Thors, Gundula

Literarische Strategien Hedwig Dohms.

In meinen Geschichten schrak ich vor nichts zurück

 

[= Hochschulschriften, Bd. 21], 2008, 199 S., ISBN 978-3-89626-767-2, 29,80 EUR

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Rezensionen

 

 

 

Eine aufregende, wilde Zeit! Das 19. Jahrhundert war geprägt von immensen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen. Auch ein Wandel der Rolle von Frauen zeichnete sich ab. Die ersten Frauenbewegungen formierten sich.  

Hedwig Dohm gilt bis heute als radikale Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen. 1831 geboren, befasste sie sich erstaunlich früh mit einer Vielzahl kultureller und politischer Themen. Sie empfand sich als Sozialistin, war Gegnerin von Rassismus, Antisemitismus und übertriebenem „Hurra“-Patriotismus. Ihre Essays und Kampfschriften lesen sich bis heute wie anspruchsvolles, glänzend formuliertes Infotainment. Ihre publizistische Arbeit war bestimmt durch ein humanistisch-aufklärerisches Konzept, das geschlechterübergreifend wirken sollte.

In der Zeitschrift „Young Miss“ (junge Ausgabe der Frauenzeitschrift „Brigitte“) wurden ihre Gedanken in einem Porträts der zukünftigen Frauengeneration als wegweisend vorgestellt.

Hedwig Dohms Gesamtwerk fasziniert inhaltlich und stilistisch durch Modernität, geistige Beweglichkeit, Aufgeschlossenheit und Mut. Hierin liegt auch die Aktualität ihrer belletristischen Veröffentlichungen, die in der Magisterarbeit „Literarische Strategien Hedwig Dohms“ vergleichend dargestellt und analysiert werden.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich der Markt für Literatur rasant entwickelt, Frauen jedoch sprach man die Fähigkeit anspruchsvolle Literatur zu verfassen vollkommen ab. Hedwig Dohm bewies das Gegenteil. In der Magisterarbeit „Literarische Strategien Hedwig Dohms“ wird erstmalig nachgewiesen, dass ihr Bestsellerroman „Sibilla Dalmar“ sogar ihrem Großschwiegersohn Thomas Mann interessant genug erschien, um Anleihen daraus für seinen Roman „Buddenbrooks“ zu machen. Auch Theodor Fontane gestaltete „Effi Briest“ in erstaunlich ähnlicher Weise wie die von Hedwig Dohm verfasste Novelle „Sterben im Leben“.

Im männlich dominierten Literaturbetrieb fand ihr Eigensinn, trotz ihres Erfolges zu Lebzeiten, lange wenig Anerken­nung. Ihr unkonventioneller Stil und ihr unbefangener Umgang mit anerkannten literarischen Vorbildern stand im Gegensatz zur üblichen schriftstellerischen Praxis. Sie wollte eben nicht ‚schreiben wie ein Mann‘, sondern einen eigenen Stil erproben.

Erst seit Beginn der 1990er Jahre wurde diese Beurteilung anhand einzelner Werke revidiert. Die vorliegende Magisterarbeit analysiert ihr belletristisches Gesamtwerk.

„In meinen Geschichten schrak ich vor nichts zurück“, bekannte Hedwig Dohm, denn eines ihrer Anliegen war es, Frauen ihrer Zeit die Scheu vor dem Lesen zu nehmen. Sie  ge­staltete ihre Romane und Novellen mit innovativen literarischen Strategien, experimentierte mit Mitteln der Anschaulichkeit, griff auf erprobte Genres zurück und vermischte diese mit dem jeweiligen Handlungsablauf. Dabei entstanden literarische Coverversionen, die den Zeitgeschmack trafen, aber inhaltlich und stilistisch darüber hinauswiesen. Auf vertraut anschauliche Weise „verpackt“, sollten provokative Botschaften ein möglichst breites Leser(innen)spektrum erreichen. Die auf den ersten Blick eher harmlos wirkenden fiktiven Konstrukte waren Mogelpackungen mit brisantem Inhalt.

Wenn es Hedwig Dohm nötig schien, setzte sie Mittel anderer Kunstgattungen ein, zum Beispiel die der Malerei. Parallelen zwischen der Wirkung von Bildlichkeit in der Sprache als „sprechender Malerei“ und der Malerei als „stummer Poesie“ wurden von Literaturtheoretikern eher als wirkungsästhetisches denn als produktionsästhetisches Prinzip angesehen. Hedwig Dohm hingegen bediente sich für die Produktion literarischer Texte offensichtlich und gezielt verschiedener Verfahren romantischer, impressionistischer und symbolistischer Bildlichkeit. Ihre literarischen Strategien werden in der vorliegenden Untersuchung in fünf Kategorien unterteilt, mit dem Ziel wesentliche Merkmale des Gesamtwerks darzustellen. Weitere Kategorienbildungen stehen im Zusammenhang mit ihren Ideen und Lösungsvorschlägen zur Findung und Realisierung weiblicher Identität, die Parallelen aufweisen zu aktuellen feministischen Denkansätzen.

