Hirschenberger, Alfred

Die Welt, ein System von Annahmen. Eine lustvolle Hinterfragung des Systems 'KAPITALISMUS'

[= Edition Wortmeldung, Bd. 4], 2008, 124 S., ISBN 978-3-89626-807-5, 12,80 EUR

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Es ist nicht zu überhören, täglich berichtet die Presse: Riesengewinne der Konzerne, enorme Abfindungen für gekündigte Manager, Nahversorgung schwindet, Betriebe wandern ab, Teuerungswelle. Den Bürgern zerrinnt das Geld, die Löhne werden gedrückt: verlängerte Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, Leistungssteigerungen usw. Die Klagen werden goutiert, man stimmt ihnen zu und läßt es dabei sein. Die Hinweise werden nicht zu Ende gedacht. Man blockt ab, scheut vor den hochkommenden Konsequenzen.
Die Medien berichten von den Mißständen, nicht fragend, einer unerwünschten Antwort vorbeugend.
Die Kooperation der Frage mit der Antwort wird in dem Buch beschrieben und in Gang gesetzt. Es gliedert das Kapital in ein Gebilde von Vorstellungen, das im Gebrauch einen mythischen Sanctus erhält, der als unabänderlich akzeptiert wird.
Erfindungen werden „erfragt“, um sich die Arbeit zu verkürzen. In Besitz genommen, dienen sie dem Wettbewerb, Arbeit zu streichen. Die ihnen vorgegebene Absicht erfüllt sich, wenn auch auf eine andere Art.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LESEPROBE

 

Vorwort

Die Sprache, sie ist Gott, sie ist es die alles schuf und schafft.
Eingebettet in „Der Worte Schöpfung“ – ein lustvolles Hinterfragen des etablierten Weltbildes – das Wirtschaftsgeschehen. Eine ineinander aufgehende Darstellung.
Alle Welt verteufelt den Turbokapitalismus, dem alten „guten“ Kapitalismus nachtrauernd. Es gehört nicht zum guten Ton, dessen Entwicklung nachzugehen. Das System Kapitalismus, eine Realität, wird in dem Buch in seine Bauteile zerlegt, deren Funktion dargestellt, jedoch, wie denn auch, nicht ersetzt.
Das System ist nicht erfunden worden, es hat sich geschichtlich ergeben, wird Gewinn abwerfend benutzt und ist zu einem nicht wegzudenkendem Brauchtum geworden. In wirtschaftswissenschaftlichen Abhandlungen werden die in Rechnung gestellten Zahlen korrekt abgerechnet. In der Formel ist die Arbeitskraft, als auch das Kapital, nebeneinander als Zahl, sich verrechnend, eingesetzt. Wertung ist keine mathematische Größe!
Der Kampf gegen Obrigkeit und Macht, wie immer diese sich darstellen, ist nicht zu gewinnen. Gesellschaftliche Schichtung ist vorgegeben. Ihre Neigung, deren Statik, entspricht dem natürlichen Geriesel eines Sandhaufens. Das ist so. Einer geht immer voran, sie sich erneuert. Das einzige was bleibt ist, unermüdlich dem zu begegnen.
 

„Die Welt, ein Mosaik von Annahmen“


Der Worte Schöpfung, oder am Anfang war das ABC.
Und Gott sprach zu den Menschen: „Macht euch die Erde
untertan, benennt sie“! Und sie taten, übereinkommend,
das was sie taten, weiter.

Fragen geleiten die Kinder in das ihnen fremde Leben, sie sollten dessen nicht müde werden. Es ist menschlich, die Welt zu hinterfragen.

