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Engel, Gisela / Scholz, Susanne (Hrsg.)

Essenskulturen

 

[= Salecina, Band 8], 2008, 193 S., zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-89626-726-9, 29,80 EUR

 

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Einleitung

Susanne Scholz und Gisela Engel


Essen ist in den letzten Jahren Gegenstand vielfältiger Betrachtungen geworden, vor allem im Bereich der Kulturwissenschaften gibt es über das Essen viel zu sagen. Der Titel dieses Bandes, Essens-Kulturen, betont besonders die kulturellen Semantiken von Essen sowie die Mahlzeit als eine (inter)kulturelle Verständigungsleistung. Die Beiträge beschäftigen sich damit, wie Essen kulturelle Bedeutungen stiftet, wie das gemeinsame Mahl als Schauplatz der Aushandlung intersubjektiver Beziehungen dient, wie Essen kulturelle Erinnerung bewahrt oder etwa Reinheitsgebote ausagiert, die eine Kultur von der anderen abgrenzen. Hier ergibt sich eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten, z. B. im Fragen nach der Produktion von nationalen oder regionalen Stereotypisierungen via Essen und Trinken, nach der Repräsentation von Fremdheitserfahrung und nach der Stiftung von Machtbeziehungen via Essen.
Kollektiv gewendet könnte man sagen: Essen ist ein Schauplatz interkultureller Beziehungen, Essensgewohnheiten sind soziale und kulturelle Distinktionsmerkmale, und zwar sowohl was die Tischmanieren als auch die Zusammensetzung der Speisekarte angeht. Nahrungsethnologisch gesehen kann Essen die Verbundenheit mit heimatlichen Traditionen, Herkunft und Zugehörigkeit ausstellen; in kulturellen Repräsentation verbildlicht oder versprachlicht Essen oft die Kategorien reich und arm, bürgerlich oder nicht-bürgerlich, heimisch oder fremd; es grenzt ab, es verbindet aber auch. Die Offenheit für die Essensgewohnheiten anderer Kulturen weist uns selbst als tolerant aus, und häufig werden Essen und Trinken zum Testfall für Gelingen oder Misslingen kultureller Kommunikation.
Essen, das zeigt auch das rudimentärste Nachdenken über diese Fragen, etabliert dialektische Beziehungen zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Die Begeisterung für ethnic food und die damit zur Schau gestellte interkulturelle Kompetenz weist uns aber auch als westlich, gebildet und bürgerlich aus. Connaisseurs auf dem Gebiet des Essens verstehen ihre Kompetenz oder ihren überlegenen Geschmack als Distinktionsmerkmal im Sinn ästhetischer bzw. kulinarischer Urteilskraft (Bourdieu 1982). Auch die ‘Migration’ von Lebensmitteln und die Inkorporation von vormals als ‘ethnisch’ eingrenzbarem Essen in neue Versionen der nationalen Küche – man denke an die ‘Einverleibung’ von indischen und afrikanischem Essensbestandteilen in die sogenannte New British Cuisine – zeigen, wie über Essensgewohnheiten soziale und politische Identitätskonzepte verhandelt werden. Hier repräsentiert die Migration und die identitätspolitische Umwertung des Essens einerseits die politische Ausweitung des Begriffs Britishness auch auf einem sehr materiellen Gebiet, andererseits verweist es auf die erzwungene Mobilität nicht nur des Essens im Zeitalter der Globalisierung. “Food travels”, heißt es bei bell hooks (hooks 1998), Essen durchquert materielle und kulturelle Diskurse, und der Zusammenhang zwischen food migration und imperialen Machtbeziehungen ist im 18. Jahrhundert, in dem Joseph Addison unbedingt die Kartoffeln aus dem Mutterland und die Soße aus der Kolonie zusammenbringen wollte (und damit den Warenfluss und den Tausch für ‘natürlich’ erklärt hat), genauso deutlich wie heute, wo das Essen zu globaler Bewegung quasi gezwungen wird und dahin reist, wo am meisten dafür bezahlt wird, nicht wo es am nötigsten gebraucht wird. In Zeiten der Globalisierung knüpfen sich an die Problematik der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln noch ganz andere Fragen, von der Überfischung der Meere bis zum gentechnisch veränderten Lebensmittel.
Im Zusammenhang mit Essen und Kochen, mit der Beschaffung, Zubereitung und dem Genuss der Nahrung geht es immer auch um Verhaltenskodizes: Wer isst mit wem, wie hat man sich zu benehmen, wer lädt ein, was darf gegessen werden und was nicht. Die Gender-Codierungen dieser Praktiken sind überdeutlich: Essen ist traditionell die Domäne der Frauen; selbst wenn es da zu Umkehrungen kommt, wird dies fast immer als eine Abweichung vom Alltäglichen dargestellt und das Muster damit bestätigt. Dass Essen weiblich codiert ist, ist wiederum eng verknüpft mit einer Vorstellung von öffentlich und privat, von Innerlichkeit und Häuslichkeit als Orten des Rückzugs, der Familie und damit auch des gemeinschaftsstiftenden Mahls.
Schon an diesen wenigen Beispielen zeigt sich, dass man die materiellen und die symbolischen Dimensionen des Essens nicht voneinander trennen kann. Essen ist Teil der material culture, es stellt aber gleichzeitig auch ein semantisches Feld parat, auf dem weiterreichende kulturelle Bedeutungen verhandelt werden. Zu denken wäre hier etwa an die sinnstiftenden ‘Achsen’ roh – gekocht, essbar – nicht-essbar; wohlschmeckend – ekelhaft, Fleisch – Nicht-Fleisch, oder – wenn es um asketische bzw. diätetische Praktiken geht, auch ganz radikal: essen oder nicht essen.
Besonders spannend ist daher die Frage, welche Bedeutung das Essen in kulturellen Repräsentationen einnimmt, z. B. in der Literatur oder im Film, wie Essen hier inszeniert wird, welche Geschlechtercodierungen, Ein- und Ausschlussmechanismen, Machtbeziehungen und kulturellen Reinheitsgebote über das Essen verhandelt werden. In der literarischen Rede vom Essen überblenden sich häufig die Semantiken von Haus, Körper, Privatheit und Innerlichkeit, so dass auch benachbarte Sinnenfreuden imaginär miteinander verwoben werden. Körpertopographisch gesehen könnte man auch sagen, es geht beim Essen um einen Genuss, der mit einer Grenzüberschreitung einhergeht. Wenn wir von Grenzen oder Schwellen reden, rufen wir damit in der Repräsentation immer zugleich zwei Dinge auf: das Tabu und den Exzess. Gerade das Essen scheint sich als metaphorischer Raum für alle Arten von Grenzüberschreitungen, Transgressionen, Tabubrüche und Exzesse zu eignen, zwischen Innen und Außen, zwischen der Ratio und den Trieben. Hier geht es also um lustvolle und/oder angstbesetzte Einverleibung, um das prekäre Spannungsfeld von Subjekt, Objekt und Abjekt, um Grenzverletzungen also, die die jeweiligen kulturellen Regeln neu aushandeln, unterminieren oder auch bestätigen. Im übertragenen Sinn ergeben sich hier Anschlussstellen für andere Lüste: Die imaginative Gleichsetzung von Essen und Sex etwa ist ein eingeführter Topos in unseren Kulturen.
Während bei den bisher genannten immerhin noch die lustvolle Überschreitung der Körpergrenzen als gemeinsamer Nenner fungiert, ist das bei den extremeren Formen von ‘Nahrungsdelinquenz’ (alimentary delinquency) nicht mehr bzw. nur noch über den Kitzel des Horrors vermittelt der Fall. Repräsentationen von Kannibalismus inszenieren die ultimative Transgression aller Reinheitsgebote und Essenstabus: Verschlingen, Einverleiben. Die “Schwarze Küche” (Wördehoff 2000, S. 128) inszeniert die ultimative Umkehrung der nährenden, lustvollen und gemeinschaftsstiftenden Semantiken des Essens.

