Zorn, Gerda

Die Wiederkehr des Verdrängten. Autobiographische Erinnerungen

 

[= Autobiographien, Bd. 33], 2008, 484 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-89626-687-3, 34,80 EUR

 

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Gerda Zorn wird 1920 in Berlin geboren, erlebt wie viele andere ihrer Generation vier deutsche Systeme. Die Schulzeit verläuft in der Weimarer Zeit. 1934 beginnt ihr beruflicher Weg. Auf Empfehlung kann sie bei der Tobis Filmgesellschaft anfangen. Als sie sich weigert, dem BDM beizutreten, muß sie die Firma verlassen, kommt aber als Sekretärin im Reichsverband der Presse unter.

Das Kriegsende erlebt sie in Berlin bei der deutschen Propaganda-Nachrichtenagentur Transocean.

Nach Kriegsende findet sie Arbeit bei der Presse der russischen Allierten in Berlin, 1950 wird sie Redakteur im Amt für Information in Ost-Berlin.

Für einen Kinobesuch in West-Berlin bestraft man sie und schickt sie zur ‚Bewährung’ in eine Fabrik. Sie wehrt sich und erhält quasi ein Berufsverbot.

Als ein alter Freund aus der Bundesrepublik sie besucht und ihr einen Heiratsantrag macht, folgt sie ihm 1956 in die Bundesrepublik. Beide engagieren sich hier stark in der linken politischen Bewegung.

Gerda Zorn arbeitet unter anderem als freie Journalistin, ist ehrenamtlich in der VVN und dem Schriftstellerverband tätig, engagiert sich in der Friedensbewegung und leistet wichtige publizistische Beiträge zur kritischen Aufarbeitung der deutschen Vor- und Nachkriegsgeschichte.

Heute lebt sie in Hamburg.

Die erste Auflage Ihrer Autobiographie fand großes Interesse. Ihre Freunde drängten sie, ihre Lebensgeschichte fortzuschreiben. Nun ist es geschafft!! Gerda Zorn versteht das Buch zugleich als Dank und Erinnerung an all die Menschen, die sie auf ihrem kämpferischen Weg begleitet haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis



Vorwort 9

Erstes Buch
Wiederkehr des Verdrängten 13

Lebendige Geschichte 15
New York, New York (I) 16
Sonne, Mutti, Sonne 18
Liebe 1936 23
Alltag und Beruf 25
Jennys erste Arbeitsstelle 27
Afrika ruft 34
Die Elite 36
Ein jeder muss zum Arbeitsdienst und dann
zum Militär 39
Im Propaganda-Apparat 42
Verlobung in Salzburg 52
Abschied von Henry 57
Eule und Zingst 61
Briefe von Eule 67
Krieg. Gelobt sei, was hart macht 72
Feuersturm 79
Liebe oder Freundschaft 81
Schlammperiode Russland – Frühjahr 1943 84
Lebenszeichen 86
Die letzten Wochen 87
Roosevelt gestorben 91
Der Krieg aber ging weiter 93
Warten auf Frieden 96
Das letzte Aufgebot 100
Die Russen sind da 104
Der mit dem roten Stern 108
Die Nacht der Taschenlampen 114

Wer sich in Gefahr begibt 117
8. Mai 1945 118
Heimkehrer 121
Baja erwartet ein Baby 128
Das Abenteuer der Rückfahrt 129
»Tag am Tage sein besser und besser« 131
Das Leben ist traumhaft 136
Soldaten sind alle gleich 139
Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um 142
Mei’ Ruh’ ist hin 145
Post von Henry 146
Besuch bei Baja 148
Papa kehrt heim 154
Henry schreibt einen Heiratsantrag 158
Der Bumerang 161
Schicksal, nimm’ deinen Lauf 165
New York – New York (II) 166
Sie war kein »Pfeilchen-Baby« mehr 170
Neues Leben blüht aus den Ruinen 172


 

 

