Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Band 98

Brocke, Bernhard vom/ Laitko, Hubert (Hg.)

Der Historiker Conrad Grau und die Akademiegeschichtsschreibung

[= Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät, Band 98], 2009, 244 S., ISBN 978-3-89626-758-0, 17,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis

 

Bernhard vom Brocke: Begrüßung und Einführung        7

Günter Mühlpfordt: Grußadresse    17

Peter Hoffmann & Wolfgang Küttler: Conrad Grau als Osteuropahistoriker   21

Michael Schippan: Conrad Grau und die Erforschung der europäischen Aufklärung      31

Hubert Laitko: Conrad Grau und die Akademiegeschichtsschreibung     43

Joachim Rex: Zur Geschichte der Akademiebibliothek zu Berlin. Conrad Grau zum Gedenken   69

Peter Schneck: Conrad Grau und die Medizingeschichte    79

Peter Nötzoldt: Die Akademien der Wissenschaften zwischen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft   83

Laetitia Boehm: Meine Begegnung mit Conrad Grau. Ein Rückblick auf das letzte Dezennium der Berliner Forschungsstelle für Akademiegeschichte     105

Hubert Laitko: Gedenkrede für Conrad Grau am 3. Mai 2000 in Waldsieversdorf   127

Bernhard vom Brocke: Geschichte und Perspektiven der Akademien in Deutschland (2000)   135

Conrad Grau: Die Berliner Akademie der Wissenschaften als Gelehrtengesellschaft. Ein Blick zurück auf den Weg in die Zukunft (1990)   151

Conrad Grau: „... den überall an die deutschen Grenzen gebundenen Forschern neue Aufgaben erschließen ...". Deutsche Forschungsorganisation und internationale Wissen-schaftsbeziehungen 1918 bis 1930 (1999)     191

Conrad Grau: Zur Geschichte der Leibniz-Sozietät (2000)    199
Zur wissenschaftlichen Biographie von Conrad Grau    203
Conrad Grau - Schriftenverzeichnis und Nachlaß    205
 

 

