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Uesseler, Manfred

Erlebtes Indien. Momentaufnahmen eines Außenseiters zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Reiseberichte, 2009, 299 S., 60 Fotos, teilw. farbig, ISBN 978-3-89626-804-4, 24,80 EUR     

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Zu den Rezensionen

Anstelle eines Vorwortes


Dieses Projekt begann mit Ausstellungen meiner Indienfotos. Ich erzählte dabei von meinen Erlebnissen und Eindrücken, fand Zustimmung und auch Anregung, dieses Buch zu schreiben. Vielleicht verführt es sogar zum Reisen. Eigentlich gibt es ja genug Bücher über Indien. Ich habe vieles gelesen und einiges hat mich enttäuscht. Das war der Hauptgrund, dieses Projekt zu wagen. Ich wollte etwas Unkonventionelles versuchen, denn es sollte kein Reiseführer werden. Ich will über das heutige Indien, seine Menschen und über das kulturelle Erbe berichten. Vielleicht gelingt es mir, Leser für diesen Subkontinent zu begeistern, auch neugierig und wissbegierig zu machen auf das, was mir Indien bedeutet und mich immer wieder dorthin zieht.
Zitieren möchte ich aus der Rede von Mahasweta Devi, die sie zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2008 gehalten hat:

„Ich träume von einem Indien, in dem der Geist frei ist von Angst
und man erhobenen Hauptes geht,
wo Wissen keinen Preis hat,
wo die Welt nicht durch enge innere Mauern zerteilt wird,
wo Worte aus tiefster Wahrheit entspringen,
wo man sich stetig strebend um Perfektion bemüht,
wo der kristallklare Strom der Vernunft nicht im trostlosen
Treibsand tödlicher Routine versiegt …
Ich will nicht länger die Dritte, sondern die Erste, Eine Welt sein.
Ich wünsche mir, dass Kinder zur Schule gehen können.
Ich wünsche mir, dass Frauen ins Licht treten,
ich wünsche mir Gerechtigkeit für jedermann,
dass Bauern überleben, Häuser für die Armen und Hoffnung für alle.
Ich wünsche mir getilgte Schulden, dass Armut verschwindet.
Hunger möge ein böses Wort werden …“
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitende Bemerkungen


