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Jeske, Ernst-August / Rohland, Lothar (Hrsg.)

Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft e.V. – Abschlussveranstaltung. Dokumente und Arbeitsergebnisse

[= Medizin und Gesellschaft, Band 63], 2007, 106 S., ISBN 978-3-89626-813-6, 14,80 EUR

 

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Inhaltsverzeichnis


Programm der Abschlussveranstaltung mit Anmerkungen

Werner Binus: Bilanz der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Tätigkeit der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft e. V. und ihr Vermächtnis

Eckhard Wetzstein: Festvortrag: Erfahrungen aus dem DDR-Gesundheitswesen. Haben sie noch Bedeutung für linke Gesundheitspolitik?

Arno Hecht: Festvortrag: Gesundheit – ein Menschenrecht. Seine Verwirklichung in der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik und die Stellung des DDR-Gesundheitswesen im internationalen Kontext

Sabine Müller: Polikliniken - Praxisnetze - Medizinische Versorgungszentren. Ärztliche Kooperation im Wandel zwischen Gesetzgebung und Standesinteressen

Neues Deutschland ( Silvia Otto) 16. November 2007: System ohne soziale Schranken – Verein bewahrte Gesundheitserfahrungen der DDR – Interview mit Prof. Dr. Günter Ewert

Aufstellung der wissenschaftlichen Veröffentlichungen des Vereins

 

 

Vortrag auf der Abschlussveranstaltung der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft am 17. November 2007 von Werner Binus

Liebe Mitglieder und Sympathisanten unserer Interessengemeinschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
 

als langjähriges Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft e.V. und deren Vorsitzender in den letzten 6 Jahren obliegt es mir, eine Bilanz der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Tätigkeit unserer Vereinigung zu ziehen.

Vor mehr als 17 Jahren erfolgte am 15. Oktober 1991 in Berlin die Gründung der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft e.V.

Bekanntlich standen sich zu diesem Zeitpunkt zwei Gesundheitssysteme gegenüber, die systemisch durch unterschiedliche Defizite gekennzeichnet waren und die beide zugleich dringenden Reformbedarf besaßen. Diese Ausgangslage wurde im so genannten Einigungsprozess von den Repräsentanten der Bundesrepublik nahezu vollständig verdrängt. Offensichtlich war es von vornherein die Zielstellung, auch im Gesundheitswesen die im östlichen Teil Deutschlands über 40 Jahre verloren gegangene alte Ordnung wieder herzustellen.

Die bereits westorientierten letzten „DDR-Repräsentanten“ verfügten nicht über den politischen  Willen und die eigene Überzeugung, der westdeutschen Dominanz entgegenzuwirken.

Mit dem am 31. August 1990 unterzeichneten Einigungsvertrag waren die Voraussetzungen geschaffen, um die Übertragung des Gesundheitssystems der Bundesrepublik auf das Gebiet der ehemaligen DDR zu vollziehen. Bemühungen linksorientierter Ärzte aus Westdeutschland, „Bewährtes aus der DDR für ganz Deutschland zu übernehmen“ scheiterten letztendlich an der mit Siegermentalität betriebenen Politik der Bundesregierung, am Widerstand der kassenärztlichen Bundesvereinigung, die darin eine Gefahr für den Sicherstellungsauftrag niedergelassener Ärzte sah und auch an der ausbleibenden Unterstützung eines großen Teils der Mitarbeiter des DDR-Gesundheitswesens, die sich von einer Übernahme durch die Bundesrepublik ein Ende der Defizite erhofften, die in den letzten Jahren der DDR im Gesundheitswesen der DDR zu verzeichnen waren.

Der eingeleitete Umbau des DDR-Gesundheitswesens nach westdeutschem Vorbild richtete sich nicht nur gegen die Leitungsstruktur des alten Systems. Für Polikliniken, Ambulatorien und das gesamte Betriebsgesundheitswesen sowie für die Dispensaire-Betreuung chronisch Kranker war in der alten Bundesrepublik damals kein Platz. Den Angehörigen des ärztlichen Mittelbaus drohten so genannte Bedarfskündigungen. Ärzte und Zahnärzte bekamen die Chance, sich privat niederzulassen, was von den gut ausgebildeten Akademikern zumeist nicht als Zwang aufgefasst wurde. Das Leitungspersonal der medizinischen Wissenschaft und des Gesundheitswesens wurde ohnehin schnell ausgeschaltet.

