Jerry Wilson

 

"American Artery. Von Winnipeg nach Panama auf Amerikas längster Straße
 

 

 

 

2009, aus dem Amerikan. von Beate Schiller, 314 S., Tb, zahlr. Abb., ISBN 978-3-89626-717-7, 22,80 EUR

 

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Inhaltsverzeichnis


Danksagung 7

Vorwort zur deutschen Ausgabe 9


Südwärts von Winnipeg 15
North Dakota 37
South Dakota 59
Nebraska 81
Kansas 99
Oklahoma 117
Texas 135
Nordmexiko 159
Zentralmexiko 174
Südmexiko 190
Guatemala 207
El Salvador 225
Honduras 241
Nicaragua 250
Costa Rica 268
Panama 286


Epilog 305
Quellenverzeichnis 309
 

 

Vorwort zur deutschen Ausgabe


Im Winter 2006 verließen meine Frau Norma und ich South Dakota und fuhren nach Mexiko. Von Mexiko City aus nahmen wir einen Bus nach Oaxaca, lernten einen Monat lang Spanisch und folgten dann dem Pan American Highway durch den im Süden Mexikos gelegenen Staat Chiapas.
In Oaxaca besuchten wir eine Kundgebung der Zapatisten auf der zentralen Plaza. Als wir um 16.00 Uhr dort eintrafen, war die Plaza proppenvoll mit Zapotekenfrauen in handgewebten roten huipels, jungen Leuten, die Banner mit Hammer und Sichel schwenkten, älteren Leuten und Besuchern aus anderen Ländern. Subcommandante Marcos, der Führer der nunmehr seit 12 Jahren aktiven zapatistischen Bewegung für nationale Befreiung, rauchte gelassen eine Pfeife hinter seiner Ski-Maske, während ein Dutzend Redner sprachen – jeder von ihnen repräsentierte eine mit den Zapatisten solidarische Gruppe, jede hatte eigene Klagen und Forderungen.
Als Marcos gegen 20.00 Uhr die Bühne übernahm, war die Plaza immer noch voller Menschen. Die Menge hatte seit vier Stunden ausgeharrt, fest in der Überzeugung verwurzelt, dass durch die vereinte Aktion sich die Dinge irgendwie ändern werden.
Nun, als ich unter dem Palmwedeldach einer palapa in der winzigen Stadt San Agustinillo am Pazifik saß, fragte ich mich, was hatte sich seit meiner in American Artery beschriebenen 8.000 Kilometer langen Reise über den Pan American Highway von Kanada bis Panama verändert – und was nicht? Hier übertönt die donnernde Brandung die Stimmen der Hungrigen und Benachteiligten und dämpft den Nachhall der Kämpfe für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit – Kämpfe, die von einem Ende des Kontinents bis zum anderen geführt werden. In dieser Stadt mit vielleicht 200 Einwohnern fahren die Fischer auf kleinen, offenen Booten bei Tagesanbruch aufs Meer hinaus. Frauen bieten frisch gebackene Ananassemmeln aus den breiten Körben auf ihren Köpfen feil. Jungen fangen die Hauptmahlzeit ihrer Familien in der Brandung. Hier, wo Menschen in geradezu urzeitlicher Harmonie miteinander und mit der Umwelt leben, ist die Vortäuschung möglich, dass alles in Nordamerika in Ordnung ist.
Doch in den zwölf Jahren seit des Inkrafttretens der Nordamerikanischen Freihandelszone und den Aufständen der Zapatisten in Chiapas hat sich für die Ureinwohner Mexikos oder die Millionen, die hier in Armut leben, nur wenig verbessert. Zum Beispiel müssen Menschen, die sich kaum Essen kaufen können, immer noch verschmutztes Wasser trinken oder Wasser, das vom US-Unternehmen Coca Cola – in Mexiko früher von Präsident Vicente Fox geleitet – abgefüllt und verkauft wird. Die Straßenränder sind übersät mit Plastikflaschen. Doch warum sollte die Regierung Wasserleitungssysteme reparieren oder sauberes Trinkwasser zur Verfügung stellen, wenn sich doch Geld machen lässt?
Möglicherweise ist die winzige Mittelschicht gewachsen, und es scheint, dass der Mindestlohn der arbeitenden Armen etwas weniger ausbeuterisch als 1995 daherkommt. Obwohl die Mexikaner kein Ende der politischen Korruption auf jeglicher Ebene gesehen haben, hat sich das 70 Jahre andauernde Festhalten an der Macht durch die so genannte Partei der Institutionalisierten Revolution gelockert. Ebenso wie viele der Bevölkerung der Vereinigten Staaten und Mittelamerikas bleiben die Mexikaner zynisch, nur einige wagen die Hoffnung, dass eine größere Demokratie sich schließlich doch zeigen könnte.
