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Ebert, Jens (Hrsg.)

Im Funkwagen der Wehrmacht durch Europa: Balkan, Ukraine, Stalingrad. Feldpostbriefe des Gefreiten Wilhelm Moldenhauer 1940–1943

[= Schreiben im Krieg – Schreiben vom Krieg. Feldpostbriefe und Kriegstagebücher im 20. Jahrhundert, Band 1], 2008, 286 S., zahlr. Abb., Fotos und Karten, ISBN 978-3-89626-749-8, 42,80 EUR

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Zu den Rezensionen

Im Sommer 1940, Hitler scheint auf dem Gipfel seiner Macht, wird der zweifache Familienvater Wilhelm Moldenhauer zur Wehrmacht einberufen. Er ist daher weder verängstigt, noch verärgert. Er sieht den kommenden kriegerischen Ereignissen mit interessierter Spannung entgegen. Seine Feldpostbriefe, zuerst aus Kattowitz, später vom Einsatz auf dem Balkan, scheinen eher Berichte von einer Erlebnisreise zu sein. Als Funker nicht an vorderster Front eingesetzt, berichtet er ausgiebig und anschaulich über die fremden Länder, macht viele Fotos von Dörfern, Landschaften und Menschen. Beim anschließenden Vormarsch durch die Ukraine wird der Ton jedoch ernster, das Interesse an Land und Leuten bleibt. Grundsätzlich gibt es beim Geschäftsmann Moldenhauer ­ ein Einverständnis mit dem Krieg - und den Eroberungen im Osten.
Der Band versammelt eine Auswahl von 150 z.T. recht umfangreichen Briefen an die Familie, der letzte stammt aus dem Stalingrader Kessel, und ist mit Fotos des Briefeschreibers illustriert.
 

 

Aus der Einleitung

„Ich freue mich, daß ich das Soldatenleben auch mal kennenlerne"

Im Sommer 1940 kommt der Krieg auch ins Haus der Familie Moldenhauer, die im 2000-Seelen-Dorf Nordstemmen, südlich von Hannover lebt. Familienvorstand Wilhelm Moldenhauer erhält seinen Gestellungsbefehl. Am 15. Juni rückt er in die Kaserne Vahrenwald in Hannover ein. Die Einberufung scheint ihn nicht sonderlich zu verärgern oder gar zu ängstigen. Im Gegenteil, er ist freudig erregt und gespannt, was ihn alles an Neuem, Unerwartetem und Aufregendem erwartet. Das ungewohnte und eher unbequeme Kasernenleben, die Trennung von der Familie nimmt er klaglos, ja erwartungsfreudig hin. Denn es ist eine „heroische Zeit": am 22. Juni, also eine Woche nachdem Moldenhauer die Wehrmachtsuniform angezogen hat, kapituliert Frankreich.

Mitte 1940 scheint Adolf Hitler auf dem Gipfel seiner Macht. 1938 hatte er seine Heimat Österreich ans Deutsche Reich „angeschlossen", sowie Böhmen und Mähren annektiert. Nachdem Deutschland 1939 Polen ohne Kriegserklärung überfallen, besiegt und die „Beute" mit Stalin geteilt hat, wurden Anfang 1940 Dänemark und Norwegen besetzt. Nach einem „Blitzkrieg" sind schließlich auch die Niederlande, Belgien und Luxemburg unter deutscher Herrschaft. Der Höhepunkt des Triumphes für den deutschen Diktator schließlich ist die Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit dem unterlegenen Frankreich im Wald von Compiègne, am gleichen Ort, im gleichen Eisenbahnwagon wie nach der deutschen Niederlage von 1918. Im September wird in Berlin, im Großen Saal der Neuen Reichskanzlei der Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan geschmiedet („Achsenmächte"), dem noch im gleichen Jahr weitere Staaten beitreten. Die größenwahnsinnigen Pläne Hitlers von der Weltherrschaft scheinen ein Stück weit in der Realität angekommen zu sein. Die bekannten Propagandabilder aus den Wochenschauen dieser Zeit zeigen den erfolgreichen „Führer", dem „sein" Volk zu Füßen liegt. Der Sommer des Jahres 1940 bot nach den gewonnenen Feldzügen in Deutschland wieder beinahe ein Bild des Friedens. Und so ist der Alltag auch für Wilhelm Moldenhauer bei seiner Einberufung trotz der Kriegsereignisse kein Anlass zur Besorgnis, sondern eher zur Zuversicht. Hier unterscheidet er sich nicht vom Großteil der deutschen Bevölkerung.

