John, Matthias

 

„Wenn heut ein Geist herniederstiege"

Die napoleonische Herrschaft und die Befreiungskriege im Spiegel der sozialdemokratischen Presse von 1913

Mit einem Essay von Marion George

 

2012, 155, 26 Abb., ISBN 978-3-89626-751-1, 26,80 EUR

 

 

 

 

 

 

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Klappentext

Im Fokus der vorliegenden Publikation steht die Erinnerungskultur der deutschen Sozialdemokratie am Beispiel eines Epochenereignisses: des einhundert jährigen Jubiläums der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahre 1913. Unter den zahlreichen Artikeln der sozialdemokratischen Presse – eine Auswahlbibliographie vermittelt einen Einblick in den Umfang der in der deutschen Arbeiterpresse editierten Jubiläumsaufsätze – wurden für die hier vorliegende Dokumentation die in der Danziger „Volkswacht", einem im Jahre 1910 und damit relativ spät gegründeten Blatt, veröffentlichten Beiträge ausgewählt. Es handelte sich dabei sowohl um Korrespondenzartikel als auch um Originalbeiträge, womit sich die nur zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung so intensiv wie kein anderes sozialdemokratisches Organ diesem Ereignis widmete. Der bzw. die Autoren ließen sich nicht mehr ermitteln, allerdings waren sie auf Grund des wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdenden Inhalts wohl nicht unter den Arbeitern zu suchen, wie in der unter der Überschrift „Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft" publizierten Artikelserie suggeriert wurde. Im Unterschied zu den in der bürgerlichen Presse veröffentlichten Artikeln waren diese Aufsätze fernab von jedem Nationalismus, von jeder militaristischen Tendenz und von der Jubiläumsbeiträgen oftmals innewohnenden Oberflächlichkeit, vielmehr wurden die Ereignisse von 1813 in die deutsche Geschichte eingebettet und dabei verdeutlicht, dass damals dem Volk gegebene Versprechen wie die Einführung eines allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts in Preußen noch immer nicht eingelöst seien.

 

 

Inhalt

 

Zum Geleit – Ein Essay 7

Von Marion George

 

„Wenn heut ein Geist herniederstiege". Die napoleonische Herrschaft und die Befreiungskriege im Spiegel der sozialdemokratischen Presse von 1913 19

Einige Bemerkungen zur Quelle 19

Die Autorenschaft 20

Danzig in der Zeit von 1807 bis 1813 22

Einige Bemerkungen zum Inhalt der edierten Texte 30

 

Quellenedition 33

Vorbemerkung 33

1. Wir haben keinen Teil daran. 33

2. Wenn heut ein Geist herniederstiege! Zur Jubelfeier der Leipziger Schlacht. 42

3. Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft. Gedanken eines Danziger Arbeiters zum Völkerschlachtrummel. Teil I 52

4. Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft. Gedanken eines Danziger Arbeiters zum Völkerschlachtrummel. Teil II 65

5. Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft. Gedanken eines Danziger Arbeiters zum Völkerschlachtrummel. Teil III 78

6. Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft. Gedanken eines Danziger Arbeiters zum Völkerschlachtrummel. Teil IV 85

7. Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft. Gedanken eines Danziger Arbeiters zum Völkerschlachtrummel. Teil V (Schluß) 95

(Auswahl)-Bibliographie von Beiträgen zum hundertjährigen Jubiläum der Leipziger Völkerschlacht in der sozialdemokratischen Presse 101

 

Literaturverzeichnis 121

 

Archivalien 121

Sozialdemokratische Zeitungen und Zeitschriften 121

Bürgerliche Zeitungen und Zeitschriften 122

Zeitgenössische sozialdemokratische Literatur 122

Zeitgenössische bürgerliche Literatur 123

Moderne Wissenschaftliche Literatur 126

Personenverzeichnis 129

Presseindex 136

Verzeichnis der geographischen Namen 138

Abbildungsnachweis 152

Über den Autor 153

 

 

Zum Geleit – Ein Essay

„Mit Napoleons Ende ward es mit der Welt, als wäre
sie ein ausgelesenes Buch, und wir ständen,

aus ihr hinausgeworfen, als die Leser davor,

und repetierten und überlegten das Geschehene."