Am Anfang war das schöpferische Wort. Vordem verständigte und informierte die lebende Materie, ein kristallines Gesetz wie das der Steine, sich immer schon, durch Laute, Berührungen, richtungsweisend durch Blicke und Gesten, so wie sie es immer schon bedurfte, der Formation entsprechend. Der Mimik, deren vielschichtiger Ausdrucksform, dem Lächeln, dürfte es zuzuordnen sein, daß unter dem Druck des Kommunizierens – wie auch den Tieren eigen – letztens aus der Organveränderung, dem abgesackten Kehlkopf, der sich daraus ergebenden Stimme, dem non verbalen Sing-Sang, Worte sich modulierten, es zur Sprache kam. Der den weisenden Finger begleitende Laut artikuliert zu unterscheidenden Wörtern. Rhythmisch (Grammatik) reihen die sich zu einem Satz, zu einer Aussage. Eine kulturelle Evolution eröffnet sich. Das sich Erkennen, das individuelle Bewußtsein, der Schmerz, erhaltendes Wesen des Lebendigen, mag dem Wort vorausgegangen sein, er das Verständigen mit sich, bereitete. Diese Entwicklung war nicht vorgesehen, sie ergab sich. Die Zwiesprache, ein Dialog, eine Auseinandersetzung, eine Beschäftigung mit sich selbst formte den Intellekt. Denken bedarf der Sprache, es ist Sprache, Zwiesprache. Erkenntnis ergab sich. Und sie traten hinaus noch als lebende Materie und suchten sich zurechtzufinden, das war der Austritt aus dem Paradies in die Welt des dämmernden Bewußtseins, die eine andere ist, die der Erkenntnis. Noch deuten sie, gebrauchen Gesten, dann verteilen sie Namen, setzen Regeln, um sich zu orientieren. Mit der Namensgebung, „der Taufe“, – ein vereinnehmender ritueller, heiliger Akt – wird aus der Wahrnehmung ein Ding und reiht sich ein in eine Rangordnung. Ein heiliges Sakrament eröffnet sich. Mit der Namengebung und dem Artikel davor wird Irreales, Vages benannt und ins Dasein gestellt. Götter gehen hervor, der Gott, der Teufel, und auch die Natur, sie werden zu handelnden Personen. Ein Ungetaufter könne (daher) nicht in das (namenlose) Reich Gottes kommen (Joh 3,5) bestätigt Jesus, da erst (ihm) sich das Reich Gottes mit der Namensgebung eröffnet. Sie, die Skala reiht, realisiert all das, was es ringsum gibt. Es ist kein Schauen mehr, es ist ein Sehen, ein abstraktes Differenzieren und Realisieren von einem und demselben, (ein Schwerer als schwer) ein Vermessen und Einordnen, ein Gestalten. Alle Erklärungen und Erkenntnisse destillieren sich aus der Differenz. Sind Zahlen denn nun nicht auch ein Produkt der Differenz, von viel, weniger und wenig, oder umgekehrt? Kann die Algebra, das Zusammenfügen, demnach als ein Überwinden fragwürdiger Wertigkeit von Zahlen begriffen werden? Sucht sie mit Buchstaben den fiktiven Zahlenbegriffen zu entkommen? Erweist sich die „exakte“ Wissenschaft der Mathematik denn nun nicht als ein angenommenes Gebilde, auf einer fiktiven Differenz basierend? Die fiktive Differenz entwickelt sich zu Produkten, zur Zivilisation. Das Wort erschloß die Differenz – ein Schöpfungsakt. Nicht der Glaube, das Wort versetzt Berge. Er ist des Wortes, bewegt die Welt.
Der Dialog (Dualismus), der Widerspruch setzt zwei Möglichkei­ten, somit ein „Links“ und ein „Rechts“. Mit dem Differenzieren einer Vorstellung ergibt sich eine Kartographie, die an die Umgebung angelegt sich orientieren läßt. Ab nun leben sie nicht mehr in Gegebenem, sie nehmen wahr, benennen ihre Umgebung nach ihrem Dafürhalten, und das Ganze Natur. Es wurde ihnen nicht gewahr, daß sie es übertrugen, fassungslos standen sie davor, es ist geplant, von (benannten!) Göttern. Glaubenstarke Vorstellungen lassen sich geschichtlich zurückverfolgen bis zu den ersten Bestattungen, in ein Jenseits hinein, und legen Zeugnis der Entwicklung menschlicher Projektion.
Sich auferlegte Rituale sind’s, „realisieren“ Gott. Er ersteht, nimmt in der feiernden Glaubensgemeinschaft Gestalt an, die sich, das Leben überwindend, darin spiegelt. Dem Leben in Geborgenheit entfliehend, Sehnsucht nach Nähe, nach Berührung, nach Vertrauen, nach Begleitung, nach austauschender Gemeinsamkeit. Gott, ein überhöhtes Ich.
Rituale, Halt bietend an einer vertrauten Abfolge einer festlichen Handlung und – es ist, befriedigend, getan.