Geboren wurde Wilhelm Moldenhauer 1906 in Nordstemmen, als zweitjüngstes Kind von fünf Geschwistern in einer gut situierten Kaufmannsfamilie, die ein Kolonialwarengeschäft in Nordstemmen betreibt. Im Ersten Weltkrieg muss die Mutter es alleine führen, da der Vater für Kaiser und Vaterland kämpft. Anders als seine Geschwister erhält Sohn Wilhelm keine höhere oder künstlerische Ausbildung. Nach der 10. Klasse verlässt er 1917 das Hildesheimer Gymnasium, um nach kaufmännischen Assistenzjahren in Hannover in das Familiengeschäft einzusteigen, das er Anfang der 30er Jahre schließlich übernimmt. Das Leben verläuft gradlinig. 1935 heiratet er, 1936 wird der Sohn Peter, 1939 die Tochter Heide geboren. Gradlinig erscheint ebenso 1937 der Eintritt in die SA. Sicher spielte auch ein gewisses geschäftliches Kalkül eine Rolle, immerhin betrieb die Familie das größte Handelsgeschäft der Gegend. Gewerbetreibende gehörten zur klassischen Klientel der NSDAP, meist ohne die Dimensionen der Diktatur zu erfassen. Ebenfalls 1937 wird Wilhelm Moldenhauer ins Handelsregister als alleiniger Inhaber der nach seinem Vater benannten „Firma Harry Moldenhauer" eingetragen. Das Sortiment des Geschäfts umfasst neben den klassischen Produkten eines Kolonialwarenhandels wie Lebensmittel aller Art, auch Farben, Glas, Porzellan, Haushaltswaren und vor allem vieles für den landwirtschaftlichen und Handwerkerbedarf auf den Bauerhöfen und Gütern der Umgebung. Das Ehepaar beschäftigt nicht nur Angestellte im Laden, sondern auch im Haushalt, bildet regelmäßig Lehrlinge aus. Die Mitarbeiter wohnen zusammen mit der Familie des Chefs in dem großen Haus und werden mit versorgt. Es ist ein zwar kleines, aber modernes Unternehmen. Telefon, Kühlschrank und Auto sind in jener Zeit nicht selbstverständlich. Das Geschäft ernährt trotz der 1940 gerade eingeführten Zwangsbewirtschaftung die Familie. Der frischgebackene Soldat kann es also beruhigt seiner Frau übergeben, um nun seinerseits für Führer und Volk zu kämpfen.

Die Versorgungslage in Deutschland war 1940 trotz (oder gerade wegen?) des Kriegszustandes nicht beunruhigend. Obwohl bestimmte Produkte jetzt rationiert und nur noch auf Marken zu kaufen sind, gibt es keinen wirklichen Mangel und im Handel keine spürbaren Einbrüche beim Umsatz. Deutlich zurück ging im Verlauf des Krieges zwar der Konsum an Fleisch, Fisch und tierischen Fetten. Dies wurde jedoch bis 1944 kompensiert durch die Verschiebung des Schwergewichts der Ernährung und damit des Handels auf Ackerfrüchte. Ausfälle in der deutschen Landwirtschaft fallen kaum ins Gewicht, da die besetzten Länder rücksichtslos und systematisch ausgeplündert wurden. Dänemark, Frankreich und Belgien mussten in erheblichem Umfang Lebensmittel, wie Butter, Fleisch, Fisch, Käse oder Milch für den deutschen Markt bereitstellen. Dort wurden später Lebensmittelmarken wie in Deutschland eingeführt, deren Rationen jedoch deutlich unter den deutschen lagen.

