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Schulz, Helmut H.

Erzählungen aus drei Jahrzehnten

2008, Band 1, 218 S., Tb, ISBN 978-3-89626-747-4, 13,80 EUR

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Die in diesem Band getroffene Auswahl aus früheren Veröffentlichungen wird zeitlich vom Übergang der Roten Armee 1945 über die Oder und dem Beginn des Endkampfes um Berlin bis zum Einzug der amerikanischen und britischen Truppen im Juli 1945 und der Aufteilung der Stadt in vier Sektoren und Hoheitsgebiete begrenzt.

Es sind die Nachbeben des Zusammenbruchs und der Kapitulation, die von einem Zeitzeugen für die Nachgeborenen ins Blickfeld gerückt werden.

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Das Leben und das Sterben 7

Die Festung – die Stadt 45

Die Gesichte der Blinden 89

Metamorphosen der Aphrodite 172

 

 

Leseprobe

 

Das Leben und das Sterben

1

Während der ganzen Schwangerschaft ging es ihr schlecht, sie erbrach das Essen und litt an Schwindelanfällen. Das Kind bewegte sich oft. Es wechselte seine Lage und trat mit den Beinen nach ihr. In ihrem Bauch wuchs ein Wesen heran, das ihre Kraft fraß und zum Dank dafür nach ihr trat. Das gab ihr viel Stoff zum Nachdenken. Sie haßte dieses Kind. Es bestürzte sie, daß ihre moralische Erziehung, die humanen Grundsätze des Schwesternberufes, kurz gesagt, daß ihre menschliche Existenz vor der Realität des Krieges nicht standzuhalten vermochte. Eine Zeitlang, die kurze Frist, die ihr vergönnt war, sich einzufügen, wehrte sie sich, vielleicht tat sie es sogar jetzt noch, jedenfalls entglitt ihr diese freundliche alte Welt, so wie ein Bild mit der Entfernung unscharf wird. Manchmal schien es ihr, als sei nur ihr Körper zurückgeblieben, die Hülle, und der Inhalt ihres Lebens wie von einem Insekt ausgesogen. Immerhin tat sie ihre Pflicht und wartete auf ihren Zusammenbruch, denn ohne Zweifel mußte sie eines Tages auf der Strecke bleiben wie ein abgetriebener Gaul, nicht allein weil ihre physische Kraft versagte, sondern weil ihren Adern, Muskeln und Sehnen der Motor fehlte, jener geheimer Mechanismus, der ein kompliziertes Zusammenspiel vieler Faktoren war und uns zum Leben befähigt.

Aus ihrem Leben verschwanden die Träume. Noch im Bund Deutscher Mädel hatte sie solche Träume, wie viel Wert sie auch immer gehabt haben mochten; eine ideale Mutter hatte sie werden wollen, eine hervorragende Schwester, zuverlässig, von Patienten geachtet, von Ärzten respektiert – geträumt mit aller Ehrfurcht vor sich selbst. Sie war mit einem Mediziner gut verheiratet, mittelständisch situiert, Mama Germania. Jetzt hatte sie es einfach satt, mit einem Bauch herumzulaufen, der von Tag zu Tag schwerer wurde. Sie ahnte, wie sinnlos diese Folter war, wenn sie an die Niederkunft dachte, es fehlte ihr die Überzeugung, sich für ein ungeborenes Leben zu schlagen, das sie einem Zufall verdankte, dem Zufall und ihrer Unwissenheit, wo ihr das eigene Leben schon denkbar wertlos erschien. Ihre Mutter, eine verwitwete Kinderärztin, schrieb ihr vom Starnberger See, wo sie arbeitete und wohnte, daß ein Kind zu erwarten für jede Frau ein schönes Ereignis sei. Von vielen werde die Empfängnis sehnsüchtig erhofft, und eine mit diesem Ziel vollzogenen Vereinigung zwischen Mann und Frau habe denn auch etwas unsagbar Schönes.