Meine Reise von 1995 auf Nordamerikas längster Straße war eine Suche nach Nachhaltigkeit. In neun Staaten, von Kanada bis Panama, suchte ich nach Beweisen dafür, dass das Leben auf diesem Kontinent mit einem erneuerten Bekenntnis zu Gerechtigkeit, Frieden und Harmonie mit der Umwelt in das neue Jahrtausend eintreten würde. Ich hatte mich ausgiebig mit der Geschichte, der Ökologie, den Kulturen und der Geographie dieses Erdteils beschäftigt, und ich wusste, dass nicht alles in Ordnung war. Die 500jährige Vergangenheit der europäischen und euro-amerikanischen Kolonisierung und Ausbeutung der Amerikas ist blutig und schmutzig, und der Missbrauch von Mensch und Land beschleunigte sich mit der Ausbeutung und Dezimierung von Wald und Energieressourcen.
Ich hatte Nicaragua, Guatemala und Honduras in den 80er Jahren besucht, als US-Präsident Ronald Reagan Stellvertreterkriege führte, um die populäre Sandinistenregierung in Nicaragua zu stürzen und blutdürstige Militärregime in Guatemala, El Salvador und Honduras zu unterstützen. 1995 hatte die Herrschaft des Krieges nachgelassen, doch die Gründe für den bewaffneten Kampf blieben. Nun, nach dem Verlauf einer weiteren Dekade, sehen die Bauern, Fabrikarbeiter, Straßenhändler und die Ureinwohner kaum mehr Verheißung als vor 20 Jahren.
1995 fand ich längs des ganzen Kontinents Degenerierung vor, nicht nur die von Kulturen und Menschen, sondern auch die von Flora und Fauna, die den Boden, das Wasser und die Luft mit uns teilen. Entlang der Great Plains in den Vereinigten Staaten, der Gebirge und Landwirtschaftsgebiete in Mexiko und Mittelamerika wächst das Umweltbewusstsein, aber die Anzeichen für Schutz und Wiederherstellung scheinen auf kleine lokale Nester beschränkt, wo Menschen sich ihrer Umwelt bewusst und genügend wohlhabend sind, so dass eine unumkehrbare Ausbeutung von Ressourcen nicht erforderlich ist, um die Kinder zu ernähren.
In meinem Heimatstaat South Dakota und überall in der relativ reichen USA gibt es weniger hungrige Kinder als in Lateinamerika, doch die Löhne der Arbeiter sinken fortwährend bezogen auf die Lebenskosten, während die Reichen unvorstellbaren Reichtum ansammeln. Die Zusammenlegung von Bauernhöfen zu riesigen Farmfabriken schreitet weiter voran. Traurigerweise haben sich bei meinen kürzlichen Reisen eher voranschreitende Umweltzerstörung als Bewahrung und Wiederherstellung offenbart.
Die Amtsführung durch Präsident George W. Bush, der 2000 durch das Oberste Gericht der USA ernannt und von einem Viertel der Wahlberechtigten im Jahre 2004 gewählt wurde, bedeutet einen Angriff auf die Nachhaltigkeit an jeder Front, da kurzfristige Profite und Machtgewinne bevorzugt werden. Umweltreglements, die für die Nachhaltigkeit notwendig sind, wurden abgewandelt oder ignoriert. Wir verbrennen fossile Energien in eskalierendem Maße, während der Präsident uns weismacht, die globale Erwärmung sei ein Mythos. Bush gewährt Öl- und Kohleunternehmen Steuervorteile, anstatt die überreichlich vorhandene Wind- und Solarkraft nutzbar zu machen.
Noch alarmierender ist, dass die Bush-Regierung sich auf einen Erstschlagskrieg eingelassen hat, der den globalen Frieden bedroht, und gleichzeitig staatsbürgerliche Freiheiten sowie internationale Verträge und Rechte mit Füßen tritt. Die USA haben mehr Menschen eingekerkert und hingerichtet als jede andere moderne Industrienation, wobei durch die Einkerkerung tausender Menschen im Ausland ohne offizielle Anklage die Verfassung der USA sowie internationales Recht und menschlicher Anstand ignoriert werden. Wir geben mehr Geld für Krieg und Kriegsvorbereitungen aus als die anderen führenden Staaten der Welt zusammen. Wir leihen im Jahr 400 Milliarden Dollar zur Finanzierung des Krieges und der Steuervorteile für die Reichen. Bush und seine Handlanger stellen die pure Gegenthese zur Nachhaltigkeit dar.
Doch – wie schon 1995 – ist nicht alles düster. Beim Nachspüren von 2.000 Kilometern des Pan American Highways im Jahr 2006 fanden Norma und ich begründete Hoffnung: In jedem Staat und jeder Region fanden wir Menschen in verschiedenen Lebenslagen, die emsig für eine nachhaltige Zukunft arbeiten, auch im Angesicht überwältigender Ungleichheit.