Hermann Göring sprach die Ausbeutung fremder Länder in einer Rede vor den Reichskommissaren für die besetzten Gebiete am 6. August 1942 in aller Deutlichkeit aus:

Im letzten Jahr hat Frankreich 550.000 t Brotgetreide geliefert, und jetzt fordere ich 1,2 Millionen. In vierzehn Tagen Vorschlag, wie es gemacht wird. Darüber keine Debatte mehr. Was mit den Franzosen geschieht, ist gleichgültig. 1,2 Millionen werden abgeliefert. Futtergetreide im vorigen Jahre 555.000, jetzt 1 Million, Fleisch im vorigen Jahre 135.000, Fett im vorigen Jahr 23.000, jetzt 60.000, Käse – im vorigen Jahre haben sie gar nichts abgeliefert, dafür liefern sie dieses Jahr 25.000. Kartoffeln im vorigen Jahre 125.000, in diesem 300.000. Wein im vorigen Jahre nichts, dieses Jahr 6 Millionen Hektoliter, Gemüse im vorigen Jahre 15.000, dieses Jahr 150.000. Obst im vorigen Jahre 200.000, dieses Jahr 300.000.

 

Aus den besetzten Ländern wurden zudem große Mengen an Rohstoffen und Kriegsmaterial nach Deutschland geschafft. Kaum geschätzt werden kann, wie viele Waren und Produkte zudem von den Besatzungstruppen, billig gekauft oder sogar requiriert, privat nach Deutschland geschickt wurden. Der Umfang war sicher beträchtlich. Der bescheidene Wohlstand in Deutschland, die Konsumgüterproduktion hatte erst 1938 wieder den Stand von 1928 erreicht und fiel im Laufe des Krieges deutlich unter die des Vergleichsjahres, war also zu einem nicht unerheblichen Teil geraubt. Die allgemein vorhandene Zufriedenheit bei der deutschen Bevölkerung ist mithin nur mit der Erinnerung an Inflationszeiten und dem Vergleich mit den Jahren der Weltwirtschaftskrise erklärbar. So betrug beispielsweise noch ein Jahr vor der nationalsozialistischen Machtergreifung die Arbeitslosigkeit ca. 44%. Im Jahr 1932 hatte die Industrieproduktion in Deutschland einen historischen Tiefstand erreicht, ebenso wie die materiellen Lebensverhältnisse.

Die wirklich düsteren Wolken jener Zeit will fast niemand sehen. Nach dem Krieg werden die Deutschen behaupten, von nichts gewusst zu haben und verdrängen dabei, dass die Diktatur die Verfolgung ihrer Gegner in aller Öffentlichkeit betrieb. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden umgehend zahllose politische Gegner inhaftiert, gefoltert, verurteilt und zum Teil ermordet. Die Errichtung von Konzentrationslagern wurde nicht verschwiegen, sondern in den Zeitungen bekannt gegeben. Es folgte die schrittweise Diskriminierung der Juden durch Berufsverbote, Boykot und Zerstörung der Geschäfte und so die genannten Rassegesetze. Nach den Novemberprogromen und den Brandschatzungen der Synagogen begannen erste Inhaftierungen missliebiger jüdischer Mitbürger und deren Einweisung in die Konzentrationslager – ein Prozess der schließlich im Holocaust endete.

Die Mitglieder der Familie Moldenhauer sind kulturell interessiert, wovon nicht nur die regelmäßige Hausmusik und der große Bücherschrank künden. Wilhelm ist ein geistig aufgeschlossener und wohl auch informierter Mann. Regelmäßig liest er die Leine & Deister Zeitung, deren Chefredakteur sein Schwager ist. Doch die politischen Konflikte jener Zeit spiegeln sich nicht wider in den Briefen, die er zunächst aus der Hannoveraner Kaserne, später von den Kriegseinsätzen regelmäßig nach Hause schickt. Der Soldat Moldenhauer ist in Hannover vollauf beschäftigt mit den zu erfüllenden Normen der militärischen Grundausbildung – und der Organisation möglichst angenehmer Zeiten außerhalb des Dienstes. Fortan erlebt er den Krieg auf eigene Art: er wird zum Funker ausgebildet, was ihn mit einigem Stolz erfüllt. Er ist eifrig dabei und wird zu einem der vielen Rädchen, ohne die sich die Wehrmachts-Maschine nicht bewegen würde. Später im Kriegseinsatz wird er seinen Dienst in der 16. Panzerdivision (1. Panzerarmee, Generalfeldmarschall von Kleist) bzw. in der ab Juli 1940 motorisierten 60. Infanterie-Division verrichten.

