte
er gesagt, »lass uns einfach vergessen, was bisher gewesen ist.« Ich wusste,
dass es keinen Neuanfang mehr geben konnte. Und ich wusste, dass ich nichts
vergessen würde von diesen letzten Monaten.
Erst als ich im Taxi saß, das mich nach London bringen sollte, erlaubte ich mir,
ernsthaft über die Situation nachzudenken. Ich wollte auf dem schnellsten Wege
weg aus England, also nach Heathrow und dort in irgendein Flugzeug steigen.
Wohin war egal. Nur nicht nach Hause – also weder nach Köln noch zu meinem Onkel
nach Granada. Einen Moment lang sah ich mich selber mit meinem Rucksack, der
Tasche und dem Gitarrenkoffer am Schalter stehen und nach einem Last-Minute-Flug
nach irgendwo fragen. Wahrscheinlich werden sie dich auslachen, dachte ich bei
mir. Mit dem Gepäck kriegst du nie so schnell einen Flug.
Plötzlich hatte ich Davids Gesicht vor Augen. Ja, der würde einfach seinen
Manager anrufen und nach einer Stunde hätte er eine zweimotorige Privatmaschine
auf dem Flugplatz stehen. Aber leider war ich nicht David. Kurz überlegte ich,
ob ich nicht doch zu ihm nach Birmingham fahren sollte. Aber ich konnte es
nicht, nicht nach all dem, was passiert war, nicht nach dem letzten Satz, den er
zu mir gesagt hatte. Also musste es anders gehen. Ich wandte mich an den Fahrer:
»Sorry, aber wir müssen noch einen Zwischenstop machen.«
»Kein Problem, wo?«
»In der Hunts Road.«
»Welche Hunts Road?«
»In Stratford.«
Er bremste und hielt an. Mitten auf der Straße. »Sorry, Miss«, sagte er, nachdem
er sich zu mir umgedreht hatte, »wir sind seit zehn Minuten aus Stratford
draußen. Am Telefon klang es, als würde die Welt untergehen, wenn Sie nicht
binnen zwei Stunden in London sind, und jetzt wollen Sie zurück? Verstehe ich
nicht.«
»Okay, hören Sie. Ich muss nach London, so schnell wie’s irgend geht, aber ich
muss auch vorher noch mal nach Stratford zurück. Ist das so schwer?«
Er schaute mich immer noch zweifelnd an. »Und wenn Sie sich Gedanken um’s Geld
machen«, versuchte ich seinen Blick zu deuten, »ich denke, mit dem, was ich
dabei habe, könnten wir auch zum Glasgower Flughafen fahren.«
Immerhin lächelte er. Und fragte dann, fast besorgt: »Ist mit Ihnen alles okay,
Miss?«
Ich musste lachen, so absurd kam es mir vor. Ich hatte mich nicht im Spiegel
angeschaut, aber mein linkes Auge war mehr oder weniger zugeschwollen, der Rest
meines Gesichtes sah mit Sicherheit nicht besser aus. Wenigstens hatte ich trotz
der Wärme einen dunklen, langärmligen Pulli angezogen, der das Handgelenk und
alles andere verdeckte. »Nein, eigentlich ist mit mir überhaupt nichts okay.
Aber ich muss trotzdem zum Flughafen.«
Ich fürchtete, dass er Fragen stellen würde. Aber zu meiner großen Erleichterung
sagte er nur: »Und vorher zurück nach Stratford. Alles klar, Miss«, wendete das
Auto und fuhr zurück in die Stadt, die mir so verhasst war wie kein anderer Ort
auf der Welt.
Als ich bei Robin vor der Tür stand, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich einem
genialen Gedankenzug folgte oder einen großen Fehler beging. Schließlich war er
sein Freund, nicht meiner. Aber ich hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken.
»Tina, verdammt, wie siehst du denn aus, was ist passiert?«
»Ich gehe, Robin. Und ich wollte dich fragen, ob ich ein paar Sachen bei dir
lassen kann, nur für einige Tage.«
Er stand wie eine Salzsäule in der Tür. »War er das?«
Ich musste wieder lachen, kalt und hart. »Hast du damit gerechnet?«
»Nein, aber manchmal habe ich gedacht … Er war so verrückt die letzten Tage,
wegen dem Plattenvertrag und allem. Aber er wird sich wieder beruhigen, du wirst
sehen.«
»Nein, Robin, werde ich nicht.«
Erneut sah er mich und mein Gepäck an und schien jetzt erst zu begreifen, was
ich zu Anfang gesagt hatte. »Habt ihr euch getrennt?«
»Nein. Aber ich werde trotzdem gehen.«
Robin zog die Stirn in Falten. Aber er versuchte nicht, mich zum Bleiben zu
bringen. »Wo willst du hin?«
»Ich habe keine Ahnung«, ich warf einen Blick zum Taxi, »aber ich muss jetzt
wirklich los.«
»Ja, natürlich. Er wird ganz schön ausflippen, wenn er mitkriegt, dass du weg
bist.«
»Und wenn’s geht, möchte ich dann nicht mehr hier sein. Was ist jetzt mit der
Tasche?«
»Ja, klar, lass sie da, die Gitarre auch, wenn du willst.«
Ich gab ihm beides und es fiel mir unendlich schwer, die Gitarre aus der Hand zu
geben. Sie war so sehr ein Teil von mir und meiner Geschichte. Ich tat es nur,
weil ich längst nicht mehr das Gefühl hatte, ihrer würdig zu sein. Dazu hatte
ich zu viel von dem verraten, was mich mit ihr verband.