2006 finden wir noch immer eine blühende Kunst und Musikalität vor, nicht nur in Mexiko, sondern längs des gesamten Kontinents. Wenn Konzerne Wälder roden, pflanzen die Menschen Bäume. Wenn Berghänge auswaschen und Flüsse verschmutzen, bauen die Menschen mehrjähriges Pflanzgut an und kämpfen für saubere Luft und sauberes Wasser.
Hoffnung finde ich ebenfalls angesichts der Wahl populistischer und linksgerichteter Regierungen in einem halben Dutzend lateinamerikanischer Länder in den letzten Jahren. Vielleicht rollt diese Welle der Gerechtigkeit auch nordwärts, vielleicht bis zum Kern der Abscheulichkeit – meinem Heimatland, das im Moment von einem skrupellosen und inkompetenten Regime beherrscht wird, das die Sicherheit und Nachhaltigkeit auf der ganzen Welt bedroht.
Es ist unmöglich zu behaupten, dass sich seit meiner Reise von 1995 die Aussichten für eine nachhaltige Zukunft verbessert haben. Aber es waren die einfachen Leute, die vielen Einzelnen, mit denen ich sprach, eine Mahlzeit einnahm oder eine Nacht verbrachte, auf die ich meine Hoffnung damals setzte, und gerade auf diesen Menschen ruht die Hoffnung weiterhin. Männer mit Hungerlöhnen haben den Pan American Highway in einen besseren Zustand seit 1995 versetzt, und Arbeiter kämpfen immer noch heroisch darum, Tortillas und Bohnen für ihre Kinder auf den Tisch zu bringen, ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen und ihre Kultur am Leben zu halten.
Auf dem Boden am Feuer der Weberin Maria im winzig kleinen Maya-Dorf Zinacantán in Chiapas hockend, aßen wir handgeklopfte Tortillas, hausgemachten Käse, Chili und Squash. Wir tranken posh, ein hiesiges Getränk, das aus Zuckerrohr und Mais vergärt wird. Wir beobachteten die 10 Frauen und Mädchen, die in Marias Haus leben, beim Weben von geschmackvollster Kleidung und Wandteppichen, die man sich nur vorstellen kann. Wenn es ihnen gelingt, heute einige dieser Meisterstücke zu verkaufen, können sie masa für die Tortillas von morgen und Milch für den Käse von morgen kaufen.
Ihre Gesichter zeigen trotz allem ein breites Lächeln. Es gibt ein Ziegeldach über ihren Köpfen. Sie haben einander und das seit Generationen von Großmüttern zu Müttern übermittelte Handwerksgeschick. Die jüngeren Frauen sprechen, wenn es für den Handel nötig ist, Spanisch, und ich lehrte die 19jährige Felipa ihr Warenangebot auf Englisch abzugeben, sollten einmal Nordamerikaner bei ihnen auftauchen. Ihr familiäres und kulturelles Leben ist jedoch verlässlich hinter ihrer Tzotil-Sprache verborgen. Sie fühlen die Kraft in der Zapatistenbewegung. Sie sind Frauen der Hoffnung
Ich teile ihre Hoffnung. Warum? Hoffnung ist alles, was wir haben. Hoffnung und die Taten, die die Hoffnung hervorbringt. Viele Mexikaner aus der Mittelschicht erzählten mir, dass die Zeit der Zapatisten gekommen und gegangen sei und zu wenig sich geändert hätte. Vielleicht haben sie Recht. Doch Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus der Mittelklasse und ein Werkzeug der Reichen und Mächtigen; es ist die Hoffnung in den Herzen der Benachteiligten, die Männer wie George Bush fürchten. Und Hoffnung, die sich im guten Miteinander und mit der natürlichen Welt ansiedelt, kann den Planen am Leben erhalten – wenn die Hoffnungsvollen Wege finden, die ihre Taten zur Nachhaltigkeit hinführen.
Aktivismus und Agitation für einen Wechsel zum Positiven sind nicht auf die Zapatistenfestungen in Chiapas oder anderen Städten Mexikos beschränkt. Sogar in der Great Plains der USA äußern Menschen ihre Empörung über die Korruptionen und Intrigen der Machthaber. In der kleinen Stadt Norfolk, Nebraska, am Pan American Highway fand zum Beispiel eine Woche nach einer Studentendemonstration gegen Bushs Irakkrieg auch ein gewaltiger Marsch gegen das vom US-Repräsentantenhaus beschlossene Anti-Immigrationsgesetzt statt.
Hoffnung und Aktivismus – die Schlüssel zur Nachhaltigkeit des Kontinents und der Erde – sind lebendig in Nordamerika. In den Augen der Zapatisten in Chiapas und den Studenten und Immigraten in Nebraska las ich weder Furcht noch Niederlage. Ich sah Leiden und Wut, aber auch Entschlossenheit und Zuversicht.


