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Reiseberichte, 2009, 299 S., 60 Fotos, teilw. farbig, ISBN 978-3-89626-804-4, 24,80 EUR
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Anstelle eines Vorwortes
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Einleitende Bemerkungen
Indien – der ferne Subkontinent. Elefanten, Tiger, Maharadschas, Paläste, Tempel
etc., das war die Faszination für Europäer im 19. und 20. Jahrhundert. Über
sechzig Jahre ist Indien nun unabhängig und die volksreichste Demokratie, so
heißt es immer sehr positiv. Ein neues Positivum seit Ende des 20. Jahrhunderts:
Hightech- und Computerdienste für die ganze Welt. Deutsche Firmen und
US-amerikanische Callzentren, um nur einige Beispiele zu nennen, lassen sich
durch Indien bedienen, um im eigenen Land Personalkosten zu sparen. Indien
verfügt heute über den weltweit größten Komplex von Filmstudios. Es ist dies die
mehr als fünf Quadratkilometer große Ramoji Fil City nahe der Stadt Hyderabad.
Mit der Eröffnung 1996 lief Ramoji Hollywood den ersten Rang ab. Hier können 20
internationale Filme gleichzeitig produziert werden. Es werden dort neben
Bollywoodfilmen auch Filme für Hollywood gedreht.
Der Inder Mittal beherrscht inzwischen den größten Stahlkonzern der Welt. Der
Tata-Konzern will schon 2009/10 einen Kleinwagen auf den Markt bringen, dem
keine Konkurrenz auf der Welt gewachsen sein soll. Die großen Fortschritte bei
der Industrialisierung des Landes sind in der Tat beeindruckend. Im Jahre 2006
wurde eine Steigerung um mehr als 8 % erreicht. Rund 400 Sonderwirtschaftszonen
(Special Economic Zones/SEZ), die von der Regierung eingerichtet wurden, sollen
ein noch schnelleres Wachstum ermöglichen und Millionen neuer Arbeitsplätze
schaffen. Gleichzeitig wird aber fruchtbares Ackerland und damit die
Lebensgrundlage hunderttausender Bauern und Landarbeiter vernichtet. Es entsteht
ein neues Konfliktpotential. In einigen Staaten der Indischen Union gab es schon
Landbesetzungen und Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. Tote und
Verletzte waren zu beklagen. Es gibt beträchtliche Wasserwirtschaftsprobleme,
auch zwischen den indischen Teilstaaten. Die Industrialisierung verschlingt
immer mehr Öl und Gas. Die Ressourcen sind begrenzt, nicht nur in Indien,
sondern weltweit. Es geht um energiesparende Technik und Energieeffizienz. Die
vorhandenen Energiereserven müssen besser genutzt werden. Indien strebt
Energieunabhängigkeit an. Gegenwärtig ist es noch weit davon entfernt. Soll ein
Kollaps weltweit vermieden werden, muss der CO2–Ausstoß
gesenkt werden. Für das Schwellenland ein ganz großes Problem. Auf dem G8-Gipfel
in Heiligendamm im Juni 2007 wurden darum Vorbehalte geltend gemacht. In
Hinblick auf den Klimawandel ist sich Indien bewusst, dass der gegenwärtigen
globalen Entwicklung gegengesteuert werden muss, das Wirtschaftswachstum nicht
eine umweltschonende Energienutzung behindern darf. Großzügige Energietransfers
werden darum von den Industriestaaten – darunter vor allem auch Deutschland –
erwartet. Globalisierung! Indien wurde Atommacht! Indien auf dem Wege zur
Weltmacht! Indien Aspirant für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UN!
Wird der neue Präsident der USA Indien unterstützen?