“Die Welt ist eine Funktion, eine Fiktion des Ich, und mit jedem Ich geht die Welt zugrunde.“
Alfred Polgar.

“Und die Welt geht so wenig unter, als sie aufgeht wie die Sonne. Aber ein Blick, und sie ist da, ein Schlagen der Wimpern, und sie ist fort und wieder ein Blick, und wieder ist sie da (…)“
A. Lernet-Holenia.

“Gott schuf die Erde und alle Dinge auf Erden, aber er gab keinem Ding einen Namen (…)
Dann vertraute er diese Vielzahl unbenannter Dinge dem Ermessen der Menschen an, und der Mensch, kaum erwacht aus seiner lehmigen Starre, ging daran, alles, was ihn umgab, zu bemessen. Jedes der Worte, die er damals erfand, veränderten das Aussehen und die Umrisse der Dinge (…)“
Sylvie Germain.

“Aborigines: (…) totemistische Wesen, die einst in der Traumzeit über den Kontinent wanderten und singend alles benannten, was ihre Wege kreuzte – Vögel, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasserlöcher – und so die Welt ins Dasein sangen.“
Bruce Chatwin.

„Wir schaffen sie (die Welt), so behaupten die Semiotiker, in den Geschichten, die wir uns ausdenken, um sie zu erklären, und durch die Art und Weise, wie wir in ihr leben (…) Es ist eine Welt, die durch die Sprache geschaffen wurde und von Metaphern und akzeptierten gemeinsamen Bedeutungen zusammengehalten wird, von denen sich jede in der Zeit ändern kann.“
Jeremy Rifkin.

“ (…) deshalb ist es auch so schwer, diese Welt zu beschreiben, weil man sich selbst beschreiben müsste; denn die Welt nimmt unsere Farben an.“
Cees Nooteboom.

“Es dreht sich – von links nach rechts, von rechts nach links“. Ist das das „Sich“ drehen? (…) erkennt man leicht, dass, wenn die Menschen fehlten, die Erde aufhörte, sich zu drehen.“
Jose Saramago.

„Es gibt in der Natur der Erdkugel, ebenso wenig wie im unbegreifbaren Universum, kein „Oben“ und kein „Unten“, kein Richtig und kein Falsch; es gibt weder Gut noch Böse, weder Schön noch Hässlich, sondern nur Lebensformen, die ihre Bestimmung erfüllen, weil sie existieren, und deren Bestimmung ihre Existenz ist“. „Alles, was ich denke, ist wirklich; die einzige Realität ist das Denken“.
Rémy de Gourmont.

„Die Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation, sie wird konstruiert“. Sagt die Wissenschaft.
Walter Wippersberg.