Die Beiträge in diesem Band gehen verschiedenen Aspekten der umrissenen Zusammenhänge nach.
Karl-Michael Brunner untersucht aus soziologischer Perspektive die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf Essenskulturen. Ihn interessiert die Eigenlogik von Geschmacksmustern, die sich gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Wandlungstendenzen als durchaus widerständig erweisen kann. Der Jurist Malte-Christian Gruber zeigt, dass die Essenskulturen westlicher Industrienationen sich insbesondere aus dem gewohnheitsmäßigen Verzehr massenhaft gezüchteter Tiere speisen. Da sich mit der sozialen Wirklichkeit des Verzehrens normative Urteile über den richtigen Umgang mit Nahrungsquellen und Lebensmitteln verbinden, diskutiert er, wie Essenskulturen auf Fragen des Tierschutzes, des Naturschutzes und des Umweltschutzes übergreifen und auf wirtschaftliche Fragestellungen, insbesondere auf Nutzenerwägungen, treffen.
In vier Beiträgen geht es um den Zusammenhang von Migration, Globalisierung und Essenskulturen: Julia Bernstein untersucht die Bedeutung und Funktion russischer Lebensmittelgeschäfte für jüdische Immigranten in Israel und Deutschland; Maria Dabringer diskutiert die gesellschaftspolitische und identitätsstiftende Bedeutung des städtischen (Essens-)Konsums in Quito (Ecuador); Martin Uebelhart zeichnet den Zusammenhang von verschiedenen Phasen der italienischen Immigration in die Schweiz mit Wandlungen der schweizerischen Essenskultur nach, und Katja Suren geht der Frage nach, wie sich in der Kinderliteratur der 1970er und 80er Jahre der Glaube an die Menschen und Kulturen einigende Kraft gemeinsamer Mahlzeiten manifestiert und welche Rolle Mahlzeiten in Kindheitserzählungen türkisch-deutscher Autorinnen im aktuellen Migrationsdiskurs spielen.
Die folgenden vier Beiträge untersuchen die Darstellung und Funktion von Essen in der Literatur, im Film und in der Malerei. Tobias Döring benutzt Einsichten der strukturalen Anthropologie zum Verständnis von Strukturmerkmalen in James Joyces modernistischem Roman Ulysses (1922). Claudia Hein untersucht die Texte von Italo Calvino und Michel Serres zu ihren Projekten zu den fünf Sinnen und zeigt, wie sie ihren Texten eine erkenntnistheoretische Dimension eines Weltzugangs über das Essen einschreiben. Felix Holtschoppen sieht im Kannibalismus in Peter Richardsons Film-Komödie Eat the Rich (1987) eine beißende Kritik an den sozialen Missständen der Thatcher-Ära. Alexander Eiling stellt die Äpfel Cézannes vor, d. h. die Aufwertung der Gattung des Stillebens am Ende des 19. Jahrhunderts gerade durch die Malerei Cézannes, was ihn zum Vorreiter der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts werden ließ.