Schicksal, nimm deinen Lauf 174
»Wir haben nicht nur das Chaos, wir stehen
vor einem Beginn« 180
Jennys Abi-Klasse 184
Wenn man Geld hätte … 189
Die Erkennbarkeit der Welt 196
Gaudeamus igitur 201
Henrys Besuch in Leipzig 205
Conny 206
Deutsche an einen Tisch 209
Berufseinsatz in Berlin 210
Die Wurzeln des Faschismus müssen beseitigt
werden 215
Mein Haus bleibt rein 220
So etwas nannte man Sitzung? 227
Weltjugend-Festspiele 1951 232
Urlaub in Heringsdorf 236
Wie du mir … 240
Partei-Schulung 244
Deutsche an einen Tisch 246
»Hoffmanns Erzählungen« und die Folgen 249
Die Entlassung 254

Der Sturz 257
Von der Redakteurin zur Hilfswicklerin 258
Wettbewerb mit Perspektive 264
Prost Neujahr! 276
Deine Augen sind schuld! 282
Gärtner und Mimose 287
Bauer auf dem Schachbrett 294
Frettchen 297
Schwerin 301
Nichts wie weg 306
Die Entscheidung 312
Tumor 317
Bußtag 321
Das Amt ist aufgelöst 324
Die Partei hat immer recht 326
Arbeitslos 332

1953 337
Januar 1953 338
Ein Gespenst geht um 341
Sie war noch einmal davongekommen 345
Der Weg zu einem einigen Berlin 348
Sie dürfen nicht hingerichtet werden 350
Was doch jedes Kind begriff 351
Der rote Diktator ist tot – es lebe der rote
Diktator 353
Kulturpolitik – ein heißes Pflaster 356
Leb’ wohl, kleine Friedenstaube 358
Große Ereignisse werfen ihre Schatten 363
Wahlen zur Volkskammer 365
Weit ist der Weg zurück ins Heimatland 367
Sektorenleiter aller Hochschulgruppen des Kulturbundes 375
Für den Frieden der Welt steht die Menschheit
auf Wacht 378
Du und dein Kommunismus 382
Prerow 386
Wunder gibt es immer wieder 391
Kein Märchen 393
 

Zweites Buch 395
Weiter, weiter, immerzu 395

Berlin, Kassel 397
Tauwetter macht’s möglich 398
Hochzeit machen, das ist wunderschön 399
Herzlichen Glückwunsch zum freudigen
Ereignis 403
Kassel Station eins 406
Herr General gibt sich die Ehre 410
Treffen Jahrgang 1922 411
Fahrt nach Celle 413
Die Sache mit dem Findling 415
Lichtblick 417

Frankfurt, Hannover 419
Station Frankfurt 420
»In dem Bordell wo unser Haushalt war« 421
Hurra – sie hat es geschafft 424
Agnes Asche 426
Ingeborg Küster 428
August Baumgarte 430
Kalter Krieg in Niedersachsen 432
Hannover gegen Faschismus und Krieg 1920–1946 436
Gestern ging’s noch 438
Wir bringen Emmi Meier ins Gefängnis nach
Lüneburg 440
Haussuchung 442
Flammenzeichen 446
Nach Ostland geht unser Ritt 448
Weiter – weiter – immerzu 449
 

Hamburg 451
Tante, kann ich dir tragen helfen 452
Gertrud Meyer 455
Lesungen, Vorträge, Einladungen 458
Zwischen Hamburg und Haiti 461
Wie wir zu unserem ersten Fernseher kamen 462
Nach Ostland geht unser Ritt 463
Leben mit Eule 467
Beisitzer im Ausschuss für Kriegsdienstverweigerung 468
Vorsitzende im VS Hamburg 470
Fernseh-Auftritt 471
Unser Fernseh-Auftritt in Paris 473
Enteignet Springer 474
Oradour sur Glane 476
France Bloch-Serazin 478

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort

 