Bernhard vom Brocke

Begrüßung und Einführung

Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Als Vorsitzender der „Kommission für Akademie- und Wissenschaftsgeschichte"' begrüße ich zusammen mit unserem Stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Kollegen Hubert Laitko, Sie zu unserem ersten öffentlichen Kolloquium am 15. März 2003 im Hörsaal des Instituts für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin in der Dorotheenstraße 26.
Unsere Kommission ist noch sehr jung. Sie konstituierte sich am 17. Mai 2001 nach meinem Vortrag vor dem Plenum der Leibniz-Sozietät über Im Großbetrieb der Wissenschaft. Adolf von Harnack als Wissenschaftsorganisator und Wissenschaftspolitiker — zwischen Preußischer Akademie und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aus Anlaß seines 150. Geburtstages - mit dem Untertitel: Auch ein Beitrag zur vergeblichen Reform der deutschen Akademien seit 1900. Kommissionsmitglieder haben sich seitdem am Leben der Sozietät mit wissenschaftlichen Vorträgen beteiligt, die in den Sitzungsberichten erschienen sind, so Hubert Laitko über Theoria cum praxi - Anspruch und Wirklichkeit der Akademie./1/
Ihr erstes wissenschaftshistorisches Kolloquium veranstaltet die Kommission zu Ehren des 70. Geburtstages unseres verstorbenen Mitgliedes Conrad Grau. Grau stand ab 1967 30 Jahre lang im Dienste der Akademie, nach dem Tod Leo Sterns seit 1982 als Leiter der „Forschungsstelle für Akademiegeschichte". Sie hatte der Hallenser Historiker im Jahre 1968 als damaliger Akademie-Vizepräsident zur Vorbereitung der 275-Jahrfeier der Akademie ins Leben gerufen. Die Forschungsstelle wurde nach der „Wende" von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) zunächst weitergeführt, aber mit Graus Pensionierung im Jahre 1997 aufgelöst.
Dank seines internationalen Renommees erhielt Conrad Grau durch den Einsatz westdeutscher Kollegen für einen aus der DDR kommenden Wissenschaftler die seltene Chance, bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres an einem seriösen Arbeitsplatz forschen zu dürfen, wenn auch unter - den meisten unbekannten - restriktiven Bedingungen. Besoldet mit dem BAT(Ost) II-Gehalt eines Wissenschaftlichen Assistenten, mußte er sein 7-köpfiges Mitarbeiterteam entlassen und konnte nur eine Mitarbeiterin einstellen. Sein seit Mitte der 1980er Jahre entworfenes Forschungsprogramm für die 300-Jahrfeier der Akademie im Jahre 2000 wurde praktisch annulliert. „Die Arbeiten", so heißt es noch in seiner Kurz Vorstellung der neugewählten Mitglieder zum Leibniztag 1994, „sollen auch unter Berücksichtigung der Tatsache erfolgen, daß allein von 1996 bis 2002 sechs deutschsprachige Akademien Jubiläen begehen können, darunter die Berliner Akademie im Jahr 2000". Und im Manuskript des Nachlasses spezifizierte er in einem in der Kurzvorstellung fortgelassenen Passus: „150 Jahre Sächsische und Österreichische Akademie 1996 und 1997, 50 Jahre Akademie in Mainz 1999, 300 Jahre Preußische Akademie 2000, 250 Jahre Göttinger Akademie 2001 und 350 Jahre Leopoldina 2002. Bereits im Jahre 2009 können dann die Bayerische und die Heidelberger Akademie ihre 250. und 100. Gründungstage feiern."/2/ Grau konnte an den Vorbereitungen und an den zum Jubiläum erschienenen drei voluminösen Tagungsbänden der Berliner Akademie nur noch beratend mitwirken und jeweils einen eigenen Beitrag beisteuern./3/ Zur großen Darstellung aus einem Guß, wie sie Harnack 1900 zur 200-Jahrfeier veröffentlichte, fehlten jetzt durch Fortfall des eingearbeiteten Forscherteams die Bedingungen. Graus 1993 erschienene konzentrierte Gesamtgeschichte Die preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin: Eine deutsche Gelehrtengesellschaft in drei Jahrhunderten von ihrer Gründung als Kurfürstlich Brandenburgische Sozietät im Jahre 1700 bis zu ihrem Übergang in die Deutsche Akademie der Wissenschaften nach dem Ende des zweiten Weltkriegs bezeugt, daß er die Fähigkeit zur großen zusammenfassenden Darstellung besaß.