Die Bush-Regierung wertete Indien auch als Atommacht auf. Anfang März 2006 wurde
zwischen den beiden Staaten ein so genannter Nukleardeal abgeschlossen. Dieser
schließt die zivile Nutzung der Nuklearenergie ein. Dagegen gibt es große
Bedenken, dass mit dem Abkommen über die zivile Kooperation im atomaren Bereich
die Handlungsfähigkeit Indiens in der internationalen Arena aufs Spiel gesetzt
und der Status als Kernwaffenmacht ausgehöhlt werden könnte. Im indischen
Zentralparlament gab es hitzige Debatten. Ministerpräsident Manmohan Singh
konnte schließlich glätten, indem er versicherte: „Es werden keine
USA-Inspektoren durch unsere Nuklearanlagen streifen.“ Er stellte den Deal als
wichtig heraus, weil Indien einen riesigen Energiebedarf für das angestrebte
Wirtschaftswachstum zu befriedigen habe. Der indische Außenminister Mukherjee
und seine US-Kollegin Rice haben im Oktober 2008 das Atomabkommen offiziell
unterzeichnet. Es sieht erstmals seit Jahrzehnten den Verkauf von US-Atomtechnik
an Indien vor. Beide Staaten hatten drei Jahre lang über das Abkommen
verhandelt. Der Vertrag bleibt umstritten, da Indien den Atomwaffensperrvertrag
nicht unterzeichnet hat. Kurz vorher hatten die IAEA und die Gruppe der
Atomlieferländer auf Druck der USA ein seit 1974 geltendes Handelsverbot für
Indien aufgehoben. Es gestattet US-amerikanischen Firmen nun den Verkauf von
ziviler Nukleartechnologie und nuklearem Brennmaterial an Indien, obwohl es dem
Sperrvertrag nicht beigetreten ist.
Der Energiebedarf wird laut einer aktuellen Studie sehr stark steigen. Das
angestrebte Wachstum von jährlich mindestens 8 Prozent bis 2036 würde den
Energieverbrauch verfünffachen. Zur Reduzierung des Treibhausgasausstoßes um nur
zehn Prozent gegenüber heute, sind Investitionen von zwei Billionen Euro – das
fünffache des derzeitigen jährlichen Bruttoinlandsprodukts Indiens –
erforderlich. Das betrifft besonders Investitionen für saubere Kohlekraftwerke,
Biodiesel, erneuerbare Energien zur Stromproduktion und vor allem
energieeffiziente Technologien. Wie soll das alles finanziert werden?
Indien ist zu einem selbstbewussten Akteur auf der internationalen Bühne
geworden und hat verdeutlicht, dass es sich nicht bedingungslos den politischen
Vorgaben der Industriestaaten, besonders auch in Hinblick auf die Reduzierung
der Schadstoffemissionen, beugen wird. Wie China hat Indien Bedenken gegen
weltweit einheitliche Klimaziele erhoben. Bush hat während seines Besuches im
März 2006 Investitionen für einen schnellen Fortschritt der Wirtschaft
versprochen, sogar eine Partnerschaft auf einigen Gebieten angeboten. Die USA
brauchen Indien als einen Verbündeten für ihren Kampf gegen den Terrorismus – so
heißt es offiziell –, doch auch gegen die Gefahr, der sich die USA ausgesetzt
sehen, d.h. vor allem gegen den Islam und gegen moslemische Staaten. Die Kämpfe
in Afghanistan gehen weiter. Pakistan ist für die USA kein verlässlicher Partner
mehr. Die neue Regierung unter Präsident Asif Ali Zardari ist ein
Unsicherheitsfaktor und kein Garant für eine Entwicklung an der Seite der USA.
Pakistan steht Ende des Jahres 2008 vor dem Staatsbankrott. Es gibt
Hungergebiete, dazu noch die Erdbeben in Belutschistan im Oktober. Die Narben
der Erdbeben der Jahre zuvor sind noch nicht verheilt.
