Biographie über Dagobert Lubinski, 2008, 2te Aufl., 330 S., ISBN 978-3-89626-785-6, 22,80 EUR
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Dagobert Lubinski war Kommunist, und er war
Jude. Die letzten Jahre seines Lebens, vom November 1936 bis zum Februar
1943, verbrachte er im Gefängnis, im Zuchthaus, im KZ. Er ist in
Auschwitz zu Grunde gegangen, weil er Widerstand leistete gegen das
nationalsozialistische Regime, das ihn vernichtete, weil er politischer
Gegner und Jude war. Aber auch die Antifaschisten schwiegen ihn tot,
denn er gehörte zu der Minderheit in der KPD, die nicht der aus Moskau
vorgegebenen Linie blind folgen, sondern Ideologie und Vernunft in
Einklang bringen wollte. |
Vorwort der Autorin
Ein kleines Lederetui ließ
mein Großvater Dagobert Lubinski in seiner Gefängniszelle zurück, als er am
Morgen des 18. Januar 1943 in den Wagen stieg, der ihn auf den Weg nach
Auschwitz brachte. Das Täschchen, winziger als eine Streichholzschachtel, liegt
vor mir auf dem Tisch. Ich nehme es in die Hand, fühle sein weiches Leder und
versuche mir vorzustellen, wie die letzte Fahrt meines Großvaters verlaufen sein
mag. Das kleine Etui enthält keine Nachricht darüber, aber es ist ein Band
zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen mir und meinem Großvater,
vielleicht der letzte Gegenstand, den er berührt hat, bevor sein Weg sich auf
den Förderbändern des Todes verlor. Fotos seiner beiden Töchter stecken in der
kleinen Lederhülle, zerknittert, vergilbt, tausendmal herausgenommen. Die
pausbäckigen Kindergesichter meiner Mutter Nora und ihrer Schwester Hannah
schauen mich an. Dahinter stecken noch andere kleine Bilder: Die beiden Mädchen,
sieben und acht Jahre alt, mit ihrer Mutter, deren Kopf halb weggeschnitten ist.
»Leider verpfuscht«, steht in der Handschrift meiner Großmutter auf der
Rückseite; und schließlich die siebzehnjährige lächelnde Nora, genannt »kleiner
Seidenhase«. Wo ist das Foto seiner Frau, der schönen Charlotte, und wo das Bild
jener anderen, Gitta? Hatte er die beiden Aufnahmen mitgenommen auf die Fahrt
vom Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen nach Auschwitz? Wieviele Tage war er
unterwegs? Fuhr der Zug durch Breslau, seine Heimatstadt?
Wie es wirklich war, werde ich nie erfahren, denn die darüber Auskunft geben
können, sind tot, niemand, der ihn auf diesem Weg begleitet hat, ist
zurückgekehrt. Was nützte mir auch das noch so genaue Wissen der Umstände, es
macht meinen Großvater, den ich nie kennengelernt habe, nicht wieder lebendig.
Und keinen Zweifel gibt es am tödlichen Ausgang der Reise. Das letzte Zeugnis,
das ich von ihm habe, ist die Sterbeurkunde, ausgestellt im April 1943 vom
Standesamt Auschwitz II. Darin wird bescheinigt, daß der Journalist Dagobert
Israel Lubinski am 22. Februar 1943 um 6.45 Uhr in Auschwitz, Kasernenstraße,
verstorben ist. Verstorben, das klingt so normal, nach einem natürlichen Tod. In
seltenen Fällen machte sich die SS die Mühe, derart amtliche Normalität
vorzutäuschen. Meine Großmutter hatte mutig diese Urkunde bei der Gestapo in
Düsseldorf verlangt. Die Mehrzahl der ermordeten Juden bekam von den deutschen
Behörden keine Totenscheine ausgeschrieben. An welche Adresse sollten die
Millionen Scheine auch gesandt werden, wenn es keine Angehörigen mehr gab?
Angefangen hat mein Interesse an diesem Mann mit den Briefen, etwa 100 Blätter,
geschrieben aus dem Gefängnis vom November 1936 bis zum Januar 1943. Sie lagen
sorgfältig verwahrt im Schreibtisch meiner Mutter, ohne daß ich davon überhaupt
wußte.