Robin merkte, dass ich zögerte. »Er wird sie nicht bekommen.«
»Danke, Robin. Ich werde mich irgendwann bei dir melden.«
Ich konnte ihn nicht umarmen, ihm nicht einmal in die Augen sehen. Konnte mich
nur in mein Taxi setzen.
»Alles klar, Miss?«
»Ich denke schon. Können wir jetzt zum Flughafen?«
»Sind schon fast da.«
Auf der Fahrt sah ich immer wieder Simon vor mir, wie er in der Tür stand mit
seinem schwarzen Ledermantel über der Schulter und diesem überlegenen Lächeln im
Gesicht. Diesem Es-wird-alles-wieder-gut-Lächeln. Er hatte wirklich daran
geglaubt. Ich auch, lange Zeit. Ich hatte Duke noch erzählt, dass ich endlich
meine große Liebe gefunden hätte. Hatte immer noch nicht kapiert, dass ich diese
bereits vor Ewigkeiten verloren hatte. Wieder lachte ich dies kalte, zynische
Lachen. Doch dann dachte ich an den, den ich in den letzten Wochen so gut es
ging aus meinen Gedanken verbannt hatte: Duke.
Er war der einzige, zu dem ich jetzt konnte. Der eine, vielleicht einzige,
wirkliche Freund. Ich versuchte, mich zu erinnern. Er hatte letzte Woche aus den
Staaten angerufen, wollte herkommen, weil ihm meine Stimme im Gegensatz zu
meinen Worten genau gesagt hatte, dass etwas nicht in Ordnung war. Was hatte er
erzählt? Er wollte irgendwohin fahren, ein neues Projekt anfangen. Er wollte …
»Atlanta«, sagte ich laut.
»Was?«, fragte mein Taxifahrer.
»Duke ist in Atlanta. Er will mit The Falling ein paar Sachen abmischen und
vielleicht ein Album aufnehmen.«
»Aha.«
Begeistert lehnte ich mich vor. »Verstehen Sie nicht? Ich weiß jetzt, wo ich hin
muss!«
Ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern, wie ich durch diesen Flughafen
gerannt bin und das Personal verrückt gemacht habe in meinem Bemühen, einen Flug
nach Atlanta und vor allem erst einmal irgendeinen weg von London zu kriegen. Je
länger es dauerte, desto panischer wurde ich. Gesetzt den Fall, Simon wäre gegen
vier nach Hause gekommen, wie lange würde es dauern, bis er die richtigen
Schlüsse zog? Ich traute ihm wirklich zu, plötzlich auf dem Flughafen zu stehen.
Um fünf hatten sie endlich eine Route für mich, über Paris nach New York und
irgendwann weiter nach Atlanta.
Was ich von dieser Reise noch weiß, sind kurze Augenblicke, Blitzlichter, die
mich aus den Gedanken rissen. Die puertoricanische Familie, in die ich in Paris
hineinrannte, sodass Koffer übereinander stürzten und ziemlich heftige Worte
fielen, die ich besser verstand als es mir lieb war. Oder der Typ, der in New
York auf dem Flughafen stand und Simon so ähnlich sah, mit seiner Gitarre und
dem langen, schwarzen Ledermantel.
Irgendwie erwischte ich aber immer den richtigen Flug. Denn ich stand,
plötzlich, wie es mir vorkam, in Atlanta vor ein paar Telefonzellen und
überlegte verzweifelt, wie ich Duke in dieser Stadt, in der es Sonntagmorgen
war, kurz vor halb zwei, ausfindig machen sollte. Bei der Auskunft anzurufen und
nach der Privatnummer von Leuten zu fragen, deren Namen ich nicht kannte, die
aber in einer Band namens The Falling spielten, erschien mir sinnlos. Also
musste es anders gehen. Ich ließ mir von der Vermittlung ein Gespräch nach Hause
durchstellen. Der Anrufbeantworter ging an. »Eigentlich erreichen Sie unter
diesem Anschluss wenigstens drei Mitglieder einer legendären Kölner Band, zur
Zeit sind aber die meisten zwecks kreativer Schaffenspause ausgeflogen. Falls
Sie trotzdem …«
Ich brüllte beinahe ins Telefon: »Jess, wenn du da bist, dann geh bitte dran, es
ist wichtig!«
Kurze Stille. Dann: »Hast du ’ne Ahnung, wie viel Uhr es ist?«
Tolle Begrüßung, dachte ich, dafür dass wir monatelang nichts voneinander gehört
hatten. Und ich hatte wirklich keine Vorstellung, wie spät es gerade in
Deutschland war.
»Noch nicht mal halb acht, ich hab prima geschlafen. Bist du das, Tina?«
Ich dachte mir eine halbwegs plausible Story aus, warum ich unbedingt Dukes neue
Adresse in den Staaten brauchte, nein, nicht nur die Telefonnummer, und vermied
eine ausgiebige Erklärung, wo ich mich gerade befand und warum. Nach ein paar
Minuten und der Beteuerung »Klar, Simon geht’s prima, ich melde mich bald
wieder«, hatte ich endlich den Straßennamen. Eigentlich war es nicht meine Art,
gute Freunde und Bandkollegen zu verarschen. Aber ich wusste, dass ich jeden
Moment zusammenklappen würde.