Indien – der ferne Subkontinent. Elefanten, Tiger, Maharadschas, Paläste, Tempel etc., das war die Faszination für Europäer im 19. und 20. Jahrhundert. Über sechzig Jahre ist Indien nun unabhängig und die volksreichste Demokratie, so heißt es immer sehr positiv. Ein neues Positivum seit Ende des 20. Jahrhunderts: Hightech- und Computerdienste für die ganze Welt. Deutsche Firmen und US-amerikanische Callzentren, um nur einige Beispiele zu nennen, lassen sich durch Indien bedienen, um im eigenen Land Personalkosten zu sparen. Indien verfügt heute über den weltweit größten Komplex von Filmstudios. Es ist dies die mehr als fünf Quadratkilometer große Ramoji Fil City nahe der Stadt Hyderabad. Mit der Eröffnung 1996 lief Ramoji Hollywood den ersten Rang ab. Hier können 20 internationale Filme gleichzeitig produziert werden. Es werden dort neben Bollywoodfilmen auch Filme für Hollywood gedreht.
Der Inder Mittal beherrscht inzwischen den größten Stahlkonzern der Welt. Der Tata-Konzern will schon 2009/10 einen Kleinwagen auf den Markt bringen, dem keine Konkurrenz auf der Welt gewachsen sein soll. Die großen Fortschritte bei der Industrialisierung des Landes sind in der Tat beeindruckend. Im Jahre 2006 wurde eine Steigerung um mehr als 8 % erreicht. Rund 400 Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones/SEZ), die von der Regierung eingerichtet wurden, sollen ein noch schnelleres Wachstum ermöglichen und Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen. Gleichzeitig wird aber fruchtbares Ackerland und damit die Lebensgrundlage hunderttausender Bauern und Landarbeiter vernichtet. Es entsteht ein neues Konfliktpotential. In einigen Staaten der Indischen Union gab es schon Landbesetzungen und Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. Tote und Verletzte waren zu beklagen. Es gibt beträchtliche Wasserwirtschaftsprobleme, auch zwischen den indischen Teilstaaten. Die Industrialisierung verschlingt immer mehr Öl und Gas. Die Ressourcen sind begrenzt, nicht nur in Indien, sondern weltweit. Es geht um energiesparende Technik und Energieeffizienz. Die vorhandenen Energiereserven müssen besser genutzt werden. Indien strebt Energieunabhängigkeit an. Gegenwärtig ist es noch weit davon entfernt. Soll ein Kollaps weltweit vermieden werden, muss der CO2–Ausstoß gesenkt werden. Für das Schwellenland ein ganz großes Problem. Auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 wurden darum Vorbehalte geltend gemacht. In Hinblick auf den Klimawandel ist sich Indien bewusst, dass der gegenwärtigen globalen Entwicklung gegengesteuert werden muss, das Wirtschaftswachstum nicht eine umweltschonende Energienutzung behindern darf. Großzügige Energietransfers werden darum von den Industriestaaten – darunter vor allem auch Deutschland – erwartet. Globalisierung! Indien wurde Atommacht! Indien auf dem Wege zur Weltmacht! Indien Aspirant für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UN! Wird der neue Präsident der USA Indien unterstützen?
Die Bush-Regierung wertete Indien auch als Atommacht auf. Anfang März 2006 wurde zwischen den beiden Staaten ein so genannter Nukleardeal abgeschlossen. Dieser schließt die zivile Nutzung der Nuklearenergie ein. Dagegen gibt es große Bedenken, dass mit dem Abkommen über die zivile Kooperation im atomaren Bereich die Handlungsfähigkeit Indiens in der internationalen Arena aufs Spiel gesetzt und der Status als Kernwaffenmacht ausgehöhlt werden könnte. Im indischen Zentralparlament gab es hitzige Debatten. Ministerpräsident Manmohan Singh konnte schließlich glätten, indem er versicherte: „Es werden keine USA-Inspektoren durch unsere Nuklearanlagen streifen.“ Er stellte den Deal als wichtig heraus, weil Indien einen riesigen Energiebedarf für das angestrebte Wirtschaftswachstum zu befriedigen habe. Der indische Außenminister Mukherjee und seine US-Kollegin Rice haben im Oktober 2008 das Atomabkommen offiziell unterzeichnet. Es sieht erstmals seit Jahrzehnten den Verkauf von US-Atomtechnik an Indien vor. Beide Staaten hatten drei Jahre lang über das Abkommen verhandelt. Der Vertrag bleibt umstritten, da Indien den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat. Kurz vorher hatten die IAEA und die Gruppe der Atomlieferländer auf Druck der USA ein seit 1974 geltendes Handelsverbot für Indien aufgehoben. Es gestattet US-amerikanischen Firmen nun den Verkauf von ziviler Nukleartechnologie und nuklearem Brennmaterial an Indien, obwohl es dem Sperrvertrag nicht beigetreten ist.
Der Energiebedarf wird laut einer aktuellen Studie sehr stark steigen. Das angestrebte Wachstum von jährlich mindestens 8 Prozent bis 2036 würde den Energieverbrauch verfünffachen. Zur Reduzierung des Treibhausgasausstoßes um nur zehn Prozent gegenüber heute, sind Investitionen von zwei Billionen Euro – das fünffache des derzeitigen jährlichen Bruttoinlandsprodukts Indiens – erforderlich. Das betrifft besonders Investitionen für saubere Kohlekraftwerke, Biodiesel, erneuerbare Energien zur Stromproduktion und vor allem energieeffiziente Technologien. Wie soll das alles finanziert werden?