Erst Anfang der 80er Jahre entschloß sich meine Mutter, die traurige Geschichte
ihrer Kindheit und Jugend wieder aufleben zu lassen, indem sie die Briefe ihres
Vaters mit der Maschine abschrieb, damit ihre Töchter sie lesen konnten.
Die Briefe nahmen mich sofort gefangen. Der Mann, der sie geschrieben hatte,
interessierte mich. Ich fand nicht den Großvater, den ich vielleicht immer
vermißt hatte, sondern ich entdeckte Dago, einen erstaunlichen Menschen,
widersprüchlich, lebendig und geistvoll, melancholisch und witzig. Er öffnete
mir seine innere Welt und ließ mich teilhaben an seiner Verzweiflung, seinem
Schmerz, an seiner Kraft und Gelassenheit. Er schrieb diese Briefe in dem
letzten und traurigsten Abschnitt seines Lebens, im Polizeigefängnis zwischen
den Verhören, im Untersuchungsgefängnis und im Zuchthaus. Doch über seinen
Alltag, den er selbst als »niedrigste Stufe des Daseins« bezeichnete, gab er nur
sparsam Auskunft. Die Briefe waren für ihn die Möglichkeit, sich davon zu
entfernen, zu formulieren, zu fabulieren, trotz widriger Umstände den Geist
wachzuhalten. In einer schönen Sprache zwischen Sachlichkeit und Poesie richtete
er seine Nachrichten an Frau und Töchter, der einzigen Verbindung zur Welt
jenseits der Gefängnismauern. Das Schreiben mußte ihm so vieles ersetzen, das
Leben mit der Familie, geistvolle Gespräche mit Freunden und Genossen, seine
Arbeit als Journalist. Die Briefe waren sein Tagebuch, sein
Selbstgesprächspartner. Er schrieb die Zeilen ohne Hoffnung, jemals wieder
bessere Zeiten zu erleben. Seine einzige Hoffnung waren die Briefe selbst. Immer
wieder mahnte er seine Frau, sie aufzuheben und sicher zu verwahren. »Gehören zu
den Wertpapieren auch die Briefe?« fragte er besorgt, als von einer eventuellen
Evakuierung der Familie wegen der Bombenangriffe die Rede war. Noch in seiner
letzten Nachricht vor der Deportation mahnte er, seine Schriften an eine sichere
Adresse zu bringen. Ich verstand, was diese Blätter beschriebenen Papiers für
ihn bedeuteten. Etwas sollte es geben, das ihn überdauerte.
Das ist eine Botschaft, eine Verpflichtung. Dagos Worte scheinen mir auch an
mich gerichtet. Seine Briefe haben die Distanz der Jahre zwischen uns
überwunden. Sie haben mir eine Tür zur Vergangenheit geöffnet und ich konnte
nicht an der Schwelle stehenbleiben. Nun wollte ich alles über meinen Großvater
wissen. Was ich fortan las, schrieb und dachte, hatte mit ihm zu tun. Das Thema
dehnte sich aus und machte sich breit in meinem Alltag. Bei der Suche nach Dagos
Spuren habe ich nicht nur etwas über Geschichte erfahren, ich habe Geschichte
erlebt, und es war ganz anders, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte.
In alten Zeitungen und Zeitschriften suchte ich nach seinen Artikeln, in
Archiven fragte ich nach seinen Prozessakten. Ich schrieb an Rudi Treiber,
seinen einzigen noch lebenden Freund, befragte meine Mutter und ihre Schwester.
Seine beiden Töchter gaben ihr Wissen nur zögernd her. Schichten von Vergessen
und Verdrängen lagerten über den schmerzvollen Erlebnissen ihrer Kindheit und
Jugend. Meine Fragen rührten die alten Ängste und Tränen auf, legten
verschüttete Erinnerungen frei, und nicht nur Erinnerungen. Immer mehr
Dokumente, Briefe, Fotos förderten die beiden Frauen zutage: Ein Bündel
Antwortbriefe von Frau und Töchtern an den Untersuchungsgefangenen Lubinski, das
er ihnen 1937 zurückgeschickt hatte, der Nachweis der arischen Abstammung meiner
Großmutter, der die Deportation ihres Mannes nicht verhinderte, die letzten
Briefe von Dagos Geschwistern vor ihrem Abtransport in den Tod. Erstaunlich, was
diese Familie, deren Angehörige verfolgt, ermordet wurden, deren Wohnung
überdies durch Bomben zerstört wurde, an Zeugnissen der Vergangenheit bewahrt
hat.