Nach meiner Übersiedlung in die BRD 1956 habe ich manches, was mich aus der DDR forttrieb, neu gesehen. Aufgewachsen mit der inneren Ablehnung der braunen Diktatur, erlebte ich die Befreiung 1945 als Chance, mich endlich für etwas einsetzen zu können. Sozialismus hieß für mich: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus! Ich fühlte mich eins mit der Jugend der Welt, die 1951 zu den Weltfestspielen in die DDR kam. Gemeinsam sangen wir: »Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit Du in der Welt Dich nicht irrst.«
Bis heute können viele nicht begreifen, ob, wie und warum sie einem Irrtum erlagen.
Natürlich trug immer die andere Seite Schuld, wenn etwas schief ging. Für die nazistische Jugend waren nicht Hitler und seine Mannen dafür verantwortlich, dass Deutschland den Krieg verlor. Für den Großteil der Bevölkerung, der unter jeder Führung sich irgendwie arrangierte, war – und ist es bis heute – selbstverständlich, dass man das tat, was von oben befohlen wurde. Soldaten halten bis heute an dem Irrtum fest, für das Vaterland zu kämpfen.
In der östlichen »Neuen Welt« wuchsen Generationen im Glauben auf, der Sozialismus löse alle Probleme. Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen, hieß es im Ostblock und besonders in der DDR. In dem Irrtum, selbst entscheiden zu können, wo sie Freiheit finden und wofür es sich lohnt, zu kämpfen, trennten sich Menschen und ganze Völker. Die Mehrheit blieb und trottete wieder mit. Hier Ost, dort West, hier Sozialismus, dort Kapitalismus.
Die Schuldfrage stellte sich vor allem für die Politiker und ihre Claqueure, sprich Meinungsmacher in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Für sie waren immer die anderen schuld. So wie Mann es am Biertisch diskutierte (Frauen hielten sich meist zurück), wurde es an den eckigen oder runden Tischen der Diplomaten und auf Pressekonferenzen verlautbart. Für uns waren es die USA und die Amis, der Kalte Krieg, Adenauer und die Bonner. Kritik und »Selbstkritik« im eigenen Lager gab es nur von oben nach unten. Was und wie sich unter diesen Bedingungen eine neue Diktatur entwickelte, können viele bis heute nicht begreifen. (Parteisoldaten halten weiter an dem Irrtum fest, für Sozialismus-Kommunismus gekämpft zu haben.) Wie viele daran zerbrachen und warum eine für die sozialistische Weltmacht begeisterte Jugend schließlich abhaute, versuchte ich an persönlichen Schicksalen zu verdeutlichen.
Ob es mir gelungen ist, können nur die Leserin und der Leser beurteilen. Ich fürchte, viele, die mich als Journalistin und Autorin des Widerstandes gegen die braune Diktatur kennen, werden enttäuscht sein, es vielleicht sogar als Verrat ansehen, dass ich ausspreche, was viele von ihnen seit Jahren und weiterhin versuchen, unter den roten Teppich zu kehren. Sie mögen bitte verstehen, dass ich mit meiner autobiographischen Erzählung neuer Schönfärberei, neuen Schuldzuweisungen, neuen Verfolgungen und Lügen vorbeugen möchte.
Der Kampf gegen das Böse ist nicht zu Ende – er kann nur siegreich beendet werden, wenn alle politisch aktiven und interessierten Menschen unseres Landes der Wahrheit ins Auge schauen, sich nicht mehr verführen und verdummen lassen.
Von welcher Seite auch immer.

Gerda Zorn
Hamburg, im Februar 2008

 

 

 

 

Leseprobe

 

 

Sonne, Mutti, Sonne

Berlin N. Hinterhof. Gotlandstraße, die von der Bornholmer abzweigt. Jener Bornholmer, die später bekannt wurde als Grenze zwischen Ost-und West-Berlin. Einst führte sie über die schön geschwungene Eisenbahnbrücke. Dort, wo die S-Bahn ihren Bahnhof hatte. 28 Jahre lang war sie gesperrt – abgesperrt für alle, die keinen Passierschein hatten. Der Bahnhof verfiel. Die »Neubauten« bestanden aus Baracken, in denen Menschen aus West überprüft wurden, ob man sie hereinlässt. Rein in das, was als Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik in die Geschichte einging. Später durften Omas und Opas, die Bürger der DDR waren, auch über die Brücke nach West-Berlin. Natürlich nicht ohne vorher in eine Baracke zu gehen, in der sie von ihren Grenzpolizisten überprüft wurden, ob man sie herauslassen kann. Lange glaubte Jenny an die Notwendigkeit dieser Grenze.
Gotlandstraße, im letzten Haus am Ende der Straße wurde sie geboren. Ein Sonntagskind, das eigentlich ein Junge werden sollte. Hinter den Häusern begann eine Laubenkolonie. Dazwischen ein Stück Freiland. Eines Tages standen dort Zigeunerwagen. Jenny inzwischen sechs Jahre alt und sehr neugierig, wollte wissen, wie es darinnen aussieht. Ihre Neugier wurde geschürt durch das, was die Leute redeten. »Zigeuner klauen – auch deutsche Kinder! In einem Wagen wohnt der Zigeunerbaron. Geht da nicht hin.« Da sich keiner der Straßenkinder in die Nähe wagte, ging sie allein hin. Die Tür war offen. Sie sah Wandteppiche – so etwas kannte sie nicht. In ihrer Arme-Leute-Gegend gab es nur Fußabtreter. Die Einrichtung des Zigeunerbarons wurde in der Erinnerung immer schöner, glänzender reichhaltiger, komfortabler. So wollte sie leben. In einem Wohnwagen von Ort zu Ort ziehen, immer der Sonne nach.