Die Schwangere verstand nicht mehr, was die Mutter meinte, wenn sie von einem schönen Ereignis sprach, auch wußte sie nichts von der Schönheit der Vereinigung. Ihrer Erfahrung nach gab es zwei Arten von Empfängnis. Im allgemeinen wurden Frauen vergewaltigt, das war die eine Art, die häufigste, wie sie ihr widerfahren war. Die andere gab es vielleicht, wenn die Frau Gefallen an einem Mann fand und wenn sich, falls Zeit genug blieb, Sympathie zu Liebe für das Mannwesen entwickelte. Den Männern, die sie kannte, fehlte es an Zeit. Es war ihnen begreiflicherweise egal, was nach der Vergewaltigung mit den Frauen geschah. Sie zogen ja in den Krieg und wußten von keiner Rückkehr. Und daher wäre es besser gewesen, die schöne Empfängnis zu verhindern.

Hin und wieder stellte sich die Schwangere ihre Mutter vor, wie sie dort am Starnberger See des Abends – oder wann immer – sauber gewaschene, gebildete Männer (Herren) empfing, die Klavier spielten, über Mozart und Rainer Maria Rilke sprachen und später, wenn die Mutter wollte, das unsagbar Schöne taten. So gesehen hatte die Mutter ein Recht, ihre Tochter zu tadeln, als diese ihre Lage beichtete. Die Schwangere war ebenfalls imstande, zumindest war sie es früher, eine Klaviersonate anzuhören oder ein Gedicht von Rilke. Allerdings wußte sie nicht, ob sie heute noch einmal in diese Welt eintauchen konnte oder wollte. Mit ihrem neuen Weltgefühl hatte sie etwas erworben, der Frucht vom Baum der Erkenntnis nicht unähnlich: Die Welt der Realitäten widerlegte die Welt der Ideale allzu schlagend.

Am Schluß des Briefes stand noch etwas von einer leichten Niederkunft; in Gedanken vertauschte die Schwangere die Adjektive und ersetzte das Wort leicht durch wunderbar, was einen neuen, einen völlig idiotischen Sinn ergab, so idiotisch wie die Welt und wie der Brief der Mutter. Sie schrieb jedoch keine Antwort und ließ ihre Mutter in dem Glauben, in Küstrin mit dem Russen vor der Tür gehe es zu wie in einem irdischen Paradies.

Aber sie hielt den Brief ihrer Mutter für ziemlich überspannt.

 

2

»Diese alte Stadt ist wie ein Bollwerk, glauben Sie mir, Schwester Ursula«, erklärte der alte Mann, in dessen Hause sie lebte. »Hier wird sich die Hunnenflut brechen, und unser Herr Jesus Christus …«

Er ekelte sie sehr, dieser Alte, und sie empfand seine christlichen Sprüche – obschon sie selber eine Christin war – wie ein Sakrileg, so als wenn der Alte mit seinen plumpen Beinen auf einem Heiligtum herumtrampelte. Der Pfarrer trug seine schäbig gewordenen speckigen Talare zu Hause auf, so daß er ständig wie im Amt aussah, wie ein heruntergekommener Küster oder Pridikant. Es wäre ihr lieber gewesen, die Oberin oder die Dienststelle der Wehrmacht, der sie unterstand, hätte sie woanders eingewiesen. Das große, mehrstöckige Pfarrhaus mit seinen gediegenen Möbeln und den Nippes, mit den Kruzifixen und Bibeldarstellungen an den Wänden ging ihr auf die Nerven. Kam sie vom Dienst, suchte sie Ruhe, so strich der Alte solange vor ihrer Tür herum, bis sie es nicht mehr aushielt und ihn hereinließ. Dann setzte er sich schnaufend und redete.

Zum Beispiel fragte er heimtückisch lüstern: »Wie soll denn das Kind heißen, Schwester Ursula?«

Sie gab keine Antwort. Selbst auf eine Entfernung von mehr als einem Meter glaubte sie einen schleimigen Belag auf der Haut zu spüren, wenn der Alte redete oder wenn er bloß auf seinem Stuhl herumrutschte und nach dem Anknüpfungspunkt für ein schlüpfriges Gespräch suchte. Er verströmte einen Geruch nach Urin, sie fühlte das versteckt Unsaubere hinter dem Gerede von ihrem Kind, da er wußte, weil sie es ihm unvorsichtigerweise gesagt hatte, daß dieses Kind unehelich empfangen worden war.