Indem ich mich mit dem Leben meines Großvaters beschäftigte, geschah etwas mit
mir. Vorher war ich eine aufmerksame Schülerin im Fach Geschichte, eine fleißige
Studentin auch, die meinte, über die Zeit des Faschismus Bescheid zu wissen. Ich
wußte, daß die Geschichte meiner Familie anders verlaufen war als die meiner
Mitschüler und Freundinnen, deren Eltern von Soldatenerlebnissen und
Kriegsgefangenschaft erzählten. Und doch hatte ich lange Zeit das Gefühl, dies
alles habe mit mir nichts zu tun.
Heute wundere ich mich, wie wenig ich gefragt, wie schnell ich mich mit
Antworten zufriedengegeben habe. War es das unbewußte Bedürfnis, frei von der
Last der Vergangenheit zu leben? War es eine unausgesprochene Übereinkunft, die
in meinem Elternhaus herrschte, eine seltsame Mischung aus Wissen, Andeutung und
Schweigen, an die ich mich gewöhnt hatte und die meine Neugier lähmte? Lange
Zeit sah ich keinen Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und dem, was mich in
der Gegenwart beschäftigte. Erst die Briefe meines Großvaters haben mich
gelehrt, wie nahe mir dies alles geht, was so weit entfernt schien.
Es kommt mir vor, als ob die Worte, die mein Großvater vor 50 Jahren
niedergeschrieben hat, mich im richtigen Moment erreicht haben, als ich begann,
Fragen zu formulieren, als die Mischung aus Wissen und Schweigen mir nicht mehr
genügte. Seine Briefe waren eine Brücke, über die ich gehen konnte, um mich auf
eine Suche zu begeben, von der ich lange nicht wußte, wohin sie mich führen
würde. Natürlich hat mich die Lust getrieben, eine Geschichte zu entdecken, die
mir ganz allein gehören würde. Mit einer besitzergreifenden Vehemenz habe ich
mir meinen Großvater bei dieser Suche selbst erschaffen, habe das so entstandene
Bild eifersüchtig gegen alle Einwände und Widersprüche seiner Töchter
verteidigt. Erstaunt bemerkten die beiden Frauen, wie ihre kindlichen
Erinnerungen sich allmählich in mir verselbständigten, wie ich sie anfüllte mit
meinen Vorstellungen und Ideen, mit meinem heutigen Wissen.
War Dagobert vielleicht ein Vorbild? Auf jeden Fall hatte er mit den Vorbildern,
die ich kannte, nicht viel gemeinsam. In seiner Geschichte gab es viele Rätsel
und Widersprüche. Er verkörperte die Ahnung einer anderen Haltung, von der ich
bisher nichts gewußt hatte, in der ich mich vielleicht wiederfinden könnte.
Solange ich denken kann, stand sein Bild im Wohnzimmerregal. Er war immer
anwesend im Alltag der Familie, ohne daß wir noch bewußt hinschauten oder über
ihn sprachen. Aber hin und wieder erfuhr ich etwas über ihn, Splitterchen eines
Bildes, das ich mir nicht zusammensetzte: Daß er Kommunist war, daß die Nazis
ihn umgebracht hatten. Eine ganz alte Ausgabe des Kommunistischen Manifests
stand in unserem Bücherregal, die stammte von ihm. Meine Mutter erzählte, daß er
Rosa Luxemburg noch persönlich gekannt hatte. Irgendwann erwähnte sie auch, daß
er aus der KPD ausgeschlossen worden war und Mitglied einer anderen Partei
wurde, die sich KP Opposition nannte.
Er verdrehte gern Sprichwörter. Meiner Mutter schrieb er ins Poesiealbum: »Wie
man sich bettet, so schallt es heraus …«, ohne Rücksicht auf ihre Tränen wegen
der Blamage vor den Freundinnen. Er konnte nicht schwimmen. Wasser hat keine
Balken, pflegte er zu sagen. Seine Ängstlichkeit muß tyrannisch gewesen sein.