»Sonne, Mutti, Sonne«, waren ihre ersten Worte als Kleinkind. Sie stand am Küchenfenster, die Händchen ausgestreckt, und zeigte auf die gegenüberliegende Seite des Hauses, da – Sonne Mutti. Nie kam ein Sonnenstrahl in ihre Wohnung. Küche und Stube lagen an der Nordseite. Die Außenwand war feucht. Die Stube wurde nur an hohen Festtagen beheizt. Kohlen waren teuer. Der Vater war arbeitslos. Mutter saß in der Küche an der Nähmaschine und nähte Mäntel in Heimarbeit für eine Firma. Neben dem Herd – auch er wurde mit Holz und Kohle befeuert – stand der Kohlenkasten. Hier saß Jenny, wenn sie Schularbeiten machte.
Der Vater versuchte durch Schwarzarbeit etwas dazu zu verdienen, die 28 Mark Arbeitslosenunterstützung reichten gerade für die Miete. Wie es ihnen trotzdem gelang zu sparen, um ein kleines Grundstück am Stadtrand in Pankow-Heinersdorf zu kaufen, ist Jenny noch heute ein Rätsel. Sie erinnert sich nur, dass sie, sobald es Frühling wurde, mit Sack und Pack hinauszogen. Vater hatte einen großen zweirädrigen Karren. Auf ihn wurden die Nähmaschine, die Betten, Stühle und etwas Geschirr geladen. Dann spannte sich Vater davor und zog den Wagen von der Bornholmer in die Schönhauser Allee über Pankow, Granitzstraße zur Laubenkolonie »Feuchter Winkel«.
Jeder Berliner war – wenn er nur konnte – ein Laubenpieper. Vater pflanzte Blumen und Obstbäume, während die Mutter nähte. Julius, dem die Kneipe nebenan gehörte, holte ihn öfter zum Bierausschank oder als Rausschmeißer. Mit seiner Größe von 1,85 Metern und den breiten Schultern war das für ihn kein Problem. Er brauchte keine Gewalt – er sah die Leute nur an und schob sie raus.
Jenny liebte ihren Vater. Für sie war er der schönste Mann.
Als die Nazis nach dem von Göring inszenierten Reichstagsbrand im Berliner Norden, in der Schönhauser Allee, der Bornholmer- und Gotlandstraße sozialdemokratische und kommunistische Genossen aus den Wohnungen holten, fürchtete er, sie kommen auch eines Tages zu ihm. Er machte die Laube winterfest, und sie zogen für immer nach Heinersdorf. Hanni fand es feige. Jenny hatte oft mit ihr auf dem Hof gespielt. Ihr Vater war bei der Kommune. Jennys Vater war Sozi. Gemeinsam gingen sie in die Weltliche Schule Sonnenburger Straße. Hier lernten vorwiegend Kinder aus Arbeiterfamilien, die mit Kirche und Religion nichts am Hut hatten. Jenny gehörte zur Kindergruppe der Roten Falken.
Hanni wollte so werden wie Rosa Luxemburg. Eine rote Frauenführerin, das war ihr Ziel. Sie war auch die einzige, die noch den Mut hatte, illegal an einer Jugendweihe teilzunehmen, die wir eigentlich alle gewollt hatten. Aber der braune Führer hat es nicht erlaubt. Er hat unseren Rektor und Lehrer Knief rausgeschmissen. Ein Reformer dessen Plan es war, uns in einer Aufbauklasse zur mittleren Reife weiterzuführen. Er wollte, dass Arbeiterkinder, die aus Geldmangel keine höhere Schule besuchen konnten, die Chance einer besseren Ausbildung bekamen. Damit war dann auch Schluss – wir mussten zum Religionsunterricht und wurden eingesegnet. Und das obwohl mein Vater viel auf die Pfaffen schimpfte, die in seinem Dorf immer auf der Seite der Gutsherren standen. Diese und ähnliche Geschichten erzählte sie später gern Freunden, die aus gut bürgerlichen Familien kamen. Sie provozierte die in ihren Augen bornierten Gymnasiasten mit ihrem Stolz auf ihre proletarische Abstammung. Dass sie damit immer beliebter wurde und Erfolg hatte, fand sie selbstverständlich und verstand nicht, warum andere Mädchen sich ihrer armen Eltern schämten.