 Hedwig Dohms Werke sind schriftstellerische Experimentierfelder. Das Arbeitsverfahren bietet eine Bestandsaufnahme, in der untersucht wird, was Hedwig Dohm thematisierte, und warum sie es für wichtig hielt, ihre Anliegen in unterschiedlichen Textgattungen und Stilrichtungen darzulegen. Biographische Angaben und ein Einblick in ihr essayistisches Werk erläutern den gesellschaftskritischen Hintergrund ihrer Romane und Novellen.

 

 

INHALTSVERZEICHNIS


1 GRÜNDE FÜR DIE AUSWAHL DES THEMAS    7
1.1 AKTUALITÄT    7
1.2 VERNACHLÄSSIGUNG DES LITERARISCHEN WERKS    10
1.3. THESEN UND FRAGESTELLUNGEN    11
1.4 ARBEITSVERFAHREN    13


2 AKTUELLER STAND DER HEDWIG-DOHM-FORSCHUNG    16
2.1 RÜCKBLICK    16
2.2 ENTWICKLUNG    21


3 BIO-BIBLIOGRAPHIE    26
3.1 REKONSTRUKTION DURCH DAS FIKTIONALE WERK    27
3.2 REKONSTRUKTION DURCH ZEITZEUGEN    29
3.3 REKONSTRUKTION ÜBER HEDWIG DOHMS SELBSTDARSTELLUNG    34
3.4 BIO-BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT    35


4 VERÖFFENTLICHUNGSMÖGLICHKEITEN FÜR WEIBLICHE AUTOREN UND LITERARISCHER KANON     38


5 HEDWIG DOHMS HALTUNG ZUR ERSTEN FRAUENBEWEGUNG    46


6 GESELLSCHAFTSKRITIK UND REFORMKONZEPTE IM ESSAYISTISCHEN UND FIKTIONALEN WERK HEDWIG DOHMS    53
6.1 DIE BEFREIUNG DES INDIVIDUUMS    54
6.2 POLITISCHE GESINNUNG    57
6.3 KULTURELLE INNOVATIONEN    62
6.4 „DER HAß DER GESCHLECHTER    66


7 LITERARISCHE STRATEGIEN    70
7.1. STRATEGIEN DER DEKOMPOSITION    74
7.1.1 Henrik Ibsen    75
7.1.2 Gerhart Hauptmann    77
7.1.3 Goethe    80
7.1.4 Adelbert von Chamisso    83
7.1.5 Stefan George, Joris-Karl Huysmann, Max Stirner    86
7.1.6 Exkurs: Hedwig Dohms Werke als Dekompositionsvorbild    90
7.2 STRATEGIEN DER WISSENSVERMITTLUNG    95
7.2.1 Die drei literarisch-didaktischen Ebenen    98
7.2.1.1 „Frau Tannhäuser“: Bildungsprogramm und Emanzipationsbotschaft    98
7.2.1.2 Vexierbild „Mignon“: Ein Rätselspiel für Anfängerinnen und fortgeschrittene Leserinnen    101
7.2.1.3 Die Taktik: Positive Verstärker als Belohnung    107
7.2.1.4 Erkenntnis durch Assoziation    109
7.3 STRATEGIEN DER BLICKLENKUNG    113
7.3.1 Die fiktive Adressatin als Reflektor fremdbestimmter Wahrnehmung    115
7.3.2 Der bifokale Blick in der Spiegelung weiblicher Künstlerideale    123
7.4 STRATEGIEN DER ANSCHAULICHKEIT    130
7.4.1 Sprachbilder    132
7.4.2 Die Sprache der Bilder    140
7.5 DIE STRATEGIE DER BUCHSTÄBLICHKEIT    147
7.5.1 Sprache als Reflektor von Leben    147
7.5.2 Buchstäblichkeit als Mittel zur Dekonstruktion von Illusionen    152
7.5.3 Paratexte als Informationsträger    154
7.5.4 Antimimetisches Erzählen    157


8 DAS ‚SELBSTEIGENE'    163


9 LITERATURVERZEICHNIS    177
9.1 HEDWIG DOHM: AUFSÄTZE, ESSAYS, STREITSCHRIFTEN, SELBSTANZEIGEN, SCHRIFTEN ÜBER LITERATUR    177
9.2 LITERARISCHE WERKE VON HEDWIG DOHM    180
9.3 VERZEICHNIS DER VERARBEITETEN SEKUNDÄRLITERATUR ZU HEDWIG DOHM, REZENSIONEN, WÜRDIGUNGEN, NACHRUFE    182
9.4 PRIMÄR- UND SEKUNDÄRLITERATUR ALLGEMEIN    186