Unser heutiges Kolloquium findet zu Ehren eines Gelehrten statt, der wie kein anderer in der Deutschen Akademie der Wissenschaften, seit 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR, und ihren Nachfolgerinnen, der Berlin-Brandenburgischen Akademie und der Leibniz-Sozietät, die Akademiegeschichte vertrat. Als Schüler des Deutschböhmen und Österreichischen Katholiken Eduard Winter von der Geschichte der Länder Osteuropas und der Kenntnis ihrer Sprachen herkommend, hat Conrad Grau als Historiker der Akademien - nicht nur der preußischen - unter Berücksichtigung übergreifender Aspekte der Disziplinen-, der Personen- und der Organisationsgeschichte der Akademien Beiträge zur allgemeinen Wissenschaftsgeschichte geleistet und sich dabei einen weltweiten Überblick und internationale Anerkennung erarbeitet. Mit seinem reich illustriertem Band Berühmte Wissenschaftsakademien. Von ihrem Entstehen und weltweitem Erfolg, der 1988 gleichzeitig in einem ost- und einem westdeutschen Verlag erschien, verhalf er „der DDR zu einem späten Exportschlager" (Laitko 2000)./4/
Gestatten Sie mir einen Exkurs über die Rezeption und das Echo auf die Werke Conrad Graus in der alten Bundesrepublik, den ich an Stelle und in Zusammenfassung meines diesbezüglichen Referats in die Begrüßung einfüge. Von einer Rezeption und Echo in der alten Bundesrepublik kann, und ich spreche hier nur von der Akademiegeschichtsschreibung, kaum die Rede sein. Im Zeichen des Kalten Krieges wurden selbst gewichtige Veröffentlichungen aus der DDR in Westdeutschland ignoriert, von dem sehr kleinen Kreis der Fachexperten abgesehen. Das waren im Falle Graus die Osteuropahistoriker.
Für den normalen Historiker ist die Institutionengeschichte ein Randgebiet, dem er sich bestenfalls widmet, wenn ein Jubiläum von ihm die Geschichte der eigenen Universität verlangt. Und eine Veröffentlichung wie Graus 1975 erschienener 1. Band des von ihm mitherausgegebenen 3-bändigen Werks über Die Berliner Akademie der Wissenschaften in der Zeit des Imperialismus mit dem Untertitel Von den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Unter Mitarbeit des Kollektivs der Forschungsstelle verfaßt von Conrad Grau war für die meisten von denen, die sie überhaupt zur Kenntnis nahmen, von vornherein abgestempelt als marxistisch-leninistisches und daher tendenziöses Werk eines Kollektivs. Der Anspruch, Harnacks große Akademiegeschichte von 1900 fortzusetzen, erschien manchen als Anmaßung. Selbst eine mit der Geschichte der Universitäten und Akademien bestens vertraute Historikerin wie Laetitia Boehm mußte bekennen, daß sie den Namen von Conrad Grau erst aus seinem Buch „Berühmte Wissenschaftsakademien" kannte./5/ Eine Ausnahme bildete die 1994 erschienene Geschichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1909-1949 von Udo Wennemuth. In ihr heißt es über von Grau verfaßte oder mitgeschriebene Publikationen zur Akademiegeschichte aus den Jahren 1975 bis 1979 und 1988, mit Worten, die Grau im Manuskript seiner Kurzvorstellung der ncugewählten Mitglieder zum Leibniztag 1994 zitierte:
„Die Akademien der Wissenschaften sind seit einigen Jahren wieder Gegenstand intensiver historischer Forschung, so daß unlängst eine erste Gesamtdarstellung in deutscher Sprache gewagt werden konnte, die allerdings für die neuere Zeit allzu einseitig auf die Akademien der sozialistischen' Länder ausgerichtet ist..... Untersuchungen zur Geschichte der Wissenschaftsakademien im 20. Jahrhundert sind eine seltene Ausnahme. Zu nennen sind vor allem die Arbeiten der Forschungsstelle der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin(Ost) zur Geschichte der Akademie. Sie brachte besonders das dreibändige Werk über ,Die Berliner Akademie der Wissenschaften in der Zeit des Imperialismus' heraus, das die Zeit von etwa 1890 bis 1945 unter den Aspekten der personellen Struktur und der wissenschaftlichen Arbeiten der Akademie, aber auch der institutionellen Veränderungen abhandelt."/6/
Ich selber habe Graus akademiehistorische Arbeiten mit großem Gewinn wohl erstmals für eine Tagung der Westberliner Historischen Kommission zur 750-Jahrfcier Berlins 1987 im Reichstag benutzt, auf der ich über Forschung und industrieller Fortschritt: Berlin als Wissenschaftszentrum. Akademie der Wissenschaften, Universität, Technische Hochschule und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sprach./7/ Ich habe sie damals gelesen und mir immer wieder, wenn mich meine Wege nach Berlin führten, seine Bücher in Ost-Berliner Buchhandlungen gekauft - trotz meines Ingrimms über die marxistisch-leninistische Sauce, die Grau über sein solide recherchiertes Faktenmaterial ausgoß. Ich hielt Grau für einen marxistisch-leninistischen Hardliner. Aber für meine ab 1990 in der DDR und in Westdeutschland veröffentlichten Arbeiten zur Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften boten mir Graus Bücher wichtiges Quellenmaterial und zahlreiche Anregungen zur Auseinandersetzung./8/ Erst nach der „Wende" bin ich Grau persönlich begegnet und die Gespräche und Auseinandersetzungen auf gemeinsamen Tagungen steigerten meine Hochachtung vor dem Gelehrten und seinem Werk. Zu dem auf Symposien 1993 und 1994 in Bad Homburg vorbereiteten und von mir und Hubert Laitko herausgegebenen Band Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Studien zu ihrer Geschichte: Das Harnack-Prinzip lieferte er einen profunden Beitrag über Genie und Kärrner - zu den geistesgeschichtlichen Wurzeln des Harnack-Prinzips in der Berliner Akademietradition./9/ Auf dem Leopoldina-Symposion 1994 in Schweinfurt über Die Elite der Nation im Dritten Reich - Das Verhältnis von Akademien und ihrem wissenschaftlichen Umfeld zum Nationalsozialismus hielt Grau das große einleitende Überblicksreferat über Die Wissenschaftsakademien in der deutschen Gesellschaft: Das „Kartell" von 1893 bis 1940. Die im Tagungsband veröffentlichte Diskussion bezeugt, wie lebhaft und anerkennend man sich mit Grau auseinandersetzte./10/
Wir haben die Reihenfolge der Vorträge entsprechend Graus Forschungsstadien angelegt. Wir freuen uns und sind dankbar, daß wir eine Referentin und Referenten gewinnen konnten, die Conrad Grau beruflich und persönlich begegnet sind und die aus ihrer eigenen Forschungsarbeit heraus kompetent über sein Werk und seine Wirkung und die Bedeutung seiner Ergebnisse und Ideen für die weitere Perspektive der von ihm vertretenen Forschungsgebiete Auskunft geben und urteilen können.
Unser erster Referent, Dr. Peter Hoffmann, gehört zu Graus ersten Mitstreitern unter den Osteuropa-Historikern. Er ist heute aus familiären Gründen verhindert. Das in einer Gemeinschaftsarbeit mit ihm erarbeitete Referat hat Prof. Dr. Wolfgang Küttler übernommen. Er hat nach der „Abwicklung" der Akademie der Wissenschaften der DDR bis zu seiner Pensionierung eine neue Berufsstellung im Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte finden können. Michael Schippan (Berlin) kommentierte in einem längeren Diskussionsbeitrag Graus Leistungen als Aufklärungshistoriker.
Prof. Dr. Hubert Laitko stand Grau als Akademiekollege und Mitstreiter auf dem Gebiet der Allgemeinen Wissenschaftsgeschichte fachlich, nicht privat nahe. Laitko war der letzte Bereichslciter „Wissenschaftsgeschichte" des Akademie-„Instituts für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft" und wurde nach dessen Auflösung nach der „Wende" in den vorzeitigen Ruhestand gezwungen. Als Stellvertretender Kommissionsvorsitzender „vor Ort" hat er mit den meisten von Ihnen die Korrespondenzen geführt. Bei der Beerdigung am 3. Mai 2000 in Waldsicversdorf hielt Laitko die Gedenkrede und kündigte in ihr den Plan zu unserem heutigen Kolloquium an. Ich zitiere:
„Seine (Graus) Wirksamkeit in der Welt der Wissenschaft ist mit dem Tag, an dem er uns verlassen hat, nicht zuende, sie wird lange weitergehen, und vielleicht ist ihr Höhepunkt noch gar nicht erreicht. Wir werden es einer anderen, späteren Gelegenheit überlassen müssen, sein Lebenswerk sorgsam vorbereitet zu würdigen und zu bewerten".
Das ist nun heute der Fall.
Dr. Joachim Rex stand von 1954-1998, also 44 Jahre lang, im Dienste der Akademie. Von 1974-1998 hat er als Leiter der Akademiebibliothek, zuerst der Akademie der Wissenschaften der DDR, dann der Berlin-Brandenburgischen Akademie, Conrad Grau als unermüdlichen Benutzer betreut.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Peter Schneck wurde nach dem frühen Tode von Georg Harig 1990 aus Greifswald als dessen Nachfolger auf den Lehrstuhl für Medizingeschichte an die Humboldt-Universität berufen. Er hatte diese Professur bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im März 2002 inne. 1992 erfolgte seine Wahl zum ordentlichen Mitglied der Russischen Akademie der Naturwissenschaften. Seit 2003 ist er Mitglied der Leibniz-Sozietät und unserer Kommission. Von 1981 bis 1990 war er Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für Geschichte der Medizin in der DDR", danach gehörte er bis 1997 dem Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e.V." an und war von 1992 bis 1998 stellvertretender Vorsitzender der „Berliner Gesellschaft für Geschichte der Medizin". Seit 1997 arbeitet Peter Schneck im Vorstand der „Deutschen Gesellschaft