(Christian Dietrich Grabbe [1830])

Mit diesen Worten beschrieb der deutschen Autor, Verfasser des berühmten Bühnenwerks „Napoleon oder die hundert Tage", Bedeutung und Wirkung Napoleons, die sich weit über die Realität des historischen Faktums hinaus erstrecken. Der übermächtige Schatten des französischen Kaisers, der 1821 im Exil auf der Insel St. Helena gestorben war, lag und liegt noch heute über den verschiedenen Entwicklungsetappen deutscher Identität und deutscher Staatlichkeit. Ein Blick auf die Stadttopographie der nationalen Metropole Paris mit dem Bahnhof Gare d’Austerlitz oder der Straße Avenue des Iena, um nur einige dieser steingewordenen Bezugspunkte für das französische Nationalbewusstein zu zitierten, illustriert die unterschwellige Präsenz der alten Muster auch im modernen Europa der engen deutsch-französischen Beziehungen. Und in Deutschland erinnert allein schon ein solch riesiges Monument wie das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig mit dem gesamten politischen Inszenierungsraum, der es umgibt, wie scheinbar neutralisierte kollektive historische Erinnerungen virulent bleiben und es nur des Anlasses bedarf, um sie in der einen oder anderen Weise wieder zu aktivieren. In der Aufeinanderfolge der 200. Jahrestage der Schlachten von Austerlitz 2005, von Jena und Auerstedt 2006, von Leipzig 2013 und schließlich von Waterloo 2015 wird bewusst, welch unterschiedliche Gedächtnistraditionen aufeinandertreffen; und der moderne Identitätsraum Europa zwingt uns, diese zu diskutieren und abzuwägen, von welchen man sich verabschieden und an welchen man festhalten sollte.

In Frankreich hat man durchaus Schwierigkeiten, sich zu den europäischen Dimensionen der napoleonischen Herrschaft zu verhalten. Der Einführung des Code Napoleon als dem wichtigsten Teil des Modernisierungsprogramms des französischen Kaisers konnte man 2004 vorbehaltlos gedenken. Doch 2005, mit der verlorenen Seeschlacht von Trafalgar und der gewonnen Schlacht von Austerlitz, bereitete das eher Schwierigkeiten. Ist das gemeinsame Nachstellen von Kriegshandlungen, das nun im Spiel „humanisierte" gegenseitige Töten wirklich eine angemessene Inszenierungsform der über Gräber hinweg erreichten europäischen Einheit? Deutschland wird sich dieser Frage 2013 stellen müssen, und in diesem Zusammenhang scheint es angebracht, zurückzuschauen auf die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag im Jahre 1913.

Am Vorabend des I. Weltkrieges gewann die Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig eine ganz besondere Dimension. Bereits die Reichsgründung von 1870/71 erschien wie ein historisches déjà-vu, wurde sie doch wiederum gegen den „Erbfeind" und noch dazu gegen den Neffen des 1. Napoleon errungen. Doch über die nationale Konkurrenzsituation mit Frankreich hinaus wirkte dieser Sieg auch als Bestätigung des deutschen Wegs in die Moderne. Das Bismarcksche Konzept der machtgeschützten Reform von oben hatte über „kleinliche" demokratische Bedenken im Inneren (wie der Umgehung des Parlaments bei der Bewilligung der Kriegskredite) und über allen zwischenstaatlichen Respekt (Emser Depesche) hinweg seine Geschichtsmächtigkeit bewiesen. Die revolutionäre und demokratische Verfassungsbewegung von 1848 war, so schien es, in der Phrase steckengeblieben, während innen- wie außenpolitische Machtfragen nur wieder durch Macht, durch den starken Staat, entschieden worden sind. Was liegt näher, als in retrospektiver Teleologie das französische Modell der Revolution und dann der napoleonischen Diktatur gegen das deutsche Modell der Reform zu stellen, das sich doch so gut bewährt hatte. Vergessen die wankelmütige Haltung der deutschen Fürsten, die im Windschatten des doch so verabscheuten Revolutionskaisers ihre Territorien und Machtsphären erweiterten wie Preußen bis 1806 oder Bayern bis 1813. Vergessen die nicht gehaltenen Verfassungsversprechen, die Demagogenverfolgung der Ära Metternich, die weitgehende Zurücknahme der Emanzipation der Juden und der Trennung von Kirche und Staat. Vergessen die vielen Völker, die unter der Herrschaft Österreichs oder wie Polen Spielball der Teilungsmächte blieben.