Aus der Zeitung las er seinen Töchtern wirkliche oder ausgedachte Unfälle vor,
die sich beim Schwimmen und Radfahren ereignet hatten. Außerdem war er prüde und
zeigte sich seinen Kindern niemals nackt. Die Mädchen schauten abends heimlich
durch das Schlüsselloch der Schlafzimmertür, um endlich zu erfahren, wie ihr
Vater ohne Hosen aussah. Am merkwürdigsten fand ich seine Abneigung gegen das
Weihnachtsfest. Meine Großmutter brachte in den ersten Jahren ihrer Ehe viel
Überredungskunst auf, damit die Kinder ihren Weihnachtsbaum bekamen. Als
Kompromiß soll er einen Sowjetstern auf der Spitze verlangt haben. Heute denke
ich, daß das auch mit seiner jüdischen Herkunft zusammenhing, von der er sich
losgesagt hatte. Aus diesem Blickwinkel war Weihnachten irgendein religiöses
Fest, nicht bedeutungsvoller als jene Rituale, die er beschlossen hatte, nicht
mehr zu begehen.
Seit wann wußte ich, daß er Jude war? Ich kann es nicht sagen. Früheres und
späteres Wissen vermischen sich in meiner Erinnerung. Hatte es mir der alte Mann
gesagt, der in unserer Straße wohnte? Dabei hatte der das Wort Jude überhaupt
nicht ausgesprochen. Ich kannte ihn, weil er jeden Tag mit seinem Hund spazieren
ging. Wir Kinder liefen nebenher, um das Tier zu streicheln. Als einzige durfte
ich die Leine halten. Der alte Mann, der hoch gewachsen und weißhaarig eine
ebensolche Vornehmheit ausstrahlte wie sein englischer Jagdhund, unterhielt sich
ernsthaft mit mir, lud mich sogar in seine Wohnung ein. Zehn oder elf Jahre war
ich damals alt und fühlte mich sehr geschmeichelt. Seine Frau kochte uns Kaffee,
ich blätterte in Bildbänden. Auf einmal begann der Mann von einer Nacht zu
erzählen, in der die Häuser gebrannt hatten. Nicht alle Häuser, offenbar nur
einige. Er schien sehr erregt, beteuerte, wie leid es ihm getan hatte, als eure
– dabei wies er auf mich – Kaufhäuser in Flammen standen. Ich beobachtete ihn
aufmerksam und verwundert, aber ich hatte keine Ahnung, wovon die Rede war.
Seine Hände fuhren in Zickzack-Bewegungen durch die Luft, ahmten den Flug der
brennenden Stoffballen nach. In seinen Augen sah ich den Widerschein jenes
Feuers von damals. Er müsse sich irren, widersprach ich, meine Eltern hatten nie
irgendwelche Kaufhäuser besessen. Ach, antwortete er mit einer Handbewegung,
natürlich habt ihr alle Kaufhäuser besessen und versicherte noch einmal, wie
leid es ihm getan hätte. Ziemlich verwirrt ging ich nach Hause und erzählte
meinen Eltern davon. Die wechselten einen bedeutungsvollen Blick miteinander und
erklärten mir, der Mann habe von den jüdischen Kaufhäusern gesprochen. Weil wir
Juden seien, meinte er offenbar, auch wir hatten Kaufhäuser besessen. Das war
komisch und beklemmend zugleich. Überhaupt, was sollte das heißen, wir sind
Juden? Ich war doch wie alle anderen.
Den alten Mann mied ich seitdem und sah ihn nur von weitem. Die Nachbarn
erzählten, früher habe er das goldene Parteiabzeichen der NSDAP am
Jackenaufschlag getragen. Aber es war nicht deshalb. Ich ging nicht mehr hin,
weil ich enttäuscht war. Ich hatte angenommen, um meiner selbst willen
angesprochen und eingeladen worden zu sein. Dabei hatte ihn etwas anderes
bewegt, ein Gefühl, das ich nicht benennen konnte und das mir unheimlich war.