Das All steht still, dessen Bewegungen heben sich auf. (Brich den Gedanken nicht ab, laß ihn sich entwickeln!) Erst von einem eingenommenen Standort aus ergibt sich Bewegung. Sie ergibt sich aus der Differenz von Geschwindigkeiten. Die Geschwindigkeit aber hat es so an sich. So befinden sich am Uhrzeiger Geschwindigkeiten von Null bis Unendlich, je nach der Länge des Zeigers, bei ein und derselben Umdrehung, aber auch nur dann bleibt das Zifferblatt stehen. Weist aber eine Drehung eine Unzahl von Geschwindigkeiten auf, dann werden sie bedenklich. Entlang des Zeigers läßt sich keine Bewegung wahrnehmen. Die Zeit steht still. Denkt man sich den Zeiger weg, bleibt eine Unzahl von Geschwindigkeiten bestehen, die sich von Null bis Unendlich bzw. von Null zu Null, linear, daher nicht erkennbar, reihen. Stehen sie sich auch wirr, wie am Firmament, gegenüber, so vereint sie eines zur Unkenntlichkeit: die gemeinsame (die Formel – ausgekürzt bleibt sie stehen) Konstante. Die Bewegungen, ohne Standort, lösen sich auf.
Der Umkehrschluß, von einem so zweifelhaften, vieldeutigen Ding, wie der Zeitanzeiger es ist, auf eine Bewegung schließen zu wollen, stockt, gestützt auf die „Konstante“ (Standort) der Erdumdrehung – die die des Zeigers ist. Die Geschwindigkeit, mit ihr die Bewegung, ergibt sich als Fiktion. Der Standort ist der des Menschen, so ist Bewegung a priori durch ihn. Der Mensch, er ist es, gibt all dem Sinn, betreibt Anatomie. Projiziert, von seinem Gesichtsfeld auf die Sonne hin, deren Weg von links nach rechts, auf den Zeiger.
Immer bestimmt das Ich von seinem Dünken, seinem Standort aus und ortet. Da ich nun einmal der Standort bin, ist Bewegung durch mich, übersehen wir nun einmal, daß es so etwas wie Bewegung, sinn- und zwecklos, gibt. Ohne Bewegung aber kann es keinen Zufall, kein Aneinandergeraten der Elemente geben. Oder ist dieses Geschehen auch nicht? Bin ich oder bin ich nicht? „Ich denke – also bin ich!“ René Descartes 1596–1650. Denke ich, weil ich bin, oder bin ich – weil ich denke? Die Frage verwirrt. Entscheide ich mich, daß ich bin, weil ich denke, dann finde ich mich unversehens auf einem Scheideweg, von hienieden nach hoch oben, orte das Denken von dort gewährt. Anders lautet es, wird an Stelle des verfänglichen Wörtchens „oder“ „und“ gesetzt – nun liest sich’s so: Ich denke, weil ich bin und bin, was ich bin, weil ich denke! Wenn die Bewegung durch mich ist, dann auch die Begegnung, dann bin ich durch mich, so unwahrscheinlich ist er nicht, der sich selbst schaffende Mensch. Bin ich oder bin ich nicht? Aber wenn ich bin – und ich bin – dann muß es eine Bewegung gegeben haben (wegen des Zufalls) oder ich war und bin (das Leben an sich) immer schon. Wo liegt denn des Pudels Kern? Er läßt sich nicht und nicht fassen. Der Gedankengang ist in ein Labyrinth geraten, irrt im Kreis – dem Wahnsinn nahe. Aber findet sich denn nicht gerade in ihm, dem Wahn, Sinn? Was immer vor der Zeit – der der Erkenntnis – sich begab, begab sich nicht, erst der Wahn gab dem Bedeutung – Sinn.
Ein Kind, die Namen noch nicht eingeprägt, wie erlebt es die Dinge? Wie kommt auf ihn die Umwelt zu? Gewiß nicht wie auf den Entwachsenen, von fixierten Bildern abgeblockt. Noch muß es sich nicht dem Erwachsenen mit Worten verständlich machen. Es denkt für sich. Wie? Wortlos? Bedarf das Denken der Worte? Ist es ohne Worte, ohne Grammatik unbefangener? Findet sich ein Wortersatz? Daß in ihm, dem Kind, viel vorgeht, ist ihm anzusehen. Aber was? Es weint, lächelt, horcht versonnen in sich hinein, träumt. Die den Kindern eigene Welt, ist wohl die eines Ahnens, eines Erinnerns, das von irgendwoher anweht. Ein Heimweh danach bleibt bis ins hohe Alter, mehr nicht. Es gelingt nicht, sich zurückzuversetzen. Es ist endgültig verloren.