Dieses Erbe der „Verlierer" der Geschichte gelangte unter anderem auch in die Hände der Sozialdemokratie, die mit dem berühmten Bismarckschen Sozialistengesetz der revolutionären Tradition zugeschlagen wurde, während das neugewonnene Reich durch Sozialreformen im Inneren im bewährten Muster einer Reform von oben konsolidiert werden sollte. Und nun gab das Jahr 1913 einen geradezu idealen Anlass, noch einmal nach Innen wie nach Außen durch Rückwendung auf die „Franzosenzeit" und die antinapoleonische Bewegung das nationale Identitätsmuster der Deutschen in Szene zu setzen. Am deutlichsten wird dies im Leipziger Baukonzept für 1913: mit dem Völkerschlachtdenkmal korrespondiert der Neubau der Deutschen Bibliothek, die wiederum in einer Fluchtlinie zum Bahnhofsneubau steht. Der Geist von 1813 spiegelt sich im Archiv der deutschen Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie im typologischen Ort der Moderne, an dem sich im Güter- und Personenverkehr wirtschaftliche Prosperität ablesen lässt.

Sensibel reagierte das politische Establishment auf jede In-Frage-Stellung dieses Selbstbildes, selbst dann, wenn sie nicht von der sozialdemokratischen Opposition ausging. Ein Blick auf den Skandal um Gerhart Hauptmanns Festspiel in deutschen Reimen belegt dies nachdrücklich. 1912 war der schlesische Dichter vom Magistrat der Stadt Breslau beauftragt worden, zur Jahrhundertfeier der Befreiungskriege ein Bühnenstück zu verfassen. In einem 8000 Menschen fassenden Raum sollte ein nationales Weihefest stattfinden. Doch Hauptmann entschied sich gemeinsam mit Max Reinhardt, dem Regisseur, für ein modern inszeniertes Historienspektakel mit vielen distanzierenden und komischen Elementen, das keine nationalen Hochgefühle aufkommen ließ. Despektierlich hatte Hauptmann die großen Figuren der Geschichte wie Napoleon oder Talleyrand, aber auch die deutschen „Helden" der Befreiungskriege als Puppen auftreten lassen, die der Theaterdirektor auf der Bühne Europa tanzen lässt. Der Bogen spannt sich von der Jakobinerdiktatur bis zum Sieg über Napoleon. Dessen eigentliche Bedeutung besteht für Hauptmann nicht in einer chauvinistischen Abrechnung mit dem französischen Erbfeind, sondern in dem Auftrag zu einem geeinten und freien Deutschland nach Innen und Außen: „Ich gebiete Euch dreierlei:/macht Deutschland von der Fremdherrschaft frei!/Sorget, dass Deutschland einig sei!/Und seid selber frei! Seid selber frei!" Die deutsche Zukunftsvision Hauptmanns, allegorisiert in der Athene Deutschland, besteht in einer demokratischen Friedensgesellschaft: „Nun eint sich über Klüfte hin so Mensch zu Mensch,/wie Volk zu Volk." Es versteht sich von selbst, dass die Empörung vieler deutscher Kriegervereine und vor allem des deutschen Kronprinzen zur Absetzung des Stückes führte. Statt eines „heiligen Rausch(es) an deutscher Vergangenheit", statt eines Schauspiels, „das durchflutet wäre von dem großen Empörergeist des deutschen Volkes" (Deutsche Montags-Zeitung vom 23.06.1913) habe der Dichter ein „schmutziges Pamphlet gegen die Kraft des Volkes" (Die Welt am Montag vom 23.06.1913) geboten.

Den megalomanen Kulturinszenierungen des Reiches im Jahre 1913 steht jedoch ein sozialdemokratischer Diskurs entgegen, der, so bescheiden er sich daneben auch ausnehmen mag, auf ein eigenes Geschichtsbild gegründet ist. Diesen in einer regionalen pressegeschichtlichen Optik zu dokumentieren ist das Anliegen der Publikation. Es handelt sich um eine Artikelfolge in der Danziger Volkswacht, die in ungewöhnlich ausführlicher und analytischer Weise, das besondere Interesse der Sozialdemokratie und der sozialdemokratischen Leserschaft an diesem Wendepunkt der deutschen Geschichte zeigt. Dieses erklärt sich nicht nur allgemein durch die Bedeutung dieser Periode für die deutsche Geschichte, die in Lehrbüchern, Gedenkstätten, Denkmalen, Texten und allen möglichen anderen kulturellen Inszenierungen im 19. Jahrhundert Teil der Alltagskultur geworden war. Es galt den ganz aktuellen offiziellen Lesarten von 1913 entgegenzutreten, in denen deutsche Nationalidentität, antidemokratische Staatsideologie und chauvinistische Aggressivität so miteinander vermischt waren, dass es einer Sichtweise bedurfte, die nicht nur Ideologie gegen Ideologie stellte, sondern auch mit Fakten und Zusammenhängen argumentierte.