Sie hörte die Geschichten ihres Vaters, wenn er aus seiner Jugend erzählte, wie andere Kinder die Märchen von Hänsel und Gretel.
»Iskrut, der Gutsbesitzer, bei dem ich als Kind schwer arbeiten musste, schickte den Pfarrer zu meinen Eltern, als ich heulend nach Haus gelaufen war, weil Iskrut mich geschlagen hatte. Der Pfarrer forderte, dass mein Vater mich sofort zu Iskrut zurückschickt, sonst würde er den Jungen nicht einsegnen! Vater antwortete: »Wenn sie ihn nicht einsegnen, Herr Pfarrer, dann schicke ich ihn zu der Katholischen, die werden ihn schon einsegnen.« Der Pfarrer wurde ganz klein mit Hut – er hatte Angst, sein Schäflein zu verlieren und redete dem Gutsherrn ins Gewissen. Papa war stolz auf seinen Vater und Jenny auf ihren.
Jenny liebte diesen Großvater, den sie nie kennengelernt hatte, schon allein wegen dieser Heldentat, die es unter den damaligen Umständen auf einem kleinen westpreußischen Dorf war. Umso größer war ihre Enttäuschung über die Eltern, die ihr nicht die illegale Jugendweihe erlaubten. Auch wenn es eine Teilung zwischen den Mädchen der Sozis und der KPD gab, gegen die Nazis hielten sie zusammen. Eigentlich wusste Jenny von den Kommunisten nichts anderes, als das Hanni, immer wenn es um Geld ging, dieses umrechnete in Schrippen. Sollten sie für einen Ausflug ein paar Pfennige mitbringen, dann sagte sie, das macht fünf Schrippen. Jennys Vater rechnete nicht in Schrippen, er legte Pfennig für Pfennig zurück und baute aus der Laube ein Haus in eigener Initiative. Allerdings musste er der Baubehörde eine Zeichnung von einem Architekten vorlegen. Die bestimmte, dass das Haus nur eine gewisse Höhe haben dürfe. Das bedeutete, dass der Dachboden, auf dem ein Zimmer für Jenny entstand, so niedrig war, dass sie mit ihrer Größe von 1,64 Metern nur in der Mitte stehen konnte. Ihre diversen Freunde und Verehrer, die es wagten – besser gesagt denen sie erlaubte, die Hühnerleiter zu ihr zu erklimmen, mussten fast auf Knien rutschen. Was ihr sehr recht war, denn so stellte sie sich die Liebe vor. Freunde unter 1,80 Metern Größe kamen für sie ohnehin nicht in Frage. Und schwarzhaarig mussten sie sein, mit braunen Rehaugen. Wie Henry! Als er ihr Geliebter wurde, durfte er in ihrer »Hütte« schlafen. Der Regen prasselte auf das Dach, sie war glücklich.
Die »Hühnerleiter« war eine geniale Idee ihres Vaters. Sie führte von dem vorderen Raum nach oben zur Bodenklappe. Henry war ihre erste Liebe. Sie schwärmte von dem »schwarzen Zigeuner«.
»Dein Gipsy« schrieb er unter seine poetischen Liebesbriefe.
Das war während des Krieges, als er an der Front war. Später übernachtete Baja, ihre Freundin, im »Heim zur bebenden Erde«. Sie hatten die »Skihütte« während der Bombennächte umgetauft, nach einem Text von Eule, der auch die Melodie dazu schrieb.
»Hufschlag dröhnt, es bebt die Erde, weiter, weiter immerzu rasen wir auf wilden Pferden, neuen Abenteuern zu.«
Sie sangen es in Erinnerung an Jennys Afrika-Clique, während am Himmel die Bomber nach Berlin rein flogen.
Doch das ist eine andere Geschichte.