»Und schreibt denn auch der Vater Ihres Kindes, Schwester Ursula?«

Dieses Geschwätz widerte sie deshalb an, weil der Alte nicht begriff, daß der Krieg alles umwertete, weil er überhaupt nichts begriff, begreifen wollte, wie sie annahm. Sonst wäre er aufgestanden und hätte des Bild des Heilands mit dem Gesicht des Leidenden zur Wand gedreht. Es wäre eine Geste gewesen, eine schwache, hilflose, aber sie hätte ihn verstanden; eine solche Handlung hätte sie beide verbinden können. Sie, eine gut ausgebildete Schwester, eine Operationsschwester zumal, ging nach so vielen Monaten Krieg noch immer wie in halber Betäubung zum Dienst ins Lazarett, auch weil sie den Widerspruch zwischen Leben und Sterben nicht zu lösen vermochte hatte, weil zwischen Leben und Tod gar keine, aber zwischen Leben und Sterben die wirkliche Grenze verlief; sterben ist Bewegung, Tod ist Ruhe. Es war die Stunde der Metzger, die Stunde, in welcher Männer und Frauen einander alles ungestraft antun durften; alles bedeutete hier mehr als ein Wort. Wo leicht gestorben wird, ist das Leben immer schwer. In dem Lazarett, in welchem sie eingearbeitet worden war, ließ sie der Krieg mit den erstaunlichsten Arten des Todes bekannt werden, aber auch mit den konkretesten Formen des Lebens. Heute konnte sie immerhin den Todeskampf eines Jünglings ohne innere Beteiligung oder Bedauern mit ansehen, aber obschon sie keine Antwort mehr erwartete, das Fragen nach dem Warum nicht lassen.

»Ihr Sohn oder Ihre Tochter wird in dieser Stadt zur Welt kommen«, prophezeite der Alte. Ständig suchte er ihr auch körperlich näher zu kommen, indem er sie aufforderte, mit ihm zu beten. Einmal hatte sie ihm nachgegeben und ihm ihre Hände überlassen.

»Helfen Sie mir doch«, bat er. Er litt an Harnverschluß, aber sie schüttelte energisch den Kopf, verwies ihn an den Arzt oder dem Lazarett. Jammernd verfolgte er sie, als sie die Flucht ergriff und sich in einem anderen Zimmer der geräumigen Pfarre einschloß. Das alles gehörte zu den Verkehrsformen des Krieges.

 

3

Obwohl der Kittel wegen ihres angeschwollenen Bauches hinten sperrte, mußte sie ihn tragen, Wäsche besaß sie nicht mehr viel. Gewöhnlich assistierte sie Wehrkamp, einem Chirurgen, den alle Schwestern fürchteten. Er pflegte kaum mit ihnen zu sprechen, und wenn er sprach, kam meist eine Zurechtweisung. Während sie ihm die Instrumente zureichte, schwankte sie; er griff fehl und sah wütend auf. Soweit ihr erinnerlich, sah er sie überhaupt zum erstenmal richtig oder interessierter an.

»Man schafft sich in solchen Zeiten keine Kinder an.«

Sein Zynismus gab ihr wieder Kraft.

»Verzeihen Sie, Herr Oberstabsarzt,« sagte sie betont kalt, aber mit klopfendem Herzen, »es wird nicht wieder vorkommen!«

»Was wird nicht wieder vorkommen? Daß Sie ein Kind kriegen? Ich hoffe für Sie«, sagte er mit einem spöttischen Lächeln.

Es gelang ihr, sich zu sammeln, während er mit genau berechneten, ruhigen Bewegungen die Fleischlappen um einen Oberarmstumpf vernähte.

Am Fenster stehend tranken sie beide Kaffee. Frühwinterliches Licht drang durch die obere Hälfte der Scheibe, die untere war weiß belegt. Drüben, auf der anderen Seite stand eine Baracke, der ihren sehr ähnlich. Ein Notlazarett sah wohl immer so aus. Sie hatte kein besseres kennengelernt, aber auch die Verbandsplätze draußen kannte sie nicht. Irgendwo floß die Oder. Eisschollen trieben jetzt darauf, und sie dachte, daß es ein harter Übergang für die Russen werden würde. Ohne Zweifel sprengten Pioniere und Todt-Leute die Brücken.

