Ewert, Günter / Hornei, Rolf

Interaktionen zwischen der Stadt Greifswald, der Ernst-Moritz-Arndt Universität und dem Militär

[= Medizin und Gesellschaft, Band 61], Berlin 2007, 119 S., ISBN 978-3-89626-793-1, 16,80 EUR

 

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen 3
 

Teil I    Historische und zeitgenössische Fragmente

1. Gründung und Entwicklung der Stadt
2. Gründung und Entwicklung der Universität
3. Militärmedizinische Sektion (MMS)
3.1 Geschichtlicher Hintergrund
3.2 Die ersten Jahre
3.3 Kommandeure
3.4 Zeitzeugen erinnern sich an Ludwig Mecklinger
3.5 Inhaltlicher und struktureller Aufbau
4. Wechselseitige Interaktionen bis zum Ende des 20. Jh.
4.1 Stadt und Militär
4.2 Universität und Militär
5. Resümee
 

Teil II     Die Privatisierung der Militärmedizinischen Sektion - ein Ergebnis der deutschen Wiedervereinigung

6. MEDlGRElF GmbH als Konversionsunikat
6.1 Die Jahre 1989190 und die Außerdienststellung der MMS
6.2 Der Unternehmensstart der MEDlGRElF GmbH
6.3 Der Kauf der Liegenschaft in Greifswald und die Übernahme des Krankenhauses in Heringsdorf
6.4 Die Einweihung der ersten Klinikneubauten und der Angriff der ZERV
6.5 Der schrittweise Eintritt in den Reha- und Krankenhausmarkt
6.6 Sachsen-Anhalt - das Hauptgeschäftsfeld der MEDlGRElF BKIG
6.7 2005 - 15 Jahre MEDlGRElF
6.8 Quo vadis MEDlGRElF - Bilanz und Ausblick
 

7. Verzeichnisse
7.1 Literatur
7.2 Abbildungen
7.3 Übersichten
7.4 Tabellen
 

Zur Gründung der MMS - Ausschnitt

 

Am 01.06.1955 erfolgte die Gründung der MMS als KVP-Dienststelle III. Zu den ersten Offizieren, die die Inbetriebnahme vorzubereiten hatten, gehörten Willi Ewald, und Siegfried Müller.

Für 1956 findet sich eine vollständige namentliche Aufstellung der Greifswalder Studenten, eingeschlossen auch die damaligen Angehörigen der bewaffneten Organe. Die Studenten in Uniform kamen aus der Studentenkompanie Leipzig und aus anderen Universitäten, vorrangig auch aus Greifswald. Sie wurden über die SED, FDJ sowie durch Aktivitäten der Wehrkreiskommandos für ein Studium als An-gehöriger der Kasernierten Volkspolizei (KVP) geworben. Die ersten beiden Studienjahre wurden fast ausschließlich von Angehörigen der KVP belegt. Ab 1957 wurden auch wieder zivile Studenten in Greifswald immatrikuliert. Die MMS wurde am 04.10.1956 als militärische Lehreinrichtung in die am 01.03.1956 geschaffene Nationale Volksarmee (NVA) übernommen. In diesem Zusammenhang fand ein feierlicher Appell auf dem Greifswalder Marktplatz statt. Ein Jahr später erhielt dann der Kommandeur aus den Händen von Generalmajor Menzel die Truppenfahne überreicht.

Die ersten Jahre waren geprägt von vielfältigen Bemühungen, den Anforderungen des Militärs und des Studiums von allen Seiten gerecht zu werden. Das war nicht immer ganz einfach. Die meisten der Studierenden hatten keine militärischen Erfahrungen und Mühe, den Dienstvorschriften gerecht zu werden. Dazu gehörte das Tragen der Uniform, das richtige Verhalten in der Öffentlichkeit und die Beachtung und Einhaltung vieler bisher unbekannter Regularien. Sicher war es eine Hilfe, dass die in den einzelnen Lehrgängen aus den Reihen der Studenten eingesetzten Zugführer bereits Truppenerfahrung und einen Offiziersdienstgrad hatten.

Die Lehrgangsleiter kamen später aus der Truppe und fanden in der Regel schnell ein gutes Verhältnis zu ihren Studenten. Überzogene Vorstellungen zu bestimmten militärischen Verrichtungen erwiesen sich bald als wirklichkeitsfremd und wurden wieder abgeschafft. Dazu gehörte z. B. der Frühsport, dessen Weckruf die Schläfer früh um sechs Uhr aus dem Schlaf riss und dann bei jedem Wetter mit freiem Oberkörper zur Abhärtung beitragen sollte. Auch das Üben des Marschierens in geschlossenen Formationen von der Unterkunft zum Frühstück und zurück und dann zur Vorlesung bis in die Stadt zum Theater, wo sich die Formation auflösen durfte, hatte bald ein Ende. Ein profaner Grund dafür war, dass sich viele Studenten von ihren ersten Gehältern ein Fahrrad kauften, um die doch sehr weit in der Stadt verteilten Institute und Kliniken von der Dienststelle bequemer erreichen zu können. Die Greifswalder hatten sich bald daran gewöhnt, dass nach vollen Stunden Gruppen von Militärstudenten durch die Straßen sausten. Der treffende Name dafür war „Mecklingers wilde verwegene Jagd“. Da die Plätze in den Hörsälen oft sehr knapp waren, begann z. B. von der Inneren Klinik zur Nervenklinik oft ein kleines Wettrennen, um dort rechtzeitig einen guten Platz zu erwischen. Bei den Vorlesungen trugen die Zuhörer vereinbarungsgemäß einen weißen Kittel (Abbildung 32). Da im Herbstsemester 1955 bereits fünf Lehrgänge mit mehreren Hundert Offiziersschülern und Offiziershörern an der MMS vertreten waren, von denen allerdings nur das erste bis dritte Studienjahr den vollen Bestand aufwies, bereitete die angemessene Unterbringung große Sorgen.