In den ersten beiden Artikeln (Nr. 85 und 86) sticht dieses aktuelle Interesse im Kampf um die Lesarten der Geschichte besonders hervor. Der polemische Ton wirkt wie eine Art Antwort auf den alles dominierenden offiziellen Diskurs. Dem Autor scheint es um eine Entsakralisierung des Gegenstandes zu gehen und um eine Aktivierung der eigenen sozialdemokratischen Leserschaft. Sein Ziel ist keine antiquarische Rekonstruktion, sondern eine Bilanzierung der Entwicklung von 1813 bis 1913 aus sozialdemokratischer Sicht. Dabei fällt jedoch auf, dass Textstrategien verwendet werden, die auf mehr zielen, als auf eine Bestätigung bereits vorhandener Vorurteile einer ideologisch festgelegten Klientel. Mit Varnhagen von Ense oder Ludwig Uhland werden neutrale Zeitgenosse aufgerufen, die die Kritik an den Demokratiedefiziten als Anliegen einer umfassenderen Mehrheit ausweisen sollen. Zustandsberichte werden mit Zitaten unterlegt, die aus der Feder von regierungsnahen und daher unverdächtigen Zeugen stammen. Statistiken werden herangezogen und faktologische Beweise geliefert. Dies zielt sicherlich gegen eine vor allem emotional ausgerichtete Inszenierungspraxis kollektiver Einheitserlebnisse. Es öffnet jedoch auch den Diskurs für Modernisierungskräfte, die nicht dem engeren sozialdemokratischen Spektrum angehören.

Mit ähnlichen Textstrategien, doch noch anspruchsvoller argumentiert die 2. Artikelserie „Die Jahrhundertfeier und die deutsche Arbeiterschaft", die in einer für eine Zeitung ungewöhnlich breiten Weise das Thema noch einmal aufnimmt. Deutlich ist hier auch die Absicht zu spüren, in der Tradition der Arbeiterbildungsvereine argumentatives Wissen und Bildung zu vermitteln. Es geht um eine „sachliche Würdigung der Geschichte", wie es dem aufgeklärten Geist des 20. Jahrhunderts entspräche. In einer weiten Geste wird bis zum Mittelalter ausgeholt und die Erklärungszusammenhänge bis zur Gegenwart von 1913 weitergezogen. Die napoleonische Ära erscheint nicht als singuläres historisches Phänomen, als Herrschaft des „Bösen" in Europa, das durch die „Heilige" Allianz ausgetrieben wurde. Vielmehr sieht und erklärt der Autor das Kaiserreich als Fortsetzung der Französischen Revolution und als Versuch, deren Ergebnisse in einer bürgerlichen Ordnung zu fixieren, ganz so, wie das schon 1830 Grabbe und 1913 Hauptmann mit ästhetischen Mitteln versucht hatten. Die These vom inneren Zusammenhang der Revolution von 1789 und den Entwicklungen im 19. Jahrhundert ist also keine exklusiv sozialdemokratische, vielmehr eine allgemein demokratische Sichtweise. Sie steht im Gegensatz zur Isolierung der Befreiungskriege als rein nationale Erwachungsbewegungen unter der Führung der Fürsten ohne alle politisch emanzipative Implikationen. Bei der Darstellung der Zusammenhänge kommt es in der Artikelfolge gleichwohl zu kontrastierenden Überzeichnungen und Vergröberungen, die vor dem heutigen Wissensstand nicht standhalten können. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass es erst seit den sechziger Jahren eine allgemein akzeptierte Übereinkunft ist, die Französische Revolution als Zäsur auch der deutschen realpolitischen wie ideengeschichtlichen Entwicklung zu nehmen. Interessant ist gleichwohl, dass der Autor eine direkte Beziehung der Sozialdemokratie zur Französischen Revolution nicht herstellen will. Mit Recht verweist er auf die historische Distanz von mehr als hundert Jahren. Doch er führt auch genau aus, wo die Realität der Revolution, etwa in einer repressiven Gesetzgebung, die Ideologie der Revolution einholt. Die auf Karl Marx fußende materialistische ökonomische Analyse markiert für ihn den entscheidenden Schritt ins 19. und 20. Jahrhundert hinein, da sie wissenschaftliche Basis für ein realisierbares Konzept der sozialen Gerechtigkeit bildet.