Hunger und Armut in Indien?! Der Hunger ist nicht besiegt, die Armut schon gar
nicht. Das Kastensystem wirkt weiter, auch wenn es seit Anfang 2007 verschiedene
Aktionen dagegen gegeben hat. Über 120 Millionen Dalits, die früher so genannten
Unberührbaren, gibt es in Indien. Sie sind laut Verfassung zwar
gleichberechtigt, werden aber in der Praxis sehr häufig weiterhin diskriminiert.
Das Land, das sich gerne die größte Demokratie nennt, hat es bis heute nicht
geschafft, die Ungerechtigkeiten des hinduistischen Kastenwesens zu überwinden,
Mahatma Gandhis Geist zum Trotz. Es besteht eine Quotenregelung, die
benachteiligten Kasten Studienplätze und auch Arbeitsplätze in öffentlichen
Institutionen reservieren soll. Dagegen gibt es beträchtliche Widerstände aus
den privilegierten Schichten. Neun von zehn Ehen werden laut Schätzungen von
Soziologen innerhalb derselben Kaste geschlossen. Für viele Dalits ist mit der
Entwicklung Indiens in den letzten zwei Jahrzehnten der soziale Aufstieg zur
greifbaren Realität geworden. Die Christen und die christlichen Organisationen
haben dazu – besonders in lokalen Einrichtungen – einen wichtigen Beitrag
geleistet. Da den Dalits traditionell der soziale Aufstieg durch das bestehende
Kastensystem verweigert wird, ist der Übertritt zum christlichen Glauben für sie
oft die einzige Möglichkeit gleichberechtigt zu werden. Um die Rechte
durchzusetzen, hat die BSP (Bahajan Samaj Party), eine traditionell den Dalits
nahe stehende Partei, sich zum Verfechter der unterdrückten Dalits erklärt.
Andere Parteien versuchen die Dalit-Bewegung auf der Basis der religiösen
Differenzierung zu entzweien. Das gilt vor allem für die
hindufundamentalistische Bewegung um die BJP. Diese Partei und ihre
Organisationen konnten in den letzten Jahren vor allem Zuspruch unter den
Angehörigen der mittleren und unteren Kasten gewinnen, indem sie die
christlichen Dalits und die katholische Kirche beschuldigte, gewaltsam Hindus
zum Christentum zu bekehren. Ihr Wahlspruch mit entsprechendem
Absolutheitsanspruch ist: <Ein Land, eine Religion, eine Kultur>. Überfälle
hinduistischer Fundamentalisten gegen die christliche Minderheit nehmen zu. Es
begann schon Ende 2007 im ostindischen Staat Orissa mit Übergriffen gegen
Kirchen und christliche Einrichtungen. Es folgten dann Misshandlungen und
Verfolgungen von Priestern, Nonnen, Dalits und indigenen Adivasis, die zur
christlichen Minderheit gehören. Inzwischen hat sich die Verfolgung von Christen
zu einem Flächenbrand fast über ganz Indien ausgedehnt. Über 4000 Attacken
wurden bislang registriert und die Dunkelziffer dürfte noch größer sein.
Kirchen, Häuser und ganze Dörfer wurden zerstört und Zehntausende zur Flucht
gezwungen. Es gab viele Vergewaltigungen von Nonnen und mehr als 50 Menschen
verloren ihr Leben. Ziel der BJP ist es, die in der Verfassung verankerten
säkularen Strukturen aufzuweichen und schließlich zu beseitigen. Die Gefahr wird
auch von der Regierung gesehen. Mit Nachdruck warnte Finanzminister Chidambaram
vor einer „Entfremdung der muslimischen und seit kurzem der christlichen
Gemeinschaft“. Die Zeitung „The Hindu“ schlussfolgerte, dass Indiens Größe und
Nationalstolz vor allem auf seiner säkularen Demokratie beruhten. Diese gelte es
mit allen verfügbaren Mitteln gegen Terroristen, Fundamentalisten und Fanatiker
jeder Couleur zu verteidigen, wenn Indien als Einheitsstaat überleben will. ....