 

„Ich will versuchen, mit meinen Gedanken Dir ganz nahe zu sein"

Moldenhauer bekommt sehr häufig Post von zu Hause und ist selbst ein äußerst fleißiger Briefeschreiber. Und, was noch wichtiger ist, er hat etwas vieles zu erzählen und kann dieses auch schriftlich anschaulich mitteilen. Er ist damit einer der vielen Millionen Soldaten, die mit ihren Briefen die Deutsche Reichspost vor ungeahnte logistische und organisatorische Herausforderungen stellen. Nach Schätzungen wurden von 1939 bis 1945 über 40 Milliarden Postsendungen befördert. Der Hauptteil sind Feldpostbriefe und –karten, ein Viertel davon von der Front in die Heimat. Im Ersten Weltkrieg waren es immerhin schon fast 29 Milliarden Feldpostsendungen gewesen. Die Massenkommunikation hatte seit den 20er Jahren dank der stürmischen technologischen Entwicklungen stark zugenommen. Im Rahmen der gleich nach der Machtergreifung begonnenen Kriegsvorbereitungen hatten die NS- und die Wehrmachtsführung das Problem der Postbeförderung im Kriege frühzeitig erkannt, ebenso deren erhebliche Bedeutung für die psychologische Stabilisierung der Frontsoldaten. Das Feldpostwesen war daher nicht unvorbereitet in den Zweiten Weltkrieg gegangen. Ein halbes Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung gab es erste „Richtlinien der Deutschen Reichspost für die Vorbereitung der Reichsverteidigungsmaßnahmen", die 1935 durch „Regelungen für den Mobilmachungsfall" erweitert wurden. Die zuweilen erstaunliche Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit der Feldpost war Resultat jahrelanger Bemühungen. Bereits in Friedenszeiten wurde ihre Verteilung vom Militär und der Reichspost geprobt, erstmalig 1936 bei einer 14tägigen Übung der 10. Infanterie-Division in der Oberpfalz. Umfangreicher und flächendeckender geschah das dann bei den Herbstmanövern in Mecklenburg und Pommern im September 1937. Hier wurden vierstellige Feldpostnummern ausgegeben. Bei den an der Annexion Österreichs und des Sudentenlandes teilnehmenden Wehrmachtseinheiten konnte dann die Effektivität der Verteilung von Feldpostbriefen unter realen Bedingungen kontrolliert werden. Die Feldpostnummern waren nun fünfstellig. Dies blieb so bis zum Ende des Krieges. Bereits vor dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 war die Verteilung von Feldpostnummern an alle Einheiten der Wehrmacht abgeschlossen. Die Organisation der Feldpost bewährte sich so trainiert später auch unter z. T. schwierigen Verhältnissen. Allerdings war nicht die gesamte Praxis im Kriege planbar. Das Feldpostwesen musste sich immer wieder neuen Problemen gewachsen zeigen. Um nach dem Überfall auf die Sowjetunion den Transport insbesondere angesichts der großen Entfernungen auf dem östlichen Kriegschauplatz zu beschleunigen, wurden ab 1941 viele Briefe per Luftpost befördert. Auch eingekesselte Truppenteile, wie z.B. die 6. Armee bei Stalingrad, wurden aus der Luft versorgt, solange es sich machen ließ. Für die Luftpostversorgung im Osten wurde eigens ein Flughafen bei Brest-Litowsk an der Bahnstrecke nach Berlin eingerichtet. Beim Rückzug der Wehrmacht ab 1943 und den ab 1944 zunehmend ungeordneter werdenden Absetzbewegungen wurde auch die Feldpostversorgung beeinträchtigt. Alles in allem aber funktionierte sie bis zum Kriegsende hinreichend gut. Dafür sorgten unter Leitung des Heeresfeldpostmeister Karl Ziegler Mitarbeiter in ca. 400 Feldpostämtern, deren Anzahl von 7.000 bei Ausbruch des Krieges rasch auf 12.000 aufgestockt wurde. Alle privaten Feldpostsendungen, wie Postkarten und Briefe bis 250g (ab Oktober 1940 100g, ab Dezember 1941 nur noch 50g), Zeitungen, Päckchen (100–200g) und Luftfeldpost wurden gebührenfrei befördert. Jeder Soldat erhielt auf Wunsch pro Woche zudem zwei Feldpostkarten kostenlos.