für Krankenhausgeschichte". Die von ihm in Fortführung der Medizinhistorischen Charite-Symposien Georg Harigs in seinem Institut regelmäßig durchgeführten Medizinhistorischen Nachmittage und Symposien wurden unter seiner Leitung zum Treffpunkt der Medizinhistoriker und medizinhistorisch Interessierten sowohl aus Berlin als auch aus der näheren und weiteren Umgebung. Zu den regelmäßigen Teilnehmern gehörte mit eigenen Hauptvorträgen Conrad Grau.
Frau Prof. emerita Dr. Laetitia Boehm war Graus letzte unmittelbare Vorgesetzte. In dieser Position hat sie als Inhaberin der Professur für Universitätsgeschichte und Leiterin des Archivs der Universität München wie eine Löwin für die Weiterführung seines Programms als Langzeitvorhaben der BBAW und die Erhaltung seiner Forschungsstelle gekämpft. Sie gehörte der von der BBAW für dieses Vorhaben berufenen Kommission an und mußte schließlich hinnehmen, dass dieses Programm nach dem Eintritt Graus in das Rentenalter auf Veranlassung der für die Akademievorhaben zuständigen Bund-Länder-Kommission gestoppt wurde. Die Akten dazu sind heute in der Nachlaßabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek in München einsehbar, während sie im Nachlaß Graus im Archiv der BBAW noch gesperrt sind. Darüber wird sie uns selber berichten.
Unser letzter Referent, Dr. Peter Nötzoldt, hat in seiner 1998 vorgelegten Dissertation den Weg der Deutschen Akademie der Wissenschaften zur „sozialistischen Forschungsakademie" von 1945 bis zur Akademiereform um 1968 dargestellt.11 Er hat temporär vier Jahre lang in der Arbeitsgruppe Akademiegeschichte der Berlin Brandenburgischen Akademie, der Grau als Berater angehörte, die Veröffentlichungen zur 300-Jahrfeier der Akademie vorbereiten und herausgeben helfen.
Stellvertretend für alle hier Anwesenden begrüße ich einen von Graus früheren höchsten Vorgesetzten, den vorletzten Präsidenten der Akademie der Wissenschaften der DDR, Herrn Prof. Dr. Werner Scheler, sowie den Präsidenten der Leibniz-Sozietät, Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Hörz. Die Leibniz-Sozietät hat Grau nach seinem Ausscheiden aus der Berlin-Brandenburgischen Akademie die institutionelle Basis geboten, von der aus er - wenn auch nur ehrenamtlich - seine akademiehistorischen Forschungen fortführen konnte. Historiker einer Institution können ihre Politik und Entwicklung kaum beeinflussen, sind aber ihr Gedächtnis und ihr Gewissen. Wir
freuen uns, wenn in Vergangenheit und Gegenwart aktiv handelnde Wissenschaftsorganisatoren das anerkennen.
Wir freuen uns besonders, daß Sie, Frau Barbara Grau, und die Töchter, Frau Bettina Pohl und Frau Gaby Landrock, am heutigen Tage unter uns weilen. Frau Grau hat als Ehefrau und Sekretärin in jahrzehntelanger Zusammenarbeit Leben und Werk ihres Mannes begleitet, nach seinem Tod den Nachlaß geordnet und mit Peter Hoffmann an der mühsamen Erstellung seines umfangreichen Schriftenverzeichnisses mit Publikationen in vielen Sprachen und oft an entlegener Stelle mitgewirkt.
Gestatten Sie mir am Schluß meiner Begrüßung ein persönliches Wort, warum ich dieses Kolloquium für wichtig halte, mit dem wir den Wissenschaftler ehren und zugleich der Familie Dank sagen wollen. Die tragischen Umstände von Conrad Graus Tod haben mich sehr betroffen gemacht. Sie haben mir gezeigt, wie sehr hinter der äußeren Fassade eines hart arbeitenden, auf Kongressen kompetent und selbstbewußt auftretenden Gelehrten ein zerbrechlicher Mensch stehen kann. Die unersättliche Wissenschaft kann für den, der ihr verfällt, und damit dann auch für seine Angehörigen dämonische Züge entwickeln. Für Conrad Grau war die Wissenschaft, wie er nach Unterzeichnung des neuen Arbeitsvertrags am 21.2.1992 zu Weihnachten 1992 an Frau Boehm schrieb, „mein Lebenselixier" (siehe unten S. 116). Ich schließe mit Worten aus Laitkos Gedenkrede am Grab in Waldsieversdorf:
„Für Conrad Grau selbst (waren) Wissenschaft und Leben auf das engste miteinander verbunden. Gerade dies hat ihn zu einem erstklassigen Wissenschaftler werden lassen. Anders kann man auf diesem Feld auch kaum etwas Überdurchschnittliches vollbringen. Seit Aristoteles bis auf den heutigen Tag ist die Wissenschaft eine strenge Herrin, die den, der sich ernsthaft auf sie einlässt, ganz und gar fordert."
Zu unserem Kolloquium sind 48 in die ausgelegten Teilnehmerlisten Eingetragene erschienen. Ca. 50 weitere waren eingeladen. Bevor ich jetzt offiziell das Kolloquium eröffne, wird Hubert Laitko eine Grußadresse von Conrad Graus ältestem und vielleicht einzigem wirklichen Freund verlesen, Prof. Dr. Günter Mühlpfordt aus Halle, der sich als über Achtzigjähriger die Reise von Halle nach Berlin nicht mehr zumuten wollte.
 