Liebe 1936

Das Jahr der Olympiade. Berlin war Internationaler Treffpunkt. Wie viele hinter der glänzenden braunen Fassade als Gegner des Regimes verhaftet wurden, wussten sie nicht. Sie waren jung und verliebt. Auch als er ihr das Abzeichen mit der weißen Lilie zeigte, liebte sie ihn. Er trug das Abzeichen versteckt und flüsterte geheimnisvoll: »Verboten«! Sie flüsterte zurück, dass ihr Vater Sozialdemokrat sei und sie vor 1933 bei den »Falken« war, die auch verboten seien. Dann malte sie in den Sand drei Pfeile. »Die trug mein Vater bei den Reichsbannern!«
Vergessen war, dass sie die Bündischen mit der weißen Lilie als »bürgerlichen Verein« verachtet hatte. Jetzt war Jenny froh, einen zu treffen, der auch »verboten« war. Sie machten sich wichtig voreinander. Beide fanden es interessant, anders zu sein als die breite Masse – die sie nun gemeinsam verachteten. Sie lebten vom Anderssein. Wie, warum, woher war gar nicht mehr so wichtig. Hauptsache anders. Es stärkte ihr Selbstbewusstsein. Jenny machte schon immer aus ihrer Not eine Tugend. Die meisten Bündischen waren Oberschüler. Jenny und ihre Falken übertrumpften sie, indem sie betonten: »Wir« sind keine »Spießer«. So züchtete jeder seinen Standesdünkel. Jetzt lernte sie einen kennen, der ein »Bündischer« war und trotzdem kein Spießer. Ein »Bündischer« der zum Verbündeten wurde.
Sie hatte sofort das Bedürfnis, ihm alles von sich zu erzählen. Endlich einer, vor dem sie keine Geheimnisse haben musste. Sie erzählte von ihrer Schule: »Wir hatten zwei politische Gruppen in der Klasse – die Falken bildeten eine Clique, die Kommunisten die andere. Etwas zu missachten, ohne es zu kennen, war in jeder Clique üblich, wie bei unseren Eltern und ihren Parteien. Bis die Nazis uns alle verboten und gleichschalteten. In unserer Schule fing es damit an, dass unser sozialdemokratischer Rektor und Klassenlehrer Knief der Gewalt weichen musste. Nie werde ich vergessen, wie er zum letzten Male vor uns stand. Klein, die gebeugten Schultern noch hängender als sonst. Die guten grauen Augen auf uns gerichtet, so als ob er sich das Gesicht jeder seiner Schülerinnen noch einprägen müsse. Seine feinen schmalen Hände umklammerten den Stuhl, als wenn er sich festhalten wollte. Wir sahen ihn fassungslos an. Wir konnten und wollten nicht begreifen, was er gesagt hatte: »Ich möchte mich von euch verabschieden. Ich verlasse den Schuldienst und wünsche euch für Euer weiteres Leben alles Gute.« Jenny schluckte noch in der Erinnerung, bevor sie weitersprach.
»Wir wollten fragen. Zögernd hoben sich unsere Finger. Da wurde die Tür zu unserem Klassenzimmer aufgerissen. Ein Mann stampfte herein. Hohe Stiefel, Reithosen, krumme Beine. Vom Rockaufschlag seines Jacketts sprang uns das Hakenkreuz entgegen. Laut knallten die Hacken: »Heil Hitler!« Zum ersten Male hörten wir diesen Gruß in unserer Schule. Hasserfüllt sahen wir ihn an. Er merkte es. Siegessicher wandte er sich an Knief: »Nun Herr Kollege, haben Sie sich von Ihrer Klasse verabschiedet? Dann darf ich Sie bitten, mich vorzustellen!