Die Briefe aus der Hannoveraner Kaserne klingen zwar nicht sonderlich kriegerisch oder militaristisch, jedoch kann Moldenhauers grundsätzliches Einverständnis mit der Wehrmacht und dem nationalsozialistischen Eroberungskrieg vorausgesetzt werden. Der Dienst ist ihm nicht sonderlich unangenehm und wird in den Briefen eher als lax beschrieben. Was nicht heißt, das er ihn nicht absolut korrekt ausführt. Die Anstrengungen der Ausbildung, besonders die Funkerlehre sind vom Soldaten zu meisternde Herausforderungen – Herausforderungen, wie es sie für den Geschäftsmann Moldenhauer immer auch im Zivilleben gab. Allgemein kann bei der Feldpost festgestellt werden, dass das militärische Leben, besonders der „Alltag" im Krieg, dort angenommen und somit besonders ausführlich beschrieben wird, wo es sich mit Werten und Erfahrungen aus Friedenszeiten artikulieren lässt. Nach Ausbildung, Exerzieren und Stubendienst finden sich immer wieder Zeiten für angenehme Zerstreuung, für Ausgang in die Stadt und zur Zelebrierung des wohl wichtigsten Lebensinhalts eines jeden Soldaten: des Essens. In den Briefen von Moldenhauer nimmt das Thema des guten (und kalorienreichen) Essens gerade dann an Bedeutung, wo es nur mit immer größerem Aufwand realisiert werden kann. Das Organisieren und Zelebrieren von Mahlzeiten wird später, während der Teilnahme an militärischen Kampfeinsätzen, bei ihm, wie bei vielen anderen Wehrmachtsangehörigen, aber auch ein Rückzug aus der brutalen Realität in ein Gebiet überschaubarer, selbständig zu organisierender Genusswelten. Bereits in dem wohl wichtigsten deutschen Roman über den Ersten Weltkrieg Im Westen nichts Neues wird dies sehr überzeugend vom Autor Erich Maria Remarque beschrieben.

Während der Ausbildung wird der Rekrut gelegentlich von seiner Frau im nahe gelegenen Hannover besucht. Auch daher fällt ihm die Entwöhnung vom zivilen Familienleben leichter.

Für Moldenhauer ist das Schreiben von Briefen und anderen Texten nicht ungewohnt. Als Geschäftsmann gehörte das zu seinem Alltag. Mehr noch: Es gehörte zum Selbstverständnis des Geschäftsmannes, nicht nur prägnant beschreiben zu können, sondern auch ästhetisch ansprechend. In einem Brief erwähnt er dieses stolz: „Ich habe meine Talente in Plakatschrift anbringen können." Moldenhauers Handschrift ist gut lesbar, seine Briefe inhaltlich strukturiert. Hier unterscheidet er sich von vielen anderen Soldaten, die höchstens eine achtklassige Schuldbildung besaßen und im Krieg häufig zum ersten Mal Briefe schrieben bzw. zu schreiben versuchten. Da also viele Soldaten Schwierigkeiten beim Formulieren hatten, gab das Oberkommando der Wehrmacht in seinen Mitteilungen an die Truppe Schreibhilfen. So lässt sich beispielsweise erklären, wie zahlreiche Stereotype und Floskeln in die Briefe kamen. Anders bei Moldenhauer, die in vielen Feldpostbriefen zu findenden Standardsprüche finden sich bei ihm höchst selten. Er benötigte keine „Handreichungen" aus der Abteilung für Wehrmachtspropaganda im OKW.