Wo stand denn nur die Geschichte von dem alten König, wie hieß er denn nur, der wissen wollte, welche Sprache die Kinder von selbst sprechen würden, Neugeborene in ein Verlies bringen ließ, wo ihnen an nichts fehlte außer dem, daß an sie kein einziges Wort gerichtet werden durfte. Die Kinder starben an dem Schweigen.
Die kleinen Kinder an der Hand, werden eingeführt ins Leben. Ihre Händchen suchen tastend nach Halt an der Hand.
Eine Äonen alte Entwicklung setzt sich fort, einem System entsprechend, vorausbestimmt, daher nicht zufällig, dem gerne, um sich behütet zu wissen, Absicht unterstellt wird. Der Dialog allein aber ist es, das Zwiegespräch, das schematisch sich vollzieht – in der Grammatik (einer Ordnung der Daten zur Verständigung), der Mathematik, im bewegenden Takt, dem Rhythmus, der pulsierend überall sich wieder- findet, in der Information gibt es sich zu erkennen – das als Vorsehung begriffen wird.
Die Welt, die sich aufbaut ist die des Wortes, des Dualismus, (binär, bipolar), die der Frage und der Antwort. Die Zweiteilung, sie ist nicht nur Ursprung aller Entwicklung, Halt suchend bedarf es der Zweisamkeit, die der Nähe, und sei es, wie bei Kindern, an einem Teddybär.
Kinder, dem Ursprung noch weit näher, noch aufrichtig, lernen redend erst, um die vier Jahre herum, das Lügen. Erst mit dem sich ihrer bewußt werdend, die Folgen einer Aussage begreifend, dem sich entziehend, beginnen sie die Wahrheit zu umgehen. Vögel hinken dem Fuchs, ihn vom Nest ablenkend, etwas vor, täuschen. Demnach, im Vergleich, bewegt sich die Täuschung über die Sprache hin zur Lüge, ihr bleibt sie vorbehalten. Noch bevor im Kind die Macht der Sprache, in der Erfüllung seiner Wünsche als Magie sich verinnerlicht, in der Fürbitte des Gebets sich wiederfindet, geschah es bereits in der Kinderstube der Menschheit. Mit der Sprache wandelt sich die Information, die es vorher auch schon gab, in ein Benennen und rückt so das Unbenannte schöpferisch in eine Ordnung. Das Differenzieren, das Ab­wägen, das Vergleichen, das Vermessen, ergibt ein Bewerten, einen Wert. Die Wertung, eine subjektive Übereinkunft, ergibt den Baustein, schichtet eine Ordnung. Das Wahrzunehmende entspricht ab nun dieser Ordnung. Mit ihr, dieser Annahme, läßt sie sich trefflich erklären. Allerdings, eine provokante Frage, sie läßt sich nicht vermeiden, ob nicht mit einem jeden anderen, wie immer auch x-beliebig gestrickten Muster sich nicht auch das Universum erklären d. h. errichten ließe, so es in sich schlüssig ist? Vor dem wurde es nicht als eine solche wahrgenommen. Eine Plus-Minus-Ordnung, die in der Bestimmung von Links und Rechts, bei der der Daumen an der Hand links ist, ihre ganze Fragwürdigkeit zu erkennen gibt.