Der Autor stellt sich auch gegen die moralisierende These vom „Blutdurst" der Franzosen als der eigentlichen Triebkraft der Revolution und dann der europäischen Kriege des Empire. Bereits 1800 hatte Joseph Görres in seiner Schrift „Resultate meiner Sendung nach Paris" ein solches völkerpsychologisches Erklärungsmuster bemüht, um den französischen vom deutschen Nationalcharakter zu unterscheiden. Und auch später noch wurde die typisch deutsche moralische Abscheu vor der Terreur der Jakobinerdiktatur bemüht, um die deutsche Haltung zur Revolution zu erklären. Hier wird jedoch vor allem mit einer ökonomischen Tatsachenlogik argumentiert und mit dem Verweis auf das „Kapital" von Karl Marx in der materiellen Basis der Gesellschaft nach Ursachen gesucht. Diese Geschichtsbetrachtung wird als Methode auf die Erklärung historischer Zusammenhänge appliziert, während die einfache Ausbreitung von Tatsachen, schon allein wegen des eingeschränkten Platzes und der Funktionsbestimmung des Mediums Presse, zurücktritt. Der Autor wollte eben nicht einfach erzählen „wie es eigentlich gewesen ist" (Leopold von Ranke). So werden Aufstieg und Fall Napoleons nicht als charakterliches Problem des Menschen, der seine Grenzen übersteigt, dargestellt, jedoch auch nicht als quasi religiös vorbestimmter Triumph der Fürsten über die Revolution, sondern als Reaktion auf eine ökonomische Problemlage im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus.

Sehr viel problematischer war die Frage nach der Stellung der Sozialdemokratie zur Idee der Nation. Die offizielle Lesart bezog ihre Kraft vor allem aus der emotionalisierten Identifikation mit nationalen Werten, die dem rationalen Diskurs gerade entzogen waren und immer wieder gegen die Sozialdemokratie gekehrt wurden, die als „Vaterlandsverräter" nach dem Ersten Weltkrieg sogar für die Niederlage Deutschlands verantwortlich gemacht wurde. Der Hinweis auf Bebel, der zur Verteidigung des Vaterlandes gegen Russland zu den Waffen greifen würde, zeigt die Sensibilität des Themas. Nicht ohne Grund thematisiert der Autor den Verkauf von Landeskindern im 18. Jahrhundert und die Allianzen mit „ausländischen" Mächten durch die deutschen Territorialfürsten, was deren Anspruch auf nationale Führerschaft in Zweifel ziehen soll. Noch 1913 konnten die preußischen Adligen, die – wie schon Fontane gezeigt hatte – in Preußen selbst gegen alle Zentralisierungsbestrebungen aufgetreten waren, ein nationales Modernisierungsprojekt wie den Bau des Mittellandkanals aufhalten. Im Fall der Befreiungskriege stellte sich die Alternative so: Fortschritt als Fremdherrschaft versus nationale Integrität unter der konservativen Führerschaft der Fürsten. Der Autor versucht hier eine dialektische Vermittlung, indem er die Realität des deutschen Nationalstaats im Reich gegen die utopische Idee der demokratisch organisierten Nation ausspielt. Dadurch kann das positive Wirken Napoleons, das der Autor vor allem in den Ergebnissen des Reichsdeputationshauptschlusses und den Reformen sieht, entsprechend gewürdigt werden, denn sie bildeten die realhistorische Voraussetzung für die weiterführenden Forderungen nach demokratisch organisierten Staatswesen. Die breite Volksbasis der Befreiungskriege hingegen wird durch die wirtschaftlichen Nachteile der Napoleonischen Besatzung und der Kontinentalsperre erklärt sowie durch das Verlangen des Volkes nach einer Verfassung. Diese sehr vereinfachte Darstellung klammert die sehr unterschiedlichen Interessenlagen in den einzelnen Territorien ebenso aus wie die unhistorische Annahme, dass das deutsche Nationalbewusstsein tatsächlich bereits eine Triebkraft der Entwicklung gewesen sei. In Spanien kann von einer solchen Motivation des Aufstandes gegen die französische Okkupation nicht gesprochen werden, und in Schweden erzwang das Volk die Abdankung der antinapoleonisch eingestellten Fürstenfamilie und die Krönung des napoleonischen Marschalls Bernadotte zum König. In gewissem Sinne tritt die materialistische Geschichtsbetrachtung als Methode in Widerspruch zu den politischen Zielrichtungen des Autors: Denn wenn die geschichtliche Entwicklung Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen ist, dann gilt das auch für die so scharf attackierte Herrschaft der Fürsten bei dem Eintritt der deutschen Territorien in das Zeitalter der bürgerlichen Moderne. Von vorsätzlichem „Vorenthalten" von dem Volke „natürlicherweise" zustehenden Freiheiten durch ironisch verkleinerte „Despötchen" kann da nicht die Rede sein, eher vom Zusammenstoß von Machtkonstellationen, die zu Ergebnissen geführt haben, die freilich nun, in der Perspektive von 1913 der Kritik und sogar der Aufhebung bedürfen.