Der Brief stellt eine wichtige Brücke zur Heimat dar, die die Befindlichkeit der Soldaten stabilisiert. Sie gibt ihnen das Gefühl, nicht vollständig getrennt von der Heimat zu sein. Da die Soldaten ihren militärischen Alltag in der Regel nicht beeinflussen können, ihr gesamter Kriegsalltag von Befehlen übergeordneter Kommandoebenen, vom Unteroffizier oder gar nur vorgesetztem Obergefreiten bis zum General, abhängt, kompensieren sie das Gefühl fehlender Selbstbestimmung, indem sie versuchen, sich aktiv in Entscheidungsprozesse der Familien in der Heimat einzubringen. Bei Moldenhauer kommt hinzu, dass nicht nur familiäre, sondern auch geschäftliche Entscheidungen zu treffen sind. Natürlich gibt es wirkliche Notwendigkeiten, etwas zu besprechen und zu beschließen. Die Soldaten organisieren und inszenieren hier jedoch eine Entscheidungskompetenz überdeutlich, die zum einen oftmals fiktiv ist und die sie zum anderen an der Front nur in den seltensten Fällen wirklich haben. Der Postverkehr bringt bei regelmäßigen Briefeschreibern auch eine gewisse Ordnung in das Soldatenleben, das ansonsten von vielen Unwägbarkeiten und schnellen Veränderungen beeinflusst wird. Die Wehrmachtsangehörigen schätzen das Strukturieren ihres Frontlebens durch den ja hauptsächlich zivil determinierten Postverkehr. Äußeres Anzeichen dieser gewollten Ordnung, und auch aus praktischen Erwägungen entstanden, ist die Nummerierung von erhaltenen und abgeschickten Briefen. Doch bei kaum einem der Briefeschreiber kann diese Ordnung wegen des ansonsten eher chaotischen Alltags und auch wegen mangelnder persönlicher Disziplin längere Zeit wirklich durchgehalten werden. Der Vorsatz eine korrekte Übersicht zu behalten, scheitert in der Regel, nicht zuletzt, da natürlich auch Post verloren geht oder nicht in der „richtigen" Reihenfolge befördert wird.

Neben dem Briefverkehr macht Wilhelm Moldenhauer auch reichlich Gebrauch von der Möglichkeit, Feldpostpäckchen zu erhalten. Private Pakete, d.h. Sendungen über 2.000g wurden von der Feldpost nicht befördert. Zwar ist die Versorgung der Soldaten hinreichend gesichert, in späteren Kriegsjahren oft sogar besser als in der Heimat, doch bestimmte Produkte wie Süßigkeiten, Alkohol, Wäsche und Dinge des täglichen Bedarfs sind leichter von seiner Ehefrau zu erhalten, die ja schließlich ein gut gehendes Geschäft führt. Fast schon ein Luxus ist die regelmäßige Versorgung mit dem guten Hamo-Bohnenkaffee. Der Sortenname dieses im eigenen Geschäft selbst gerösteten Kaffees, ist eine Abkürzung vom Namen des Vaters, Harry Moldenhauer.

Zwar wurde die Päckchenbeförderung im Laufe des Krieges eingeschränkt, doch generell war die Wehrmachtsführung an diesen Sendungen interessiert, da dadurch ein Teil der zunehmend problematischer werdenden Versorgung der Soldaten privat befriedigt werden konnte. Trotz aller Einschränkungen erhält Moldenhauer selbst noch zu Weihnachten 1942 ein Päckchen im Stalingrader Kessel. Das Versenden von Päckchen ist jedoch keine einseitige Angelegenheit. Hin und wieder findet sich selbst in den armen verbündeten und den ausgeplünderten besetzten Ländern etwas, was sich lohnt, nach Hause geschickt zu werden.

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