„In nur wenigen vergleichbaren Sektoren der Gesellschaft“ – ich zitiere hier den damaligen gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rudolf Dressler – „ist das Überstülpen westdeutscher Strukturen und Vorstellungen so rigoros durchgeführt worden, wie im Bereich des Gesundheitswesens. In kaum einem vergleichbaren Sektor wäre gerade hier die Chance gewesen, Erfahrungen mit völlig unterschiedlichen Lösungsansätzen zu einem gemeinsamen Neuen zu nutzen“.

Zu dieser Zeit setzte die Tätigkeit der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft e.V. ein. Vorausgegangen waren unregelmäßige Zusammenkünfte von ehemaligen Mitarbeitern des DDR Gesundheitswesens.

Bei vielen von ihnen war diese Zeit eng mit der Notwendigkeit verbunden, sich gegen Anschuldigungen und Verleumdungen zur Wehr zu setzen und sich um eine weitere berufliche und persönliche Perspektive zu bemühen. Dabei erwies sich der solidarische Schutz einer Gemeinschaft, die von anerkannten Menschen getragen wurde von Anfang an als wirksame Kraft, die uns in die Lage versetzte, Geist und Inhalt der Gesundheitspolitik der DDR wahrheitsgemäß zu vertreten.

Das Interesse dieser Gruppe fokussierte sich sehr bald an Erfahrungsaustausch, Öffentlichkeitsarbeit und wissenschaftlichen Untersuchungen zu Fragen der Medizin und des Gesundheitswesens unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen. Hierfür standen die Strukturen der Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften der DDR nicht mehr zur Verfügung und so war sehr bald die Forderung nach Gründung eines Vereins auf der Tagesordnung.

Auf der Gründungsversammlung im Oktober 1991 stimmten von 31 Anwesenden 29 für die Bildung einer Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft. Die Gründungsmitglieder diskutierten auf dieser Veranstaltung den Entwurf einer Satzung des Vereins. Sie beauftragten eine Redaktionskommission, die während der Diskussion geäußerten und gebilligten Hinweise und Vorschläge einzuarbeiten und die Satzung zur Registrierung beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einzureichen. Weiterhin wurde beschlossen, die Wahl des Vorstandes auf einer extra einzuberufenden Mitgliederversammlung vorzunehmen.

Am 12. November 1991 wurde dann in geheimer Abstimmung der erste Vorstand zunächst für die Dauer von 6 Monaten gewählt. Dieser setzte sich wie folgt zusammen:

Vorsitzende: Prof. Dr. med. Ingeborg Syllm-Rapoport
Stellv. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Reimer Schorr
Schriftführer: Dr. phil. Lothar Rohland
Schatzmeister : Prof. Dr. med. Günter Jäschke
Beisitzer: Prof. Dr. med. Herbert Kreibich
Prof. Dr. med. Sonja Mebel
Dr. med. Heinrich Niemann

Rechnungsprüfer : Prof. Dr. med. Ilse Hagemann
Prof. Dr. med. Hansgeorg Hüller

Am 30. Juni 1992 wurde dieser Vorstand für weitere 18 Monate bestätigt. Eine Neuwahl des Vorstandes erfolgte nun im zweijährigen Abstand. Rechenschaftsberichte gab es jährlich.

Zeitweilig gehörten oder gehören nach verschiedenen Wahlperioden Prof. Dr. Werner Binus, Dr. med. Ursula Bossdorf, Dr. med. Ellen Cohen, Prof. Dr. Günter Ewert, Dr. med. Ingeborg Fenske, , Dr. med. Ernst-August Jeske, , Dr. med. Anita Rausch, Dr. phil. Gundula Röhnsch, Dr. med. vet. Rudolf Wernicke und Dr. med. Eckhard Wetzstein als Beisitzer dem Vorstand an.

Es spricht für die Kontinuität der Vorstandsarbeit, dass über einen Zeitraum von 10 Jahren die Funktionen der Vorsitzenden, des Schatzmeisters und des Schriftführers nicht wechselten.