Literatur
Addison, Joseph (1965): The Spectator (1711/12). Hg. v. Donald Bond. 5 Bde. Oxford: Clarendon.
Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt: Suhrkamp.
Counihan, Carole, and Penny van Esterik (eds) (1997): Food and Culture: A Reader. New York: London: Routledge.
Döring, Tobias, Heide, Markus, Mühleisen, Susanne Hg., (2003): Eating Culture. The Poetics and Politics of Food. Heidelberg: Winter.
Wierlacher, Alois (1987): Vom Essen in der deutschen Literatur. Mahlzeiten in Erzähltexten von Goethe bis Grass. Stuttgart et al: Kohlhammer.
Wierlacher, Alois et al, Hg. (1993): Kulturthema Essen: Ansichten und Problemfelder. Berlin: Akademie Verlag.
Wördehoff, Bernhard (2000): “Sage mir, Muse, vom Schmause…”. Vom Essen und Trinken in der Weltliteratur. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 7
Susanne Scholz und Gisela Engel

Essenskulturen im sozialen Wandel 11
Karl-Michael Brunner

Verzehren, Verbrauchen, Verbrennen. Vom Nutzen des ökonomischen Umweltschutzes 25
Malte-Christian Gruber

Russian Food Stores as Transnational Enclave? Coping with the Reality of Immigration in Israel and Germany 41
Julia Bernstein

“Local/Global Foodways in Quito”: Zur städtischen Verortung andiner Esskultur 63
Maria Dabringer

Wie la cucina italiana in die Schweiz kam. Kulturell-kulinarische Aspekte gestern und heute 85
Martin Uebelhart

Bilaterale Exotismen und interkulturelle Großmütter 99
Katja Suren

“Know Me Come Eat With Me”: Kulinarische Dreiecke in Joyces ulysses 113
Tobias Döring

Zum Liebeskannibalen werden unter der Jaguar-Sonne – Italo Calvinos und Michel Serres’ Erzählungen vom Wissen des Geschmacks 131
Claudia Hein

“C’mon Baby, Eat the Rich” – Kapitalismus als Kannibalismus 147
Felix Holtschoppen


Cézannes Äpfel und die Folgen. Über die Bedeutung der Stillebenmalerei für die Entwicklung des ‘Modernen’ Bildes 165
Alexander B. Eiling

Kurze Angaben zu den Autorinnen und Autoren 187