Nicht ganz klar ist auch die politische Positionsbestimmung des Autors selbst. Am Beginn seiner Ausführung unterstreicht er, dass er Sozialdemokrat und Demokrat sei. Die sozialdemokratische Intention zeige sich dabei im Streben nach der Nutzung des gesellschaftlichen Reichtums für das Volk, die demokratische in der Repräsentation des Volkes in allen Entscheidungsgremien. Der Verfasser sucht also offensichtlich nach einem breiteren Spektrum in der Opposition gegen den herrschenden Staat, die über die Arbeiterschaft hinaus nur bei linksbürgerlich eingestellten Schichten zu finden war. Zugleich bezieht er sich in seinem Abriss der Revolution auf Marat, Babeuf und die Montagnards, also den eher radikal linken Flügel, für den nicht so sehr die Demokratie, sondern die Lösung der sozialen Probleme, und sei es durch eine Diktatur, im Mittelpunkt stand. Auch in ihrer Sicht auf die Befreiungskriege werden die Aporien der sozialdemokratischen Position sichtbar, die einerseits die soziale Frage thematisiert, zum anderen aber auch den Kompromiss mit dem aktuell Machbaren sucht. Hier freilich bekennt sich die Sozialdemokratie noch deutlich zu ihren revolutionären Traditionen und richtet sich an eine Leser- und Wählerschaft, die sich ihrer Interessen als Klassen- und Gruppeninteressen sehr bewusst ist.

Die hier einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemachten Artikel zeigen ein beachtliches Niveau in der Argumentation, zumal es sich hier um einen regionalen Publikationskontext handelt. Bei einer sehr dezidierten Parteinahme für die Arbeiterschaft als natürlicher Wählergruppe deutet sich sowohl in der Textstrategie wie in der Darstellung selbst eine Öffnung zum gesamten demokratischen Spektrum an. Der sozialdemokratische Standpunkt präsentiert sich als Stimme der Modernisierung im nationalen Rahmen, die sie, wenn nötig auch mit revolutionären Mitteln, durchsetzen will. Die Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Epoche deutscher Geschichte aus einer auf die Zukunft gerichteten visionären Sicht lässt keine kontemplative Versenkung zu, sondern sucht nach den Keimpunkten für die Problemlage der Gegenwart. Die Sozialdemokratie meldet auf diese Weise ihren politischen Handlungsanspruch an. Die Grenzen einer solchen aktuellen In-Dienst-Nahme der Geschichte sind evident. Die geschichtliche Forschung ist im Faktologischen und in der Nuancierung allgemeiner Aussagen über ein in der damaligen Zeit eigentlich gar nicht existierendes Deutschland heute weit darüber hinaus gegangen. In der Bewertung dieser Schlüsselperiode für die deutsche, aber auch für die gesamte europäische Geschichte ist man freilich noch weit entfernt von einer gemeinsamen Lesart. Doch Jubiläen und Gedenktage haben ihre eigene Logik. Sie zwingen zum Innehalten im politischen Tagesgeschäft und zur Besinnung auf sinnstiftende und traditionsbildende Ereignisse an „Orten der Erinnerung". Dem muss sich auch das wieder geeinte Nachkriegsdeutschland stellen und sich entscheiden, wie es mit dem Geist des 1806 eingeleiteten Reformzeitalters und mit dem so ganz anderen Geist der Befreiungskriege von 1813 umgehen möchte. Und in diese Diskussion möchte sich auch diese kleine Publikation einschreiben.

Marion George

Poitiers