Bilanz der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Tätigkeit der IMuG und ihr Vermächtnis

Stellvertretener Vorsitzender ist seit 1996 Prof. Dr. med. Herbert Kreibich. Und vom März 2002 bis zum Oktober 2007 war Prof. Dr. Werner Binus der Vorsitzende des Vereins. Prof. Dr. Harry Scharfschwerdt war seit 1996 zusammen mit Prof. Ilse Eisen-Hagemann Rechnungsprüfer.

Besondere Hervorhebung und Würdigung verdient in jeder Hinsicht das geistige Wirken unserer hochverehrten langjährigen Vorsitzenden Prof. Dr. Inge Rapoport und des unvergessenen Prof. Dr. Mitja Rapoport sowie das beispielhafte Engagement unseres mehr als ein Jahrzehnt amtierenden Schatzmeisters Prof. Dr. Günter Jäschke.

Der Verein hat bis zum Ende seiner Tätigkeit im November 2007 insgesamt 156 wissenschaftliche monatliche Abendsitzungen und 10 Arbeitstagungen mit einem breiten Themenspektrum organisiert und durchgeführt. An ihnen nahmen insgesamt 6.912 Personen teil.

In den ersten Jahren ging es bei den Vorträgen um die Voraussetzungen für die Gestaltung eines demokratischen Gesundheitswesens unter den Bedingungen der Bundesrepublik Deutschland.

Ein Hauptakteur der Anfangsjahre unseres Vereins war der damalige Stellvertretende Vorsitzende der Interessengemeinschaft Prof. Dr. Reimer Schorr, der in mehreren Positionspapieren die Vorstellungen unserer Mitglieder und Sympathisanten zur Gestaltung eines gesundheitspolitischen Programms für ein demokratisches Deutschlands zusammenfasste. Zweifellos gehörte Reimer Schorr zu den Persönlichkeiten, die damals Geist und Inhalt der Vereinstätigkeit prägten. In seiner zurückhaltenden und ausgleichenden Art und seinem bescheidenen Auftreten trug er wesentlich zur Ausbildung einer für den Verein bestimmenden sachlichen und vertrauensvollen Atmosphäre bei. Seine wissenschaftlichen Beiträge haben wir nach seinem frühzeitigen Tod mit einem Sonderdruck gewürdigt.

Entsprechend dem Profil unseres Vereins kamen bei den monatlich stattfindenden Vorträgen Fachvertreter der unterschiedlichsten medizinischen und gesellschaftlichen Disziplinen zu Wort. Nicht selten wurden dabei aktuelle Probleme kontrovers diskutiert. Ein besonderes Anliegen war es, sachlich-kritisch und wissenschaftlich fundiert zur Geschichte des Gesundheits- und Sozialwesens der DDR Stellung zu nehmen und aus der Sicht von Zeitzeugen Bewahrenswertes für das Gesundheitswesen der Bundesrepublik herauszuarbeiten. Dass die Mitglieder unserer Interessengemeinschaft sich hierbei den Erfahrungen der DDR Medizin besonders verpflichtet fühlten, ergibt dich schon aus der Tatsache, dass viele unserer Mitglieder und Referenten auf unterschiedlichen Gebieten aktiv in Wissenschaft oder Praxis an ihrer Entwicklung
teilgenommen haben.

Darüber hinaus hat sich unsere linksorientierte Vereinigung von Ärzten, Medizinwissenschaftlern und Mitarbeitern des Gesundheitswesens im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten bemüht, die Wissenschaft zu unterstützen, in monatlichen Veranstaltungen medizinische und medizinrelevante Themen der Natur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu besprechen sowie einen Beitrag in der aktuellen Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Gesundheitspolitik zu leisten.

Seit 1995 ist die Interessengemeinschaft in der Lage, wesentliche Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Arbeit zu publizieren. Die Herausgabe einer Schriftenreihe in Heftform erfolgt mit vereinseigenen technischen Mitteln im Eigenverlag zu günstigen finanziellen Bedingungen und durch ausschließlich ehrenamtliche Tätigkeit.