Indien ist zu einem selbstbewussten Akteur auf der internationalen Bühne geworden und hat verdeutlicht, dass es sich nicht bedingungslos den politischen Vorgaben der Industriestaaten, besonders auch in Hinblick auf die Reduzierung der Schadstoffemissionen, beugen wird. Wie China hat Indien Bedenken gegen weltweit einheitliche Klimaziele erhoben. Bush hat während seines Besuches im März 2006 Investitionen für einen schnellen Fortschritt der Wirtschaft versprochen, sogar eine Partnerschaft auf einigen Gebieten angeboten. Die USA brauchen Indien als einen Verbündeten für ihren Kampf gegen den Terrorismus – so heißt es offiziell –, doch auch gegen die Gefahr, der sich die USA ausgesetzt sehen, d.h. vor allem gegen den Islam und gegen moslemische Staaten. Die Kämpfe in Afghanistan gehen weiter. Pakistan ist für die USA kein verlässlicher Partner mehr. Die neue Regierung unter Präsident Asif Ali Zardari ist ein Unsicherheitsfaktor und kein Garant für eine Entwicklung an der Seite der USA. Pakistan steht Ende des Jahres 2008 vor dem Staatsbankrott. Es gibt Hungergebiete, dazu noch die Erdbeben in Belutschistan im Oktober. Die Narben der Erdbeben der Jahre zuvor sind noch nicht verheilt.
Hunger und Armut in Indien?! Der Hunger ist nicht besiegt, die Armut schon gar nicht. Das Kastensystem wirkt weiter, auch wenn es seit Anfang 2007 verschiedene Aktionen dagegen gegeben hat. Über 120 Millionen Dalits, die früher so genannten Unberührbaren, gibt es in Indien. Sie sind laut Verfassung zwar gleichberechtigt, werden aber in der Praxis sehr häufig weiterhin diskriminiert. Das Land, das sich gerne die größte Demokratie nennt, hat es bis heute nicht geschafft, die Ungerechtigkeiten des hinduistischen Kastenwesens zu überwinden, Mahatma Gandhis Geist zum Trotz. Es besteht eine Quotenregelung, die benachteiligten Kasten Studienplätze und auch Arbeitsplätze in öffentlichen Institutionen reservieren soll. Dagegen gibt es beträchtliche Widerstände aus den privilegierten Schichten. Neun von zehn Ehen werden laut Schätzungen von Soziologen innerhalb derselben Kaste geschlossen. Für viele Dalits ist mit der Entwicklung Indiens in den letzten zwei Jahrzehnten der soziale Aufstieg zur greifbaren Realität geworden. Die Christen und die christlichen Organisationen haben dazu – besonders in lokalen Einrichtungen – einen wichtigen Beitrag geleistet. Da den Dalits traditionell der soziale Aufstieg durch das bestehende Kastensystem verweigert wird, ist der Übertritt zum christlichen Glauben für sie oft die einzige Möglichkeit gleichberechtigt zu werden. Um die Rechte durchzusetzen, hat die BSP (Bahajan Samaj Party), eine traditionell den Dalits nahe stehende Partei, sich zum Verfechter der unterdrückten Dalits erklärt. Andere Parteien versuchen die Dalit-Bewegung auf der Basis der religiösen Differenzierung zu entzweien. Das gilt vor allem für die hindufundamentalistische Bewegung um die BJP. Diese Partei und ihre Organisationen konnten in den letzten Jahren vor allem Zuspruch unter den Angehörigen der mittleren und unteren Kasten gewinnen, indem sie die christlichen Dalits und die katholische Kirche beschuldigte, gewaltsam Hindus zum Christentum zu bekehren. Ihr Wahlspruch mit entsprechendem Absolutheitsanspruch ist: <Ein Land, eine Religion, eine Kultur>. Überfälle hinduistischer Fundamentalisten gegen die christliche Minderheit nehmen zu. Es begann schon Ende 2007 im ostindischen Staat Orissa mit Übergriffen gegen Kirchen und christliche Einrichtungen. Es folgten dann Misshandlungen und Verfolgungen von Priestern, Nonnen, Dalits und indigenen Adivasis, die zur christlichen Minderheit gehören. Inzwischen hat sich die Verfolgung von Christen zu einem Flächenbrand fast über ganz Indien ausgedehnt. Über 4000 Attacken wurden bislang registriert und die Dunkelziffer dürfte noch größer sein. Kirchen, Häuser und ganze Dörfer wurden zerstört und Zehntausende zur Flucht gezwungen. Es gab viele Vergewaltigungen von Nonnen und mehr als 50 Menschen verloren ihr Leben. Ziel der BJP ist es, die in der Verfassung verankerten säkularen Strukturen aufzuweichen und schließlich zu beseitigen. Die Gefahr wird auch von der Regierung gesehen. Mit Nachdruck warnte Finanzminister Chidambaram vor einer „Entfremdung der muslimischen und seit kurzem der christlichen Gemeinschaft“. Die Zeitung „The Hindu“ schlussfolgerte, dass Indiens Größe und Nationalstolz vor allem auf seiner säkularen Demokratie beruhten. Diese gelte es mit allen verfügbaren Mitteln gegen Terroristen, Fundamentalisten und Fanatiker jeder Couleur zu verteidigen, wenn Indien als Einheitsstaat überleben will. ....