Wie fadenscheinig und verfänglich, läßt sich mit einem eigenartigen Erlebnis belegen: Eine Fahrt vom Karlsplatz zum Praterstern. Die Rolltreppe, tief hinunter geht es zur U-Bahnstation. Links und rechts ein Perron. Kaum ist der Sitz eingenommen fährt der Zug an, bewegt sich jedoch in entgegengesetzter Richtung, zum Reumannplatz. Das ist doch nicht möglich, wehrt sich der Verstand. Verunsichert vergewissert er sich, die nächste Station abwartend, es ist ordnungsgemäß der Stephansplatz. Die erlangte Gewißheit, daß der Praterstern näher rückt, reicht nicht aus, der Zug fährt weiterhin in Richtung Reumannplatz, kehrt nicht um. Auf einmal hat sich der Sitzplatz, eingenommen im letzten Waggon der Garnitur – war es am Stephansplatz oder am Schwedenplatz – nach vorne in den Triebwagen verlagert. Der sich bietende Stationsabschnitt, sie sind alle von vorn und hinten gleich, bietet keine Orientierung. Das bedeutet, die Vorstellung ist haltlos und kehrt sich um. Die Stationsabfolge spult sich entgegen der eingebildeten Fahrtrichtung ab, die Vorstellung widersetzt sich weiterhin der Korrektur. Der Zug fährt vom Praterstern weg und kommt ihm doch immer näher, scheint ihm entkommen zu wollen und fällt dann doch letztlich mit ihm zusammen. Erst mit dem Aussteigen aus der Bahn, dem festen Boden unter den Füßen, der unverrückbaren asymmetrisch vertrauten Örtlichkeit, einem wieder gefundenem links und rechts gegenüber, verfestigt sich das Da-Sein, der Spuk löst sich auf. Sucht ihn noch zu fassen, um dahinter zu kommen, was denn da geschah. Verfolgt das Erlebnis zurück, um der Ursache auf die Spur zu kommen. Was war der Anlaß, daß die Fahrtrichtung sich verkehrte? Hat sich die Realität der parallel laufenden Gedankenwelt, die der Vorstellung und die des Wahrhabens, verloren? Ein Déjà-vue-Erlebnis? Tauschten sich ganz einfach die angenommenen Begriffe links und rechts aus? Verlor sich das Gefühl für diese Orientierung, ein zu uns gehörendes Grundbedürfnis? Vielleicht war es eine jähe körperliche Drehung, und schon war es geschehen, links und rechts vertauschten sich. Vielleicht war es ein Blick auf den Gegenzug, dessen Richtung sich speicherte und beim Anfahren sich einschlich? Oder war der Auslöser der, daß er eingesponnen sich gegen die Fahrtrichtung setzte, und gedanklich in der Blickrichtung fuhr? Mit Gewißheit läßt sich das auslösende Moment nicht fassen. Der Realität (so sie es ist) der Station hält die Einbildung nicht stand, sie verflüchtigt sich und ist nicht gewesen. Kein Lidschlag war es, es waren vier U-Bahnstationen lang! Umwelt, vom eingenommenen Standpunkt aus geortet, baut um ihn sich auf.
Im Zweifel, in ihm und nur in ihm erschließt und erschöpft sich die ganze Wahrheit und alle Freiheit des Denkens, selbst auch wenn er an der Wahrheit zweifeln läßt, im Glauben sich verliert. Er ergibt sich aus der über sich hinausschießenden Neugierde. Es ist ein Erlebnis, wenn im Zweifel die Wahrheit zum Greifen nahe scheint, doch im Zugriff schwindet und nichts bleibt als die Gewißheit: Sie war, im «Für und Wider». „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, will ich es erklären, weiß ich es nicht“. Sinn entlehnt von Augustinus. Er allein, der Zweifel, ist und bleibt unwiderlegbar. Zweifel, Wartezimmer der Erkenntnis, leben läßt sich’s nicht in ihm! Nur im Glauben, und sei es an das Gute im Menschen, läßt das Leben sich ertragen.
Der Zweifel bereitet die Frage auf. Frage, Wegbereiter der Antwort. Die Frage, an das Gegebene angeknüpft, stellt es in Frage. Die Antwort ergibt sich nicht zufällig, sie kommt nicht von irgendwo her, sie ist das Produkt eines schon immer wirkenden Systems, dem der lebenden Materie, der DNA komplementären zwei spiralig angeordneten Kette. Ineinander verschränkt liegt ein sich Austauschen nahe. So gesehen baut sich über dem namenlos Gegebenen, es übertünchend, die Sicht lebender Materie auf. Ein Gespinst der Zwiesprache. X, die Unbekannte in der Gleichung, sich aus dem Gegebenen ergibt.