An dieser Stelle soll betont werden, dass die Schriftenreihe „Veröffentlichungen der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft“ auf einer Idee unseres langjährigen Sekretärs und Schriftführers Dr. Lothar Rohland beruht. Ohne seinen Einsatz und ohne Hilfe ebenfalls ehrenamtlich tätiger Vereinsmitglieder wäre dieses anspruchsvolle Projekt nicht über 12 Jahre hinweg aufrecht zu erhalten gewesen.

Nicht nur den Eingeweihten ist klar, dass die Herausgabe unserer Schriftenreihe erst mit der allmählichen Schaffung technischer und organisatorischer Voraussetzungen möglich wurde. An diesem Beispiel wird aber auch deutlich, wie überlegt und sparsam mit den Beitragsgeldern unserer Mitglieder umgegangen wurde.

An der Verlags- und Vertriebsarbeit waren auf diese und jene Weise zahlreiche Mitglieder und Freunde der Interessengemeinschaft beteiligt. Allen voran und mit einem bewunderungswerten Einsatz unser Mitglied Winfried Rietdorf, der auch auf anderen Gebieten zu einer unauffälligen und stabilen Säule unseres Wirkens wurde.

Eine besondere Würdigung seiner Leistungen bei der Veröffentlichungstätigkeit des Vereins verdient Prof. Günter Ewert sowohl als produktivster Autor, Herausgeber und Gestalter zahlreicher Hefte und als verantwortlicher Redakteur unserer seit dem Jahr 2000 erscheinenden CD-ROM Reihe. Weiterhin beteiligt waren Dr. Ernst-August Jeske und Anita Rausch als Mitglieder der Redaktionskommission sowie Elfriede Schaffizel, Martin Döhring und Horst Staudenmeir, die den Versand organisierten.

Dr. Rudolph Wernicke soll stellvertretend für die vielen Mitstreiter genannt werden, die Vorträge, Publikationen, Vorstandsarbeit und „profane Organisationsaufgaben“ selbstlos erfüllten.

Doch nicht nur Mitglieder unseres Vereins verdienen Dank und Anerkennung. Ohne Unterstützung zahlreicher Freunde an den verschiedenen Stätten unseres Wirkens wäre die Vereinstätigkeit über all die Jahre nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das begann in den Räumlichkeiten des „Links Treff Berliner Norden“ der viele Jahre zur Basis unseres wissenschaftlichen Lebens wurde. Auch an den späteren Orten unserer Arbeit, an der Charitè in den Räumen Robert Kochs und im Klinikum Friedrichshain erfuhren wir eine unserem Vorhaben entsprechende Unterstützung, für die wir uns herzlich bedanken möchten.

Die immense Arbeit, die Ergebnisse, der solidarische Zusammenhalt und der reibungslose logistische Ablauf unseres Vereinslebens wären ohne Dr. Lothar Rohland weder denkbar noch realisierbar gewesen. Er war ohne Frage der Spiritus rector unserer Interessengemeinschaft. Zweifellos hatte er einen ganz besonderen Anteil am Zustandekommen des Vereins, seiner inhaltlichen Orientierung und an der Organisation der Arbeit. Dabei kamen uns seine speziellen Kenntnisse und Erfahrungen aus der DDR-Zeit und seine umfangreichen persönlichen Beziehungen zu Wissenschaftlern zugute. Ein Vorzug seiner Tätigkeit bis zu heutigen Tag ist es, dass er jederzeit bereit ist, einen erheblichen Teil der für die Aufrechterhaltung der Vereinstätigkeit unverzichtbaren Kleinarbeit zu leisten.

Es kann nicht Aufgabe sein, alle Aktivitäten unserer Vereinigung in diesem Bericht aufzuzählen, denn das würde den Rahmen der heutigen Veranstaltung sprengen. Dennoch sei es erlaubt auf einige markante Schwerpunkte der in den vergangenen Jahren geleisteten Arbeit hinzuweisen
· Wir sind beispielsweise besonders Stolz darauf, mit den Heften 13 bis 16 der Schriftenreihe Medizin und Gesellschaft im Jahre 1998 und mit einem Sonderdruck in Buchform unter dem Titel „Zur Umsetzung der Gesundheitspolitik im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR“ einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung des gesundheitspolitischen Nachlasses des langjährigen Gesundheitsministers der DDR Prof. Dr. Ludwig Mecklinger geleistet zu haben.
· Hervorheben möchte ich auch die Aktivitäten der Arbeitsgruppe Mutter-, Kinder und Jugendgesundheitsschutz, die unter Leitung von Frau Dr. Ursula und Frau Dr. Christa Grosch u. a. in drei Heftveröffentlichungen - zusammen mit zahlreichen Autoren die Erfahrungen der Bilanz der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Tätigkeit der DDR auf diesem Gebiet dokumentierte und auch dafür Sorge trug, dass das Leben und wissenschaftliche Werk von Prof. Eva Schmidt-Kolmer, mit deren Namen der Aufbau eines leistungsfähigen Kinder und Jugendschutzes in der DDR eng verbunden war, gewürdigt wurde.