 

Die Dienststelle III erhielt als Gebäudekomplex das ehemalige Luftwaffenlazarett zugewiesen. Es war in den 40er Jahren im 2. Weltkrieg entstanden und für damalige Verhältnisse ein moderner Zweckbau. Es stand nach dem Krieg mehrere Jahre leer, weil seine Fenster, Türen, Fußböden, Heizungskörper u.a., als Reparationsleistungen an die UdSSR abgeführt worden waren. Bis zur Übernahme durch die NVA gab es eine Nutzung durch die Universität. Nach der Überführung der bisherigen Vorstudienanstalt in eine Arbeiter- und Bauern-Fakultät im Oktober 1949 wurde ein Teil des ehemaligen Luftwaffenlazaretts wieder hergerichtet.

Als 1951 die erst 1946 gegründete Landwirtschaftliche Fakultät zugunsten der Schwerpunktbildung in Rostock aufgelöst wurde, gelang es in Greifswald ein Agrobiologisches Institut aufzubauen. Neben umfangreichen Versuchsflächen auf den Universitätsgütern existierten im Joliot-Curie-Block bereits Laboratorien und Arbeitsräume.

1955 wurde innerhalb der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät ein Institut für Mikrobiologie geschaffen. Auch weitere naturwissenschaftliche Institute erhofften sich von den großzügigen Möglichkeiten des Luftwaffenlazaretts eine positive Veränderung ihrer räumlichen Beengtheit in der Stadt. Dazu gehörten die Geologie, Mineralogie und Geografie.

 

Schrittweise erfolgte nach 1955 wieder der Auszug in die neu errichteten Institute an der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße (Abbildung 34). Abb. 34: Neu errichtete Gebäude der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät Neben den Interessenten, die hier als Beispiele aufgeführt wurden, hatte es auch in der Medizinischen Fakultät rege Bemühungen um die Nutzung des Luftwaffenlazaretts gegeben. Rektor und Kurator, unterschriftlich miteinbezogen auch der Oberbürgermeister, der Dekan der Medizinischen Fakultät sowie Vorsitzende von Parteien und Massenorganisationen, richteten am 18. März 1947 ein Schreiben an den Marschall der Sowjetunion Sokolowski in Berlin-Karlshorst. Das Anliegen war die Bitte, den bereits gegebenen Befehl zur Demontage der modernsten Klinikanlage der sowjetischen Zone, des ehemaligen Luftwaffenlazaretts in Greifswald, schnellstens zurückzuziehen, und das Objekt der Universität zu übergeben.

 

Der Kurator der Universität, Wohlgemuth, sandte mit Datum vom 22.03.1947 ein Schreiben an das Sowjetische Nachrichtenbüro in Greifswald. Ich gebe Ihnen anliegend im Zusammenhang mit der Angelegenheit Luftwaffenlazarett eine Zusammenstellung der tatsächlichen Klinikverhältnisse der Universität Greifswald. Durch die Bevölkerungsziffer ist der Bedarf an Betten in den Kliniken erheblich gestiegen. Daher ist die Universität gezwungen, neben ihren Kliniken noch 5 Hilfskrankenhäuser, die in Schulen und Heimen untergebracht sind, zu unterhalten. Die Normalbelegung der Kliniken würde 1224 Betten sein. Die Notwendigkeiten nach dem Krieg ergeben eine Belegungsziffer von zusammen 2017, d. h. rund 80 % Mehr-bettenbedarf. Weitere Adressaten mit Bitten für den Erhalt des Luftwaffenlazaretts waren Minister Warnke von der Landesregierung in Schwerin, der Direktor der 1. Medizinischen Klinik der Charité, Professor Brugsch, sowie die Zentralverwaltung für Industrie in Berlin (UAG MF 239). Die Medizinische Fakultät befasste sich noch zweimal kurz mit der Materie.

 

Über das dienstliche Leben in den ersten Jahren ist wenig schriftlich erhalten geblieben. Die Lehrgänge wurden straff geführt und zum ausnahmslosen Besuch der Lehrveranstaltungen an der Universität verpflichtet. Mit dem Ziel, der Truppe gut ausgebildete Militärärzte zur Verfügung zu stellen, wurde der Dienstablauf organisiert. Er war sicher oft nicht einfach, zeitweilig sogar belastend, hatte aber gegenüber dem zivilen Studium den Vorteil, dass die existenziellen Dinge des Alltags, wie Verpflegung, Unterkunft und eine gute finanzielle Grundausstattung geregelt waren und damit vom Ansatz her die volle Konzentration auf das Studium ermöglichten. Erheblich waren die Strapazen, die für die kurzen Wochenendurlaube in die mittleren und südlichen Gegenden der DDR auf sich genommen werden mussten, weil wegen der damals noch offenen Grenzen in Berlin ein weiträumiges Umfahren der Hauptstadt Berlin angewiesen war. Ansonsten gab es von Seiten der Leitung vielfältige Bemühungen, neben dem Studium auch anderen Bedürfnissen gerecht zu werden. In Erinnerung geblieben sind der Musikklub, das politisch-satirische Kabarett und verschiedene Sportsektionen wie die der Fußballer, Leichtathleten und Geräteturner.