»Warum sind Sie nicht zu mir gekommen«, fragte Wehrkamp.

Sie verstand ihn nicht gleich. Zu einer solchen Frage gehörte eine Menge Mut, vielleicht nicht für einen Arzt, aber dann sah sie, wie die Hände des Chirurgen zitterten. Wehrkamp nahm seiner Kitteltasche eine Ampulle und machte sich ohne Umstände eine Injektion.

»Sie auch?«

Sie nickte und ließ sich von seinem Morphium spritzen. Mehr als eine angenehme Stille fühlte sie danach eigentlich nicht, aber ihr schien doch, als sei sie jetzt von der allzu konkreten Welt abgeschirmt. Dabei konnte sie ganz wach wahrnehmen, was um sie herum geschah, freilich ohne daran beteiligt oder darin einbezogen zu sein. Darin eben lag die Wohltat dieser wunderbaren Droge. Deutlich konnte sie die Gesichtszüge Wehrkamps erkennen, seine tief eingekerbten Wangenfalten, die ergrauten dichten Brauen und die beiden kleinen Schmisse am Mundwinkel. Unter dem Kittel sahen langschäftige Stiefel hervor und am Kragenspiegel der Uniform die Abzeichen seines Dienstgrades.

Wehrkamp rauchte und analysierte ein gegen das Licht gehaltene Röntgenbild, während ein Verwundeter auf den Operationstisch gelegt wurde. Der Chirurg trennte den Arm oberhalb der brandigen Stellen bis zum Knochen durch; das sah sehr einfach aus, und sie hielt die Säge bereit, in diesem Augenblick lärmten die Sirenen. Sie unterbrachen auch bei Alarm keine Operation, weil es in den meisten Fällen unmöglich gewesen wäre. In das Schnarren der Knochensäge mischte sich das Feuer der angreifenden Tiefflieger. Vereinzelt krachten Einschläge von Sprengbomben. Sie zuckte bei jeder Detonation zusammen; offenbar ließ die Wirkung der Droge nach.

»Laufen Sie ja nicht weg«, sagte Wehrkamp warnend, aber ohne den drohenden Tonfall, den alle Schwestern und wohl auch einige Ärzte fürchteten. Er traute ihr wohl nicht mehr. Die Einschläge kamen näher, eine Bombe traf die gegenüberliegende Baracke, Splitter flogen durch das zerberstende Fenster; einer traf ihre Hand. Aus einer Fingerschlagader schoß helles Blut, ihr Blut mischte sich mit dem des Operierten. Während Wehrkamp gelassen die Fleischlappen um den Armstumpf vernähte, während sie durchhielt und ihm zureichte, kam der Operierte zu sich. Offenbar spürte er noch keinen Wundschmerz, aber da war der Angriff vorüber, Feuerwehren fuhren zu der brennenden Baracke, Ärzte und Sanitäter schleppten heraus, wer noch lebte.

»Ich werde Sie nicht mehr anschreien, Schwester Ursula«, sagte Wehrkamp, als ihr einen Verband anlegte, indessen der frisch Operierte hinausgefahren wurde. »Sie sehen übrigens, wie gut es war, daß Sie sich für mein Morphium entschieden haben.«

Sie hatte keine Antwort, entsann sich kaum an die Wirkung der Droge.

»Einen Morphiumrausch habe ich mir anders vorgesellt«, gab sie zur Antwort.

»Wie denn? Für den Moment hat es doch gereicht, oder? Ich werde Sie wie gesagt nie wieder anschreien«, fuhr der Chirurg fort, »aber ich kann Sie wegen dieses Kratzers auch nicht nach Hause schicken.«

»Und dabei war die ganze Aufregung umsonst«, bemerkte einer der hinzutretenden Kollegen Wehrkamps, »deine Amputation ist mittlerweile zu seinen Vätern versammelt.«

Gleichgültig nickte Wehrkamp.

...