· Ein Meilenstein der gedruckten Materialien unseres Vereins stellt nach meiner Auffassung die sechsteilige Dokumentation zur Geschichte des Gesundheitswesens der DDR dar, die unter Beteiligung zahlreicher Autoren in insgesamt 6 Folgen durch Prof. Dr. Horst Spaar einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, die weit über den Kreis unserer Mitglieder und Sympathisanten hinausgeht. Das Gesundheitssystem der DDR in seinen unterschiedlichen Facetten wurde in vielfältiger Weise von den sachkundigsten Vertretern dargestellt, dokumentiert und so der interessierten Nachwelt erhalten.

· Besonders hervorhebenswert sind in diesem Zusammenhang auch die wissenschaftlichen Arbeitstagungen der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft, die von 1993 bis 2003 im jährlichen Abstand stattfanden. Die thematischen Schwerpunkte dieser Veranstaltungen bezogen sich u. a. auf Probleme und Perspektiven eines demokratischen Gesundheitswesens und Anforderungen an eine zukünftige Gesundheitspolitik in Deutschland, den Stellenwert der ambulanten Versorgung im Gesundheitssystem, auf Fragen der Planung und Selbstbestimmung in der Forschung, Probleme des Studiums und der berufsbegleitenden Weiter- und Fortbildung in der Medizin und natürlich auf den Verlauf der Eingliederung des DDR-Gesundheitswesens in das Gesundheitssystem der Bundesrepublik Deutschland.
Diese anspruchsvollen Veranstaltungen erfreuten sich eines regen Zuspruchs nicht nur der Mitglieder unseres Vereins. Natürlich sind alle Vorträge und Diskussionsbeiträge der wissenschaftlichen Arbeitstagungen über unsere Schriftenreihe und CD-ROM Ausgaben einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Angesichts der mit meinen bisherigen Ausführungen dargestellten Erfolgsgeschichte und der Einmaligkeit unseres Vereins ist es wohl erlaubt, die Frage zu stellen, weshalb wir die Auflösung der Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft gerade zu einem Zeitpunkt zu betreiben begannen, wo die Weitergabe von Erfahrungen der Mitglieder zur Gestaltung der gegenwärtigen Gesundheitspolitik besonders erforderlich wäre.

Am Anfang war unsere Interessengemeinschaft ein Sammelpunkt der gesundheits- und wissenschaftspolitisch Interessierten aus der so genannten „abgewickelten“ DDR-Medizin. Zunehmend suchten Kollegen aus den alten Bundesländern den Kontakt und die Zusammenarbeit mit diesem einzigen wirklich linksorientierten deutschen Verein von Medizinern und Vertretern anderer Berufe im Gesundheitswesen.

Über Jahre hinweg wurde die Arbeit des Vereins vor allem von den Mitgliedern getragen, die den Verein gegründet haben oder ihm seit vielen Jahren angehören. Trotz ständiger Bemühungen war es uns nicht möglich, Mitglieder aus dem jüngeren Kollegenkreis für die aufwendige und ehrenamtliche Arbeit zu gewinnen, wenngleich Interesse durch Teilnahme an unseren Veranstaltungen durchaus vorhanden war. Für die Mitglieder und weitere mit dem Verein verbundene Sympathisanten war die Mitarbeit im Verein Ermutigung vor allem in Hinsicht auf ihre persönliche Lebensleistung in der medizinischen Wissenschaft und im Gesundheitswesen der DDR und ein Ausdruck solidarischer Gemeinschaft.