« Es klang wie Hohn. Mit abgehackter Stimme sprach er uns an: »Von heute ab bin ich Euer Klassenlehrer. Wie Ihr wisst, hat das deutsche Volk unseren Führer am 30. Januar zum Kanzler gewählt. Er hat damit ein schweres Amt übernommen. Aber wir werden es schaffen! Deutschland wird wieder groß und mächtig sein! Und Ihr, Deutschlands Jugend, werdet dem Führer helfen. Eine herrliche Zukunft liegt vor euch«. Er machte eine Pause. Berauscht von seinem eigenen Wortgeklingel. Uns konnte er damit nicht imponieren. Dieses Hakenkreuz! Es hatte in unserer Schule nichts zusuchen. Wir wollten unseren drei Pfeilen treu bleiben – wie die anderen ihrem Hammer mit Sichel. Wenn wir auch nichts mehr davon zeigen durften. »Tja, Herr Kollege, dann darf ich Sie wohl bitten – ich möchte mit dem Unterricht beginnen.« Breitbeinig stand er da, die Hände in die Hüften gestützt, während Knief sich noch immer am Stuhl festhielt. Wir empfanden es als glatten Rausschmiss. Warum ließ er sich das bieten? Wir wollten ihm doch beistehen, wir fühlten uns doch mit unserem alten Knief verbunden. Aber er schlich hinaus und überließ uns, seine Klasse, diesem Nazi. Ich hatte eine wahnsinnige Wut. Mir kam es vor wie Verrat, dass er so von uns ging. Einige wischten sich verstohlen die Augen.
»Na, Ihr scheint nicht sehr erfreut, einen neuen Lehrer zu bekommen? Haben euch wohl ganz schön verhetzt in dieser weltlichen Schule?« Er spuckte das Wort verächtlich aus und schnarrte im militärischen Tonfall: »Das wird jetzt alles anders hier. Der Führer will eine starke, geistig und körperlich gesunde Jugend – keine Waschlappen, keine Duckmäuser. Wir treffen uns jetzt jeden Morgen zum Appell. Ich denke, dass wir euch auch noch hinbiegen werden. Ein neues Deutschland erwartet euch.«
»Wie du das erzählst«, meinte ihr neuer Freund. »Mir kommen fast die Tränen. Drei-Pfeilchen-Baby.« Er lachte über seine Erfindung. Ihr war es aber verdammt ernst. Sie hasste die Nazis und ihre Ohnmacht. Sie hätte gern etwas gegen dieses System unternommen. Aber von ihr verlangte niemand eine Tat. Im Gegenteil. Zu Hause hatten sie ständig Angst, sie könnte etwas sagen, was alle hinter Gitter brächte. »So schnell sperren die auch nicht ein«, meinte Henry. Er ließ sich Henry rufen, das war seine Art Widerstand gegen die Nazis. Ein englischer Name und Swingmusik. »Für die ist die Hauptsache, dass sie die Macht haben.«
Jenny fragte ihn, warum sie uns und unsere Organisationen dann wohl verboten hätten. »Na, damit wir diese Macht nicht gefährden«, lachte er. Er kam sich wohl ungeheuer klug vor. Seine ganze Art reizte sie zum Widerspruch. Er war eben doch nur ein »Bündischer« und kein Verbündeter. Sie war maßlos enttäuscht. »Ihr? Dass ich nicht lache. Romantiker mit der Unschuldslilie. Was ist denn aus euch geworden? Die meisten ordnen sich doch ein in die neue Stramm-Steh-Richtung. In die hirnlose Masse, zack-zack und steh. Stramm-Steh-Männchen!«
Sie musste sich rächen für das Drei-Pfeilchen-Baby. Er war begeistert über ihren Temperamentsausbruch. »Kleiner roter Falke, nimm nicht alles so tragisch. Wo mache ich zack-zack und steh? Doch höchstens bei Dir«, lachte er. Dann küsste er sie, und sie war froh einen zu haben, mit dem sie reden konnte.

 

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