Die Antwort formuliert sich als Frage, bevor sie als Antwort dasteht, sie tauschen sich aus. Die Antwort beendet die eröffnende Frage, ohne Antwort bleibt sie kreißend bestehen. Eine Antwort ohne vorangehender Frage, bleibt ungefragt, aufgedrängt, totalitär. Oppenheimer sagt: „Das Genie kennt die Antwort vor der Frage“, das besagt, es greift vor. Stünde die Antwort nicht dahinter, die Frage ergebe sich nicht. Das aber bedeutet, die bestehende Antwort ruft die Frage nach ihr hervor. Frage und Antwort ergeben sie sich als ident, dem Kausalgesetz entsprechend – ! = ? und setzt sich, durch die Wechselbeziehung der Worteteilung (Begriff – Sinndifferenz) fort. Dem bestehenden Du­al­system entsprechend, übernimmt die Frage den Part, eröffnet die Ant-Wort. Eine Entwicklung, eine Folgerung ergibt sich, jedoch ohne Absicht(!), und doch nicht zufällig. Der Zufall ist kein Zufall, weil er ein Zufall ist, er ist allgegenwärtig. Ein Ding vermag sich von einem Zustand in einen anderen zu verändern, nicht aber zurück. Ist damit eine Richtung, eine absichtslose, vorgegeben? Ein Ansatz, ein Druck, der die Frage zur Antwort fördern könnte? Die Antwort aus der Resonanz der Fragestellung sich ergibt? Ob mit dem Anlegen der Dialektik, der Frage- und Antwort-Funktion beizukommen wäre? Die Frage, das Infragestellen, beinhaltet „Gegebenes“ (These) und schwant (Intuition) „Künftiges“, ebenso könnte es Vorhergehendes sein (Antithese), die „Antwort“ (Synthese) folgert sich richtungsweisend, logisch. Somit ein dialektischer Prozeß. Frage und Antwort könnte sich ebenso auch als die Differenz von ein und dem selben, des Möglichen herausstellen. Als ein mehr oder weniger Ausführbares. Diese, allerorts gleich anzutreffende Mechanik wird durch die Beobachtung bestätigt, daß, wo auch immer gestellte Fragen zu den gleichen und nicht zu unterschiedlichen Antworten (Erfindungen) führen. In einer präzis formulierten Frage gibt sich im Voraus die Antwort zu erkennen. Das ist bekannt, und wird auch angewandt. Das aber bedeutet, daß die Antwort von vornherein, vom Zwiegespräch formuliert, als Fortentwicklung besteht. Nicht als Fortschritt. Der Begriff „Fortschritt“ schließt eine Richtung, somit ein Ziel mit ein, das aber setzt allein sich der Mensch. Das Fragen mag aus einem brütenden sich selbst Erkennen sich ergeben haben, Halt suchend, nun ausgesetzt in eine namenlose Fremde. Das Warum und Wieso führt hin zu einer dahinterstehenden, fürsorglichen Absicht, leitet, dem sich anzuvertrauen. Überantwortet sich einem allmächtigen Gott. Ein Begriff, wie auch die Zeit, die nur der Mensch kennt und hinter fragt. Das eine kommt eben von dem anderen. So wie das Heute von gestern und der Morgen von heute. Das läßt sich als Absicht erkennen, aber keine ist. Sie begrenzt sich auf die dem Dialogmittel Sprache innewohnende Mechanik, (so wie das Abschätzen auch), ein System, das als Grammatik in Erscheinung tritt, dem eine scheinbare „Inspiration“ entspringt. Wohin sie führt? Eine widersprüchliche Frage, denn es mag lediglich ein Austauschen vorliegend sein. Frage und Antwort, Bausteine des Denkens, sie sind das Denken.

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