In den letzten Jahren wurde die Tätigkeit der Interessengemeinschaft vor allem dadurch eingeschränkt, dass eine zunehmende Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereins aufgrund ihres hohen Alters und angegriffenen Gesundheitszustandes nicht mehr in der Lage waren, an den wissenschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen oder in anderer Weise aktiv tätig zu sein, was auch in sinkenden Teilnehmerzahlen bei den Veranstaltungen zum Ausdruck gekommen  ist. Immer häufiger mussten Mitglieder aus gesundheitlichen Gründen ihre Arbeit für den Verein einschränken oder gar beenden. In besonderer Weise traf das auf Mitglieder und Freunde des Vereins zu, die ihren Wohnsitz außerhalb von Berlin oder Brandenburg haben.

Unter diesen Gesichtspunkten musste davon ausgegangen werden, dass die wissenschaftliche und organisatorische Funktionsfähigkeit des Vereins auf dem erreichten Niveau nicht auf längere Dauer weiter gewährleistet werden konnte.

Deshalb stellte sich die Frage, welche Perspektive die IG Medizin und Gesellschaft hat.

Um der Gefahr zu entgehen, dass die Lebensfähigkeit und der schöpferische Geist des Vereins nach und nach erlahmen und die bisherige Kontinuität und Qualität der Arbeit nicht mehr zuverlässig garantiert werden konnte, wurde der Mitgliederversammlung im Jahre 2006 vorgeschlagen, die wissenschaftliche und gesellschaftliche Tätigkeit der Interessengemeinschaft allmählich und gezielt zu begrenzen und den neu zu wählenden Vorstand zu beauftragen geeignete Schritte für eine geordnete Auflösung des Vereins einzuleiten. Das bedeutete auch, dass die Neuwahl des Vorstandes nur für den Zeitraum bis zur Auflösung der Interessengemeinschaft erfolgt. Das anzustrebende Ziel bestand also nicht in einem spontanen Erlöschen der Vereinstätigkeit, sondern in einem planmäßigen Auflösungsprozess bei Gewährleistung der bisherigen Tätigkeit des Vereins.

Anlässlich der Neuwahl am 7. Juni 2006 wurde nach einer intensiven Diskussion, in der es vor allem um mögliche Varianten einer begrenzten Fortführung der Vereinstätigkeit ging, der neu gewählte Vorstand beauftragt, die für die Auflösung des Vereins erforderlichen Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten und der abschließenden Mitgliederversammlung im zweiten Halbjahr 2007 zur Bestätigung vorzulegen.

Das ist inzwischen geschehen. Am 5. September 2007 beschloss die Mitgliederversammlung, gemäß § 12 unserer Satzung und in Übereinstimmung mit § 41 des BGB den Verein aufzulösen und seine Liquidation durchzuführen. Als Liquidator wurde unserer langjähriger Schriftführer Dr. Lothar Rohland bestellt.

Ziehen wir abschließend ein Resümee, so kann im Hinblick auf die Angehörigen der medizinischen Wissenschaftselite der DDR in Übereinstimmung mit Prof. Dr. Arno Hecht festgestellt werden, dass sie sich fast vollständig aus dem gesellschaftspolitischen Leben zurückgezogen hat.

Ganz im Gegensatz zu den Wissenschaftlern der geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich in Vereinigungen organisiert haben, um einerseits die DDR zu analysieren und andererseits sich kritisch mit den Verhältnissen in der Bundesrepublik auseinanderzusetzen.

„Nur in Berlin“ – und ich zitiere hier unseren Mitstreiter und Autor Arno Hecht - „fanden sich in der „Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft“ ehemalige Angehörige der medizinischen Wissenschaftselite der DDR zusammen, um in der Vergangenheit gewonnene Erfahrungen auszuwerten, Vorteile und Irrtümer des Gesundheitswesens der DDR zu analysieren, die eigene Position unter den neuen Bedingungen und Erfahrungen zu bestimmen und die Quintessenz dieser Bemühungen zu publizieren. Wenn das Resultat dieser Gemeinschaft gegenwärtig auch in der medizinischen Öffentlichkeit noch wenig Beachtung findet, so werden ihre Arbeitsmaterialien zukünftig an Bedeutung gewinnen.“