Nachtrag:
In die Veröffentlichung der Referate des Kolloquiums haben wir noch drei Beiträge aufgenommen, welche die Würdigungen von Graus Lebenswerk auf dem Kolloquium ergänzen und abrunden: Hubert Laitkos Gedenkrede für Conrad Grau am 5. Mai 2000 (am Grabe) in Waldsieversdorf, meinen Schlußvortrag Geschichte und Perspektiven der Akademien in Deutschland auf der 4. und letzten (nicht mehr veröffentlichten) Konferenz zur Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften »Akademiegeschichtsschreibung um die Jahrhundertwende« am 8. und 9. Dezember 2000 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie sowie ein unveröffentlichtes Manuskript Conrad Graus Die Berliner Akademie der Wissenschaften als Gelehrtengesellschaft. Ein Blick zurück auf dem Weg in die Zukunft aus dem Frühsommer 1990. Ein Schriftenverzeichnis und eine von der Leiterin der Abt. Nachlässe des Archivs der BBAW, Wiebke Witzel, erstellte Bestandsinformation zum Nachlaß von Conrad Grau beschließen den Band.
 

 

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/1/ Sitzungsberichte Bd. 45 (2001), 2, S. 59-144 und S. 5-57.

/2/ C. Grau: Vorstellungsrede bei der Vorstellung neuer Mitglieder der Leibniz-Sozietät, gehalten auf dem Leibniz-Tag am 30. Juni 1994. In: Sitzungsberichte, Bd. 2 (1995), 1/2, S. 128-130.

/3/ Siehe Graus Schriftenverzeichnis C. Nr. 172 (1999), 174 (2000), 170 (2002).

/4/ Laitkos Gedenkrede in diesem Band.

/5/ Siehe auch Laetitia Boehm in diesem Band.

/6/ Udo Wennemuth: Wissenschaftsorganisation und Wissenschaftsfördcrung in Baden. Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften 1909-1949. Heidelberg 1994 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse, Supplemente Bd. 8), S.NN. - Fortgelassen in C. Grau, "Vorstellungsrede (wie Anm. 2).

/7/ In: Berlin im Europa der Neuzeit. Hg. von Wolfgang Ribbe und Jürgen Schmädeke. Berlin/ New York 1990, S. 165-197.

/8/ B. vom Brocke: Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften Der Anteil Friedrich Althoffs. In: Friedrich Althoff 1839 1908. Kolloquien H. 74. Beitrage zum 58. Berliner Wissenschaftshistorischen Kolloquium 6. Juni 1989. Hg. vom Institut für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR. Redaktion: Jochen Richter. Als Mskr. gedruckt. Berlin (Ost) 1990, S. 129-163; ders.: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kaiserreich. Vorgeschichte, Gründung und Entwicklung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In: Forschung im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft. Geschichte und Struktur der Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Gesellschaft. Aus Anlaß ihres 75jährigen Bestehens hg. von Rudolf Vierhaus und B. vom Brocke. Stuttgart 1990, S. 17-162; ders.: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der Weimarer Republik. Ausbau zu einer gesamtdeutschen Forschungsorganisation(1918-1933).Ebd. S. 197-355.

/9/ Berlin-New York 1996, S. 139-144.

/10/ Leopoldina-Symposion vom 9. bis 11. Juni 1994 in Schweinfurt (Acta historica Leopoldina, Nr. 22). Halle (Saale) 1995, S. 31-56 und passim.

/11/ P. Nötzoldt: Wolfgang Steinitz und die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Zur politischen Geschichte der Institution (1945-1968). Phil. Diss. Humboldt Universität zu Berlin, 1998, Masch.
 

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