Jerry Wilson
San Agustinillo, Mexiko, März 2006

 

 

Danksagung


Viele Menschen haben – direkt oder indirekt – zur Vollendung dieses Werkes beigetragen; ich danke allen, die meine beharrliche Beschäftigung mit diesem Highway und dem Kontinent, den er durchzieht, geduldig ertragen haben. Meiner Frau Norma und unseren Kindern Walter und Laura danke ich für die Freiheit zum Reisen und für das Willkommen zu Hause.
Ich stehe in der Schuld all derjenigen, die alles oder Teile des Manuskripts gelesen haben oder hilfreiche Vorschläge gemacht haben und – nicht zu vergessen – mich vor Blamagen beschützt haben, indem sie Fehler, die mir entgangen waren, entdeckt haben. Diese Leser sind Norma Wilson, Bob Lewis, Art Huseboe, Sr. Eileen Neville, Bruce und Betsy Noll, Barbara und Bob Schmitz, Alice und Tom Gasque, Sr. Consuelo Chavez, Richard Stinshoff, Jean Dederman, Pat Keating, Nancy Scott, Frank Parman, Larry Griffin, Karen Cardenas, Phil Smith, Charles Hall, Bernie Hunhoff, Mary Johnson, Roger Holtzmann und Kim Johnson. Für dennoch auftretende Fehler muss ich selbst einstehen, und ich bedaure sie schon im Voraus.
Am meisten möchte ich den vielen Menschen danken, die mit mir ihre Zeit, eine Tasse Kaffee oder ein Bier, eine Mahlzeit oder eine Unterkunft teilten – Menschen zwischen Kanada und Panama, die mir ihre Einblicke und Visionen, Ängste und Träume, ihr Wissen und ihre Hoffnung offenbarten. Ohne diese Menschen, von denen viele in diesem Buch erscheinen, gäbe es gar kein Buch, zumindest nicht dieses Buch. Die Menschen, die entlang des Pan American Highway leben und arbeiten und lieben und träumen, sind die Glieder einer Kette, die Kanada mit Panama – die Völker von Nordamerika – verbindet und das Leben auf unserem Kontinent erhält. Sie sind der Lebenssaft der Amerikanischen Arterie. Und ihnen widme ich dieses Buch.